Kommende Gemeinschaft: androgynes Beharren bei Nina Bouraoui
In „Championne“ (JC Lattès, 2026) erzählt Nina Bouraoui, in einem langen, an ein imaginäres „vous“ gerichteten Monolog, von einer androgynen Jugendlichen, die Abend für Abend Bälle gegen eine Mauer schlägt, um einem Alltag zwischen gewalttätigem Vater, besitzergreifender Mutter, einer an einen gefährlichen Mann gebundenen Schwester und einem namenlos bleibenden, offen frauenfeindlichen Land zu entkommen, während sie sich, jenseits eines imaginären Bergs, ein „Monde des femmes“ erträumt, in dem auch androgyne Körper einen Platz hätten; der Aufsatz argumentiert, dass die eigentliche Leistung des Romans nicht in seiner Handlung, sondern in seiner Form liegt, und verfolgt diese These entlang vier Leitfragen zum Verhältnis von sportlichem Training und psychischer Anerkennungssuche, zur namenlosen Figurenkonstellation, zur Funktion einer sich ihrer eigenen Unwahrscheinlichkeit bewussten Utopie und zum Verhältnis von gesprochenem Zeugnis und geschriebenem Buch, indem er zunächst die Poetik der Wiederholung und die homodiegetische Erzählstimme als sprachliche Übersetzung des nie perfektionierbaren Schlagtrainings liest und in einem Exkurs die aktiv inszenierte, über einen zweiten Namen und die franko-algerische Zerrissenheit hergestellte Androgynie der Erzählerin in Bouraouis frühem Buch „Garçon manqué“ der ungespaltenen, körperlich gegebenen und auf eine zukünftige Gemeinschaft hin geöffneten Androgynie in „Championne“ gegenüberstellt, um sodann die Figurenkonstellation um Vater, Mutter, Trainer und gedemütigte Gärtnerstochter als Ordnung von Blicken und Geschlechterhierarchien, Raum- und Zeitstruktur als Übersetzung von Blutsbanden und einer ins Allgemeine geöffneten Gewaltgeographie sowie die autopoetologische Verschränkung von halluzinogener Pflanze, Zeugenschaft und Anrede als Selbstentwurf des Romans zur sprachlichen Rettung zu deuten.
➙ Zum Artikel