Hundert Jahre „Esprit und Geist“ (1927) von Eduard Wechßler: eine kritische Lektüre

2027 jährt sich das Erscheinen von Eduard Wechßlers „Esprit und Geist. Versuch einer Wesenskunde des Deutschen und des Franzosen“ zum hundertsten Mal – Anlass genug, das 604 Seiten starke Werk, das 1927 mitten in der französischen Rheinlandbesetzung erschien, noch einmal genau zu lesen. Wechßler, damals Ordinarius für Romanistik in Berlin, stellt darin deutschen „Geist“ und französischen „Esprit“ in rund vierzig antithetischen Paaren gegenüber, gegliedert nach Dantes Jenseitsarchitektur in ein „Erstes Buch“ der zu überwindenden „Erdgeister“ (Inferno) und ein „Zweites Buch“ der „helfenden Geister“ (Purgatorio): Der Franzose fürchtet die Natur und sucht das Vergnügen der Gesellschaft, formt seinen Garten geometrisch und erweist in Voltaires Klage über das Erdbeben von Lissabon die Furcht vor der Natur; der Deutsche verehrt die Natur als Schöpfung und malt mit Caspar David Friedrich Berglandschaften, in denen der Mensch klein wird. Der Franzose hat horreur de l’infini, der Deutsche einen Drang ins Unendliche – wobei ausgerechnet die gotische Kathedrale, eine französische Erfindung, als Beleg deutscher Unendlichkeitssehnsucht herhalten muss, ein Widerspruch, den Wechßler nur auflöst, indem er den „schöpferischen Anteil“ an der Gotik kurzerhand dem Germanenblut zuschreibt. Genau an solchen Stellen wird die Methode selbst zum Problem: Aus Stadtgründung hier und Einzelhof dort liest Wechßler Geselligkeit gegen Sonderwillen heraus, aus der Unübersetzbarkeit von Wörtern weltanschauliche Differenz, aus einem eigenen Kapitel über vier „Rassen“ – mit unbelegten Prozentangaben nach Gobineau und Vacher de Lapouge – einen biologischen Unterbau für alles Übrige; wo ein Gegenbeispiel auftaucht, wird es auf fremdes Blut zurückgeführt oder als Ausnahme abgetan, sodass die These gegen jede Widerlegung immunisiert bleibt. Die Rezension zeichnet diese Verfahren im Einzelnen nach – von der Freiheitsidee Eckharts und Luthers, die gegen die französische Menschenrechtserklärung von 1789 ausgespielt wird, bis zum Frauendienst-Kapitel –, verortet das Buch im völkischen Nationalismus, der zeitgenössischen Rassenanthropologie und dem Revanchismus der Weimarer Republik, zeigt aber auch die Selbstwidersprüche: Wechßler rühmt Frankreichs Widerstand gegen kulturelle Nivellierung als Vorbild, zitiert André Gide zustimmend und mündet im Schlusswort in eine Versöhnungsgeste über das gemeinsame griechische Erbe – ohne den Rahmen ewiger Nationalwesen je zu verlassen. Susanne Dalstein-Paffs Dissertation von 2006 bestätigt diesen Befund von unabhängiger Seite: Sie weist nach, dass Victor Klemperer dem Buch „faschistische Methode“ bescheinigte, dass Benedetto Croce ihm vorwarf, politische Gegensätze in vermeintlich geistige zu verwandeln, und dass Wechßlers Vokabular 1940 direkt in NS-Propagandaschriften einfloss. Wer das Buch heute liest, sollte es also nicht als Auskunft über „die Franzosen“ und „die Deutschen“ lesen, sondern gegen sich selbst: als Archiv dafür, wie sich Gelehrsamkeit, Sprachgefühl und wissenschaftlicher Anspruch im Weimarer Deutschland in den Dienst einer Erzählung stellen ließen, die nationale Differenz nicht beschreibt, sondern herstellt – und gerade deshalb bleibt „Esprit und Geist“ hundert Jahre später ein Lehrstück, nicht über Nationalcharaktere, sondern über die Mechanik ihrer Erfindung.

➙ Zum Artikel
Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.