Lesbische Literatur als Verfahren: zu Lou Lootgieters subjektiver Kartographie des Verborgenen

Lou Lootgieters Sammlung „Les Dessous lesbiens de la littérature“ (2026) zeigt anhand von 29 frankophonen Texten seit dem 19. Jahrhundert eine bewusst subjektive, nicht-chronologische Kartographie lesbischer Schreibweisen, die journalistische Recherche, Interviews und close readings verbindet. Im Zentrum stehen wiederkehrende Strategien, mit denen Autorinnen lesbisches Begehren unter Bedingungen von Zensur und Unsichtbarkeit artikulieren: So liest Lootgieter Rachildes „Monsieur Vénus“ (1884) als frühe Figuration von „Monstrosität“ als Chiffre eines noch sprachlosen Begehrens, während sie in Monique Wittigs „L’Opoponax“ (1964) die grammatische Neutralisierung von Geschlecht als literarisches „Trojanisches Pferd“ interpretiert. An Beispielen wie Amélie Nothombs „Stupeur et tremblements“ (1999), dessen homoerotische Spannung von der zeitgenössischen Kritik ignoriert wurde, oder Violette Leducs zensierter Internatserzählung „Thérèse et Isabelle“ zeigt der Band, wie stark Rezeption und Publikationsgeschichte zur Unsichtbarmachung beitragen. Zugleich verschiebt sich die Perspektive im Verlauf der vier Kapitel von Verschleierungstechniken hin zu offenen politischen Positionen, etwa in Constance Debrés „Love Me Tender“ (2020), das Heterosexualität als soziales Regime explizit zurückweist. Theoretische Bezugspunkte – von Judith Butler über Monique Wittig bis zu Paul B. Preciado – bleiben dabei bewusst fragmentarisch und werden eher als Resonanzraum denn als systematischer Rahmen eingesetzt. Zudem werden quer dazu auch das Verhältnis zu männlicher Homosexualität, innerfeministische Konfliktlinien sowie Fragen von Transinklusion und -exklusion punktuell mitverhandelt. Die Rezension arbeitet diese Spannungen zwischen Materialfülle und fehlender methodischer Synthese ebenso heraus wie den Erkenntniswert des Bandes als Fundus bislang marginalisierter Texte, Rezeptionsdokumente und Gesprächsperspektiven für die literaturwissenschaftliche Weiterarbeit.

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Endlichkeit und Neubeginn: Hélène Cixous

Hélène Cixous’ neues Buch „Ce qui n’était jamais arrivé“ (Gallimard, 2025) ist eine späte, erschütternde Meditation über Leben, Sprache und Tod – und zugleich ein poetisches Testament. „Ce qui n’était jamais arrivé“ ist ein Journal de la fin, aber zugleich ein Buch der Auferstehung. Während der Körper zerfällt, lebt die Sprache fort – unermüdlich, widerspenstig und zärtlich. Cixous lässt ihre Figuren – die Mutter Ève, den Vater Georges, den Bruder Pierre, die Katzen Haya und Isha – in einem lebendigen Totengespräch wiederkehren. Sie alle bewohnen den Zwischenraum von Traum und Erinnerung, sind „revenants“ in einem Theater aus Stimmen.

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Vergil und der Geruch des Großen Brandes

C’est le 16 Juillet je scrute le Journal du Ciel. Je note le nom de ce jour, ce matin il vit encore. Dans quelques jours, une semaine, au plus tard, il ne sera plus, j’aurai oublié son nom, je ne saurai plus son âge. En hâte prudente je l’inscris dans sa fraîcheur de 16 Juillet, il est 5 h 30, je vois une étoile, seule, nue, pure, un infime trou de lumière dans les ténèbres. Scintille comme le clin d’œil de l’actualité, un pétillement d’En-Haut. Seule mon imagination peut croire entendre l’Ukraine agoniser à l’Ouest. Je ne l’exerce pas. L’étoile et moi nous nous parlons. Je suis dans l’état de la disciple d’un Virgile du tout premier siècle des apocalypses, qui reçoit une lettre céleste.

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