Wahlnacht vor dem Abgrund: Herrschaft, Droge und Autorschaft bei John Jefferson Selve

John Jefferson Selves’ „La matière humaine“ (Gallimard, 2026) spielt an einem einzigen Wochenende im Frankreich der nahen Zukunft, unmittelbar vor einer Präsidentschaftswahl, deren Ausgang längst festzustehen scheint. Über Paris liegt der erwartete Sieg der extremen Rechten wie ein düsteres Verhängnis: Die Hauptstadt erscheint als erschöpfte „Parodie der Parodie“, geprägt von sozialer Spaltung, kultureller Selbstbespiegelung und politischer Resignation. Vor diesem Hintergrund erzählt der Roman von drei entwurzelten Figuren, deren Schicksale durch den Tod eines kindlichen Drogenkuriers miteinander verbunden sind. Aus ihrer Perspektive entsteht das Bild eines Landes, in dem verdrängte Konflikte um Klasse, Rassismus, Kolonialgeschichte und staatliche Gewalt mit neuer Wucht an die Oberfläche drängen. Die Rezension liest „La matière humaine“ als politische Diagnose eines Frankreichs, das dem Triumph der extremen Rechten nicht mit Widerstand, sondern mit Betäubung begegnet. Zentral ist dabei die These, dass die Droge im Roman weit mehr als ein Motiv darstellt: Sie tritt als erzählende und herrschende Instanz auf, die eine Gesellschaft beherrscht, deren politische Ohnmacht sich in chemische Anästhesie verwandelt hat. Die Wahlnacht bildet den Fluchtpunkt dieser Diagnose. Bemerkenswerterweise verweigert der Roman die Nennung des eigentlichen Wahlergebnisses und inszeniert es stattdessen als Geräusch, Jubel und kollektiven Rausch – als Symptom eines tieferliegenden gesellschaftlichen Zustands. Die Besprechung zeigt, wie Selve aus dieser Konstellation eine ebenso politische wie poetologische Reflexion entwickelt: Der Tod des Kindes und die Geburt der Schrift erscheinen als zwei Seiten derselben Bewegung, in der sich die Möglichkeit von Aufmerksamkeit gegen die Logik der Betäubung behauptet. So verbindet „La matière humaine“ politische Endzeitvision, Gesellschaftskritik und Autorschaftserzählung zu einem Roman, der dem Verhängnis der Wahlnacht schließlich nur eine fragile, aber beharrliche Gegenfigur entgegenstellt: „L’espoir“.

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