Das zweite Dossier: Literatur als Gewaltarchiv in Mathias Énards Zone

Mathias Énards „Zone“ gilt gemeinhin als Ilias des Mittelmeerraums im 20. Jahrhundert – ein einziger, atemloser Satz über vierundzwanzig Gesänge, in dem ein ehemaliger Geheimdienstmann auf der Nachtfahrt von Mailand nach Rom sein Dossier über anderthalb Jahrzehnte Kriegsverbrechen ordnet, um es zu verkaufen und unter neuem Namen zu verschwinden; die Rezension liest den Roman gegen diesen naheliegenden Zugriff als eine über weite Strecken verdeckte Abhandlung über Literatur selbst und stützt diese These auf ein mehr als zwanzig Autoren umfassendes Personal – von Pound über Malaparte, Céline und Genet bis Kavafis und Burroughs –, das ein zweites, literarisches Dossier neben Mirkovics eigentlichem Aktenkoffer bildet, in dem jeder Name dieselbe Frage beantwortet: was ein Schriftsteller getan, gesehen oder verschwiegen haben muss, um über Gewalt zu schreiben; textnah entfaltet sie das an Malapartes zweifelhafter Kaputt-Anekdote über Ante Pavelić ebenso wie an Genets doppelter, kaum vereinbarer Erscheinung als Bohème-Berühmtheit im Vorkriegs-Barcelona und als „himmlischer Totengräber“ von Chatila, und gewinnt daraus drei Thesen – Literatur steht nie außerhalb der Gewalt, von der sie handelt; literarische Bildung erscheint als nachträgliches Konstrukt des erinnernden, nicht des erlebenden Ich; und die Nähe von Schreiben und Gewalt lässt sich nicht auf Komplizenschaft verkürzen, wie gerade Genet und das am Romanende offenbleibende Buch zeigen –, wobei das eigentliche argumentative Verdienst der Rezension in ihrem Vorgehen liegt: Sie nimmt jede Nennung einzeln beim Wort, bevor sie zu den drei übergreifenden Thesen verallgemeinert, ein induktives Verfahren, das ihren eigenen Anspruch auf textnahe Lektüre selbst einlöst, auch wenn die Auswahl der Belegstellen naturgemäß selektiv bleibt und sich gegenläufige Passagen finden ließen, in denen Literatur eher Trost oder bloßes Bildungskapital ist; gerade darin, diese Spannung nicht aufzulösen, sondern als Ergebnis stehen zu lassen, liegt die Pointe des Schlusses, dass der Roman die Frage nach Literatur und Gewalt nicht ein für alle Mal entscheidet, sondern von Autor zu Autor neu stellt.

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Ein Montaigne für jetzt

Ausgehend von der These einer „textuellen Mobilität“ klassischer Werke skizziert die Rezension zunächst anhand von Deutungen bei Michel Foucault, Antoine Compagnon, Tiphaine Samoyault und aktuellen politischen Aneignungen die außergewöhnliche Wandlungsfähigkeit von Michel de Montaignes Essais in Moderne und Gegenwart. Vor diesem Hintergrund wird der von Olav Krämer, Andrea Grewe und Susanne Schlünder herausgegebene Sammelband „Die internationale Rezeption von Michel de Montaignes Essais: Formen, Deutungen, Konjunkturen“ (De Gruyter, 2026) vorgestellt, der diese Beweglichkeit erstmals systematisch in internationaler Perspektive dokumentiert. Die Rezension konzentriert sich dabei insbesondere auf jene Beiträge, die die Rezeption Montaignes im 19. und 20. Jahrhundert sowie in gegenwärtigen philosophischen und politischen Diskursen untersuchen – etwa die Studien zu Flaubert, Nietzsche, Derrida und zur politischen Instrumentalisierung des Skeptikers. So erscheint der Band weniger als lückenlose Gesamtschau denn als materialreiche Grundlage für eine Geschichte der modernen Aneignungen Montaignes, die die eingangs entwickelte These bestätigt: Die Autorität der Essais beruht nicht auf einem fixierten Urtext, sondern auf ihrer fortwährenden Variation, Übersetzung und ideologischen Umdeutung.

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Apologie einer Wiederentdeckung: Célines verschollene Manuskripte und Véronique Chovin

Lucettes Erbe

Die literaturwissenschaftliche Forschung zum Werk Louis-Ferdinand Célines erfuhr jüngst eine signifikante Erweiterung durch eine Reihe unerwarteter Entdeckungen. Im Zentrum dieser „wundersamen Wiederauferstehung“ steht die Gestalt Véronique Chovins, deren persönliche Erzählung sich auf untrennbare Weise mit der des „verfluchten“ Schriftstellers und seiner Witwe, Lucette Almansor, verbindet. Chovin, die in den 1970er Jahren als Siebzehnjährige begann, Tanzunterricht bei Lucette in Meudon zu nehmen, entwickelte über Jahrzehnte hinweg eine „amitié indéfectible“ zu ihr. Diese Beziehung bildet den Rahmen für ein bemerkenswertes Kapitel der französischen Literaturgeschichte, das mit Lucettes Tod im Jahr 2019 seinen Ausgang nahm. Die darauffolgende „réapparition ‚miraculeuse‘ de manuscrits inédits de Céline, supposés perdus jusque-là“, die in der sensationellen Veröffentlichung von Guerre, Londres und La volonté du roi Krogold durch die Éditions Gallimard mündete, markiert nicht nur einen Wendepunkt in der Céline-Forschung, sondern auch einen Moment der Selbstreflexion über die Natur des literarischen Erbes und dessen Bewahrung. Eine Besprechung dieser Geschichte einer Wiederentdeckung aus der Perspektive Véronique Chovins hat ihre vielschichtige Rolle als Erbin und Hüterin dieses komplexen Vermächtnisses zu analysieren und dabei die Verflechtung von persönlichem Schicksal und literarischer Rezeption herauszuarbeiten. Inwiefern das Buch eine Rechtfertigungsschrift ist, die angemessen auf Kritik eingeht und die eigenen Maßstäbe nachvollziehbar macht oder ob es die Eigeninteressen von Chovin verschleiert, wird von den Lesern aufmerksam geprüft werden.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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