Kommende Gemeinschaft: androgynes Beharren bei Nina Bouraoui

In „Championne“ (JC Lattès, 2026) erzählt Nina Bouraoui, in einem langen, an ein imaginäres „vous“ gerichteten Monolog, von einer androgynen Jugendlichen, die Abend für Abend Bälle gegen eine Mauer schlägt, um einem Alltag zwischen gewalttätigem Vater, besitzergreifender Mutter, einer an einen gefährlichen Mann gebundenen Schwester und einem namenlos bleibenden, offen frauenfeindlichen Land zu entkommen, während sie sich, jenseits eines imaginären Bergs, ein „Monde des femmes“ erträumt, in dem auch androgyne Körper einen Platz hätten; der Aufsatz argumentiert, dass die eigentliche Leistung des Romans nicht in seiner Handlung, sondern in seiner Form liegt, und verfolgt diese These entlang vier Leitfragen zum Verhältnis von sportlichem Training und psychischer Anerkennungssuche, zur namenlosen Figurenkonstellation, zur Funktion einer sich ihrer eigenen Unwahrscheinlichkeit bewussten Utopie und zum Verhältnis von gesprochenem Zeugnis und geschriebenem Buch, indem er zunächst die Poetik der Wiederholung und die homodiegetische Erzählstimme als sprachliche Übersetzung des nie perfektionierbaren Schlagtrainings liest und in einem Exkurs die aktiv inszenierte, über einen zweiten Namen und die franko-algerische Zerrissenheit hergestellte Androgynie der Erzählerin in Bouraouis frühem Buch „Garçon manqué“ der ungespaltenen, körperlich gegebenen und auf eine zukünftige Gemeinschaft hin geöffneten Androgynie in „Championne“ gegenüberstellt, um sodann die Figurenkonstellation um Vater, Mutter, Trainer und gedemütigte Gärtnerstochter als Ordnung von Blicken und Geschlechterhierarchien, Raum- und Zeitstruktur als Übersetzung von Blutsbanden und einer ins Allgemeine geöffneten Gewaltgeographie sowie die autopoetologische Verschränkung von halluzinogener Pflanze, Zeugenschaft und Anrede als Selbstentwurf des Romans zur sprachlichen Rettung zu deuten.

➙ Zum Artikel

Lesbische Literatur als Verfahren: zu Lou Lootgieters subjektiver Kartographie des Verborgenen

Lou Lootgieters Sammlung „Les Dessous lesbiens de la littérature“ (2026) zeigt anhand von 29 frankophonen Texten seit dem 19. Jahrhundert eine bewusst subjektive, nicht-chronologische Kartographie lesbischer Schreibweisen, die journalistische Recherche, Interviews und close readings verbindet. Im Zentrum stehen wiederkehrende Strategien, mit denen Autorinnen lesbisches Begehren unter Bedingungen von Zensur und Unsichtbarkeit artikulieren: So liest Lootgieter Rachildes „Monsieur Vénus“ (1884) als frühe Figuration von „Monstrosität“ als Chiffre eines noch sprachlosen Begehrens, während sie in Monique Wittigs „L’Opoponax“ (1964) die grammatische Neutralisierung von Geschlecht als literarisches „Trojanisches Pferd“ interpretiert. An Beispielen wie Amélie Nothombs „Stupeur et tremblements“ (1999), dessen homoerotische Spannung von der zeitgenössischen Kritik ignoriert wurde, oder Violette Leducs zensierter Internatserzählung „Thérèse et Isabelle“ zeigt der Band, wie stark Rezeption und Publikationsgeschichte zur Unsichtbarmachung beitragen. Zugleich verschiebt sich die Perspektive im Verlauf der vier Kapitel von Verschleierungstechniken hin zu offenen politischen Positionen, etwa in Constance Debrés „Love Me Tender“ (2020), das Heterosexualität als soziales Regime explizit zurückweist. Theoretische Bezugspunkte – von Judith Butler über Monique Wittig bis zu Paul B. Preciado – bleiben dabei bewusst fragmentarisch und werden eher als Resonanzraum denn als systematischer Rahmen eingesetzt. Zudem werden quer dazu auch das Verhältnis zu männlicher Homosexualität, innerfeministische Konfliktlinien sowie Fragen von Transinklusion und -exklusion punktuell mitverhandelt. Die Rezension arbeitet diese Spannungen zwischen Materialfülle und fehlender methodischer Synthese ebenso heraus wie den Erkenntniswert des Bandes als Fundus bislang marginalisierter Texte, Rezeptionsdokumente und Gesprächsperspektiven für die literaturwissenschaftliche Weiterarbeit.

➙ Zum Artikel
Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.