Der Blick, der sich selbst blendet: Mythos und Schuld bei Lilia Hassaine

Lilia Hassaines 2019 erschienener Debütroman „L’œil du paon“ erzählt die Geschichte der jungen Héra, die von der dalmatinischen Insel ihres Vaters Adonis – die seit einem mittelalterlichen Mönchsfluch von Unglück gezeichnet ist – nach Paris geschickt wird, wo sie im großbürgerlichen Haushalt ihrer Tante Agathe aufwächst, sich zur gefeierten Fotografin entwickelt und dabei den fortschreitenden, tödlich endenden Missbrauch ihres jungen Cousins Hugo übersieht, bevor der Roman sie am Ende zur Insel und, in Erblindung und Tod, an seinen mythischen Ausgangspunkt zurückführt. Der vorliegende Aufsatz nähert sich diesem Text über die Beobachtung, dass er ein mythisches Personal – Namen wie Héra, Adonis, der sterbende Pfau Titus – in eine explizit sozialrealistische Gegenwartshandlung einschreibt, während er das Wort „Mythos“ selbst vermeidet und seine Geschichte stattdessen als „keine Fabel“ ausweist; aus dieser Spannung zwischen mythischer Anspielung und realistischem Wahrheitsanspruch entwickelt die Analyse ihre Leitfragen. Sie fragt erstens, ob ein Fluch, dem die Hauptfigur selbst keinen Glauben schenkt, in der Fluch-fernen Metropole Paris überhaupt kausale Kraft entfalten kann, zweitens, wie sich der fotografische, professionell geschulte Blick, den Héra zunehmend perfektioniert, zu jenem anderen, ethisch geforderten Blick verhält, der Hugos Leiden hätte erkennen müssen, und drittens, welchen Preis ästhetischer Erfolg – das Herstellen von Bildern – von der Aufmerksamkeit fordert, die dem Wahrnehmen realer Personen gilt. Die zentrale Metaphorik des Pfauenauges – das Sehen, Beobachten, Fotografieren und schließlich buchstäbliches Erblinden ineinanderführt – wird in Bezug auf andere Interpretationsaspekte gelesen und auf einen abschließenden Vergleich von Anfang und Schluss hin bündelt, wodurch der Kreis, den Héras Weg von der Insel zurück zur Insel beschreibt, zugleich als Antwort auf die Frage nach der Wirkmacht des Mythischen im realistischen Roman lesbar wird.

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