Der Autor des „grand remplacement“: Zu einer neuen Renaud Camus-Biographie

Eine Wortschöpfung mit globaler Reichweite für die politische Rechte

Ein Attentäter in Christchurch nennt sein Manifest „Der große Austausch“. Anhänger einer Kundgebung in Charlottesville skandieren „You will not replace us“. Ein amerikanischer Präsident wirft politischen Gegnern vor, die Bevölkerung des Landes gezielt auszutauschen. Ministerpräsidenten in Budapest und Präsidenten in Tunis greifen dieselbe Formel auf, ein französischer Präsidentschaftskandidat macht sie zum Zentrum seines Wahlkampfs, und ein deutscher Inlandsgeheimdienst führt den Begriff seit Jahren als eigenen Eintrag zu seinem Glossar zu Extremismus-Begriffen. Am Ursprung dieser Verbreitungskette steht ein einzelner Satz, den ein französischer Schriftsteller 2009 während einer Reise durch Skandinavien in sein Tagebuch schreibt. Genau hier liegt das Problem, das Gaspard Dhellemmes und Olivier Faye mit ihrer Biografie über Renaud Camus bearbeiten: Wie wird aus der privaten Notiz eines literarisch erfolglosen Autors ein Vokabular, das rechtsextreme Attentäter, Regierungschefs und Talkshow-Moderatoren gleichermaßen benutzen? Und was leistet eine chronologisch erzählte Lebensgeschichte, um diesen Vorgang begreifbar zu machen, ohne ihn zugleich zu verharmlosen oder zu personalisieren?

Die Autoren, beide Journalisten des Magazins „M“ von „Le Monde“, beantworten diese Frage nicht mit einer Ideologiegeschichte, sondern mit einer klassischen Biografie: Kindheit in Clermont-Ferrand, Ausbildung an Sciences Po, literarische Anfänge im Umkreis von Roland Barthes und Louis Aragon, das New York Andy Warhols, der Château-Kauf im Gers, der Skandal um antisemitische Tagebuchpassagen im Jahr 2000, die Prägung des Begriffs „Grand Remplacement“ 2009, die Bündnisse mit Front National, Reconquête und internationaler Neuer Rechter. Diese Form hat einen Preis: Sie droht, eine politische Theorie auf eine Charakterstudie zu reduzieren. Die vorliegende Rezension prüft, ob das Buch diesem Risiko entgeht, indem es die Begriffswelt der Rechten nicht nur erzählt, sondern erklärt – und wo genau die Erklärungskraft der Erzählung an ihre Grenzen stößt.

Gaspard Dhellemmes (Sciences Po Lyon, CFJ) kommt vom Journal du Dimanche über Vanity Fair zu M, dem Magazin von Le Monde, und hat sich dort auf literarisch erzählte Biografien schillernder Kulturfiguren spezialisiert, etwa über François-Marie Banier oder ein Verschwinden im Umfeld Jacques Lacans. Olivier Faye, ebenfalls Journalist bei Le Monde (politisches Ressort, zuständig für den Élysée-Palast), beobachtet seit über zehn Jahren die französische und internationale extreme Rechte und hat mit „La Conseillère“, einer Biografie der Politikberaterin Marie-France Garaud, bereits ein Porträt der Macht aus zweiter Reihe vorgelegt; mit Dhellemmes verbindet ihn zudem die frühere gemeinsame Arbeit an der Politikerinnen-Biografie „NKM, la femme du premier rang“. Für das Camus-Buch ergänzen sich beide Profile: Faye liefert die politische Netzwerkkenntnis der rechtsextremen Szene, Dhellemmes die erzählerische Erfahrung mit selbstinszenierenden, schwer fassbaren Einzelfiguren – eine Arbeitsteilung, die den engen, mehrjährigen persönlichen Zugang zu Camus in Plieux und dessen literarische Verarbeitung im Buch erklärt.

Von der Diagnose zur Rechtfertigung: wie eine Formel Ableger für Kultur, Politik und Gewalt hervorbringt

Zunächst: Wer eine umfassende deutsche kritische Studie zum „großen Austausch“ sucht, findet die Erlanger Dissertation von Nadja Kutscher, Das Narrativ vom „großen Austausch“: Rassismus, Sexismus und Antifeminismus im neurechten Untergangsmythos (2023), als Open Access frei zugänglich. In der Einleitung (S. 10 f.) schreibt Kutscher Renaud Camus die Urheberschaft des Begriffs ausdrücklich zu: Der „große Austausch“ sei eine Begrifflichkeit, „ursprünglich geprägt durch den französischen Schriftsteller Renaud Camus“, dessen 2011 erschienenes „Le Grand Remplacement“ – 2016 unter dem Titel „Revolte gegen den großen Austausch“ vom rechten Sezession-Autor Martin Lichtmesz ins Deutsche übersetzt – einen angeblich gezielten, rasch fortschreitenden Austausch der weißen Bevölkerung durch überproportional gewalttätige und gebärfreudige „Eroberer“ behaupte. Camus gilt der Autorin damit als sprachlicher Erfinder und Referenztext, nicht aber als treibende Kraft der Verbreitung: Diese ordnet sie ausdrücklich der „Identitären Bewegung“ zu, die den Begriff „maßgeblich propagiert“ habe. Sie zitiert dazu Martin Sellners Nachwort zur deutschen Übersetzung, wonach der „große Austausch“ genau jener übergreifende Sammelbegriff gewesen sei, der der Bewegung zuvor gefehlt habe, um Themen wie Masseneinwanderung, Islamisierung und „Demographiekollaps“ zu bündeln. Camus liefert in dieser Lesart also weniger eine neue Idee als eine Marke, die einer bereits vorhandenen Bewegung ein fehlendes Etikett verschafft. Im empirischen Hauptteil (S. 175) greift Kutscher Camus ein zweites Mal auf und nennt sein Buch dort explizit die „Vorlage des Narrativs“ – sie erklärt damit, warum in den von ihr untersuchten deutschsprachigen Texten die konstruierte Bedrohung fast ausschließlich an Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten festgemacht wird, während etwa als südostasiatisch gelesene Personen kaum vorkommen: Diese Engführung übernehme den Personenkreis, den bereits Camus als vermeintliche „Eroberer“ benannt habe. Zugleich relativiert Kutscher Camus‘ Beitrag durch die Anlage des gesamten ersten Kapitels „Geschichte des Volkstod-Diskurses“: Sie stellt dort ausdrücklich fest, der aktuelle Bezug auf einen „Bevölkerungswandel“ sei „nicht aus dem Nichts hervorgegangen“, sondern die „Mär vom ‚Volkstod'“ gehöre seit jeher zum Kernarsenal völkischer Untergangsszenarien. Als Belege für diese Kontinuität nennt sie Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes (1918–22), den amerikanischen Soziologen Edward Ross, der 1929 eine fast identische Verdrängungsthese über Geburtenraten formulierte, die deutsche Kampagne gegen die „Schwarze Schmach am Rhein“ nach dem Ersten Weltkrieg sowie die nationalsozialistische „Umvolkung“-Ideologie, deren Vokabular nach 1945 zunächst unter verharmlosenden Begriffen wie „Ethnomorphose“ fortlebte, ehe der Begriff „Umvolkung“ selbst Ende der 1980er Jahre in rechten Kreisen erneut auftauchte. Camus wird damit von Kutscher nicht als Erfinder der zugrunde liegenden rassistisch-sexistischen Erzählung eingeordnet, sondern als derjenige, der einer bereits jahrzehnte-, wenn nicht jahrhundertealten Kontinuität rechter Untergangsphantasien um das Jahr 2011 einen neuen, international anschlussfähigen Namen und ein aktuelles Referenztext-Format gegeben hat – zu einem Zeitpunkt, an dem die deutsche extreme Rechte, wie sie zeigt, ohnehin schon nach genau einem solchen bündelnden Begriff suchte. Sein „Anteil am Erfolg“ liegt in dieser Lesart also primär in Benennung, Systematisierung und Exportfähigkeit des Narrativs, nicht in dessen inhaltlicher Neuheit.

Renaud Camus hat in „Le Grand Remplacement, suivi de Discours d’Orange“, dem schmalen, im Eigenverlag 2012 veröffentlichte Band unter anderem die Rede „Le Grand Remplacement“ (Lunel, 26. November 2011) publiziert. Camus eröffnet die Lunel-Rede damit, dass er den Ort als Schauplatz seiner ursprünglichen „Erleuchtung“ bezeichnet – fünfzehn Jahre zuvor, während der Arbeit an seinem Buch über das Département Hérault: Er schildert hier, wie ihm in alten, ummauerten Dörfern rund um Lunel auffiel, dass an Türschwellen und Fenstern jahrhundertealter Häuser eine ihm fremd erscheinende Bevölkerung lebte, die ihm durch Kleidung, Haltung und Sprache nicht zum Ort zu gehören schien. Aus diesem einzelnen, subjektiven Eindruck verallgemeinert er sofort auf ganz Frankreich – Seine-Saint-Denis, Nord, Pas-de-Calais, Gehsteige, öffentliche Verkehrsmittel, die Pariser Metro, Schulen, Universitäten – als Orte, an denen jeder denselben „Bevölkerungswechsel“ beobachten könne. Den erwarteten Einwand, es handle sich schlicht um heutige Franzosen, weist er vorab mit dem Bild von Lichtenbergs Messer zurück: Wechselt man erst den Griff, dann die Klinge, bleibt es angeblich „dasselbe Messer“ – eine Metapher, die er nutzt, um zu behaupten, formale Staatsangehörigkeit verschleiere einen tatsächlichen Bevölkerungsaustausch. Diese Passage ist die Primärquelle für jene Gründungsanekdote, deren Variabilität die Camus-Biografie herausarbeitet: Der Ort, das Jahr und die genaue Beobachtung ändern sich freilich in Camus‘ späteren Erzählungen, und sein eigenes Buch über das Hérault erwähnt Lunel nicht namentlich. Die Passage zeigt exemplarisch das Grundmuster der gesamten Theorie: ein atmosphärischer, nicht quantifizierbarer Eindruck wird ohne demografische Daten zur zivilisatorischen Gesamtdiagnose erhoben, während der naheliegende statistische Einwand nicht mit Zahlen, sondern mit einer literarischen Metapher abgewehrt wird.

Camus behauptet, die Europäer würden auf ihrem eigenen Kontinent innerhalb weniger Generationen zu einer Minderheit gemacht, ohne Krieg und ohne Waffen, aber ebenso planmäßig wie eine Eroberung. Muslimische und afrikanische Einwanderung sei kein soziales Phänomen, sondern eine gesteuerte „Ersetzung“ eines Volkes durch ein anderes – vergleichbar, so seine eigene Formulierung, mit einer „zweiten Okkupation“, bei der Dschellabas die Uniformen der Wehrmacht und Minarette die Wachtürme der Lager abgelöst hätten. Verantwortlich dafür seien nicht anonyme Migrationsströme, sondern eine Allianz aus Wirtschaftseliten, Politikern, Medien und Universitäten, die an billigen Arbeitskräften und an neuen, ihnen dankbaren Wählern interessiert sei und die er in seinem Vokabular „Davocratie“ nennt. Statistiken über den tatsächlichen Anteil von Einwanderern lehnt Camus dabei ausdrücklich ab; entscheidend sei für ihn der unmittelbare Anblick veränderter Straßenbilder, den er als selbstevident behandelt. Das einheimische Volk selbst, so seine Zuspitzung, nehme diesen Vorgang gleichgültig hin, wie ein Tier, das sich zur Schlachtbank führen lässt – eine Formulierung, die die gesamte Theorie weniger als demografische Beobachtung denn als Anklage gegen die eigene, angeblich willenlose Bevölkerung lesbar macht.

Aus dieser Grundthese entwickelt Camus einen kulturellen Ableger, den er „décivilisation“ und „grande déculturation“ nennt: Der Bevölkerungsaustausch sei untrennbar mit einem Verlust an Sprache, Manieren und Bildung verbunden, sichtbar etwa am Verschwinden des Geschichtsunterrichts an Schulen oder am Verfall dessen, was er als „gutes Französisch“ versteht. Ergänzt wird dieser Begriff durch die Unterscheidung zwischen echten „Franciens“ und bloßen Passinhabern: Menschen mit mindestens einem eingewanderten Elternteil zählt Camus nicht zur eigentlichen Nation, selbst wenn sie formal Staatsbürger sind. Diese Begriffsfamilie wird im Buch als jene Ebene beschrieben, die am leichtesten in den bürgerlichen Mainstream diffundiert, weil sie sich als Klage über Sitten und Bildung tarnen lässt, ohne offen rassistisch zu klingen – bis hin zu Emmanuel Macron, der den Begriff „décivilisation“ in einer Kabinettssitzung verwendet, ohne die Urheberschaft öffentlich einzugestehen.

Ein zweiter Ableger übersetzt die Diagnose in eine politische Forderung: die „remigration“, die erzwungene Rückführung von Einwanderern in ihre Herkunftsländer. Den Begriff selbst hat Camus nicht erfunden – er stammt aus identitären Kreisen –, macht ihn aber ab seiner Kandidatur zu den Europawahlen 2019 zu einem zentralen Programmpunkt und trägt so wesentlich zu seiner Verbreitung bei. Anders als die eher kulturell-klagende „décivilisation“ ist die „remigration“ unmittelbar handlungsorientiert: Sie verwandelt eine angebliche Bedrohungsbeschreibung in eine konkrete staatliche Maßnahme und wird in dieser Funktion von Parteien wie dem Rassemblement National und international von verwandten Bewegungen als Wahlkampfforderung genutzt, meist in vorsichtigerer Sprache als „Rückführungsoffensive“ oder „Remigrationspolitik“, um den unmittelbaren Bezug zur Ursprungstheorie zu verschleiern.

Ein dritter, radikalerer Ableger verschärft die Diagnose zur Anklage eines Verbrechens: der „génocide par substitution“ beziehungsweise die „destruction des Européens d’Europe“. Hier verlässt Camus die noch halbwegs deskriptive Sprache des „Grand Remplacement“ und behauptet einen aktiven Vernichtungsvorgang, den er in seinen späteren Texten sogar in Relation zur Shoah setzt, die er dabei als vergleichsweise geringfügig herunterspielt. Diese zugespitzte Formel ist es, die sich in den Manifesten rechtsextremer Attentäter von Christchurch bis Buffalo wiederfindet: Wo „décivilisation“ noch als Kulturkritik und „remigration“ noch als politische Forderung auftreten kann, liefert der Genozid-Vergleich die sprachliche Grundlage für eine Selbstwahrnehmung als Verteidiger im existenziellen Kampf – und damit, wie das Buch zeigt, den entscheidenden Schritt von der Theorie zur Rechtfertigung von Gewalt.

Vom gekränkten Ehrgeiz zur politischen Doktrin: der rote Faden der Biografie

Literarisch lässt sich Camus‘ Werk in der Nachfolge des Nouveau Roman und der Zeitschrift „Tel Quel“ verorten: collagenhafte, stark intertextuelle Frühtexte wie „Passage“ oder „Échange“ ohne klassische Erzählstruktur, gefolgt von seinem eigentlichen Lebensprojekt, dem seit den achtziger Jahren jährlich veröffentlichten Tagebuch, das radikale Selbstoffenlegung – bis in sexuelle und körperliche Details – zum literarischen Programm erhebt. Die Rezeption blieb dabei durchgehend eng begrenzt: Die meisten seiner mehr als hundertsechzig Bücher verkauften sich in Auflagen von einigen Hundert bis wenigen Tausend Exemplaren, kommerzielle Achtungserfolge blieben aus, und selbst die Fürsprache von Roland Barthes und Louis Aragon – die ihm frühe Anerkennung und den Prix Fénéon verschafften – etablierte ihn nur als Autor für einen kleinen, elitären Kreis von Kennern, nie als breiter rezipierten Schriftsteller. Drei gescheiterte Kandidaturen für die Académie française und die zunehmend kühle bis ablehnende Kritik ab den neunziger Jahren markieren den Punkt, an dem literarischer Ehrgeiz endgültig unerfüllt bleibt; von da an verschiebt sich seine Bekanntheit von der Literatur zur politischen Kontroverse. Das Buch bringt diese Verschiebung im Epilog auf den Punkt: Besucher des künftigen Museumshauses Plieux würden sich vermutlich eher für „Le Grand Remplacement“ interessieren als für „Tricks“, „Passage“ oder das „Journal d’un voyage en France“ – ein Befund, der zeigt, dass Camus posthum wohl nicht als literarische, sondern als politische Figur fortleben wird.

Wer die 24 Kapitel des Buchs nicht einfach der Reihe nach zur Kenntnis nimmt, sondern nach einem durchgehenden Erklärungsmuster fragt, stößt auf eine Konstante, die lange vor jeder politischen Äußerung Camus‘ angelegt ist: das Bedürfnis nach Distinktion. Schon der junge Camus, der sich an Sciences Po einen erfundenen Adelsnamen zulegt, britische Umgangsformen kultiviert und eine gesellschaftliche Ordnung mit Adel oben, Bürgertum in der Mitte und Volk unten für naturgegeben hält, denkt in Rangfolgen. Diese Denkfigur bleibt über Jahrzehnte stabil; sie wandert lediglich von der sozialen auf die ethnische Ebene. Das „Grand Remplacement“ ist in dieser Lesart kein neues Weltbild, sondern die Fortsetzung eines alten Ordnungswunsches mit einem neuen Gegenstand.

Auf diese Konstante trifft ein zweites Element, das die Biografie in aller Ausführlichkeit dokumentiert: das andauernde Ausbleiben literarischer Anerkennung. Von den frühen, kaum verkauften Collagetexten über die verpasste Aufnahme in die Académie française bis zu den regelmäßigen Absagen der Kritik zieht sich ein Muster, das Camus selbst nie akzeptiert – er hält sich zeitlebens für einen großen Schriftsteller, dessen Umfeld diesen Anspruch nicht bestätigt. Entscheidend ist, wie das Buch diese beiden Linien verknüpft: Barthes und Aragon, später der Mäzen Jean Puyaubert und die Verleger Paul Otchakovsky-Laurens und Claude Durand, fungieren als Ersatz für ein Publikum, das ausbleibt. Jeder Bruch mit einem dieser Förderer – der Tod Puyauberts, die Zensurstreitigkeiten mit Otchakovsky-Laurens, die Kündigung durch Fayard – markiert im Buch zugleich den Verlust einer validierenden Instanz und den nächsten Schritt in eine radikalere Rhetorik.

Der eigentliche Kipppunkt liegt nach Darstellung des Buchs nicht in einer intellektuellen Überzeugungsarbeit, sondern in einer Verkettung konkreter Ereignisse Anfang der achtziger Jahre: eine als bedrohlich erlebte Verfolgungssituation in Clermont-Ferrand, die Camus in unveröffentlichten Notizen erstmals in offen feindseliger Sprache gegenüber Nordafrikanern verarbeitet, gefolgt vom Ende seiner Kolumne bei „Gai Pied“ wegen genau dieser Töne. Von da an beschreibt das Buch eine bewusste Strategie, die Camus selbst mit der Formel von den „verbrannten Schiffen“ benennt: Wenn literarisches Talent keine Aufmerksamkeit erzwingt, soll es der Tabubruch tun. Das unveröffentlichte Manuskript „L’ombre gagne“, ein offen antisemitischer Text, den Otchakovsky-Laurens mehrfach ablehnt, ist die deutlichste Belegstelle dieser Kalkulation – und zugleich der Beweis, dass die später öffentlich gewordene Ideologie bereits Jahre vor ihrer Publikation vollständig ausformuliert vorlag.

Der „Affaire Camus“ von 2000 kommt in dieser Erzählung eine Scharnierfunktion zu. Ausgangspunkt ist die Weigerung von Camus‘ langjährigem Verleger Paul Otchakovsky-Laurens (P.O.L.), das zunehmend antisemitische Manuskript „La Campagne de France“ zu veröffentlichen; sein Mitarbeiter Jean-Paul Hirsch warnt ihn brieflich unverblümt vor „Pensées mauvaises“, der Anwalt Roland Rappaport – zugleich Berater des MRAP und früherer Nebenklage-Vertreter im Barbie-Prozess der Kinder von Izieu – attestiert dem Text Volksverhetzungspotenzial. Camus wechselt daraufhin zu Claude Durand bei Fayard, der zuvor bereits mit „Une jeunesse française“ über Mitterrands Vichy-Vergangenheit einen Skandal verlegt hatte und das Manuskript Anfang 2000 unverändert druckt. Nach einem zunächst wohlwollenden „Libération“-Porträt, das die heiklen Passagen ausspart, kontaktiert der Journalist Marc Weitzmann – selbst Autor eines Buchs über die jüdische Familiengeschichte seines eigenen Bruders – Camus zu einem Treffen im Café Beaubourg; das Gespräch verläuft für Camus unglücklich. Am 18. April 2000 erscheint Weitzmanns Artikel in „Les Inrockuptibles“ und zitiert die Passage über die „jüdische Rasse“, die angeblich nicht an der „französischen Erfahrung“ teilhabe. Binnen zweier Tage eskaliert die Sache zur „Affaire Camus“: Kulturministerin Catherine Tasca nennt die Aussagen „zutiefst besorgniserregend“, Radio-France-Präsident Jean-Marie Cavada kündigt eine Klage an, France-Culture-Direktorin Laure Adler spricht von „Aufstachelung zu Rassenhass“, Bernard-Henri Lévy fordert im „Événement du jeudi“, „der Schweinerei ins Gesicht zu sehen“, während Jean Daniel im „Nouvel Obs“ ihn fortan nur noch „M. Renaud“ nennt, um den Namen Albert Camus nicht zu beschmutzen. Verleger Durand zieht das Buch aus Furcht vor einer gerichtlichen Verbotsverfügung zurück; sein Anwalt Henri Leclerc hält eine Verurteilung für unvermeidlich. Mitten hinein platzt eine seit langem geplante USA-Reise: Ein Yale-Kolloquium, das eigentlich Camus‘ Gesamtwerk feiern sollte, wird von der dortigen Französisch-Abteilung öffentlich verurteilt, in einen kleineren, polizeibewachten Saal verlegt und von kippa-tragenden Studierenden besetzt – drei Tage lang muss sich Camus rechtfertigen statt gefeiert zu werden, und spielt laut eigenem Tagebuch nachts sogar mit dem Gedanken, sich aus dem zehnten Stock zu stürzen. In „Le Monde“ folgt der Schlagabtausch zweier Petitionen: „Un livre a disparu“, unterzeichnet u. a. von Emmanuel Carrère, Frédéric Mitterrand und dem Centre-Pompidou-Präsidenten Jean-Jacques Aillagon, beklagt zurückhaltend nur den Buchrückzug als Zensurfall – gefolgt von der scharfen Gegenpetition „Déclaration des hôtes trop nombreux de la France de souche“, unterschrieben von Claude Lanzmann, Serge Klarsfeld und Jacques Derrida, die Camus‘ Ansichten offen „kriminell“ nennt. Die im Juli 2000 nachgereichte, mit Weißseiten zensierte Neuauflage verkauft am Ende ganze 3.200 Exemplare.

Kurzfristig verliert Camus also Verleger, unbeschädigten Text, öffentliches Ansehen und beinahe die Fassung. Der eigentliche Gewinn zeigt sich erst zwei Jahre später: Emmanuel Carrère veröffentlicht 2002, nach Absagen von „Libération“ und „Le Monde“, im „Figaro“ die Verteidigungstribüne „Tardivement“, die Camus vom Antisemitismus-Vorwurf freispricht und die Unterzeichner der Gegenpetition der Zitat-Fälschung bezichtigt. Parallel entdeckt Alain Finkielkraut – der Camus vor der Affäre kaum gelesen hatte – über dessen „Répertoire des délicatesses du français contemporain“ sein „intellektuelles Coup de foudre“, vergleicht ihn öffentlich mit dem zu Unrecht verfolgten Dreyfus und macht ihn zum Stammgast seiner France-Culture-Sendung „Répliques“, wo er ihn bald gemeinsam mit Carrère auftreten lässt. Aus einem zuvor kaum gelesenen Nischenautor wird so binnen zweier Jahre eine feste Figur des intellektuellen Diskurses mit einem eigenen Netzwerk aus Fürsprechern – exakt jener Resonanzraum, der 2009 bereitsteht, als Camus den Begriff „Grand Remplacement“ prägt.

Von hier aus liest sich der Weg zum „Grand Remplacement“ 2009 weniger als Neuanfang denn als Konsolidierung: Ein Begriff, der 2009 fast beiläufig in einem norwegischen Reisetagebuch entsteht, wird ab der Rede von Lunel 2010 systematisch zur Theorie ausgebaut, weil Camus zu diesem Zeitpunkt bereits über das Netzwerk verfügt – Finkielkraut, außerdem die „Fachosphère“, später Marine Le Pen, Éric Zemmour und die Berater Jordan Bardellas –, das eine einzelne Formel zu einem politischen Programm macht. Der letzte Satz des Buchs, wonach der Schöpfer eines Ungeheuers am Ende von diesem verschlungen wird, ist konsequent: Camus liefert die Sprache, verliert aber zunehmend die Kontrolle über ihre Verwendung.

Virilitätsfetisch trifft Rassifizierung

Die Biografie beschreibt Camus‘ Begehren von Jugend an als Fixierung auf Virilität im engeren Sinn: „De la virilité il chérit tous les fétiches. Les poils, en premier lieu“ – schon als Jugendlicher zeichnet er heimlich behaarte, muskulöse Männerkörper, bevorzugt zeitlebens „les bruns, les trapus, les râblés, les moustachus“ gegenüber androgynen „twinks“. Genau dieses Begehren richtet sich wiederholt auf rassifizierte Männer – ein „Noir au corps fantastique“ in New York, nordafrikanische und maghrebinische Liebhaber in Frankreich. Zugleich beschwert er sich in seinem Tagebuch über die Sexualität dieser Männer als „étriquée, machiste, expéditive, fruste“ und leitet daraus eine politische Bedrohungsdiagnose über die „civilisation musulmane“ ab. Hier zeigt sich die erste Vermischung: dieselbe hypervirile, „machistische“ Männlichkeit, die er erotisch begehrt, wird politisch zur Gefahr erklärt, sobald sie sich nicht seinen ästhetischen und sexuellen Bedingungen unterwirft.

Parallel dazu fasziniert Camus zeitlebens ein heroisch-heterosexuell codiertes Männlichkeitsideal, dem er sich selbst anzunähern versucht: Er stemmt nach eigenem Bekunden Hanteln „suivant les préceptes du manuel d’Arnold Schwarzenegger“, inszeniert sich in Plieux als „gentleman farmer“ mit Jagdhunden, lässt sich von einem Nachbarn scherzhaft mit „Richard Cœur-de-Lion“ vergleichen, und entwickelt ab 2017 eine explizit soldatische Selbstmythologie: Er ruft ein „Conseil national de la résistance européenne“ aus, beruft sich nicht nur auf de Gaulle (dessen Handschlag er als Jugendlicher fantasiert hatte), sondern auch auf Jean Moulin, Jeanne d’Arc und Gandhi, und erklärt, notfalls sei „la guerre, alors, cent fois“ hinzunehmen. Diese Ikonografie – Widerstandskämpfer, Krieger, „l’homme qui dit non“ – ist historisch und rhetorisch fast durchgehend heterosexuell-patriarchal codiert, während ihr Träger ein Mann ist, dessen literarisches Lebenswerk („Tricks“) gerade die ungenierte Feier anonymen Männer-Begehrens war.

Am deutlichsten wird die Vermischung im „Discours d’Orange“ selbst. Camus zitiert dort zustimmend den Satz eines nordafrikanischen Machthabers (sinngemäß Boumédiène/Gaddafi zugeschrieben): der „Bauch unserer Frauen“ werde dem eigenen Volk „den Sieg“ verschaffen – reproduktive Virilität als Eroberungswaffe. Junge Männer aus Einwandererfamilien beschreibt er systematisch als „soldats“, als „bras armé de la conquête“; die alltägliche Demütigung des „indigène“, der gezwungen werde, „den Blick zu senken“ und „vom Bürgersteig zu weichen“, deutet er ausdrücklich als Verlust nationaler und – implizit – männlicher Souveränität. Bemerkenswert ist dabei sein eigener Ausweg: Die reproduktive Konkurrenz selbst zu imitieren (etwa durch Geburtenförderung) nennt er „une bêtise“, eine Dummheit; stattdessen verlegt er den entscheidenden Kampf von den Körpern auf „la culture et la volonté politique“. Ein kinderloser schwuler Ästhet kann auf dem Feld der Gebärfähigkeit nicht mitkämpfen – er definiert das Schlachtfeld daher um, auf ein Terrain (Kultur, Sprache, Geschmack), auf dem er selbst als Anführer auftreten kann, während die kriegerisch-virile Rhetorik unangetastet bleibt.

Die Camus-Biografie liefert dazu noch einen historischen Anhaltspunkt, ohne ihn selbst als These auszuformulieren: Im Salon des Grafen Jacques de Ricaumont, den der junge Camus in den sechziger Jahren frequentiert, verbindet sich reaktionärer, aristokratischer Katholizismus explizit mit diskreter Homosexualität und der Referenz auf „l’amour grec“ – und genau in diesem Milieu verkehrt auch Arno Breker, Hitlers Bildhauer, bekannt für seine hypermuskulösen, heroischen Männeraktstatuen, sowie Ernst Jünger, Theoretiker der virilen „konservativen Revolution“. Das legt nahe, dass Camus keine originelle Neuerfindung vollzieht, sondern eine ältere, dokumentierte Tradition homoerotisch grundierter, zugleich hypermaskulin-autoritärer Rechtsästhetik fortschreibt, in der männliche Schönheit, Härte und Kriegertum verherrlicht werden, ohne dass dies als Widerspruch zur eigenen Homosexualität empfunden würde – im Gegenteil, das Begehren nach virilen Männerkörpern und die Bewunderung heroisch-soldatischer Männlichkeit erscheinen hier als zwei Seiten derselben ästhetischen Obsession.

Was überrascht: Kontinuität statt Bekehrung, Komplizenschaft statt Isolation

Zwei Beobachtungen der Biographie widersprechen dem naheliegenden Erwartungsmuster einer Konversionserzählung. Erstens gibt es keinen Bruch, keinen datierbaren Moment der „Bekehrung“ vom linken Ästheten zum rechten Ideologen. Die rassistischen Formulierungen der neunziger Jahre stehen in denselben Tagebüchern wie die Verteidigung offener Homosexualität, die antisemitischen Passagen entstehen parallel zu Camus‘ Rolle als Fernsehgast in Sendungen über schwule Emanzipation. Das Buch macht diese Gleichzeitigkeit nicht zum Paradox, sondern zur Normalität einer Biografie, in der Distinktionsbedürfnis, Statusangst und Ressentiment von Anfang an nebeneinander bestehen.

Zweitens überrascht das Ausmaß institutioneller Nähe, mit der die spätere Karriere flankiert wird. Camus erhält staatliche Fördermittel für die Sanierung seines Château, einen Sitz in der Villa Medici, Unterstützung durch das Kulturministerium, eine Kandidatur für die Légion d’honneur – zu Zeitpunkten, an denen die rassistischen und antisemitischen Formulierungen in seinen noch unveröffentlichten Tagebüchern bereits existieren und Personen aus seinem Umfeld sie kennen. Das Buch erzählt damit nicht die Geschichte eines Außenseiters, der sich in die Isolation eines Château zurückzieht, sondern die Geschichte eines Mannes, der über Jahrzehnte hinweg in kulturellen und politischen Netzwerken verankert bleibt, während sich sein Denken radikalisiert. Die Pointe am Ende – ein DNA-Test enthüllt, dass Camus‘ angenommener Vater nicht sein biologischer Vater ist – wirkt in diesem Kontext weniger als Kuriosität denn als ironischer Kommentar: Der Theoretiker reiner Abstammung muss am eigenen Ursprung erfahren, wie brüchig dieser Begriff ist.

Stärken: Materialzugang und die Weigerung, Camus zu enträtseln

Die zentrale Stärke des Buchs liegt im Materialzugang. Die Autoren zitieren aus internem Verlagsschriftverkehr, aus E-Mails, aus dem bislang unveröffentlichten Manuskript „L’ombre gagne“ und aus jenen Tagebuchpassagen, die Camus selbst nie zur Publikation freigegeben hat. Dieses Material erlaubt einen Nachweis, der über bloße Behauptung hinausgeht: Die Autoren können zeigen, dass rassistische und antisemitische Formulierungen chronologisch vor ihrer öffentlichen Bekanntheit entstanden sind, häufig Jahre vor der jeweiligen Veröffentlichung, und dass Verlagsmitarbeiter Camus wiederholt und unmissverständlich mit diesem Befund konfrontiert haben. Damit entzieht das Buch der von Camus selbst gepflegten Verteidigungslinie – seine Sätze seien aus dem Zusammenhang gerissene „Launen“ einzelner Tage – die Grundlage.

Hinzu kommt eine erzählerische Entscheidung, die sich als methodische Stärke erweist: Die Autoren psychologisieren, ohne zu entschuldigen. Sie zeigen die familiäre Prägung, die Zwangstherapie beim Psychiater Marcel Eck, die Vaterschaftszweifel, die finanzielle Abhängigkeit – ohne daraus eine Kausalkette zu konstruieren, die Camus von Verantwortung freispricht. Bemerkenswert ist zudem die konsequente Rekonstruktion der Übertragungswege: Das Buch benennt nicht nur, dass der Begriff sich verbreitet hat, sondern wer ihn wann von wem übernommen hat – von Finkielkraut über den Verleger David Reinharc, die „Fachosphère“ und Pierre Sautarel bis zu Bardellas Berater Pierre-Romain Thionnet, zu Tucker Carlson und Jared Taylor in den USA. Damit liefert das Buch nicht nur eine Biografie, sondern ansatzweise eine Soziologie eines Begriffs.

Schwächen: Psychologisierung, Nähe und blinde Flecken jenseits Frankreichs

Die Stärke der Materialfülle hat eine Kehrseite. Weil die Autoren über Jahre engen persönlichen Zugang zu Camus hatten – Interviews im Château, Einsicht in E-Mail-Konten, gemeinsame Mahlzeiten –, gerät das Buch streckenweise in eine Nähe, die es selbst reflektiert, aber nicht immer auflöst. Camus‘ eigene Stimme nimmt großen Raum ein; seine Selbstdeutungen, so brüchig sie sich im Vergleich mit dem dokumentarischen Material erweisen, werden ausführlich wiedergegeben. Das ist journalistisch redlich, birgt aber das Risiko, dass Camus im Buch mehr Redezeit erhält, als es einer Person zusteht, deren Vokabular nachweislich als ideologischer Nährboden für tödliche Anschläge gedient hat.

Eine zweite Schwäche liegt in der Erklärungslogik selbst. Indem das Buch die Genese des „Grand Remplacement“ so konsequent aus individueller Kränkung, Familienbiografie und persönlichem Netzwerk ableitet, gerät die strukturelle Seite des Phänomens – warum ein solcher Begriff bei einem breiteren Publikum auf Resonanz stößt, welche ökonomischen und medialen Bedingungen seine Verbreitung begünstigen – in den Hintergrund. Die Biografie beantwortet überzeugend die Frage, warum ausgerechnet Camus diesen Begriff geprägt hat; sie beantwortet weniger überzeugend die Frage, warum ihn Millionen Menschen für plausibel halten. Diese Leerstelle ist der Preis der gewählten Form: Eine Einzelbiografie kann Netzwerke abbilden, aber keine gesellschaftliche Nachfrageseite erklären.

Drittens bleibt der geografische Fokus eng an Frankreich und, im letzten Buchdrittel, an den USA orientiert. Die internationale Verbreitung des Konzepts – in Belgien, den Niederlanden, Italien, Skandinavien und insbesondere in Deutschland – wird nur gestreift. Diese Engführung ist angesichts des biografischen Ansatzes nachvollziehbar, schwächt aber den Anspruch des Buchs, die globale Reichweite des Begriffs zu erklären, gerade an der Stelle, an der diese Reichweite politisch am folgenreichsten ist.

Der Nutzen für die politische Debatte: wie sich die Begriffe entzaubern lassen

Für die politische Auseinandersetzung mit Camus‘ Vokabular liefert das Buch dennoch brauchbares Rüstzeug, gerade weil es die Konstruiertheit der zentralen Begriffe offenlegt. Drei Befunde lassen sich unmittelbar in Debatten übersetzen.

Erstens die Instabilität der Gründungserzählung. Camus datiert seinen „Schock von Lunel“ – die angebliche Initialerfahrung seiner Theorie – in wechselnden, sich widersprechenden Versionen, und die Stelle in seinem eigenen Buch über das Département Hérault, auf die er sich beruft, erwähnt den Ort gar nicht. Wer in einer Debatte mit dem Anspruch konfrontiert wird, das „Grand Remplacement“ sei eine bloße Feststellung des Offensichtlichen, kann auf diese dokumentierte Variabilität der angeblichen Ausgangsbeobachtung verweisen: Eine Theorie, deren Gründungsanekdote sich mit jeder Erzählung ändert, erhebt zu Unrecht den Anspruch empirischer Evidenz.

Zweitens der Abgleich mit demografischen Daten. Das Buch stellt Camus‘ Rhetorik von der „Invasion“ den INSEE-Zahlen von 2008 gegenüber – 5,3 Millionen Einwanderer, 8,2 Prozent der Bevölkerung – und zitiert Camus‘ eigene Aussage, er glaube nicht an „die Kälte der Statistik“, sondern an den unmittelbaren Anblick. Dieser Gegensatz lässt sich in Debatten als Muster benennen: Die Theorie verzichtet explizit auf überprüfbare Kategorien zugunsten eines subjektiven, letztlich beliebigen Eindrucks.

Drittens die von Barthes übernommene rhetorische Technik, die Camus selbst „Bathmologie“ nennt: das gleichzeitige Formulieren und Dementieren einer Aussage, etwa wenn er die Überrepräsentation jüdischer Mitwirkender bei einer Radiosendung behauptet und im selben Satz mit einem Fragezeichen relativiert. Diese Technik als Muster zu erkennen und beim Namen zu nennen – „Ich frage ja nur“ als rhetorische Absicherung, nicht als Ausdruck redlichen Zweifels – ist ein Werkzeug, das über den Einzelfall Camus hinaus für den Umgang mit ähnlich konstruierten Aussagen anderer Sprecher nützlich ist.

Zugleich mahnt das Buch selbst zur Vorsicht vor einer Falle: Wer Camus‘ Konzepte ausschließlich mit dem Verweis auf seine persönliche Kränkung, seine Eitelkeit oder seine familiären Verwerfungen entkräften will, ersetzt eine inhaltliche Auseinandersetlung durch ein Ad-hominem-Argument, das in der politischen Debatte wenig überzeugt und leicht als Ablenkung von der Sachfrage zurückgewiesen werden kann. Die biografische Erklärung liefert Kontext, ersetzt aber nicht die inhaltliche Widerlegung – etwa den Nachweis, dass die zugrunde liegende Prämisse einer homogenen, austauschbaren Bevölkerung selbst voraussetzungsvoll und empirisch nicht haltbar ist.

Frankreich sichtbar, Deutschland am Rand: die Asymmetrie der Rezeption

Für Frankreich zeichnet das Buch ein dichtes Bild der Camus-Rezeption: Tribünen in „Le Monde“ und im „Figaro“, Auftritte bei CNews und beim Bolloré-Sender C8, die Übernahme von Formulierungen durch Marine Le Pen, Éric Zemmour und Bardellas Berater, ministerielle Unterstützung bereits in den neunziger Jahren, ein Einreiseverbot in das Vereinigte Königreich, das paradoxerweise seine Buchverkäufe steigert, und schließlich die Übersetzung seiner Essays für ein amerikanisches Publikum 2023 samt eines Kommentars im „Wall Street Journal“, der ihn als kaum bekannten, aber einflussreichen Denker beschreibt. Diese Dichte an Belegen macht die französische Normalisierung des Begriffs im Buch konkret nachvollziehbar – von der Randfigur der „Assises contre l’islamisation“ 2010 bis zur zitierten Referenzgröße bei Reconquête und Rassemblement National gut ein Jahrzehnt später.

Zur deutschen Rezeption sagt das Buch selbst wenig. Der Prolog erwähnt „grosser austausch“ nur beiläufig als eine von mehreren sprachlichen Varianten neben der englischen und der italienischen Fassung, in die sich der Begriff über soziale Netzwerke weltweit verbreitet habe, und ein einzelner Absatz nennt die Teilnahme Camus‘ und seines Mitstreiters Karim Ouchikh an Kundgebungen der islamfeindlichen Bewegung Pegida. Eine Analyse der deutschen Aneignung findet nicht statt. Das ist bemerkenswert, weil die Kategorie außerhalb des Buchs erhebliches politisches Gewicht entwickelt hat: Das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz führt wie erwähnt den „Großen Austausch“ als eigenen Glossareintrag und benennt Camus ausdrücklich als Urheber des Narrativs, das die strukturelle Substitution der autochthonen Bevölkerung Europas durch Zuwanderer beschreibt. 1 Journalistische Aufarbeitungen dokumentieren die wiederholte Verwendung durch AfD-Funktionäre, wobei der Verfassungsschutz diese Äußerungen weder als bloße Fehlinformation noch als naiven Sprachgebrauch einstuft, mit Beispielen bis zu Björn Höckes Warnung vor einer durch „Massenmigration und Multikulturalisierung“ gezielt unterdrückten deutschen Gemeinschaft und dem Hinweis, dass die Erzählung wiederholt als ideologischer Nährboden rechtsterroristischer Anschläge gedient habe, auch für den Anschlag von Halle. Ergänzend wird der Begriff im deutschen Kontext häufig neben dem älteren, aus der NS-Zeit stammenden Ausdruck „Umvolkung“ verwendet und mit dem Umfeld um Götz Kubitscheks Institut für Staatspolitik in Schnellroda in Verbindung gebracht, das enge Beziehungen zu Höcke und Einfluss auf Teile der AfD-Fraktion in Thüringen unterhält.

Diese Leerstelle ist keine bloße Petitesse. Sie zeigt eine strukturelle Grenze des biografischen Ansatzes: Solange die Erzählung an Camus‘ persönlichem Netzwerk entlangläuft – seinen Verlegern, seinen Gästen im Château, seinen Kontakten zu französischen und amerikanischen Politikern –, bleibt jene Rezeption unsichtbar, die ohne direkten persönlichen Kontakt zu ihm verläuft. Der „Große Austausch“ hat sich in Deutschland offenkundig verselbständigt, ohne dass Camus selbst als Person dort in vergleichbarer Weise präsent wäre wie in Frankreich oder den USA. Gerade diese Verselbständigung – ein Begriff, der wirkt, obwohl sein Urheber praktisch unbekannt bleibt – wäre ein eigenes Kapitel wert gewesen, das die Grenzen der Personenzentrierung des Buchs deutlich markiert.

Eine Biografie als Gegenmittel? Grenzen der Aufklärung durch Erzählung

Anzeichen für echte Reue oder eine inhaltliche Abkehr durch Camus finden sich in der Biographie nicht. Was existiert, sind vereinzelte taktische Rückzüge: Nach dem Auftauchen des Hakenkreuz-Fotos seiner Europawahl-Kandidatin 2019 zieht sich Camus panisch von der eigenen Liste zurück – aber weil ihn die Nähe zu offenem Neonazismus stört, nicht weil er seine Grundthese infrage stellt. Auch im Schlussgespräch des Epilogs, konfrontiert mit der Frage, ob er sich verändert habe, weicht er aus: Er spricht von „evoluiert“, nicht von einer „Umkehr“, und relativiert damit lediglich die Chronologie, ohne die Substanz zurückzunehmen. Inhaltlich verläuft seine Entwicklung im Gegenteil als Eskalation: Vom vorsichtig mit Fragezeichen versehenen Ressentiment der neunziger Jahre über den öffentlichen „Grand Remplacement“ bis zum späteren „génocide par substitution“, bei dem er die Shoah als vergleichsweise geringfügig bezeichnet, nimmt die Zuspitzung eher zu als ab. Selbst nach jedem Attentat, das sich explizit auf seine Formel beruft, distanziert er sich nur von der Tat, nie vom Begriff.

Persönlich profitiert Camus dagegen deutlich, wenn auch nicht in erster Linie finanziell. Materiell bleibt er verschuldet, will zeitweise sein Château verkaufen und leiht sich noch im hohen Alter Geld für den Turmausbau. Der Gewinn liegt woanders: in Aufmerksamkeit, die ihm jahrzehntelang verwehrt blieb. Das Einreiseverbot in Großbritannien lässt seine Buchverkäufe auf Amazon steigen, die Übersetzung seiner Essays in die USA 2023 verschafft ihm dort erstmals ein größeres Publikum, ein Kommentator des „Wall Street Journal“ bezeichnet ihn als bedeutenden, nur unbekannten Denker. In seinem Château empfängt er nacheinander den neurechten Vordenker Curtis Yarvin, den Trump-Berater-nahen Publizisten Rod Dreher und den Suprematisten Jared Taylor – Besuche, die ihm eine Form von Anerkennung verschaffen, die er als Schriftsteller nie erreicht hatte. Auch politisch zieht er Nutzen: Berater von Jordan Bardella und Éric Zemmour zitieren ihn, ohne dass er selbst dafür in die erste Reihe treten müsste.

Das Buch macht dabei eine Diskrepanz sichtbar, die es explizit benennt: Camus beschreibt sich selbst konsequent als mittellosen, mundtot gemachten Verfemten, während er zugleich – wie der Epilog des Buches feststellt – im Zentrum einer Epoche steht, die den weltweiten Erfolg der von ihm mitgeprägten Ideen erlebt. Diese Selbstinszenierung als Opfer, kombiniert mit dem tatsächlichen Bedeutungsgewinn seines Vokabulars, ist selbst Teil der vom Buch beschriebenen Strategie: Der Status des Verfemten erzeugt genau jene Aufmerksamkeit, die ihm als anerkannter Autor versagt blieb, und macht Reue biografisch unwahrscheinlich, weil sie das einzige Kapital entwerten würde, das ihm nach eigener Einschätzung geblieben ist.

Die Biografie von Dhellemmes und Faye leistet, was eine journalistische Lebensgeschichte leisten kann: Sie macht anhand von belegtem Quellenmaterial nachvollziehbar, dass das „Grand Remplacement“ keine aus nüchterner Beobachtung gewonnene Feststellung ist, sondern das Ergebnis eines biografisch erklärbaren, über Jahrzehnte kultivierten Ressentiments, das sich mit einem funktionierenden Netzwerk aus Förderern, Verlegern und später Parteipolitikern verbunden hat. Diese Genealogie zu kennen, entwertet die politische Wirkmacht des Begriffs nicht automatisch, liefert aber ein Argument gegen seinen Anspruch auf naturwüchsige Evidenz: Wer weiß, dass die Gründungsanekdote wechselt, dass die Statistik bewusst verworfen wird und dass die Formulierung eine Erfindung mit Autor, Datum und Entstehungsgeschichte ist, kann sie nicht mehr als bloße Beschreibung einer selbstverständlichen Realität behandeln.

Wo das Buch an Grenzen stößt, liegt dies weniger an handwerklichen Mängeln als an der gewählten Form selbst. Eine Einzelbiografie kann erklären, warum ein Mann diesen Begriff geprägt hat, nicht aber vollständig, warum er außerhalb seines unmittelbaren Umfelds – in deutschen Landtagen, amerikanischen Talkshows, ungarischer Regierungsrhetorik – auf fruchtbaren Boden fällt. Für diese Frage bräuchte es eine zweite, stärker soziologisch angelegte Untersuchung, die das Buch nicht ersetzt, aber sinnvoll ergänzen würde. Als Beitrag zur politischen Debatte bleibt die Biografie dennoch brauchbar, gerade weil sie es vermeidet, Camus zu einer bloßen Kuriosität zu verkleinern oder ihn umgekehrt zum konsequenten Vordenker zu stilisieren: Sie zeigt einen Mann, der sein Vokabular in die Welt gesetzt hat und ihm anschließend beim eigenständigen Wirken zusehen musste – ein Befund, der weder Entlastung noch Dämonisierung nahelegt, sondern präzise Beschreibung.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Der Autor des „grand remplacement“: Zu einer neuen Renaud Camus-Biographie." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on Juli 30, 2026 at 03:55. https://rentree.de/2026/07/30/der-autor-des-grand-remplacement-zu-einer-neuen-renaud-camus-biographie/.
Anmerkungen
  1. Bundesamt für Verfassungsschutz>>>

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