Catherine Cusset und drei Lektüren von Prousts Recherche

Catherine Cusset legt mit „Ma vie avec Marcel Proust“ (Gallimard, 2025) keine Einführung in die „Recherche“ vor, sondern einen Essay, der Prousts Roman mit dem eigenen Leben vergleicht und nach drei Lektüren gegliedert ist: Mit fünfzehn liest sie ihn als Roman der Liebe, in dem die Analyse von Eifersucht, Warten und Schweigen ihrem Liebesleid eine Sprache gibt; mit zwanzig als Roman der Gesellschaft, dessen Komik sie entdeckt und in dem sie sich selbst, indiskret und gaffensüchtig, in der Figur des ungeschickten Bloch wiedererkennt; mit fünfzig als Roman des Schreibens, den sie nach dem Suizid eines Freundes liest, der Proust fast auswendig kannte, aber nie ein Werk schuf. Die Rezension zeichnet diese Dreiteilung nach und deutet sie: Die erste Lektüre wirke wie eine Übersetzung unbenennbarer Zustände, die zweite verbinde das Lachen mit einem Urteil, das Cusset auf sich selbst bezieht, die dritte kehre den Zugang der ersten um, denn Proust helfe nun, fremdes statt eigenes Leiden zu verstehen. Zugleich folge Cusset dem Weg des Erzählers, der von Liebe und Gesellschaft enttäuscht wird und erst in der Kunst Halt findet, gewinne Proust aber als Werkzeug statt als Ziel zurück. Das Buch endet mit der Entscheidung für die Kirche als Ort der Gemeinschaft, womit sich Cusset zu dem bekennt, was Proust beim Schreiben für sich ausschloss: die Freundschaft.

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Das Unglück als Konstante? Pierre Birnbaum liest die jüdischen Romanciers der Jahrhundertwende

Pierre Birnbaum, 1940 geboren, ist Politikwissenschaftler und Historiker des französischen Judentums und hat die Beziehung der Juden zum Staat in Büchern wie „Les fous de la République“ und „Prier pour l’État“ über Jahrzehnte untersucht. In „Le roman du malheur“ (2025) liest er die jüdischen Romanciers einer „langen Generation“ von Wien bis New York, von Schnitzler, Zweig und Joseph Roth über Proust, Cohen, Némirovsky, Svevo und Bassani bis zu Zangwill und Henry Roth, als Test der vergleichenden Staatssoziologie. Er fragt, ob die Romane die Logik der jeweiligen Staaten abbilden oder trotz aller Unterschiede ein gemeinsames Unglück erzählen. Sechs Kapitel prüfen sechs Auswege, die Begegnung mit dem Antisemitismus, die verweigerte Assimilation, die Nostalgie des Shtetl, die Ablehnung des Zionismus, die Ideologien und die Allianz mit dem Staat, und finden sie überall versperrt. Jüdischkeit erscheint dabei nicht als Religion, Sprache oder Praxis, sondern als Zuschreibung von außen und als Erfahrung des unsicheren Status. Der Aufsatz folgt dieser Argumentation und ergänzt sie durch Porträts der wichtigsten französischen und italienischen Autoren. Er zeigt, dass Proust die Grenzen der Assimilation von innen beobachtet, Cohen den Staatsdienst als Falle erzählt, Némirovsky die Herkunft im Körper wiederkehren lässt, Bloch an der Republik festhält und von seinem Freund Rolland als Fremder gelesen wird. Für Italien zeigt er, dass Svevo schweigt, Saba verharmlost und erst Bassani die Assimilation als Falle erkennt. Kritisch prüft der Aufsatz drei Punkte: die Auswahl, die Autoren nach der Erfahrung von Ausgrenzung zusammenstellt und den gemeinsamen Ton damit teilweise selbst erzeugt; den relationalen Begriff von Jüdischkeit, der jedes Schweigen als Symptom lesbar macht; und das Vorgehen eines Soziologen, der von Figuren auf Autoren schließt. Sein Gewinn für die Erforschung jüdischer Literatur liegt im Vergleich über Sprachgrenzen hinweg und in der Frage, wie der Staat die Erzählungen prägt.

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Das Unwillkürliche bei Péter Nádas und Marcel Proust

Anlässlich des Todes von Péter Nádas untersucht dieser Essay, was seinen Roman „Buch der Erinnerung“ mit Marcel Prousts „Recherche“ verbindet und was sie trennt. Ausgangspunkt ist eine sprachliche Auffälligkeit: Wo Proust von ‚mémoire involontaire‘ spricht, verwendet auch Nádas auffällig oft das Wort ‚unwillkürlich‘ – doch während es bei Proust aus der Gegenwart in eine gerettete, zeitlose Vergangenheit führt und im Entschluss zum Schreiben mündet, bleibt es bei Nádas meist an den Körper und den erzählten Augenblick gebunden und legt eher Verdrängtes und Beschämendes frei als eine Erlösung. Von diesem Kernbefund aus verfolgt der Essay weitere Linien: die zerfallende, „parallele“ Erzählinstanz des ungarischen Romans gegenüber Prousts sich zur Einheit verdichtendem Ich, die gegensätzlichen Bilder für männliches Begehren jenseits der Norm – Hermaphroditos bei Nádas, die Orchideen-Metaphorik bei Proust –, die Funktion der Eifersucht sowie, in einem eigenen Kapitel, eine deutsch-französische Dimension: Nádas‘ Figur Melchior, Sohn eines hingerichteten französischen Kriegsgefangenen, findet ihr Gegenstück in Prousts Baron de Charlus, der sich, „durch seine Herkunft“ den Deutschen verbunden, im Ersten Weltkrieg zu offener Kaisertreue bekennt. Der Essay endet mit der These, dass Proust dem Unwillkürlichen vertraut, weil es die verlorene Zeit rettet, während Nádas ihm misstraut, weil er weiß, wie viel der Körper preisgibt, ohne gefragt zu werden – ein Verfahren des Zweifels an sich selbst, nicht der Selbstvergewisserung.

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Das zweite Dossier: Literatur als Gewaltarchiv in Mathias Énards Zone

Mathias Énards „Zone“ gilt gemeinhin als Ilias des Mittelmeerraums im 20. Jahrhundert – ein einziger, atemloser Satz über vierundzwanzig Gesänge, in dem ein ehemaliger Geheimdienstmann auf der Nachtfahrt von Mailand nach Rom sein Dossier über anderthalb Jahrzehnte Kriegsverbrechen ordnet, um es zu verkaufen und unter neuem Namen zu verschwinden; die Rezension liest den Roman gegen diesen naheliegenden Zugriff als eine über weite Strecken verdeckte Abhandlung über Literatur selbst und stützt diese These auf ein mehr als zwanzig Autoren umfassendes Personal – von Pound über Malaparte, Céline und Genet bis Kavafis und Burroughs –, das ein zweites, literarisches Dossier neben Mirkovics eigentlichem Aktenkoffer bildet, in dem jeder Name dieselbe Frage beantwortet: was ein Schriftsteller getan, gesehen oder verschwiegen haben muss, um über Gewalt zu schreiben; textnah entfaltet sie das an Malapartes zweifelhafter Kaputt-Anekdote über Ante Pavelić ebenso wie an Genets doppelter, kaum vereinbarer Erscheinung als Bohème-Berühmtheit im Vorkriegs-Barcelona und als „himmlischer Totengräber“ von Chatila, und gewinnt daraus drei Thesen – Literatur steht nie außerhalb der Gewalt, von der sie handelt; literarische Bildung erscheint als nachträgliches Konstrukt des erinnernden, nicht des erlebenden Ich; und die Nähe von Schreiben und Gewalt lässt sich nicht auf Komplizenschaft verkürzen, wie gerade Genet und das am Romanende offenbleibende Buch zeigen –, wobei das eigentliche argumentative Verdienst der Rezension in ihrem Vorgehen liegt: Sie nimmt jede Nennung einzeln beim Wort, bevor sie zu den drei übergreifenden Thesen verallgemeinert, ein induktives Verfahren, das ihren eigenen Anspruch auf textnahe Lektüre selbst einlöst, auch wenn die Auswahl der Belegstellen naturgemäß selektiv bleibt und sich gegenläufige Passagen finden ließen, in denen Literatur eher Trost oder bloßes Bildungskapital ist; gerade darin, diese Spannung nicht aufzulösen, sondern als Ergebnis stehen zu lassen, liegt die Pointe des Schlusses, dass der Roman die Frage nach Literatur und Gewalt nicht ein für alle Mal entscheidet, sondern von Autor zu Autor neu stellt.

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Schönheit, Verderben und literarische Genealogie: Capotes Schuld, Aragons Abschied, Simon Liberati und Taïnés Tod

Simon Liberatis „New York City Inferno“ (Stock, 2026) schließt eine Romantrilogie ab, die mit „Les Démons“ (2020) im Paris der späten 1960er Jahre begann und über das Rom des Jahres 1970 („La Hyène du Capitole“, 2024) ins Manhattan der Jahre 1974–75 führt – ein New York am Wendepunkt zwischen Pop und Punk, zwischen dem letzten Glamour der Nachkriegskultur und der ersten dunklen Ahnung einer Epidemie, die noch keinen Namen hat. Im Zentrum stehen die russisch-stämmigen Geschwister Tcherepakine: Taïné, androgyn, toxikoman, proto-punk avant la lettre, die auf dem Schoner Elseneur in Palma de Mallorca stirbt, und Alexis, der vagabundierende Möchtegern-Schriftsteller, der am Ende Capotes Geld nimmt und das Buch zu schreiben beginnt, das der erste Band der Trilogie bereits ist – eine Möbius-Schlaufe, in der Entstehungsgeschichte und Werk untrennbar ineinandergreifen. Der Aufsatz interpretiert die Trilogie als zirkuläre Struktur: Das Buch, das Alexis am Ende des dritten Bandes ankündigt, trägt denselben Titel wie „Les Démons“, und diese Zirkularität ist eine poetologische Aussage – Literatur entsteht nicht aus der Leere, sondern aus dem Überleben, aus dem Material der Toten. Truman Capote, der im Roman als lebende Leiche erscheint und dem Schüler den apostolischen Auftrag erteilt, ist dabei die Schlüsselfigur: Liberati vollbringt, was Capote mit „Answered Prayers“ nicht konnte, weil der soziale Sieg das Schreiben unmöglich gemacht hatte – er schreibt den amerikanischen Proust als französischen, mit derselben Gesellschaftschronik, demselben Verrat, derselben Überzeugung, dass Klatsch eine literarische Form ist, aber mit der affektiven Aufladung, die Capotes klinischer Ironie fehlt. In dieser Konstellation erhält auch der kurze, halluzinatorisch schöne Auftritt Louis Aragons sein volles Gewicht: Der alte Kommunist, der durch eine beschlagene Fensterscheibe auf ein Balthus-Tableau schaut und Nerval-Verse summt, ist nicht nur eine intertextuelle Geste, sondern der Zeuge des Endes – der letzte Vertreter einer europäischen Literatur des Engagements, der sich von Bérénice (so hieß die Hauptfigur von Aragons „Aurélien“) verabschiedet, die bei Liberati anders als bei Aragon keine historische Märtyrerin ist, sondern eine rein ästhetische Vision der Jugend, die der alte Mann durch Glas sieht und nicht berühren kann, bevor er auf dem Sandweg verschwindet und eine Epoche mit sich nimmt.

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Rentrée littéraire
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