Holz und Asche: Les feuilles mortes und ein verschollener Flügel bei Sonia Devillers

Sonia Devillers erzählt in „Le fabuleux piano“ von der Suche nach einem Konzertflügel der Manufaktur Érard mit der Seriennummer 68037, den der Pariser Musikverleger Wilhelm Enoch 1892 erwarb und den die deutschen Besatzer 1943 aus der Wohnung seines Sohnes Daniel abtransportierten, nachdem französische Polizisten Daniel und Anna Enoch verhaftet hatten und beide in Auschwitz vergast worden waren. Ausgehend von einem Suchaufruf der Berkeley-Forscherin Carla Shapreau, von den Taschenkalendern des Enkels Jacques Enoch und von einer Fülle an Archivalien rekonstruiert eine Ich-Erzählerin drei Generationen einer assimilierten jüdischen Familie, den Raubapparat um Alfred Rosenberg und Herbert Gerigk, die vergebliche Rückgabe nach 1944 und den späten Welterfolg des Chansons „Les Feuilles mortes“. Sie spiegelt das alles im verlorenen Bechstein-Flügel ihrer rumänischen Großmutter. Der Aufsatz liest das Buch als Mischform aus Spurensuche, Familienroman und Selbstbefragung und vertritt die These, dass seine Erzählverfahren aus einer einzigen Leerstelle, dem fehlenden Instrument, ihre Form gewinnen. Die Ich-Stimme verhandelt zwischen belegtem Wissen und Einfühlung, die Montage aus Tagebuch, Brief, Behördenliste und Gespräch tritt dort an die Stelle der Szene, wo Erzählen zur Anmaßung würde, und die Stränge des Textes laufen kontrapunktisch nebeneinander her. Ein Bildfeld aus Holz, Ziffern, Feuer und Leere macht Entmenschlichung als Verdinglichung lesbar. Die Gestalt des Jacques Enoch, die Frauen am Rand der männlichen Erbfolge und die Anschlüsse an Berlioz sowie an Prévert und Kosma erweitern diesen Befund. Der Vergleich von Prolog und Epilog führt zur Schlussthese: Das Schreiben übernimmt die Stelle des verlorenen Instruments, und Worte füllen die ausgeräumten Räume.

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Es hat mich nie interessiert, Jüdin zu sein

Leur pays sur la carte

J’ai bien connu Harry et Gabriela. Après leur arrivée, ils n’ont plus quitté Paris où je suis la première de la famille à être née. J’allais dormir chez eux le samedi soir, dans un modeste appartement de la porte de Bagnolet, quartier populaire et délaissé. Ils avaient été des gens importants. Cela ne se voyait pas. Il fallait les croire sur parole, et je les croyais. Le papier peint défraîchi en disait long sur leur déclassement. Mais moi, enfant, je ne le percevais pas vraiment. Je comptais plutôt les tapis ouvragés, les napperons brodés et les assiettes peintes qui décoraient ces tristes murs du XXe arrondissement. La voilà, pour moi, la Roumanie : une multitude d’assiettes accrochées au mur.

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