Ein Auge, das zu viel sieht: Patrick Grainville

Patrick Grainvilles Roman „Les Yeux de Milos“ (Seuil, 2021) macht das Sehen selbst zum Gegenstand der Erzählung: Sein Protagonist, dessen ungewöhnlich blaue Augen ihn von Kindheit an zur Zielscheibe fremder Blicke machen, wächst im Schatten zweier Maler der Côte d’Azur auf, Pablo Picasso und Nicolas de Staël, deren Biographien der Roman essayistisch in die Liebesgeschichte einwebt, bis eine eifersüchtige Geliebte ihm mit einer Rasierklinge ein Auge zerstört. Der vorliegende Beitrag liest den Roman als Reflexion über den Preis außergewöhnlicher Schönheit und die Unmöglichkeit unschuldigen Sehens: Er untersucht, wie der Text Gattungsgrenzen zwischen Bildungsroman, Künstleressay und Mythenerzählung verwischt, wie er über Namensgebung, Ekphrasis und ein dichtes intertextuelles Netz eine mythologische Architektur aus Europa-Raub und Minotaurus-Sage unter die individuelle Biographie legt, und wie er die klassische Konstellation aus männlichem Blick und weiblichem Blickobjekt für seinen Protagonisten umkehrt, ohne daraus ein einfaches Befreiungsnarrativ zu machen. Im Zentrum der Analyse steht die These, dass der Roman seine eigene Ausgangsfrage – was vom Sehen bleibt, wenn das Auge verletzt ist – nicht begrifflich, sondern formal beantwortet: durch die Verschiebung vom unmittelbaren Blick zum gemeinsam erzählten, ausdrücklich als teilweise erfunden markierten Bild, mit dem der Roman selbst endet.

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