Das zweite Dossier: Literatur als Gewaltarchiv in Mathias Énards Zone

Mathias Énards „Zone“ gilt gemeinhin als Ilias des Mittelmeerraums im 20. Jahrhundert – ein einziger, atemloser Satz über vierundzwanzig Gesänge, in dem ein ehemaliger Geheimdienstmann auf der Nachtfahrt von Mailand nach Rom sein Dossier über anderthalb Jahrzehnte Kriegsverbrechen ordnet, um es zu verkaufen und unter neuem Namen zu verschwinden; die Rezension liest den Roman gegen diesen naheliegenden Zugriff als eine über weite Strecken verdeckte Abhandlung über Literatur selbst und stützt diese These auf ein mehr als zwanzig Autoren umfassendes Personal – von Pound über Malaparte, Céline und Genet bis Kavafis und Burroughs –, das ein zweites, literarisches Dossier neben Mirkovics eigentlichem Aktenkoffer bildet, in dem jeder Name dieselbe Frage beantwortet: was ein Schriftsteller getan, gesehen oder verschwiegen haben muss, um über Gewalt zu schreiben; textnah entfaltet sie das an Malapartes zweifelhafter Kaputt-Anekdote über Ante Pavelić ebenso wie an Genets doppelter, kaum vereinbarer Erscheinung als Bohème-Berühmtheit im Vorkriegs-Barcelona und als „himmlischer Totengräber“ von Chatila, und gewinnt daraus drei Thesen – Literatur steht nie außerhalb der Gewalt, von der sie handelt; literarische Bildung erscheint als nachträgliches Konstrukt des erinnernden, nicht des erlebenden Ich; und die Nähe von Schreiben und Gewalt lässt sich nicht auf Komplizenschaft verkürzen, wie gerade Genet und das am Romanende offenbleibende Buch zeigen –, wobei das eigentliche argumentative Verdienst der Rezension in ihrem Vorgehen liegt: Sie nimmt jede Nennung einzeln beim Wort, bevor sie zu den drei übergreifenden Thesen verallgemeinert, ein induktives Verfahren, das ihren eigenen Anspruch auf textnahe Lektüre selbst einlöst, auch wenn die Auswahl der Belegstellen naturgemäß selektiv bleibt und sich gegenläufige Passagen finden ließen, in denen Literatur eher Trost oder bloßes Bildungskapital ist; gerade darin, diese Spannung nicht aufzulösen, sondern als Ergebnis stehen zu lassen, liegt die Pointe des Schlusses, dass der Roman die Frage nach Literatur und Gewalt nicht ein für alle Mal entscheidet, sondern von Autor zu Autor neu stellt.

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Schönheit, Verderben und literarische Genealogie: Capotes Schuld, Aragons Abschied, Simon Liberati und Taïnés Tod

Simon Liberatis „New York City Inferno“ (Stock, 2026) schließt eine Romantrilogie ab, die mit „Les Démons“ (2020) im Paris der späten 1960er Jahre begann und über das Rom des Jahres 1970 („La Hyène du Capitole“, 2024) ins Manhattan der Jahre 1974–75 führt – ein New York am Wendepunkt zwischen Pop und Punk, zwischen dem letzten Glamour der Nachkriegskultur und der ersten dunklen Ahnung einer Epidemie, die noch keinen Namen hat. Im Zentrum stehen die russisch-stämmigen Geschwister Tcherepakine: Taïné, androgyn, toxikoman, proto-punk avant la lettre, die auf dem Schoner Elseneur in Palma de Mallorca stirbt, und Alexis, der vagabundierende Möchtegern-Schriftsteller, der am Ende Capotes Geld nimmt und das Buch zu schreiben beginnt, das der erste Band der Trilogie bereits ist – eine Möbius-Schlaufe, in der Entstehungsgeschichte und Werk untrennbar ineinandergreifen. Der Aufsatz interpretiert die Trilogie als zirkuläre Struktur: Das Buch, das Alexis am Ende des dritten Bandes ankündigt, trägt denselben Titel wie „Les Démons“, und diese Zirkularität ist eine poetologische Aussage – Literatur entsteht nicht aus der Leere, sondern aus dem Überleben, aus dem Material der Toten. Truman Capote, der im Roman als lebende Leiche erscheint und dem Schüler den apostolischen Auftrag erteilt, ist dabei die Schlüsselfigur: Liberati vollbringt, was Capote mit „Answered Prayers“ nicht konnte, weil der soziale Sieg das Schreiben unmöglich gemacht hatte – er schreibt den amerikanischen Proust als französischen, mit derselben Gesellschaftschronik, demselben Verrat, derselben Überzeugung, dass Klatsch eine literarische Form ist, aber mit der affektiven Aufladung, die Capotes klinischer Ironie fehlt. In dieser Konstellation erhält auch der kurze, halluzinatorisch schöne Auftritt Louis Aragons sein volles Gewicht: Der alte Kommunist, der durch eine beschlagene Fensterscheibe auf ein Balthus-Tableau schaut und Nerval-Verse summt, ist nicht nur eine intertextuelle Geste, sondern der Zeuge des Endes – der letzte Vertreter einer europäischen Literatur des Engagements, der sich von Bérénice (so hieß die Hauptfigur von Aragons „Aurélien“) verabschiedet, die bei Liberati anders als bei Aragon keine historische Märtyrerin ist, sondern eine rein ästhetische Vision der Jugend, die der alte Mann durch Glas sieht und nicht berühren kann, bevor er auf dem Sandweg verschwindet und eine Epoche mit sich nimmt.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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