Neugallien als Denkfigur: Ideologie und Männlichkeit bei Caroline Bouffault
Caroline Bouffaults Roman „Les Désarmantes“ (2026) entwirft die Nouvelle-Gallia, ein aus einem eurasischen Krieg hervorgegangenes Gemeinwesen, in dem eine pazifistische Frauenregierung die Armee abgeschafft und die männliche Bevölkerung in sogenannten Néo-Villages untergebracht hat; vor diesem Hintergrund verfolgt der Roman die kanadische Journalistin Alba Larochette, die für ein geplantes Buch mit Präsidentin Imogène K. und Vizepräsidentin Maisie Pressolles spricht, sowie Charlie, Imogènes Tochter, deren heimliche und regelwidrige Schwangerschaft mit dem resozialisierten Gaël das Regime aus einer intimen Perspektive zeigt. Der vorliegende Aufsatz nähert sich diesem Gedankenexperiment mit sechs ineinandergreifenden Zugängen: Er prüft zunächst einen feministischen Interpretationszugang, ob die Umkehrung der Geschlechterordnung Befreiung oder Fortschreibung von Herrschaft bedeutet, verfolgt ideologiekritisch die Rechtfertigungssprache der Macht, seziert diskursanalytisch Formulare und Euphemismen, untersucht narratologisch den Wechsel der Erzählperspektiven, verortet den Roman intertextuell in einer Reihe verwandter Machtumkehrungsfiktionen und fragt zuletzt kritisch nach der Konstruktion von Männlichkeit selbst. Eingeleitet wird die Analyse durch die zugespitzte These der Verlagsankündigung, wonach die kriegerischen Gefahren der Gegenwart überwiegend männlich verursacht seien; der Aufsatz nimmt diese Provokation ernst, ohne sie unwidersprochen zu übernehmen, und zeigt, dass der Roman selbst, in seiner erzählerischen Zurückhaltung gegenüber männlichen Figuren, eine vergleichbare Ambivalenz auslebt: Er diagnostiziert die Beschädigung von Männlichkeit präzise, verweigert sich aber jedem Bild ihrer Überwindung.
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