Leitstern nach Norden: die Nacht als Schwelle zwischen Mythos und Gegenwart bei Karim Kattan

Karim Kattans Roman „Septentrionale“ (Elyzad, 2026) erzählt eine einzige Nacht, in der Joseph und Maryam, zwei einander fremde Menschen, während ihr Land im Krieg untergeht, gemeinsam mit dem jungen Nouh und einem alten Mann von der Südgrenze bis zur Nordgrenze fahren, durch tote Städte und brennende Ruinen, bis sie bei Morgengrauen auf eine wartende, heimatlose Menge blicken, ohne dass ihre Geschichte je eine Auflösung fände. Der vorliegende Aufsatz liest diesen schmalen äußeren Handlungsbogen als Ausdruck einer durchgehenden Poetik der Unterbrechung und verfolgt seine These über sechs ineinandergreifende Argumentationsschritte, von einer doppelten Raum- und Gattungsstruktur, die eine sehr gegenwärtige, an Checkpoints und Besatzung erkennbare Geografie mit einer altorientalisch-biblischen Namenskarte überlagert, über eine Zeitstruktur, die formal genau jene Auflösung nachvollzieht, von der sie erzählt, bis zu einer Erzählperspektive, die ihre Figuren lange namenlos lässt, ehe sie ihnen mit Joseph und Maryam das Gewicht einer viel älteren Fluchterzählung verleiht. Anhand ausgewählter Schlüsselszenen, der menschenleeren Stadt Yapu, der Auflösung Nouhs im Meer und eines Gewaltausbruchs, der private und kollektive Traumata ineinanderblenden lässt, zeigt der Aufsatz, wie eng Kattans Bildsprache aus Stern, Wasser und Blut mit seiner autopoetologischen Reflexion über das Sprechen angesichts der Katastrophe verbunden ist, und ordnet den Roman zugleich, im Rückgriff auf zwei hier bereits interpretierte Bücher Kattans, auf den Gedichtband „Hortus Conclusus“ und den Vorgängerroman „L’Éden à l’aube“, in eine Werkbewegung ein, die dem Refugium, das Kattans Schreiben selbst immer wieder beschwört, von Buch zu Buch ein Stück mehr Boden entzieht.

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Die unerreichbare Stadt: Heiligkeit, Geschichte und Gewalt im französischen Jerusalemroman

Welchen Ort nimmt Jerusalem in der französischen Gegenwartsliteratur ein – und was verrät dieser Ort über die Literatur selbst? Der vorliegende Aufsatz untersucht elf Romane und Erzähltexte von André Schwarz-Bart bis Nathan Devers, von Valérie Zenatti bis Justine Augier, von Élie Wiesel bis Mathias Énard, und zeigt, dass Jerusalem in diesen Werken nie bloße Kulisse ist, sondern strukturierendes Prinzip: eine Stadt, die den Figuren die Orientierung nimmt, Verdrängtes zurückbringt, Zugehörigkeiten aufzwingt und Formen sprengt. Aus dem Vergleich treten drei Funktionstypen hervor – Jerusalem als eschatologischer Raum, als politischer Brennpunkt und als existentieller Spiegel –, die sich quer durch die Texte verteilen und überlappen, ohne je zur Deckung zu kommen. Dabei erweist sich eine spezifisch französische Optik als konstitutiv: Der republikanische Laizismus, das Erbe der Aufklärung, die Erfahrung der Shoa als Teil der eigenen Geschichte – all das färbt die Wahrnehmung einer Stadt, die für Judentum, Christentum und Islam gleichermaßen heilig ist und deren dreifache Heiligkeit seit Jahrhunderten Kriege ebenso wie Sehnsüchte produziert hat. Einen eigenen Akzent setzen arabische und muslimische Autoren wie Karim Kattan, Amin Maalouf oder Adania Shibli, die Jerusalem nicht als Ankunftsort einer langen Sehnsucht beschreiben, sondern als Ausgangspunkt erzwungenen Exils – und die das Französische als strategisch gewähltes Medium nutzen, um palästinensische Begriffe und Erfahrungen in einen westlichen Diskurs einzuschreiben, der sie sonst nicht kennt. Was die untersuchten Werke jenseits aller Unterschiede verbindet, ist das Bewusstsein, dass Jerusalem sich dem souveränen Erzählerblick entzieht: Keiner dieser Texte triumphiert über seinen Gegenstand; alle tragen die Spuren des Ortes, an dem sie gescheitert sind.

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Umzäunte Gärten: Karim Kattan

Karim Kattans Gedichtband „Hortus conclusus“ ist eine poetische Erkundung des Gartens als Ort der Erinnerung, des Begehrens und der kolonialen Überformung. Zwischen Bethlehem und Babylon, Knossos und Glastonbury entfaltet sich eine dichte Topographie aus mythischen und geopolitisch aufgeladenen Motiven. Der titelgebende „eingeschlossene Garten“ – ein reales Kloster in Artas bei Bethlehem – wird zum verdichteten Bild eines poetischen Raums, in dem sich Schönheit und Ausschluss, Heilung und Trauma überlagern. Die Gedichte sind durchzogen von lyrischer Sinnlichkeit und historischer Schwere; sie sprechen von Checkpoints, Körpern, Märtyrerinnen, Hexen und Göttern, und sie kreisen immer wieder um die Frage: Wo ist ein Ort, an dem man atmen, lieben, überleben darf? Zentral ist dabei das wiederkehrende Bild des Tals der Rosen – Wadi al-Ward, einer historischen Landschaft nahe Jerusalem, in der einst Frauen Rosen pflückten, um daraus Konfitüre zu machen. In Kattans Lyrik wird dieses Tal zur verschwundenen Utopie, zum versunkenen Gedächtnisraum und zugleich zur poetischen Chiffre für eine andere Palästina-Erzählung: nicht als bloßer Ort der Gewalt, sondern als Garten der möglichen Rückkehr, der sanften Magie und der widerständigen Zärtlichkeit. „Hortus conclusus“ ist so ein Buch der Durchlässigkeit – zwischen Erde und Mythos, zwischen Sarha (dem ziellosen Umhergehen) und Verwurzelung –, das sich der gängigen Opferästhetik verweigert und stattdessen ein palästinensisches Imaginarium von großer Dichte schafft.

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Palästina, Wunde und Traum: Karim Kattan

Karim Kattans „L’Éden à l’aube“ erzählt eine Liebe in Palästina zwischen Isaac und Gabriel, die sich in einem von politischen, religiösen und gesellschaftlichen Konflikten durchzogenen Jerusalem entfaltet. Der Roman wechselt zwischen lyrischer Entrücktheit und politischer Realität, zwischen mythischer Überhöhung und der Brutalität des Alltags. Der Text entfaltet sich in einer traumhaften Erzählweise, während er zugleich die Spuren kolonialer Gewalt und territorialer Enge unübersehbar macht. Interessanterweise bleiben Utopie und Dystopie in „L’Éden à l’aube“ nicht klar getrennt. Vielmehr entsteht eine Hybridität, in der Hoffnung und Zerstörung ineinander übergehen. Isaac, der potenziell geopferte Sohn Abrahams, und Gabriel, der göttliche Bote, befinden sich in einer Welt, die am Rande des Paradieses steht.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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