Schweigen der Archive: verborgenes Begehren, historische Metafiktion und queere Erinnerung bei Pauline Valade
Pauline Valades Roman „Bruno et Jean“ (Actes Sud, 2024) geht von einer dürren Aktenlage aus: Der Schuhmachergeselle Bruno Lenoir und der Domestik Jean Diot wurden am 6. Juli 1750 auf der Place de Grève erdrosselt und verbrannt, als letzte in Frankreich wegen Homosexualität zum Tod Verurteilte. Für die Geschichte von Männlichkeiten zeigt der Roman, dass Männlichkeit im Paris von 1750 keine einheitliche Norm war, sondern ein Feld verschiedener Praktiken: Es reicht von der uniformierten, gewaltbereiten Männlichkeit des Guets über die körperliche Kraft des „fort des Halles“ bis zur Zärtlichkeit des Handwerkers, der vor seinem Geliebten kniet, und zu den travestierten Rollen der Kellerfeste, und es wird von den Männern der Justiz selbst heimlich unterlaufen. Damit erscheint Männlichkeit als Rolle, die im Alltag ausgehandelt, aufgeführt und überwacht wurde, und die homosexuelle Praxis gehört als Teil dieses Spektrums dazu, bevor sie im Recht zur Gegenfigur der „richtigen“ Männlichkeit gemacht und bestraft wird. Die Historikerin, die zuvor die verordnete Freude der Pariser Monarchiefeste erforscht hat, erfindet zu Verhörprotokoll, Urteil und Datum ein Leben hinzu: ein sinnlich dichtes Paris von 1749/50, eine Wahlfamilie aus Wäscherin, Schreiber und Findelkind, eine geheime Subkultur aus Kellern, Gärten und Cabarets. Der Aufsatz liest den Roman als Experiment an der Grenze von Geschichtsschreibung und Fiktion und verfolgt drei Spannungen: zwischen historiographischer Verantwortung und Imagination, zwischen unterdrücktem Begehren und den Codes, die es zugleich verbergen und überliefern, und zwischen der Sterblichkeit der Körper und der Dauer von Stein, Schrift und Akte. Er argumentiert, dass der Text Männlichkeit und Homosexualität nicht als Identitätskategorien vorführt, die es 1750 noch nicht gab, sondern als Praxis, Zugehörigkeit und Zeichensystem. Die Bildfelder von Feuer, Wasser, Stein und Klang sowie die Gegenüberstellung von Anfang und Schluss machen die Erinnerungsarbeit selbst zum Thema. Der Roman erscheint so als Gegenarchiv, das seine eigene Unvollkommenheit offenlegt und gerade dadurch Vertrauen gewinnt: Die Historiographie eines tabuisierten Begehrens stößt auf ein doppeltes Schweigen. Was nicht gesagt werden durfte, wurde nicht aufgeschrieben, und was die Justiz festhielt, hält nur die Sprache der Verfolgung fest, so dass die Betroffenen fast nur als Gegenstand von Protokollen überliefert sind. Valades Roman begegnet dieser Lage, indem er die Lücke nicht schließt, sondern als Methode ausstellt, und so zeigt, dass sich die Geschichte verborgener Liebe nur als Wechselspiel von Quellenkritik und eingestandener Imagination schreiben lässt.
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