Impressionismus als Widerstand: Pedro Kadivar

Pedro Kadivars Roman „Dernière année au pays natal“ (Gallimard 2026) erzählt das letzte Schuljahr eines Jugendlichen im iranischen Schiras des Jahres 1982 – gegliedert in vier Jahreszeiten, vom melancholischen Herbst über den erstarrten Winter und einen gefährlichen Frühling bis zum Sommer des Abschieds – und verschränkt diese erlebte Vergangenheit mit der erinnernden Rückschau eines Exilanten im heutigen Berlin. Auslöser ist das Foto eines als Märtyrer inszenierten toten Schulkameraden, das im Schulkorridor hängt und den Erzähler Jahrzehnte später als Heimsuchung wieder einholt. Die Interpretation deutet den Impressionismus – als Wahrnehmungsweise wie als Kompositionsprinzip des Romans – als die eigentliche politische Haltung gegen ein totalitäres Regime. Diese These wird auf mehreren Ebenen plausibilisiert, die sich gegenseitig stützen: strukturell über die Jahreszeitengliederung, die innere Reifung statt politische Chronik artikuliert; bildtheoretisch über die zentrale Opposition zwischen dem Propagandafoto des Toten und der lebendigen Malerei über eine Galerie von Malern (Cézanne, Van Gogh, Mondrian, Hockney), die ein verstecktes Bildungsprogramm des Sehens bilden; und über das namenlose, sensorisch beschriebene Begehren zwischen dem Protagonisten und dem Bruder des Toten, das jeder ideologischen Klassifizierung entgeht. Die ästhetische Form wird dabei gegen die Ideologie gelesen – gegen Eindeutigkeit, Abstraktion, Teleologie und Lärm –, weil er die Einzelbeobachtungen zu einem Prinzip bündelt: Ein Roman, der die einheitliche Perspektive verweigert, öffnet einen Raum der Freiheit. Das unwillkürliche Erinnern wird als traumatische Variante der Proust’schen „mémoire involontaire“ gefasst. So zeigt sich, wie kohärent der Roman seine ethische Grundfrage beantwortet: wie man seine Seele in einer zerfallenden Welt rettet, nicht philosophisch, sondern durch die Präzision des Sehens und die Verwandlung von Erfahrung in Form.

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