Künstlerroman im Zeitraffer: Die Poetik der Scham bei Esther Teillard
Esther Teillards Roman „Fuck Circus“ (Grasset, 2026) erzählt eine Nacht: Eine namenlose junge Frau wird in einer südfranzösischen Hafenstadt von ihrem Geliebten verlassen, zieht durch die Stadt, erinnert sich an ihre Kindheit, an ihre erste Liebe Alma und an die schweigsame Mutter und landet in einer Konzept-Bar. Dort entwirft sie im Gespräch mit einem Produzenten, einem Politiker, einer Aktivistin und einem Mann, der sich für einen Nachfahren Chateaubriands hält, mehrere eigene Romane, bis dieser Mann mit einem Jagdgewehr zurückkehrt und Literatur als Lösegeld verlangt. Der Aufsatz liest das Buch als Künstlerroman im Zeitraffer. Seine These lautet, dass der reale Roman die Verfahren seiner fiktiven Bücher selbst anwendet, nämlich kalte Beschreibung, seltene Wörter, politische Undurchsichtigkeit und vor allem die Bindung des Lesers durch Scham, und diese Poetik dann an einer Lage prüft, in der Bücher niemanden mehr beschützen. Gezeigt wird das an Zeit, Raum, Stimme, Figuren und Geschlechterordnung, an der Gegenüberstellung von Anfang und Schluss und an einem Ort, der als Utopie erscheint: der Bibliothek als einzigem gemeinsamen Raum.
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