Zwischen Gülle und Glamour: Natur als Zumutung bei Antoine Charbonneau-Demers

Antoine Charbonneau-Demers’ Roman „Nature Boy“ (Flammarion, 2026) entfaltet vor der Kulisse eines verseuchten Québecer Bauernmilieus eine vielschichtige Erzählung über Krankheit, soziale Determination und die Gewalt des Aufstiegsversprechens: Im Zentrum steht die Familie Torchaud, deren Mitglieder – allen voran Lyne und ihr Neffe Karl – zwischen ökologischer Kontamination, körperlichem Verfall und imaginären Fluchten in ein vermeintlich besseres Leben zerrieben werden. Die Handlung verfolgt zunächst Lynes von Krankheit und Aufstiegsfantasien geprägte Jugend und verschiebt sich später auf Karl, der den Spuren seiner Tante in die USA folgt und dort – nicht zuletzt in der Begegnung mit einer grotesk überzeichneten Thoreau-Figur – in ein ebenso gewaltsames wie illusionäres Natur- und Freiheitsversprechen gerät. Beide Erzählstränge kulminieren in einem Koma, in dem sich scheiternde Lebensentwürfe in eine letzte, halluzinatorische Triumphfantasie verwandeln. Der Roman verschränkt dabei Sozialsatire, Body Horror, magischen Realismus und Bildungsroman zu einer radikalen Ästhetik des Abjekten, in der Natur nicht als Ort der Regeneration, sondern als Zone von Ekel, Infektion und Ausbeutung erscheint. Die Rezension argumentiert, dass „Nature Boy“ diese Poetik nutzt, um die Konstruktion von Schönheit, Authentizität und Freiheit als Privilegien der Wohlhabenden zu entlarven, während die Unterprivilegierten im „Schmutz der Realität“ gefangen bleiben. In der Analyse von Erzählstruktur, Raum- und Zeitregimen sowie zentralen Motiven wie Kontamination, Flucht und Aneignung zeigt sich der Roman als schonungslose Diagnose sozialer Verhältnisse, deren einziger Ausweg im paradoxen Triumph des Komas liegt – einer letzten, halluzinatorischen Form von Freiheit.

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