Leitstern nach Norden: die Nacht als Schwelle zwischen Mythos und Gegenwart bei Karim Kattan
Karim Kattans Roman „Septentrionale“ (Elyzad, 2026) erzählt eine einzige Nacht, in der Joseph und Maryam, zwei einander fremde Menschen, während ihr Land im Krieg untergeht, gemeinsam mit dem jungen Nouh und einem alten Mann von der Südgrenze bis zur Nordgrenze fahren, durch tote Städte und brennende Ruinen, bis sie bei Morgengrauen auf eine wartende, heimatlose Menge blicken, ohne dass ihre Geschichte je eine Auflösung fände. Der vorliegende Aufsatz liest diesen schmalen äußeren Handlungsbogen als Ausdruck einer durchgehenden Poetik der Unterbrechung und verfolgt seine These über sechs ineinandergreifende Argumentationsschritte, von einer doppelten Raum- und Gattungsstruktur, die eine sehr gegenwärtige, an Checkpoints und Besatzung erkennbare Geografie mit einer altorientalisch-biblischen Namenskarte überlagert, über eine Zeitstruktur, die formal genau jene Auflösung nachvollzieht, von der sie erzählt, bis zu einer Erzählperspektive, die ihre Figuren lange namenlos lässt, ehe sie ihnen mit Joseph und Maryam das Gewicht einer viel älteren Fluchterzählung verleiht. Anhand ausgewählter Schlüsselszenen, der menschenleeren Stadt Yapu, der Auflösung Nouhs im Meer und eines Gewaltausbruchs, der private und kollektive Traumata ineinanderblenden lässt, zeigt der Aufsatz, wie eng Kattans Bildsprache aus Stern, Wasser und Blut mit seiner autopoetologischen Reflexion über das Sprechen angesichts der Katastrophe verbunden ist, und ordnet den Roman zugleich, im Rückgriff auf zwei hier bereits interpretierte Bücher Kattans, auf den Gedichtband „Hortus Conclusus“ und den Vorgängerroman „L’Éden à l’aube“, in eine Werkbewegung ein, die dem Refugium, das Kattans Schreiben selbst immer wieder beschwört, von Buch zu Buch ein Stück mehr Boden entzieht.
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