Vanitas-Prosa. Wiederkehr als Form: Hohlraum, Abguss und Schrift bei Claro

Der Erzähler hat seinen Vater nicht begraben und weiß nicht, welchen Vater er hätte begraben sollen. Diese Lücke lässt sich nicht füllen, sie lässt sich nur umkreisen. Deshalb sucht er in der Geschichte nach Fällen, in denen ein Verlust eine Form hinterlassen hat. Die Toten von Pompeji sind vergangen, aber ihre Hohlräume in der Asche blieben, und Fiorelli füllte sie 1860 mit Gips. Das Kind von Sens wurde nie geboren und nie begraben, sondern versteinerte im Leib der Mutter. Imhotep will die Geliebte zurückholen und endet in Asche. Savonarola verbrennt die Dinge und verbrennt selbst. Claros Roman Sous d’autres formes nous reviendrons (Seuil 2022) kennt keine durchlaufende Handlung, sondern vier Kapitel, die wie Tafeln eines Stilllebens nebeneinanderstehen: der Florentiner Scheiterhaufen der Eitelkeiten von 1497, die Vanitas-Malerei und das Anatomietheater von Leiden, das versteinerte Kind der Colombe Chatri aus Sens samt Kalenderreform und den Gipsabgüssen von Pompeji, schließlich Karl Freunds Film La Momie von 1932. Durch diese Stationen führt ein Ich, das den eigenen Vater nicht begraben hat und deshalb schreibend eine verspätete Totenmesse hält. Der Aufsatz liest das Buch als Vanitas-Prosa, in der Anordnung an die Stelle der Fabel tritt und mehr als dreißig signierte Fremdstimmen in den Satz eingelassen sind. Figuren, Geschlechterordnung, gefaltete Zeit und ausgehöhlter Raum gruppieren sich um den Ausfall des Vaters. Das Schreiben erscheint im Verfahren „à creux perdu“ als Abguss einer Hohlform, die die Toten von Pompeji in der Asche hinterlassen hatten: Es zerstört die Form, in der die Erfahrung lag, und bewahrt ihre Kontur in Sprache. Daraus zieht das Buch vier Behauptungen. Die Toten kommen nicht zurück, es bleibt nur ihre Gestalt als Abguss, Zitat, Film oder Satz. Schreiben ist Abguss mit Verlust, weshalb das Buch sich vergeblich nennt und trotzdem weiterschreibt. Das „memento mori“ heißt hier nicht „denk daran, dass du sterben wirst“, sondern „vergiss nicht zu sterben“, und gefährlich ist die Unsterblichkeitsphantasie in Statuen, Büchern und Mythen. Die Liebe schließlich verliert mit dem Toten ihren Gegenstand und behält als Rest die „disparance“, die Spur des Verschwindenden. Die zentrale These lautet, dass der Titel zweimal beantwortet wird, als Versprechen der Filminschrift und als Widerruf des Erzählers, und dass beide gelten, weil „Formen“ die Gestalt der Person und die bleibende Kunstform meint. Der Vergleich vom Feuer der Menge auf der Piazza zur Träne im dunklen Zimmer macht die Verschiebung von der Vernichtung der Dinge zur Spur des Verschwundenen sichtbar.

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