Résumé
Andrea Orientes Roman „La nostra giovinezza“ (Sellerio 2026) erzählt in fünfzehn Monaten und einem Prolog, wie ein Schüler in eine neofaschistische Jugendsektion eintritt, um der Leere seines Alltags zu entkommen, und dort Liegestütze zählen, Symbole auswendig lernen und Verrat bestrafen lernt, bis er sich dem Freund und Mentor als Austrittswilliger offenbart und selbst geschlagen und verstoßen wird. Der Aufsatz liest das Buch als Roman über Gehorsam, nicht über Überzeugung: Die Gruppe nennt sich rebellisch und baut ein System aus Zeitplan, Rangordnung und Strafe, das den Neuling enger bindet als die Schule, aus der er flieht. Die Argumentation stützt sich auf vier Beobachtungen. Erstens kehrt der Roman die Logik des Initiationsromans um, denn die Schwelle des Anfangs wird am Ende in Gegenrichtung ein zweites Mal überschritten, mit fast wortgleichen Sätzen. Zweitens wird Ideologie nicht argumentiert, sondern über Räume, Körperhaltungen und Zählrituale eingeübt. Drittens ahmt die Form, mit Präsens, Ich-Perspektive, Befehlssyntax und eingeschobenen Wir-Passagen, den Mechanismus nach, den sie ausstellt, und lässt die Lesenden beim ersten Mitlachen die eigene Zustimmung bemerken. Viertens bindet das Feindbild die Gruppe und wird nach innen gewendet, bis jeder Zweifel als Gegner gilt. Ob das Schlusswort „solo libero“ eine Befreiung oder bloß eine Leerstelle meint, lässt der Roman offen, und der Aufsatz hält diese Offenheit als Ergebnis fest.
Ideologie wird eingeübt
Ein Schüler bückt sich unter einer niedrigen Tür hindurch, legt sein Telefon in einen Plastikbehälter und begreift in den ersten Minuten, dass er nur sprechen darf, wenn man es ihm gestattet. So beginnt Andrea Orientes Roman La nostra giovinezza (Palermo: Sellerio, 2026), und die Szene enthält das Problem des Buchs: Ein Jugendlicher tritt in eine neofaschistische Gruppe ein, um der Leere seines Alltags zu entkommen, und gerät in eine Ordnung, die ihn Monat für Monat enger bindet, bis sie ihn als Verräter hinauswirft. Der Text zählt fünfzehn Monate nach einem Prolog mit der Ziffer Null, verzichtet auf einen kommentierenden Erzähler und lässt die Gruppe in ihren eigenen Formeln sprechen. Wie lässt sich so erzählen, dass die Anziehungskraft der Gruppe verständlich wird und ihr Preis sichtbar bleibt?
Die Interpretation vertritt vier Thesen. Der Roman variiert das Muster des Initiationsromans, indem er die Schwelle am Ende ein zweites Mal überschreiten lässt, in Gegenrichtung und unter Schlägen. Ideologie wird eingeübt: Räume, Körperhaltungen, Zählrituale und Befehlsformen leisten die Überzeugungsarbeit, die Argumente schuldig bleiben. Die Form des Romans, also Präsens, Ich-Perspektive, Kurzsätze und eingeschobene Wir-Passagen, ahmt den Mechanismus nach, den sie ausstellt, und setzt die Lesenden an die Stelle des Mitlachenden. Das Feindbild bindet die Gruppe und wird nach innen gewendet, bis der eigene Zweifel als Gegner gilt. Ob das Ende eine Befreiung erzählt oder nur eine Leerstelle, ist die Frage, auf die die Untersuchung zuläuft.
Der Roman bleibt eng bei einer Sektion und einem Jugendlichen, und die Politik im großen Maßstab erscheint fast nur durch die Brille der Gruppe. Es gibt mehrere Stellen, an denen die Grenze zwischen Straßenmilieu und Parteipolitik durchlässig wird. Im neunten Monat heißt es im Wir-Stück, Parteien bräuchten Hände für die undankbaren Arbeiten, „Fratelli d’Italia“ wachse und beobachte die Gruppe, man habe Kontakte „ad Atreju“ geknüpft, und in den Listen sei „spazio“ 1. Im zehnten Monat besucht die Gruppe geschlossen eine Kundgebung Giorgia Melonis. Am Rand der Gedenkrituale stehen Politiker, die nie in den ersten Reihen stehen, damit sie niemand erkennt (S. 144). Die Gruppe selbst ist gespalten: Ein Teil will ins Parteileben, der Anführer hält dagegen, man sei „oltre“, radikaler und reiner (S. 145). Das Zeitungsstück in „Repubblica“ spiegelt die Debatte von außen.
Die Bewertung überlässt der Roman den Lesenden. Er montiert nur nebeneinander: Während die Parteiführerin von Gott, Vaterland und Familie spricht, erzählt ein Unterführer lachend von Misshandlungen (S. 131 f.). Ob das eine Aussage über die Partei ist oder über die Gruppe, die sich anlehnt, bleibt offen. Eine Kausalerzählung vom Aufstieg der Rechten bietet das Buch nicht. Die Aussagen über Verbindungen stammen außerdem aus dem Mund von Gruppenmitgliedern, die sich wichtig machen und deren Wahrnehmung der Text selbst als parteiisch ausstellt. Deshalb kann man den Text als Roman über die Mechanik deuten, mit der solche Milieus Nachwuchs binden, in einer Lage, in der Anschlussfähigkeit nach oben wieder denkbar scheint. Die politische Gegenwart liefert den Resonanzraum, der Gegenstand ist der Mikrokosmos. Das Motiv, das Gruppen öffentlich „den Faschismus zu verleugnen“ (S. 129), passt genau in diese Lage.
Fünfzehn Monate zwischen Eintritt und Verstoßung
Im Prolog betritt der Erzähler erstmals die Sektion von ScontroSistema, einem erfundenen Verein im Umfeld realer Organisationen der italienischen extremen Rechten. Der Mentor, ein Mitschüler, der ihn angeworben hat und im Text „il Novello più esperto“ heißt, führt ihn durch die ersten Rituale: Der Neuling sprüht ein Keltenkreuz an die Wand der „Bar Africa“, lernt, dass Fehler mit Liegestützen bezahlt werden, und bekommt die dreigeteilte Fahne als Kastenordnung erklärt. Was macht den Eintritt attraktiv, und was verlangt die Gruppe dafür?
Danach wächst er in die Gruppe hinein. Er geht bei einer Demonstration in der ersten Reihe und erhält vom Anführer Degrelles Schrift Militia. Nach einem missglückten Streitgespräch in der Stammbar bestellt er im Netz ein schwarzes Hemd. Im sechsten Monat prügeln die beiden Unterführer einen Novizen aus der Sektion, weil er kifft, im siebten lässt sich der Erzähler ein Liktorenbündel auf die Schulter tätowieren. Wie wird Zugehörigkeit zur Sache des Körpers, und wann wird aus Zusehen Mitschuld?
Der achte Monat bringt die Lesung des Dekalogs, bei der jede Regel mit Liegestützen quittiert wird und ein Novize zusammenbricht. Im neunten schmieren der Erzähler und der Mentor angetrunken Kreuze an ein Parteilokal der Demokraten und werfen Steine. Im zehnten besucht die Gruppe eine Kundgebung, und am Abend lockt der Erzähler einen ausgetretenen Kameraden telefonisch in einen Hinterhalt, bei dem er Schmiere steht. Wer entscheidet, was Verrat ist, und was bedeutet Treue in einer Gemeinschaft, die nur Strafe kennt?
Im dreizehnten Monat vergleicht der Anführer in einem Vortrag über die Freimaurer deren Anwerbung mit dem Fang von Ratten in einer Reuse, und der Erzähler fühlt sich selbst als Ratte. Im Kerzenspiel des vierzehnten wird erst der Mentor verprügelt, dann der Erzähler, der sich weigert, den Freund zu treten. Im fünfzehnten kündigt er dem Mentor in einem bürgerlichen Café den Austritt an, wird von den Unterführern in die Sektion zurückgeführt, misshandelt und flieht. Die letzten Zeilen halten fest, er sei allein, nur frei. Ist, wer die Tür hinter sich lässt, frei oder lediglich allein?
Die Schwelle als Bauprinzip
Der Roman steht in der Tradition des Initiationsromans und kehrt dessen Fortschrittslogik um: Wo der Bildungsroman durch Irrtümer zu einem erweiterten Selbstverständnis führt, lernt dieser Erzähler, immer weniger zu fragen. Arnold van Gennep beschreibt Übergangsriten in drei Phasen: Ablösung, Schwellenzustand, Eingliederung. Der Roman folgt dem Dreischritt auffällig genau. Die Ablösung geschieht beim Abgeben des Telefons und beim Verschweigen vor Mutter und Bruder, der Schwellenzustand heißt in der Gruppensprache „Novize“: Wer weniger als drei Jahre dabei ist, gilt als Novize, und wer sich nicht zeigt, bleibt eine Nummer (S. 22 f.). Die Eingliederung, vorbereitet durch Tätowierung und Dekalog, kommt nicht zustande, der Text endet mit dem Hinauswurf. Als Vergleichshorizont bieten sich Musils Zögling Törleß und Heinrich Manns Untertan an, doch steht hier eine Gruppe im Zentrum, die sich als Gegenentwurf zu jeder Autorität versteht.
Das Formprinzip ist die Schwelle. Schon der Prolog hält fest, dass man sich zum Eintreten beugen muss: „Die Tür ist niedrig. Man muss sich bücken, um einzutreten.“ 2 Im Bild liegt die Logik der Gruppe: Es gibt keinen Zwischenraum, und schon das Eintreten ist eine Unterwerfungsgeste. Die Handlung folgt einer Treppe, auf der jede Stufe eine Beteiligungsform mit einer Gewaltform verbindet. Im sechsten Monat steht der Erzähler mit den anderen an die Wand gedrückt: „Wir stehen reglos, an die Wand genagelt. Ohnmächtige Zeugen.“ 3 Im neunten wirft er selbst Steine, im zehnten sichert er einen Überfall ab und lacht mit den Tätern: „Ich lache mit ihnen, ein wenig aus Disziplin und ein wenig aus Angst.“ 4 Im vierzehnten verweigert er den Tritt gegen den Freund: „Ich kann nicht. Ich will nicht.“ 5 Im fünfzehnten ist er das Opfer. Jede Rolle hat einen Vorläufer in einer Szene, die er zuvor von außen erlebt hat, der Weg erscheint deshalb als Abfolge kleiner Zustimmungen und nicht als Absturz.
Die Zeitgestaltung stützt diesen Aufbau. Die Kapitel tragen Zählwörter statt Titel, „0“ und „Mese 1“ bis „Mese 15“. Die Gruppe zählt ständig, und der Text zählt mit: Minuten („Sechs Uhr achtundfünfzig.“ 6), Sekunden („Drei Minuten und acht Sekunden.“ 7), Zentimeter zwischen den Körpern, Liegestütze bis zehn. In der Sektion läuft eine andere Zeit als draußen: Der Erzähler hat weder Telefon noch Uhr, und solange der Anführer spricht, hält die Zeit an (S. 64). Während der Stunde im Dunkeln heißt es: „Die Sekunden vergehen für die Welt da draußen, für uns nicht.“ 8 Aufschlussreich ist die Verschiebung im dreizehnten Monat: Der Erzähler zählt jetzt „die wenigen freien Tage, die bleiben“ 9. Die Monate folgen einem Refrain aus Fehler, Befehl „Scendiamo!“, Zählen und erlösendem „Saliamo!“, und die Variation liegt in der Steigerung, von Liegestützen über Papierrollen unter Schlägen zum Kerzenspiel. Lernen heißt hier Ertragen: Wer bei der Prüfung über Militia bittet, einen Satz noch einmal lesen zu dürfen, erhält als Antwort den Befehl zum Zählen: „Könnten wir es noch einmal lesen?“ 10
Der Körper als Medium der Ideologie
Die Sektion ist so beschrieben, dass der Raum Haltung erzwingt: ein niedriges Zimmer mit Feuchtigkeitsfleck an der Decke, Plastikstühle, Plakate mit Gesichtern, Sätzen und Daten, ein futuristisches Wandbild hinter den Fotos von Degrelle, Codreanu und Mussolini (S. 11 f.). Im Bad hängt über der Toilette ein Schild „Massoneria“ (S. 89). Draußen liegen Gegenräume wie die Stammbar, das Tattoostudio im blinden Hof und am Ende ein helles Café mit Glastür und Marmorboden. Das Zuhause bildet den leisen Gegenpol: Der Erzähler schließt sich im Zimmer ein, versteckt Militia in der Schublade (S. 70) und das Tattoo unter langen Ärmeln. Die Wohnung wird zum Raum des Verschweigens, wie es die erste Regel des Dekalogs verlangt.
Die innere Geometrie der Gruppe ist Programm: „Die Geometrie der Gruppe ist der Widerschein des Ideals.“ 11 Abstände zwischen den Schultern werden in Zentimetern genannt, die Aufstellung wird mit dem ausgestreckten Arm vermessen. Dieselbe Logik tragen die Symbole. Das Keltenkreuz wird im ersten Monat als Diagramm erklärt: Der Kreis steht für den Alltag, der Querbalken für den „kleinen Krieg“ der Aktion, der Längsbalken für den „großen Krieg“, in dem der Feind im eigenen Kopf sitzt: „der wahre Feind ist in unserem Kopf“ 12. Wenige Seiten später malt der Erzähler die Figur selbst an die Wand der „Bar Africa“ und stellt fest: „Das erste Opfer ist vollbracht, und es ist schwarz.“ 13 Der Satz kleidet in die Sprache des Opfers eine Schmiererei, die Menschen treffen soll, und lässt ungesagt, was daran Gewalt ist. Diese Auslassung gehört zur Technik des Romans: Er überlässt die Bewertung den Lesenden.
Der Körper ist das Medium, in dem die Gruppe ihre Lehre schreibt. Die Liegestütze gelten als „heilige Geste“ und Sühneakt (S. 32), das Kollektiv als ein Leib: „Es gibt keinen Einzelnen.“ 14 Beschrieben werden sie in verblosen Reihungen, in denen Satzbau und Drill zusammenfallen: „Die Brustkörbe nah. Die Arme benachbart.“ 15 Wer leidet, soll es nicht zeigen: „Wir tragen Masken aus Stein.“ 16 Foucaults disziplinierte Körper und Goffmans totale Institution beschreiben dieses Gefüge, der Roman fügt die Selbstüberwachung hinzu. Als die Unterführer das Licht löschen und die Novizen stehen lassen, denkt der Erzähler: „Niemand sieht uns, vielleicht. Vielleicht doch.“ 17 Gehorsam bleibt ohne Aufseher stabil, weil der Zweifel genügt, ob jemand schaut. Das Tätowieren im siebten Monat führt die Ideologie in die Haut. Beim Abtupfen sieht der Erzähler das Blut im Papiertuch und erkennt darin die Fahne: „Ich sehe kein weißes, schmutziges Tuch, ich sehe die dreigeteilte Fahne.“ 18 Der Tätowierer bringt die Gegenstimme ein: „Man bezahlt mich, weil es Mode ist.“ 19 Das Symbol, das Ernst beansprucht, ist für ihn Dienstleistung, und der Erzähler schweigt. Die Papierrollen der späteren Monate treiben das Prinzip weiter. Der „Ideal“ genannte Stab wiegt fast vier Kilo: „Wo die Hand endet, beginnt der Stab: Das Ideal verlängert unsere Arme.“ 20
Auch die Kommunikationsformen gehören zu dieser Körperpolitik. Im Prolog wird die Asymmetrie festgelegt: „Du sprichst, wenn ich es dir erlaube.“ 21 Der Erzähler antwortet durch Nicken, Schweigen und Mitlachen, und das Muster „Rido anch’io“ wiederholt sich auf den ersten dreißig Seiten (S. 19, 27, 28) und kehrt im zehnten Monat verändert zurück (S. 132, 137). Die Reden der Gruppe folgen festen Genres: der Katechese, in der der Anführer fragt, der Novize erklärt und jeder Fehler Liegestütze kostet, der Totenliturgie mit dem dreifachen „Presente!“ (S. 142) und der Schlagzeile: „Worte. Wenige. Schroffe.“ 22 Gegenüber Außenstehenden regelt die Hierarchie, wer sprechen darf. Als ein Jugendlicher in der Stammbar fragt, wie Traditionalisten ihr Tun auf Instagram stellen können 23, weist der Mentor den Erzähler später zurecht, bei Fremden spreche, wer mehr wisse (S. 69). Zu Hause bleiben Fragen und Kurzantworten: „Warst du in der Sektion?“ 24
Die Geschlechterordnung der Gruppe ist soldatisch und eng. Frauen kommen selten vor und werden ausgegrenzt oder geprüft. Der Mentor erklärt in der Garagenstube: „Frauen sind nicht für körperliche Anstrengung gemacht. Sie sollen etwas anderes tun.“ 25 Eine Studentin aus Bologna steht bei den Strafen in Reih und Glied, ohne selbst zu büßen, und scheint doch mitzuleiden (S. 90). Zugleich zeigt der Text, was die Männlichkeitsnorm den Männern abverlangt. Der Mentor sagt nach Stunden der Strafe halb im Scherz, er wäre manchmal gern ein Mädchen 26, und im Kerzenspiel wirkt er, als ihn die Angst packt, „weniger männlich“ 27. Männlichkeit ist Leistung unter Beobachtung. Die erzwungene Nähe der Körper, das Streicheln des Tattoos durch den Mentor (S. 81), bleibt homosozial gerahmt und durch homophobe Abgrenzung gesichert: Über den Anführer heißt es, man wisse nichts, nur dass er nicht schwul sei (S. 63 f.). Klaus Theweleit las solche Männerbünde als Körperpanzer, die das Weiche in sich und außer sich abwehren. Dem hält der Roman die Mutter entgegen, die Fragen stellt, die der Sohn nicht beantwortet. Ein Vater kommt nicht vor, an seiner Stelle stehen der Anführer und der „General“ Degrelle. Die Widmung an eine „donna resistente dalla gentile voce ruvida“ ruft mit dem Adjektiv die Resistenza auf.
Das Ich im Chor und die Poetik des Befehls
Erzählt wird homodiegetisch im Präsens, mit interner Fokalisierung und ohne Rückschau. Der Erzähler weiß nur, was der Novize weiß, und seine Bewertungen sind die der Gruppe: Unmittelbar nach dem ersten Sprühauftrag schlägt sein Denken in die Herabsetzungssprache der Kameraden um (S. 25). Der Roman lässt das unkommentiert stehen und erzeugt dramatische Ironie. Die Lesenden sehen, was der Erzähler nicht sieht, etwa dass eine Gruppe, die Konsum und Mode verachtet, nach Marken gekleidet ist (Fred Perry, Stan Smith, Lyle & Scott) und dass er das schwarze Hemd, das „alle haben“, über eine Versandseite bestellt: „ich tippe: schwarzes Hemd“ 28. Weil er nur sein Mittun schildert und nie sein Urteil, müssen die Lesenden selbst urteilen.
Auffällig sind die kurzen Passagen, die jedes Monatskapitel beschließen. Sie haben die Gestalt von Lehrsätzen und Definitionen, stehen im Wir und lassen sich als Chor im Sinn der antiken Tragödie lesen, aber auch als Auszug aus dem Flugblatt, dem Genre der Gruppe selbst. Ihre Entwicklung bildet die Handlung noch einmal ab. Das erste Stück beginnt im Ich: „Ich bin drinnen und will bleiben.“ 29 Im vierten Monat schiebt sich ein einziger Ich-Satz in den Wir-Text: „Ich muss dasselbe tun.“ 30 Im dreizehnten setzt das Ich mit dem Wunsch ein, nicht mehr gegen sich selbst kämpfen zu müssen (S. 167), im vierzehnten wird aus dem Chor ein dreifacher Ruf: „Unser Ideal ist schmerzhaft!“ 31 Das letzte Stück ist als einziges in der Vergangenheit gehalten und endet: „Ich bin allein. Nur frei.“ 32 Der Bruch der Stimme geht dem Bruch der Handlung voraus: Die Zweifel melden sich im Textgerüst, bevor sie dem Erzähler als Entschluss zugänglich sind.
Die Figurenkonstellation ist als Pyramide angelegt: der Anführer, darunter zwei Unterführer als Nummer 1 und Nummer 2, dann die „Großen“, dann die Novizen. Individuiert wird durch Rang und Kleidung, kaum durch Namen. Der Erzähler bleibt namenlos bis S. 186, wo ihn ein Unterführer beim Schlagen anruft: „Alberto, sieh mir ins Gesicht!“ 33 Der Name taucht auf, als er nichts mehr gilt, so wie er zu Beginn die Namen der Neuen vergisst 34. Der Mentor ist Werber, Freund, Opfer des Kerzenspiels und zuletzt Richter, der die Freundschaft rückwirkend kündigt: „Du warst ein Kamerad, von heute an bist du ein Verräter.“ 35 Der blonde Novize, der zur selben Zeit eintritt, bietet die Gegenprobe: Ihm wird eine Neigung zur Unterordnung bescheinigt (S. 105), er zeigt, was der Erzähler hätte werden können. Die schwarzen Männer der „Bar Africa“ sprechen im Text nie. Das bildet die Perspektive der Gruppe ab und macht die Lücke sichtbar.
Die Gruppe lebt von ihrem Feind, und der Erzähler benennt das nach dem Vortrag über die Freimaurer nüchtern: „Wir müssen den Feind erkennen, ihn erschaffen.“ 36 Der Feind wechselt von Banken und NATO über die linke Konkurrenz an den Schulen und die Demokratie als Gift 37 bis zu den Freimaurern, denen jede Entwicklung der Gegenwart zugeschrieben wird. Wichtiger ist die Verlagerung nach innen: Das Keltenkreuz definiert den „großen Krieg“ als Kampf gegen die „Stimmchen“ im Kopf, die zu Aufgabe und Flucht raten. Damit wird jeder Zweifel, auch der der Mutter und der Freunde, als Feind kodiert. Eine Gruppe, die sich rebellisch nennt, besitzt so ein Immunsystem gegen Rebellion, und der Erzähler findet dafür im Schlussstück die Formel: „Die rebellische Gruppe verteidigt sich gegen jeden Rebellionsimpuls des Einzelnen.“ 38
Das Bild, das die Struktur des Buchs bündelt, ist die Rattenfalle. Der Anführer erklärt, wie Logen Mitglieder gewinnen: nicht mit Leim, der die Tiere tötet, sondern mit einer Reuse, die sie über Trichter in immer engere Gänge lenkt, bis sie nicht mehr nach einem Ausgang suchen (S. 164). Der Erzähler überträgt das auf sich: „Ich beginne, mich wie eine Ratte zu fühlen.“ 39 Ein Wir-Absatz schließt die Szene: „Die tote Ratte nützt nichts. Wir nützen lebendig.“ 40 Dazu gehört das Bild von Gefangenen, die die Spalten des Käfigs für Freiheit halten: „spiragli“ (S. 166). Dasselbe Wort kehrt in den letzten Zeilen des fünfzehnten Monats wieder, wenn aus der Tür ein schmaler Spalt kalten Lichts fällt 41. Vorsichtig gelesen entsteht daraus eine Spannung: Das Ende gibt dem Erzähler die Tür, hält aber das Wort bereit, mit dem der Text zuvor die Täuschung benannt hat. Auch der Roman verengt sich wie eine Reuse: Die Szenen wiederholen sich in steigender Härte, und die Lesenden gehen Schritt für Schritt hinein.
Die semantischen Felder lassen sich auf wenige Quellen zurückführen. Das militärische (Krieg, Schützengraben, Phalanx, Legionär) liefert die Selbstbeschreibung, das religiöse die Weihe: Die kalte Sektion verwandelt sich in einen Tempel 42, und über die Toten heißt es: „Das Martyrium ist ein Kult, eine Lebensweise.“ 43 Ein drittes Feld ist das des Hungers: „Wer heute Hunger hat, spricht.“ 44 wirbt um eine Generation, der es an Sinn fehlt, und die Gruppe nährt sie mit Schweiß, Bodenschmutz und Blut. Ein viertes, Licht und Dunkel, steuert das Kerzenspiel bei, „Ideale lucente“ bei brennender, „Ideale morto“ bei erloschener Kerze (S. 174 f.), zuletzt „ein faschistisches Schwarz“ 45.
Die Poetik des Romans folgt der Sprache, die er zeigt. Die Sätze sind kurz und häufig verblos („Gesichter. Sätze. Daten.“ 46), Aufzählungen übernehmen die Taktung von Befehlen, und Uhrzeiten, Markennamen und Zentimeterangaben erzeugen einen Dokumentarton, der die Wertung dem Kontext überlässt. Zur Selbstreflexion tragen die Schreibszenen bei: Der Erzähler sucht Schlagzeilen, malt Spruchbänder, faltet Flugblätter auf den Millimeter, sprüht ein Kreuz an eine Wand und lässt sich ein Symbol in die Haut stechen. Die Gruppe kennt zugleich eine Auslegungsdisziplin, in der jeder Satz nach vorgegebenem Sinn zu erklären ist und das Zurücklesen verboten bleibt. Der Roman setzt einen Gegensinn: Er will Lesende, die zurücklesen, und die fast wortgleiche Rahmung von Anfang und Ende fordert es ein. Das Motto am Schluss, ein Satz Spinozas, steht erst nach dem Text: Der befohlene Handlungsakt mache nicht ohne Weiteres zum Sklaven, vielmehr sei es das Motiv der Handlung, das versklave 47. Der Erzähler gehorcht bis zuletzt, sogar dem Befehl, die Unterführer in die Sektion zu begleiten: „Ich kann dem letzten Befehl nicht ungehorsam sein.“ 48 Der Gehorsam des letzten Gangs hat aber ein anderes Motiv als der des ersten Tages.
Die intertextuellen und intermedialen Bezüge liegen offen. Der Titel ruft den Hymnus „Giovinezza“ der faschistischen Partei auf, und das Possessivum „nostra“ macht aus einer Lebensphase ein Gruppeneigentum, das der Text als verbraucht ausweist. Auf einem Holzmöbel der Sektion liegen Codreanu, Evola, Mishima und Degrelles Militia (S. 149), Platon dient als Ahnherr der Kastenlehre (S. 43). Der Roman zeigt, wie diese Texte als Prüfstoff zirkulieren: Der Novize sagt Sätze auf, die er nur halb versteht. Die Filme der Gruppe bilden den Gegenpol: Taxi Driver beeindruckt den Erzähler wenig (S. 27), Fight Club wird als schon gezeigt abgelehnt (S. 16), The Founder soll in allen Teilen verachtet werden (S. 65 f.). Dass die erste Regel des Dekalogs „STA‘ ZITTO“ lautet (S. 98), klingt wie das Schweigegebot der Kampfgruppe in Fight Club nach. Im Monatsstück des neunten Kapitels heißt es, in der Öffentlichkeit müsse „die Existenz des Faschismus geleugnet“ werden 49. Analoges Ritual und digitale Selbstdarstellung stehen so nebeneinander, und die Instagram-Frage trifft deren Widerspruch.
Dieselbe Tür, ein anderer Blick
Der Roman rahmt sich selbst. Der Schluss des fünfzehnten Monats wiederholt den Anfang des Prologs: „Die Tür ist niedrig. Man muss sich bücken, um einzutreten.“ 50 Der Satz steht auf S. 11 und S. 186 gleichlautend, ebenso die Bestimmung der Schwelle als Filter ohne Zweideutigkeit. Die Wiederholung macht Unterschiede lesbar. Am Anfang gibt der Neuling sein Telefon ab, am Ende ist das Ritual überflüssig: „Niemand hält an, um das Telefon wegzulegen.“ 51 Am Anfang bleibt er nach der Sitzung allein zurück: „Niemand fordert mich auf mitzukommen.“ 52 Am Ende führen ihn drei Kameraden, und das Alleinsein ist in erzwungene Begleitung umgeschlagen. Das Schweigen wandelt sich von der Fügsamkeit zur Wahl: „Ich ziehe das Schweigen vor.“ 53 Auch der Raum ist derselbe geblieben, der Geschlagene blickt zur Decke: „Ich blicke zur niedrigen Decke.“ 54
Auch die Wörter der Verstoßung wiederholen sich. Den kiffenden Novizen schicken die Unterführer im sechsten Monat fort: „Raus. Verschwinde. Lass dich nicht mehr blicken.“ 55 Der Erzähler hört im fünfzehnten: „Lauf weg, Verräter. Raus. Lass dich nicht mehr blicken.“ 56 Was er einst als Zeuge sah, erleidet er als Opfer, und die Sprache der Gruppe erweist sich als Formular.
Das Ende bleibt darum mehrdeutig. Auf die Frage der Mutter, ob er in die Sektion gehe, antwortet er: „Nein. Ich gehe nicht mehr hin.“ 57 Ihre Antwort besteht aus Augen und Lächeln. Doch der Befreite geht unmittelbar in eine Demonstration, deren Plakat „Für deine Freiheit!“ 58 dem früheren Gruppenflugblatt nahekommt: „Kämpfe für deine Freiheit.“ 59 Das Schlussstück, das das Kreuz einen Betrug nennt, endet mit dem Satz „Ich bin allein. Nur frei.“ 60 Das italienische „solo“ ist doppeldeutig: „Solo libero“ kann „bloß frei“ und „allein frei“ heißen, und die Wiederholung legt Einsamkeit und Freiheit in dasselbe Wort.
Eine Gemeinschaft, die ihre Mitglieder aufbraucht
Der Roman erzählt den Verbrauch von Lebenszeit durch eine Ordnung, die Freiheit verspricht. Die Gruppe betreibt das Gegenteil dessen, was sie behauptet: Sie kämpft gegen „das System“ und baut ein System aus Zeitplan, Rangordnung, Strafe und Geheimhaltung, das strenger bindet als die Schule, aus der der Neuling flieht. Die Formel „gegen alles und alle“ 61 bezeichnet eine Technik, Zugehörigkeit herzustellen: Man schafft Feinde und verlegt den Zweifel in den eigenen Kopf. Das Buch zeigt diese Technik durch Nachahmung statt durch Kommentar: Präsens, Ich-Perspektive, Befehlssyntax und Wir-Chor setzen die Lesenden demselben Sog aus, dem der Erzähler unterliegt.
Das Ende verweigert zwei bequeme Lesarten. Der Erzähler verlässt die Ideologie, ohne sie zu widerlegen, als ihr Preis an Körper, Familie und Zeit sichtbar geworden ist, und er geht nicht unter, denn der Roman gibt ihm Mutter, Bruder und den Tag danach. Zurück bleiben ein Satz, der Freiheit und Einsamkeit in einem Wort verbindet, und ein Plakat, dessen Parolen an die früheren erinnern. Ob die Freiheit des Erzählers mehr ist als die Lücke, die die Gruppe hinterlässt, lässt der Roman offen. Das Possessivum im Titel erhält dadurch seinen letzten Sinn: Die Jugend, die „unsere“ heißt, gehört im Lauf des Buchs der Gruppe, und am Ende bleibt die Frage, wem sie von nun an gehören soll.
- S. 129 f.>>>
- „La porta è bassa. Ci si piega per entrare.“, S. 11>>>
- „Noi fermi, inchiodati al muro. Testimoni impotenti.“, S. 76>>>
- „Io rido con loro, un po‘ per disciplina e un po‘ per paura“, S. 137>>>
- „Non posso. Non voglio.“, S. 177>>>
- „Sei e cinquantotto.“, S. 25>>>
- „Tre minuti e otto secondi.“, S. 89>>>
- „I secondi passano per il mondo lì fuori, per noi no.“, S. 121>>>
- „oggi conto i pochi giorni liberi che restano“, S. 166>>>
- „Potremmo rileggerla?“, S. 92>>>
- „La geometria del gruppo è il riflesso dell’ideale.“, S. 148>>>
- „il vero nemico è nella nostra testa“, S. 22>>>
- „Il primo sacrificio è compiuto ed è nero.“, S. 25>>>
- „Non esiste il singolo“, S. 32>>>
- „Petti vicini. Braccia confinanti.“, S. 33>>>
- „Indossiamo delle maschere di pietra“, S. 34>>>
- „Nessuno ci vede, forse. Forse no.“, S. 121>>>
- „Non vedo un tovagliolo bianco sporco, vedo la bandiera tripartita“, S. 84>>>
- „mi pagano perché va di moda“, S. 85>>>
- „Dove finisce la mano, comincia il bastone: l’ideale prolunga le nostre braccia.“, S. 151>>>
- „Parli quando ti do il permesso“, S. 13>>>
- „Parole. Poche. Secche.“, S. 15>>>
- „come mai tutte le cose che fate sono su Instagram“, S. 68>>>
- „Sei stato in sezione?“, S. 113>>>
- „Le donne non son fatte per lo sforzo fisico. Devono fare altro.“, S. 124>>>
- „a volte vorrei essere una ragazza“, S. 124>>>
- „meno maschio“, S. 173>>>
- „digito: camicia nera“, S. 70>>>
- „Sono dentro e voglio restarci“, S. 31>>>
- „Devo fare lo stesso.“, S. 61>>>
- „Il nostro ideale è doloroso!“, S. 181>>>
- „Sono solo. Solo libero.“, S. 189>>>
- „Alberto. Guardami in faccia!“, S. 186>>>
- „Forse Luca, forse Carlo“, S. 13>>>
- „Eri un camerata, da oggi sei un traditore“, S. 183>>>
- „Noi abbiamo bisogno di riconoscere il nemico, di crearlo“, S. 162>>>
- „La democrazia è un veleno“, S. 145>>>
- „Il gruppo ribelle si difende da ogni istinto di ribellione del singolo“, S. 189>>>
- „inizio a sentirmi un topo“, S. 165>>>
- „Il topo morto non serve. Noi serviamo vivi.“, S. 166>>>
- „piccolo spiraglio di luce fredda“, S. 188>>>
- „si trasforma in tempio“, S. 64>>>
- „Il martirio è un culto, uno stile di vita“, S. 143>>>
- „Chi ha fame oggi parla“, S. 54>>>
- „Un nero fascista“, S. 180>>>
- „Volti. Frasi. Date.“, S. 11>>>
- „è invece il movente dell’azione che rende schiavi“>>>
- „non posso disubbidire all’ultimo ordine“, S. 185>>>
- „In pubblico dobbiamo negare l’esistenza del fascismo“, S. 129>>>
- „La porta è bassa. Ci si piega per entrare.“, S. 186>>>
- „Nessuno si ferma per mettere via il telefono“, S. 186>>>
- „Nessuno mi chiede di andare con loro“, S. 17>>>
- „Preferisco il silenzio“, S. 185>>>
- „guardo il soffitto basso“, S. 188>>>
- „Esci. Sparisci. Non farti più vedere.“, S. 76>>>
- „Scappa via, traditore. Esci. Non farti più vedere.“, S. 188>>>
- „No. Non vado più.“, S. 184>>>
- „PER LA TUA LIBERTÀ!“, S. 184>>>
- „Combatti per la tua libertà“, S. 16>>>
- „Sono solo. Solo libero.“, S. 189>>>
- „Contro tutto e tutti“, S. 51>>>





