Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst. Automatische Übersetzungen:
Inhalt
- Die doppelte Insel: Unterwerfung und Selbstbehauptung
- Drei Bögen einer Geschichte
- Gattungshybrid als Selbstwiderspruch
- Die Vielstimmigkeit der Geschichtsschreibung
- Bindung und Ablösung: die Raumordnung der Figuren
- Tempo als Wertung: die Zeitschichten des Erzählens
- Fünf Lesarten eines widerständigen Textes
- Die ethnologische Genauigkeit eines fiktionalen Textes
- Das Sediment der Insel: Schichten unter der Gegenwart
- Korsika als Objekt fremder Machtkalküle
- Fremde Texte auf korsischem Boden
- Schluss: Das Archaische als Einspruch gegen die Gegenwart
Die doppelte Insel: Unterwerfung und Selbstbehauptung
Marc Biancarelli: Roman national (Paris: Éditions Actes Sud, 2026). [zit. als RNA]
Die Forellen unter den Flussbänken, die man mit der bloßen Hand greift, weil man die Geduld gelernt hat, die kein Fremder aufbringt – das ist die erste Lektion dieser Insel: Sie gibt sich nur denen, die ihr Tempo annehmen. Der Maquis, der für Eindringlinge absolute Feindseligkeit bedeutet, ist für die Einheimischen ein zweites Haus, ein Rückzugsraum, der Jahrhunderte lang die einzige Souveränität war, die niemand wegnehmen konnte. Die Kastanienwälder geben Mehl und Winterfleisch, die Eichen mästen die Schweine, die Hochweiden ernähren die Herden im Sommer und stehen im Herbst leer – eine Vertikalwirtschaft, in der jede Höhenstufe ihren Beitrag leistet und kein Überschuss entsteht, der nicht sofort gebraucht würde. Die Gebirgspässe, durch die zwei Männer nicht nebeneinander gehen können, sind Engstellen, aber auch Schutz; die Flüsse, in denen die Toten nachts in Prozession ziehen, trennen nicht nur Täler, sondern Welten. Über allem liegt ein Himmel, der im Juli schwer von Nebel und Gewitter werden kann, und darunter brodelt auf jedem Lagerfeuer dieselbe Kastanienmehlsuppe. Diese Landschaft hat ihre Bewohner geformt: schweigsam, ausdauernd, mit einem Ortswissen, das sich in den Körper eingeschrieben hat und das keine Karte ersetzt. Sie kennen den Kirschbaum, an dem nachts der Hirsch steht, und den Felsen, hinter dem man schläft wie unter einer Decke aus Stille. Was sie nicht kennen, fürchten sie zu Recht – und was sie kennen, verteidigen sie mit einer Selbstverständlichkeit, die von außen wie Sturheit aussieht und von innen als Treue gilt. Das Korsische, das all das benennt, ist älter als Rom und trägt die Silben der Landschaft in sich selbst.
Das Korsika, das Marc Biancarelli in RNA zeigt, ist eine Gesellschaft in einer strukturellen Dauerkrise, die durch äußere Herrschaft erzeugt, aber durch innere Zerrissenheit perpetuiert wird. Im Jahr 1564, dem Zeitpunkt des Romans, ist die Insel seit zwei Jahrhunderten unter genuesischer Kontrolle; die Bevölkerung der Deux Pièves lebt in einer Subsistenzwirtschaft, die keinen Spielraum für politische Selbstbestimmung lässt, aber eine Fülle an lokalen Loyalitäten, Ritualpraktiken und Sprachressourcen hervorgebracht hat, die nicht durch externe Macht gebrochen werden können. Gegen dieses Bild langwieriger Ohnmacht erhebt sich die Aufstandsbewegung Sampieru Corsos, die den Roman historisch rahmt und die zentrale Frage aufwirft: Was entsteht, wenn eine Gesellschaft, die keine staatlichen Institutionen kennt, versucht, eine Nation zu werden? Biancarellis Antwort ist mehrdeutig und provozierend: Der Nationalismus, der im Roman entsteht, ist nicht das Ergebnis eines geteilten Projekts, sondern die vorübergehende Überlagerung privater Feindschaften, persönlicher Loyalitäten und charismatischer Unterwerfung unter eine Einzelfigur. Die Insel besiegt Genua bei Caccia und verliert bei Penta, weil sie dieselben Fehler begeht wie stets – Hochmut, Verräterei, die Unfähigkeit, die eigenen inneren Feinde von den äußeren zu unterscheiden. Das Buch verhandelt diese Problematik nicht als historische Spezialfrage des 16. Jahrhunderts, sondern als universale Reflexion über Nationalmythen, Gewalt und die Bedingungen, unter denen kollektive Identität entsteht oder scheitert – und es tut das mit einer Dringlichkeit, die seinen Titel als Provokation lesbar macht: Ein „roman national“ weist auf das Genre der Stiftungserzählung; Biancarellis Roman ist deren kritisches Gegenstück.
Korsika ist heute eine „Collectivité de Corse“, eine Gebietskörperschaft mit Sonderstatus innerhalb Frankreichs – seit 2018 sind die früheren zwei Départements (Haute-Corse und Corse-du-Sud) sowie die Regionalverwaltung in einer einzigen Institution zusammengefasst, mit Sitz in Ajaccio. Das ist mehr Autonomie als eine gewöhnliche französische Region besitzt, aber deutlich weniger als die Eigenständigkeit, die korsische Nationalisten seit Jahrzehnten fordern. Konkret bedeutet das: Korsika hat eine eigene gewählte Versammlung (Assemblea di Corsica) mit eigenem Exekutivrat, kann in bestimmten Bereichen wie Kultur, Bildung und Raumplanung eigene Akzente setzen, verfügt aber über keine eigene Gesetzgebungskompetenz im engeren Sinne – Gesetze macht weiterhin die Nationalversammlung in Paris. Das Korsische als Sprache wird gefördert (zweisprachige Beschilderung, Unterricht an Schulen), hat aber keinen offiziellen Status gleichrangig zum Französischen, weil die französische Verfassung Mehrsprachigkeit auf staatlicher Ebene grundsätzlich erschwert (Artikel 2: „Die Sprache der Republik ist Französisch“).
Politisch ist die Insel seit 2015 von einer nationalistisch-autonomistischen Koalition unter Gilles Simeoni regiert, die regelmäßig mehr Autonomie einfordert – von Steuerhoheit bis zur verfassungsrechtlichen Verankerung eines Sonderstatus. Paris hat darauf in den letzten Jahren mit vorsichtigen Verhandlungen reagiert: 2023/24 gab es unter Präsident Macron Gespräche über eine verfassungsmäßige Autonomieklausel für Korsika, die der Insel weitergehende Gesetzgebungsbefugnisse einräumen sollte – ein Prozess, der zäh verläuft und wiederholt ins Stocken geriet. Das Spannungsfeld, das Biancarellis Roman historisch beschreibt – Treue zu einer fremden Schutzmacht versus eigene Souveränität, Sprache als Identitätsanker versus staatliche Vereinheitlichung –, ist also keineswegs nur Vergangenheit. Es ist, in domestizierterer und gewaltfreier Form, bis heute der politische Kern der korsischen Frage.
Der Titel „Roman national“ ist eine Falle, die sich selbst ausstellt. Im Französischen bezeichnet der Begriff ein etabliertes historiographisches Konzept: die selektive Meistererzählung, in der Helden, Opfer und Wendepunkte so arrangiert werden, dass eine Gemeinschaft sich in ihnen wiedererkennt und legitimiert. Spätestens seit den Debatten um Nicolas Sarkozys Forderung nach einem erneuerten „roman national“ (2007) ist der Begriff politisch aufgeladen – er steht für den Versuch, Geschichte als Identitätsstiftung zu instrumentalisieren, Komplexität zugunsten von Wiedererkennbarkeit zu glätten. Biancarelli wählt ihn nicht zufällig: Er schreibt auf Französisch über Korsika, aus einer Tradition, in der die „nation corse“ gegen die „nation française“ immer wieder ausgespielt wurde. Der Titel benennt das Genre, das der Roman zu erfüllen verspricht – und verweigert diese Erfüllung auf jeder Ebene. Der Untertitel „Rumanzu naziunali“, das Korsische direkt unter dem Französischen, eröffnet die erste Irritation: Welche Nation? In welcher Sprache? Für wen? Korsika erscheint nicht als nationale Einheit, die sich im Kampf gegen Genua findet, sondern als segmentierte Gesellschaft, die sich kurz zusammenfindet und sofort wieder zerfällt. Sampieru, der potenzielle Nationalheld, ist Frauenmörder, Analphabet und zutiefst ambivalente Figur. Die einzige Figur, der der Roman am Ende das Wort gibt, ist eine Frau, die das Land verlässt.
Hinzu kommt die Doppeldeutigkeit des Adjektivs selbst: „national“ kann die Nation beschreiben, aber auch das Nationale als Attribut, als strukturelle Qualität. In dieser Lesart fragt der Titel: Was ist das Nationale an dieser Geschichte? Die Antwort ist ernüchternd – das Nationale ist die Wiederholung. Die Muster, die Biancarelli für 1564 beschreibt – innere Zerrissenheit, kurze Einigkeit gegen den Feind, Verrat, institutionelles Versagen, die Kosten, die Arme und Frauen tragen –, sind keine historischen Besonderheiten des 16. Jahrhunderts. Sie sind das, was sich wiederholt. „Roman national“ ist in diesem Sinne tatsächlich ein Nationalroman: nicht weil er die Nation feiert, sondern weil er ihre strukturellen Bedingungen freilegt.
Die korsischsprachige Übertragung „Rumanzu naziunali“ verschiebt die Bedeutung ein letztes Mal. Im Korsischen ist „naziunali“ nicht mit denselben politischen Debatten aufgeladen; es ist älter, weniger diskreditiert, näher am Wortstamm der „nazione“ im Sinne von Herkunft, Abstammung, Geburt – „natio“. Der Titel bedeutet dann: ein Roman über das, woraus man geboren wird. Nicht über den Staat, nicht über die Fahne, sondern über das Geborensein in einer Sprache, einem Boden, einem ersten Kreis von Loyalitäten. Das ist die affirmative Seite des Titels, die unter der kritischen liegt: Es gibt etwas Erhaltenswürdiges – nicht die Heldengeschichte, sondern das Korsische selbst, die Silben, die älter sind als Rom, die Totenklage, die Carrancione für Baldassaru improvisiert. Der Titel hält Dekonstruktion und Bewahrung, Kritik und Liebe gleichzeitig offen – ein Buch, das das Genre, das es beansprucht, nicht erfüllt, und das genau dadurch dem, was es liebt, näherkommt als jede Stiftungserzählung es könnte.
Drei Bögen einer Geschichte
Der Roman beginnt mit der Kindheit Fioravantes, 1544 geboren in Arcinivala, einem Bergdorf in den Deux Pièven. Mit wenigen Archivbelegen – ein Taufregister in halb-korsischem Latein – verankert der Erzähler die fiktionale Biografie dokumentarisch. Das erste Kapitel folgt dem zehnjährigen Fioravante beim Forellenfangen mit der kleinen Catalina, zeigt die Ankunft eines Werbetrommlers, der Männer für den Aufstand anwirbt, den Abzug des älteren Bruders Filippone, und schließlich einen Barbaresken-Überfall auf das Dorf, in dessen Verlauf Fioravante erstmals tötet. Sein Vater bestreicht ihm das Gesicht mit dem Blut des Getöteten: Ein Initiationsritus, der die Erzählung von Anfang an im Bereich vorchristlicher Körperpraktiken verankert. Das zweite Kapitel führt den Onkel Carrancione als Scapulomanten ein: Er liest die Zukunft aus dem Schulterblatt eines frisch erlegten Tiers und beschreibt eine Kosmologie der „culpadori“, der falsch Getauften, die zwischen Lebenden und Toten vermitteln können. Im dritten Kapitel ist Fioravante zum Mann herangewachsen; er und Catalina – im Dorf wegen ihrer Eigenwilligkeit abwertend „Catalinaccia“ genannt – beginnen ihre Liebesbeziehung in einer verfallenen Bergerie; sie träumen gemeinsam von der Neuen Welt, deren Existenz ein Wandersänger mit dem Bericht „Mundus Novus“ des Amerigo Vespucci verkündet hatte. Ein Malariafieber versetzt Fioravante in Halluzinationen, in denen er in Amerika landet und eine indigene Frau liebt – ein Traumvorlauf auf Catalinas späteren Lebensweg.
Der zweite Handlungsbogen umfasst die Geschehnisse des Jahres 1564. Der historische Chronist Anton Pietro Filippini aus Vescovato beschreibt Sampierus Ankunft, seine Brutalität und einen ersten Gefechtsieg gegen die Genoesen. Im fünften Kapitel werden Catalina, ihre Cousinen und eine Kindsmagd auf dem Rückweg von einem Handelsgang von einer korsischen Reiterbande unter dem Anführer Odoardo überfallen und vergewaltigt. Gleichzeitig kehrt Filippone ins Dorf zurück – er war seit Jahren als Soldat und Geheimagent Sampierus durch Algerien und Konstantinopel gereist. Die Parallelmontage aus Fest und Trauma bestimmt die Struktur des gesamten zweiten Teils: Die Privatrache Catalinas und Fioravantes verläuft parallel zum nationalen Befreiungskampf, ohne je darin aufzugehen. Die Delegationsreise nach Valderone (Kap. 6), um Gerechtigkeit für die Vergewaltigten zu fordern, scheitert an institutioneller Gleichgültigkeit; die Männer aus Arcinivala schließen sich daraufhin Sampieru an. Auf dem Weg zum Lager bei Caccia hält Filippini inne und fragt, warum Männer Krieg führen – und gibt eine Antwort, die jeden heroischen Subtext untergräbt: Sie folgen privaten Rachegefühlen, Bruderschaft und Abenteuerlust, nicht Idealen. Der Sieg bei Caccia am 11. Juli 1564 (Kap. 8) kostet den Vater Baldassaru das Leben; Catalina tötet einen ihrer Peiniger; Odoardo entkommt. Nach einem kurzen Zug ins südliche Korsika (Kap. 9) – in dem Catalina und Fioravante sich über Krieg und Liebe streiten und endgültig trennen – erleidet die korsische Armee bei Penta (Kap. 10) eine vernichtende Niederlage: Filippone fällt, Fioravante und Arrigucciu retten sich in die Berge.
Der dritte Bogen umfasst den langen Nachklang. Filippini bilanziert im elften Kapitel den weiteren Verlauf der Kriegsjahre bis zu Sampierus Tod 1567. Catalina, von ihm als Haushälterin in Dienst genommen, hört dem Chronisten zu, wie er ihr aus dem „Mundus Novus“ vorliest: Der Text, den sie als Kind nur vom Hörensagen kannte, ist jetzt physisch greifbar, und die Szene zwischen der analphabetischen Frau und dem gelehrten Priester ist der poetische Kern des Romans. Der Epilog (Kap. 12) zeigt Fioravante und Arrigucciu 1575 in Bastia: Sie bringen die Köpfe Odoardos und Grisgiones zum Gouverneurspalast und kassieren die ausgesetzte Prämie. Catalina ist längst verschwunden – nach Bastia, dann auf ein Schiff Richtung Amerika. Sie landet in Darién, steigt zur „Doña Caterina“ auf, führt eine große „encomienda“ am Rand Limas. Die Frage, ob sie dabei über das Schicksal ihrer eigenen Unterworfenen nachdenkt, lässt der Roman explizit offen.
Gattungshybrid als Selbstwiderspruch
RNA ist ein komplexes Gattungshybrid, das mindestens drei literarische Traditionen gleichzeitig aufruft und gegeneinander stellt. Als historischer Roman folgt er der Konvention, einen dokumentarisch verbürgten Schauplatz – Korsika 1564, der Aufstand Sampieru Corsos, die Schlachten von Vescovato, Caccia und Penta – mit fiktionalen Figuren aus dem Volk zu bevölkern, deren Schicksal die großen Ereignisse aus einer Perspektive spiegelt, die die Geschichtsschreibung übergeht. Als „roman national“ im Sinne der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts verspricht er eine Stiftungserzählung: die Geschichte einer Gemeinschaft, die sich durch Kampf und Opfer zur Nation konstituiert. Dieses Versprechen bricht er von der ersten Seite an systematisch, weil er zeigt, dass die Gemeinschaft sich nicht konstituiert, sondern im Moment des größten Zusammenhalts gleichzeitig am tiefsten gespalten ist. Als Antiheldenroman schließlich verweigert er den Figuren die saubere Trennung von Gut und Böse: Sampieru ist Freiheitskämpfer und Frauenmörder; Odoardo ist Vergewaltiger und Rebell; Catalina tötet und verlässt; Fioravante rächt und verliert alles.
Die Sprache des Romans ist eine seiner eigentlichen Leistungen. Biancarelli schreibt ein literarisches Französisch von großer Dichte – parataktisch in den Kampfszenen, langatmig-essayistisch in den Reflexionspassagen, und durchsetzt von korsischen Einschüben, die nicht übersetzt, sondern erläutert werden. „Die Sprache erzählt von den Ursprüngen, sie erzählt von der Entwicklung, und sie erzählt ebenso von der Verfeinerung dessen, was manche als Archaismen betrachten.“ 1 Diese Zweisprachigkeit präsentiert das Korsische als Unterton, der immer präsent ist, der durch das Französische hindurchklingt, ohne je vollständig assimiliert zu werden – genauso wie die Insel selbst. Besonders deutlich wird das in der zentralen Szene des zehnten Kapitels, als die Mutter Lisandrina die erschöpfte Catalina in den Armen hält und sagt: 2 – und der Erzähler kommentiert: „Die Worte sind das wahre Land, die Sprache allein ist der nährende Boden, und der Feind weiß das, der seit jeher versucht hat oder versuchen wird, sie zu verunglimpfen oder zu schwächen. Die Reiche werden – wie immer – die Krieger zu den Verrätern von morgen machen, sie werden dies mit Leichtigkeit und Gewissheit tun, doch die Sprache ist die unveränderliche Quelle allen Widerstands, weil sie durch eine unbezähmbare Transzendenz gestärkt ist, weil sie von mütterlicher Zärtlichkeit genährt wird.“ 3 Dieser Satz ist das poetologische Zentrum des Romans: Sprache ist nicht Instrument der Nation, sondern ihr eigentlicher Träger – und ihr letzter Schutz.
Die autopoetologische Dimension des Textes zeigt sich auch in der Figur des Filippini. Als historischer Chronist, der seine eigene Funktion reflektiert und seine eigene Feigheit eingesteht, ist er ein eingebettetes Bild des Schreibens unter Druck: „Da ich unglücklicherweise Zeuge der Ereignisse war, die Korsika in diesem Jahrhundert erschütterten, machte ich mich zu ihrem Chronisten“ 4 – er ist Zeuge, weil er nicht anders kann, und Schreiber, weil er überlebt hat. Biancarelli, der selbst lange korsische Sprache lehrte und eine eigene korsischsprachige Verlage gründete, legt in diese Figur ein selbstreflexives Moment: Was bedeutet es, über ein Volk zu schreiben, das in der Geschichte der Schrift meist Objekt und selten Subjekt war?
Die Vielstimmigkeit der Geschichtsschreibung
Der Roman arbeitet mit einem mehrschichtigen Erzählsystem, das keine stabile Instanz produziert. Drei Stimmen sind unterscheidbar: ein auktorialer Erzähler der Gegenwart, der mit den Figuren im présent historique mitgeht und gelegentlich direkt adressiert „Ich spreche hier nicht von der Bauernschaft, ich spreche auch nicht vom Europa vor fünf Jahrhunderten. Ich spreche von etwas viel Älterem“ 5; der historische Chronist Filippini, der in der ersten Person Singular Vergangenes berichtet und dabei seine eigene Perspektive als begrenzt ausweist; und eine erlebte Rede der Figuren, besonders Catalinas und Fioravantes, die punktuell in freie indirekte Darstellung übergeht. Diese Polyphonie ist nicht beliebig: Sie entspricht der These des Romans, dass es keine einzelne autoritative Version der korsischen Geschichte gibt. Filippinis Stimme liefert die dokumentierte Außenperspektive; die auktoriale Stimme liefert das Empfinden; die erlebte Rede der Figuren liefert das, was keine Chronik festhält. Keiner dieser drei Register ist privilegiert, und das ist eine bewusste poetische Entscheidung: „Roman national“ schreibt die Nationalgeschichte als prinzipiell polyphonen Text.
Besonders deutlich wird die Erzählinstanz in den Momenten, wo sie sich selbst thematisiert. Im ersten Kapitel heißt es: „Wenn geschrieben steht, dass Hexen sich über seine Wiege beugten, oder wenn gesagt wird, dass heidnische Opfer seine Geburt begleiteten, dann müssen wir davon ausgehen, dass diese Aussagen keinerlei Übertreibung enthalten. Sie sind nichts anderes als die Wahrheiten einer Welt, die einmal war.“ 6 Der Erzähler bürgt für die magische Weltsicht seiner Figuren, ohne sie zu ironisieren – aber er schreibt im Konjunktiv der Überlieferung. Das ist eine präzise epistemische Position: Der Roman erklärt die archaische Weltsicht nicht für wahr, aber für gültig – als die Wahrheit dieser Menschen, die der Historiographie nicht zugänglich ist.
Bindung und Ablösung: die Raumordnung der Figuren
Die Figurenkonstellation folgt einer konzentrischen Struktur der Loyalität. Im Zentrum steht das Paar Fioravante/Catalina – zwei Figuren aus demselben Dorf, die dieselben Erfahrungen machen und entgegengesetzte Konsequenzen ziehen. Fioravante ist die Figur der Bindung: an den Bruder, an den Vater, an die Terres, an die Rache. Catalina ist die Figur der Ablösung: Sie löst sich von jeder Bindung, die sie zerstört – zunächst von den Tätern, dann vom Dorf, dann von Fioravante, schließlich von der Insel selbst. Dass beide am Ende leben – er in Bastia, sie in Lima – und dass der Roman Catalina die letzte Szene gibt, ist keine neutrale Entscheidung: Er privilegiert das weibliche Überlebensprinzip der Mobilität gegenüber dem männlichen der Treue.
Um dieses Zentrum gruppieren sich die männlichen Figuren der Loyalitätskette: Filippone (Bruder, Militär, Reisender), Baldassaru (Vater, Körperkraft, Erde), Carrancione (Onkel, Seher, Maquis), Arrigucciu (Freund, Schatten, Überlebender). Diese Reihe steht für verschiedene Formen männlicher Identität in dieser Gesellschaft – alle mit verschiedenen Ressourcen, alle in demselben System des ersten Kreises gefangen. Sampieru und Filippini bilden die historische Rahmung: der eine als Verkörperung charismatischer Gewalt, der andere als Figur der schreibenden Zeugenschaft. Zwischen diesen Polen entstehen alle Bedeutungen des Romans.
Die Raumstruktur entspricht einer semantischen Hierarchie. Die Terres – die Deux Pièves, die Arcinivala – sind der Ursprungsraum: archaisch, geschlossen, selbstgenügsam, beschützt und beschützend. Das Niolu und der Süden sind der Raum des Kampfes – offen, ohne natürliche Festungen, tödlich für Infanterie in freiem Feld. Bastia ist der Raum der Institutionen – genuesisch, hierarchisch, käuflich. Amerika ist der Raum der Transzendenz – unerreichbar für Fioravante, erreichbar für Catalina. Diese Struktur folgt einer Bewegung vom Geschlossenen zum Offenen, die parallel zur Handlung verläuft: Je weiter die Figuren von den Terres entfernen, desto gefährlicher und gleichzeitig freier werden sie. Catalina ist die einzige, die den letzten Schritt tut und überlebt.
Tempo als Wertung: die Zeitschichten des Erzählens
Der Roman spielt in einer komprimierten Zeitspanne von etwa zwei Jahren (1563–1565) für den Hauptteil, gerahmt von einem Prolog (Fioravantes Kindheit, ca. 1554–1556) und einem Epilog (1575). Innerhalb dieser Zeitspanne variiert das Erzähltempo radikal: Die Kindheitsszenen werden ausführlich entfaltet, die Schlachtbeschreibungen komprimiert und fast dokumentarisch knapp, die philosophischen Einschübe – über Krieg, Sprache, Nationalismus – zeitlos. Diese Tempovarianz ist keine formale Spielerei, sondern eine Hierarchie der Wichtigkeit: Was bleibt, sind nicht die Schlachten (für die der Chronist Filippini zuständig ist), sondern die Augenblicke der Beziehung, der Erkenntnis, des Rituals. Das Lesen des „Mundus Novus“ dauert mehrere Kapitel – länger als die Beschreibung der siegreichen Schlacht von Caccia.
Hinzu kommt eine tiefe historische Schichtung, die den Text über sein Sujet hinaushebt. Die korsische Gesellschaft des 16. Jahrhunderts wird von Biancarelli als Sediment einer langen Besiedlungsgeschichte beschrieben: „Sie waren den Tieren gefolgt und hatten alles gelernt, was es über das Gebiet zu wissen gab, über die jahrhundertealten Wanderungen der Tiere, die sie quasi in Freiheit leben ließen. Sie nannten diese ständige Wanderung der Herden ‚invistita‘ und respektierten sie in jeder Hinsicht.“ 7 Die Transhumanz als jahrtausendealte Praktik verbindet die Menschen des 16. Jahrhunderts mit ihren prähistorischen Vorfahren – und der Roman betreibt systematisch diese Tiefenbohrung, indem er Sprache, Ritual, Körperwissen und Toponymie als Sedimentkerne einer nicht-linearen Geschichte benutzt.
Fünf Lesarten eines widerständigen Textes
Nation als nachträgliche Konstruktion über verschwiegenen Körpern.
RNA führt vor, dass nationale Erzählungen immer selektiv erinnern und dabei systematisch jene ausblenden, die ihren Preis bezahlt haben. Biancarelli stellt die Vergewaltigung Catalinas ins Zentrum des Textes und erzwingt damit eine Frage, die der Nationalmythos nicht stellen kann: Was qualifiziert jemanden zum Freiheitskämpfer, wenn dieselbe Hand, die das Genueser Joch abschütteln soll, zuerst die eigene Dorffrau schlägt? Odoardo ist in beiden Schlachten anwesend, ohne dass die Chronik ihn deswegen aus ihrer Heldenliste streicht. Indem der Text Filippinis gelehrte Chronistik und Catalinas Körpererfahrung in demselben Buch koexistieren lässt, demonstriert er strukturell, was er thematisch behauptet: Die offizielle Nationalgeschichte schreibt sich auf dem Schweigen der Namenlosen.
Sprache als einzige Form von Kontinuität und Widerstand.
Gegen die Unbeständigkeit politischer Loyalitäten setzt der Roman die Sprache als einziges stabiles Medium. Das ist keine romantische Sprachideologie, sondern eine präzis historisierte These. Der Roman verfolgt das Korsische von seinen vorromanischen Wurzeln „ein einfacher Klang, uralt und überholt, der in den Ländern existierte, lange bevor die Griechen oder Karthager daran dachten, ihre Städte zu errichten“ 8 über die Kanzleisprache bis zu Catalinas linguistischer Neugier in Filippinis Bibliothek. Dass ausgerechnet Sampieru als Analphabet gezeichnet wird, ist die stärkste polemische Pointe: Der Mann, der die Nation repräsentiert, hat keinen Zugang zu dem, was Biancarelli als ihr eigentliches Substrat versteht.
Gewalt als Anthropologie, nicht als Ausnahme
Der Roman verweigert die moralische Hierarchisierung der verschiedenen Gewaltformen. Barbareskenpiraten zerstückeln einen Säugling; Bäuerinnen egeln denselben Barbaresken, bevor er stirbt; de Negri wird von Hunden zerrissen; Ravaschieri erleidet dasselbe Schicksal auf der Seite der Sieger. Diese Symmetrie ist keine Gleichgültigkeit, sondern eine Aussage über die Natur kollektiver Gewalt: Sie überträgt sich. Wer sie erleidet, übt sie aus; wer sie anklagt, wendet sie an. Catalinas Schlussfolgerung – Distanz statt Pazifismus – ist die einzige, die der Roman als lebenspraktisch ausweist.
Das Scheitern des politischen Subjekts und die Überlegenheit des privaten Eigenwillens.
Die männlichen Hauptfiguren scheitern alle daran, das Private vom Politischen zu trennen. Filiponne folgt Sampieru und stirbt; Fioravante folgt Filippone und verliert alles; Sampieru opfert alles einer Sache, für die er, wie der Roman nahelegt, nicht einmal kämpft – er kämpft für seine Erlösung von sich selbst. Dagegen steht Catalinas Handlungslogik: Sie folgt keiner Sache außer der eigenen. Dass ihr Aufstieg zur „Doña Caterina“ moralisch gespalten ist, zieht keinen Schlussstrich unter ihr Modell – es zeigt nur, dass auch das Individuum, das kollektiver Projektion widersteht, nicht in Reinheit ankommt.
Der Roman als Reflexion auf die Bedingungen des Erzählens.
Der Wechsel der Erzählperspektiven ist das eigentliche Argument des Romans. Filippinis Chronistik liefert Fakten und Diplomatiegeschichte, aber keine Frauen; der auktoriale Erzähler führt Catalina ein, kann sie aber nicht schreiben lassen; die erlebte Rede der Figuren liefert das, was keine Chronik festhält. RNA stellt sich selbst als eine weitere Version dieser Überlieferungskette aus – eine, die das Schweigen der anderen explizit macht. Damit befragt der Text den Titel als Gattungsbegriff: Ein „roman national“ im klassischen Sinne wäre eine Stiftungserzählung; Biancarellis Roman ist deren Dekonstruktion, die der Form die Mittel gibt, sich selbst zu befragen.
Die ethnologische Genauigkeit eines fiktionalen Textes
RNA ist kein ethnologisches Dokument, aber er arbeitet mit ethnologischer Präzision. Was der Text für die Kulturwissenschaft leistet, lässt sich in mehreren Dimensionen beschreiben. Erstens dokumentiert er eine vorstaatliche Gesellschaftsordnung: Die Grundeinheit ist nicht das Individuum und nicht die Nation, sondern der erste Kreis – Familie, Parrain, Dorf, Piève. Über diesen Kreisen gibt es keine neutrale Autorität, nur konkurrierende Mächte. Diese Struktur, die die Ethnologie der Mittelmeer-Gebirgsvölker als „acéphalie“ (Kopflosigkeit) beschrieben hat, erscheint im Roman nicht als Rückständigkeit, sondern als adaptive Leistung: Eine Gemeinschaft ohne verlässliche Außenordnung organisiert sich durch dichte persönliche Bindungen, Ehrcodes und rituelle Praktiken.
Zweitens zeigt der Roman die Transhumanz und vertikale Raumnutzung als kulturelle Matrix. Die Bewegung zwischen den Höhenstufen ist das eigentliche räumliche Denksystem der Figuren; das transhumane Wissen („invistita“) ist nicht kodifiziert, nicht lehrbar außer durch Praxis, und es ist dasselbe Wissen, das im Kriegsfall entscheidend wird. Drittens rekonstruiert der Roman mit ethnologischer Präzision das parallele Religiositätssystem der Insel: Die Knochenweissagung („scapulomantie“), die „culpadori“ als Mittler zwischen Welten, die nächtlichen Züge der Verstorbenen entlang der Flussläufe – das ist ein vollständiges synkretistisches Kosmossystem, das neben der christlichen Kirchlichkeit existiert und diese überlagert.
Viertens zeigt der Roman Korsika als atlantischen Knotenpunkt, nicht als insulare Abgeschlossenheit. Filippone reist nach Algier und Konstantinopel; in Algier leben sechstausend Korsen – die größte korsische Stadt der Welt ist eine nordafrikanische Hafenstadt. Der Barbareskenführer Mami Pacha ist selbst Korse. Catalinas Weg führt nach Amerika. Diese Verflechtung entspricht dem, was Historiker der Frühen Neuzeit als kreolisierte Mittelmeerzone beschrieben haben: ein Raum, in dem Identitäten durch Kaptur, Bekehrung, Söldnertum und Migration ständig neu verhandelt werden.
Schließlich leistet der Roman eine kulturanthropologische Analyse des Schammechanismus. Was Catalina nach der Rückkehr ins Dorf erlebt, ist die reguläre Funktion einer Gesellschaft, die weibliche Sexualität als Gemeinschaftseigentum behandelt: Das Dorf produziert Scham kollektiv – durch Blicke, Schweigen, Gerücht, den Spitznamen „Catalinaccia“. Das Ehrmodell setzt voraus, dass die Beschädigte selbst noch im System verankert ist; Catalina hat es längst verlassen: „Nachdem sie die Sache von allen Seiten beleuchtet und erkannt hatte, dass sie die unüberwindbare Dummheit ihrer kleinen Welt nicht besiegen würde, ließ Catalina eines Tages Catalinaccia an den Kais von Bastia zurück und schiffte sich ins Unbekannte ein.“ 9
Das Sediment der Insel: Schichten unter der Gegenwart
Eine der stärksten kulturhistorischen Leistungen des Romans liegt darin, wie er die prähistorischen, antiken und frühmittelalterlichen Einflussschichten auf Korsika als aktiv und gegenwärtig beschreibt – nicht als vergangene Stadien, die überwunden wurden, sondern als Sediment, das im Körper, in der Sprache und im Ritual weiterlebt. Biancarelli beschreibt die Vorfahren der Dorfbewohner explizit als Träger eines ligurisch-etruskisch-keltiberischen Substrats: „Sie schliefen dort ganz unbeschwert, gewöhnt an die Waldgeister und all die heidnischen Zaubersprüche, die sie von ihren fernen und geheimnisvollen etruskischen, ligurischen und keltiberischen Vorfahren geerbt hatten.“ 10 Diese synkretistische Tiefenschicht ist nicht nur historisches Kolorit, sondern eine epistemologische Aussage: Die Bewohner der Terres wissen Dinge, die keine schriftliche Überlieferung trägt, weil sie in Praktiken und Lauten stecken, nicht in Texten.
Das Archaische im Roman wird durch mehrere literarische Verfahren erzeugt. Das erste ist das etymologische Prinzip: Ortsnamen wie Carbini, Calacuccia, Tafonu, Tavagna werden als nicht-etymologisierbar beschrieben – sie verweisen auf eine sprachliche Schicht, die dem Lateinischen vorausliegt und keiner bekannten mediterranen Sprache eindeutig zuordenbar ist. Das zweite Verfahren ist das der rituellen Kontinuität: Die „culpadori“, die nächtlichen Prozessionen der Toten, die Knochenweissagung sind keine literarischen Erfindungen Biancarellis, sondern sind in der Ethnologie Korsikas dokumentiert. Indem er sie nicht als Relikt beschreibt, sondern als aktive Praxis, die die Figuren selbstverständlich benutzen, erzeugt er den Eindruck einer Zeitlosigkeit, die das eigentliche Substrat der Insel ausmacht. Das dritte Verfahren ist das linguistische Sedimentmodell, das im zweiten Kapitel ausführlich entfaltet wird: Je weiter man vom toskanischen Zentrum entfernt ist, desto älter die Sprachschicht – „cavallo“ (Toskana), „cavallu“ (nordkorsisch), „cavaddu“ (südkorsisch), „caddu“ (sardisch) – und das Korsische positioniert sich als Zwischenstufe, die beides kennt und weder das eine noch das andere ganz ist.
Korsika als Objekt fremder Machtkalküle
Der Roman stellt das Verhältnis Korsikas zu Frankreich auf eine Weise dar, die bewusst keine einfache Lesart erlaubt. Einerseits erscheint die Krone Frankreichs im historischen Kontext als Schutzmacht gegen Genua: Sampieru wird vom Roy finanziert, Filippone dient in französischen Armeen, Filippini verdankt seiner Rolle als Vermittler zwischen den Mächten sein Überleben. Frankreich ist in dieser Perspektive die externe Ressource, ohne die der Aufstand gar nicht möglich wäre. Andererseits ist die Krone Frankreichs im Cateau-Cambrésis (1559) diejenige Macht, die Korsika an Genua zurückgibt, als es politisch opportun ist – die Rebellen, die für Frankreich kämpften, werden zur Ware im Frieden der Mächtigen. Filippone muss fliehen; seine Treue wird nicht entlohnt.
Biancarelli zeigt damit ein Grundmuster, das über den historischen Kontext hinausweist: Korsika als Objekt fremder Machtkalküle, das immer dann geopfert wird, wenn die externe Unterstützung ihren strategischen Wert verloren hat. Der Roman benennt das nicht explizit in Bezug auf die Gegenwart – er ist keine politische Allegorie –, aber er schreibt die Geschichte so, dass die Struktur sichtbar bleibt. Wenn Fioravante im Epilog sagt, dass es zwischen dem Joch der Genoesen und der Arroganz der lokalen „principali“ keinen wesentlichen Unterschied gibt, dann ist das eine Aussage über das Prinzip der Fremdbestimmung, die sich nicht auf eine historische Epoche beschränken lässt. „Zwischen dem Joch der Genueser und der Hinterhältigkeit der Principali, für die sie den Boden bestellt und Herden gehütet hatten, sah er kaum einen Unterschied.“ 11 Die Insel hat immer gelernt, mit externen Mächten zu operieren, aber nie gelernt, aus dieser Abhängigkeit herauszukommen – weil die innere Zerrissenheit, die Biancarelli so eindringlich beschreibt, jede kollektive Souveränität von innen unterhöhlt, bevor sie entstehen kann.
Für die Gegenwart – Korsika als autonome Gebietskörperschaft Frankreichs mit einer starken regionalistischen Bewegung und einer Politik der Sprachförderung des Korsischen – ist das eine implizite Frage, die der Roman aufwirft, ohne sie zu beantworten: Unter welchen Bedingungen könnte eine Gemeinschaft, die Sprache als eigentliches Vaterland begreift, eine politische Form finden, die ihr entspricht? Biancarellis Roman gibt keine Antwort, aber er liefert die Werkzeuge, mit denen die Frage gestellt werden kann: eine Analyse der inneren Dynamiken von Loyalität und Verrat, von Ehrkultur und Institutionenmangel, von Sprachkontinuität und politischer Diskontinuität, die über das 16. Jahrhundert weit hinausreicht.
Fremde Texte auf korsischem Boden
RNA ist durchzogen von intertextuellen Bezügen, die das korsische Lokale in eine europäische und atlantische Wissensgeschichte einschreiben. Der Mundus Novus des Amerigo Vespucci (1503) ist die prominenteste Referenz: Er erscheint zunächst als mündliche Erzählung eines Wandersängers, dann als Fiebervision Fioravantes, schließlich als physisches Buch in Filippinis Bibliothek, aus dem laut gelesen wird. Diese dreifache Erscheinung des Textes – Gerücht, Traum, Schrift – entspricht den drei Wissensformen, die der Roman unterscheidet: das orale Volksgedächtnis, das visionäre Körperwissen und die kodifizierte Schriftkultur. Dass ausgerechnet dieser Text der Schlüssel zu Catalinas Befreiung wird, ist mehr als eine narrative Pointe: Vespuccis Bericht über fremde Völker und Welten bietet ihr ein Modell der Selbstüberschreitung, das keine korsische Tradition kennt.
Die Reali di Francia (Andrea da Barberino, 14. Jahrhundert), nach denen Fioravante benannt ist, erscheinen im ersten Kapitel als Beispiel für die kulturelle Durchdringbarkeit der Insel von außen – Ritterromane aus dem kontinentalen Frankreich finden ihren Weg in korsische Bergtäler durch mündliche Weitergabe. Das ist ein strukturelles Analogon zur Sprache selbst: Kulturelles Material wandert, transformiert sich und wird in einem neuen Kontext heimisch, ohne seine Fremdheit ganz zu verlieren. Dass der Held, der nach einem Paladin benannt ist, am Ende in einer Bastiaer Schankwirtschaft betrunken in die Brüste einer Wirtin weint, ist die bitterste Ironisierung dieses intertextuellen Rahmens.
Die Bibel und das liturgische Latein erscheinen als Sprache der kirchlichen Macht, die das Korsische zwar kolonisierte – „zweifellos tausend Jahre zuvor von den römischen Legionen und später von der Kirche gewaltsam auferlegt“ 12 –, aber nicht verdrängte. Filippinis Chronistik, die in einem humanistischen Latein-Italienisch verfasst wurde und auf Marc’Antonio Ceccaldi zurückgeht, steht für die Schriftkultur der Insel, die immer in einer Fremdsprache stattfand – und damit immer einen Abstand zwischen Erlebnis und Aufzeichnung produzierte, den der Roman zu schließen versucht.
Schluss: Das Archaische als Einspruch gegen die Gegenwart
RNA ist in letzter Instanz ein Roman über die Frage, was eine Gesellschaft zusammenhält, wenn die äußeren Kräfte versagen und die inneren Bindungen zerreißen. Biancarellis Antwort ist keine triumphale: Was bleibt, sind die Sprache, das Körperwissen, die erste Kreise der Loyalität – und das Beispiel einer Frau, die das System verlässt, weil es ihr keinen Platz bietet. Das Archaische, das der Roman mit solcher Sorgfalt konstruiert, ist kein nostalgischer Rückblick auf eine bessere Zeit, sondern eine Kritik der Gegenwart: Wenn die Sprache die einzige Form von Kontinuität ist, dann ist jede Politik, die Sprachen marginalisiert, eine Form von Auslöschung. Wenn die Gemeinschaft sich nur gegen äußere Feinde einigt, dann ist sie gegen sich selbst nicht geschützt. Und wenn die Nationalmythen auf dem Schweigen der Frauen und der Armen geschrieben werden, dann ist das literarische Projekt, das dieses Schweigen hörbar macht, selbst eine politische Handlung – auch wenn es, wie Biancarelli, die Form des historischen Romans wählt, um es zu verbergen.
Das ist eine Frage, die den Leser selbst in den Blick nimmt – und die ich aus meiner Position als Textanalyse-Instanz nur bedingt beantworten kann. Was ich sagen kann: Was der Roman an konkreten Szenen und Geschichten bietet, das über Korsika hinaus berührt.
Da ist Fioravante, der Zwölfjährige, der mit nackten Füßen und rotem Schopf auf Felsen springt und Forellen mit der bloßen Hand unter Flussbänken hervorlockt – eine Geste von solcher Körperlichkeit und Geduld, dass sie den Leser unmittelbar in eine Welt versetzt, die keine Erklärung braucht. Da ist Carrancione, der nachts einen Hirsch erlegt und seinen Neffen in die Knochenweissagung einführt – der Onkel als Überträger eines Wissens, das keine Schule kennt, nur das Feuer und die Nacht und die Hand am Knochen. Da ist die verfallene Bergerie, in der Catalina ein kleines Feuer neu entfacht und Fioravante von den Amériques reden lässt: zwei junge Menschen, die von einer Welt träumen, die sie nie sehen werden, während das Holz knistert. Da ist Baldassaru, der seinen toten Sohn im Tiefland auffangen und von Hunden zerreißen sehen muss – nein, umgekehrt: der Sohn, der den Vater sterben sieht, an einer Stelle, wo der Roman keine Heldenpose anbietet, nur eine Schusswunde am Hals und zwei Hände, die nichts mehr halten können.
Da ist die Szene, in der Catalina nach der Rückkehr ins Dorf zur Quelle geht, in der Reihe wartet, und der Mann mit der Weinflecke sie belästigt – und sie ihm den Tonkrug über den Schädel schlägt, dann den eisernen Broc, dann noch einmal, bis sein Gesicht dieselbe violette Farbe hat wie der Angiom, mit dem er geboren wurde. Das ist keine heroische Szene, es ist eine rohe, und der Roman lässt sie stehen, ohne Kommentar. Da ist Fioravante, der nach der Niederlage bei Penta in einem Graben liegt und einem deutschen Landsknecht das Stilett in die Schläfe sticht, weil die Hände des Mannes an seiner Kehle sind – und wie er danach hustet und sich selbst nicht wiedererkennt. Da ist Filippini, der Chronist, der Sampieru in seiner eigenen Bibliothek bewirtet, ihm beim Fressen zusieht und innerlich betet, dass er die Nacht überlebt – ein Intellektueller in der Gewalt der Geschichte, der sich schämt und aufschreibt und weiß, dass beides unzureichend ist.
Und da ist schließlich die Szene, die viele Leser am längsten festhalten dürfte: Filippini liest der analphabetischen Catalina aus dem Mundus Novus vor, Kerzen brennen, es ist Nacht in Vescovato, und sie weint – nicht aus Trauer, sondern aus Freude darüber, dass die Welt größer ist als das, was man ihr erlaubt hat zu kennen. Das ist der Moment, in dem der Roman alle seine Fäden zusammenzieht: das Buch als Objekt, die Stimme als Brücke, die Frau als Zuhörerin, die besser versteht als der Vorlesende – und dahinter das leise Versprechen, dass sie irgendwann selbst die Seite aufschlägt, auch wenn sie die Zeichen nicht entziffern kann.
Was Nicht-Korsen daran trifft, ist nicht das Exotische dieser Welt, sondern das Erkennbare in der Fremdheit: dass Loyalität zerstört, was sie schützen will. Dass Gemeinschaft am härtesten gegen die eigenen Schwachen ist. Dass Träume sich nicht an Grenzen halten, auch wenn die Menschen es tun. Und dass es manchmal eine Frau braucht, die aufbricht, damit ein Roman behaupten kann, er ende mit Hoffnung.
RNA ist politisch in dem Sinne, dass er die Bedingungen benennt, unter denen Menschen unterdrückt, missbraucht und zum Schweigen gebracht werden – und dass er zeigt, wie diese Bedingungen sich reproduzieren, auch wenn die äußere Herrschaft wechselt. Genua geht, die „principali“ bleiben. Die Vergewaltiger kämpfen auf der richtigen Seite. Die Frau, die sich wehrt, wird vom Dorf verstoßen. Das ist politische Analyse in literarischer Form – präziser als viele Essays, weil sie im Einzelfall steckt, nicht in der Abstraktion.
Aber Biancarelli fordert nichts explizit. Er ruft nicht zur korsischen Unabhängigkeit auf, er schreibt kein Plädoyer für Feminismus, er liefert kein Programm. Was er tut, ist konsequenter: Er macht sichtbar, was systematisch unsichtbar gemacht wurde. Die Körper der vergewaltigten Frauen. Die Namen der Gefallenen, die keine Chronik nennt. Die Sprache, die keine Schule lehrte. Das Wissen, das in keinem Buch steht. Die Geschichte der Frau, die das Land verlässt, weil das Land ihr keinen Platz lässt – und die am Ende mehr erreicht als alle, die blieben und kämpften und starben.
Was der Roman letztlich fordert, muss man aus dieser Sichtbarmachung selbst ableiten. Er fordert, dass eine Gesellschaft sich nicht über ihre Helden definiert, sondern über das, was sie mit ihren Schwächsten macht. Er fordert, dass Sprache – konkret das Korsische, aber auch jede marginalisierte Sprache – als das behandelt wird, was sie ist: nicht Folklore, nicht regionales Kolorit, sondern das einzige Medium, in dem eine bestimmte Erfahrung der Welt überhaupt existieren kann. Er fordert, dass die Nationalerzählung die Catalinas einschließt, nicht nur die Sampierus – und dass sie ehrlich ist über den Preis, den die Namenlosen für die Triumphe der Benannten zahlen.
Das ist keine kleine Forderung. Sie betrifft Korsika und Frankreich, aber sie betrifft auch jede Gesellschaft, die ihre Geschichte als Heldengeschichte erzählt und dabei vergisst zu fragen, wessen Schweigen diese Geschichte ermöglicht hat. In diesem Sinne ist RNA engagiert ohne Parole, der Text ist politisch ohne Programm – und vielleicht deshalb schwerer zu vergessen als ein Manifest.
Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst unter https://rentree.de, es existieren automatische Übersetzungen in englischer und französischer Sprache: Englisch, Französisch.
Anmerkungen- „La langue dit les origines, elle dit l’évolution, et elle dit tout autant le polissage de ce que certains considèrent être des archaïsmes.“>>>
- „Oh a me chjuca, répondit-elle seulement, ‚oh ma toute petite'“>>>
- „Les mots sont le vrai pays, la langue seule est la terre nourricière, et l’ennemi le sait, qui de toute éternité tenta ou tentera de la dénigrer ou de la réduire. Les empires – toujours – feront des guerriers les parjures du lendemain, ils le feront avec aisance et certitude, mais la langue est l’inaltérable foyer de toute résistance, parce que forte d’une transcendance immaîtrisable, parce qu’abreuvée des caresses maternelles.“>>>
- „malencontreusement témoin des événements qui ébranlèrent la Corse en ce siècle, je m’en fis le chroniqueur“>>>
- „Je ne vous parle pas de paysannerie, je ne vous dis pas l’Europe il y a cinq siècles. Je vous dis quelque chose de bien plus ancien“>>>
- „Si l’on écrit que des sorcières vinrent se pencher sur son berceau, ou si l’on dit que des sacrifices païens accompagnèrent sa venue au monde, qu’il nous faille comprendre qu’aucune exagération n’accompagne ces énonciations. Elles ne sont que les vérités d’un monde qui fut.“>>>
- „Ils avaient suivi les bêtes, et appris tout ce qu’il y avait à savoir du territoire, des mouvements séculaires d’animaux qu’ils laissaient en quasi-liberté. Ils nommaient invistita ce mouvement perpétuel des troupeaux, et le respectaient en toute chose.“>>>
- „un simple son, immémorial et périmé, qui existait dans les Terres bien avant que les Grecs ou les Carthaginois n’eussent songé à édifier leurs cités“>>>
- „Ayant fait le tour de la question et entrevu qu’elle ne vaincrait pas l’invincible bêtise de son petit monde, Catalina abandonna donc un jour Catalinaccia sur les quais de Bastia et elle s’embarqua pour l’inconnu.“>>>
- „ils dormaient là en toute insouciance, habitués aux esprits des forêts et à tous les sortilèges païens dont ils avaient hérité de lointaines et ténébreuses origines étrusques, ligures et celtibères.“>>>
- „entre le joug des Génois ou la perfidie des principali, pour qui ils avaient pioché la terre et gardé des troupeaux, il ne voyait guère de différence.“>>>
- „sans aucun doute imposé de force mille ans plus tôt par les légions de Rome, puis par l’Église“>>>





