Fleisch als Programm: Männlichkeiten zwischen Zucht und Jagd bei Guillaume Nail
In Guillaume Nails Roman „Les Carnivores“ (Denoël, 2026) zerfällt eine von Pandemien erschütterte nahe Zukunft in eine sterile, gegen jede Berührung mit dem Lebendigen abgeriegelte Stadt und in verwilderte Sperrzonen, durch die zwei Männer auf entgegengesetzten Wegen ziehen: Augustin, der als Kind seine Eltern und seine Tiere verliert und als Erwachsener aus dem hygienischen Staatsapparat flieht, um einen geliebten Mann wiederzufinden, und Vadim, der aus digitalem Frauenhass und Verschwörungsglauben heraus eine Farm-Sekte gründet, in der Fleisch, Zucht und Männlichkeit zu einem einzigen, tödlichen Programm verschmelzen. Als beide Wege sich kreuzen, wird aus der vermeintlichen Zuflucht ein Schlachthaus, dessen Opfer der Text erst am Ende, im wörtlichen Rückgriff auf seine eigenen Anfangsseiten, offenlegt. Der hier angekündigte Aufsatz liest diesen Roman als Studie konkurrierender Männlichkeiten und verfolgt die These, dass die Sekte, die sich als Gegenentwurf zum biopolitischen Staat inszeniert, dessen Logik von Reinheit, Nummerierung und Verwertung der Körper nicht überwindet, sondern nur in ein anderes Vokabular übersetzt. Dafür verbindet die Analyse erzähltechnische Beobachtungen zur wechselnden, personalen Fokalisierung mit einer Untersuchung der Raum- und Zeitstruktur, der Kommunikationsformen sowie der autopoetologischen und intertextuellen Bezüge des Romans, um an konkreten Textstellen zu zeigen, wie sich ökologische Rhetorik in Herrschaftssprache verwandeln lässt, sobald ein Mann sie zum Programm seiner eigenen Identität macht.
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