Ein Thriller als Corneille-Tragödie: Patrick Besson

Patrick Bessons Kriminalroman „Presque tout Corneille“ (Stock, 2025, zit. als PTC) funktioniert wie eine Tragödie von Corneille, die sich als Urlaubskomödie verkleidet hat: Georges Charpy, ein entlassener Pariser Journalist, trifft seinen ehemaligen Chef im Hotel Aiglon auf Korsika wieder und beginnt, ihn bei jedem erdenklichen Spiel zu demütigen – Schwimmen, Tennis, Schach, Tischtennis –, getrieben von seiner korsischen Frau Colomba, die wie Mérimées gleichnamige Heldin den Mann zur Vendetta drängt, ohne es je auszusprechen, eine Machtstruktur, die der Aufsatz als das eigentliche Zentrum der Handlung identifiziert. Währenddessen liest Lisa, die Tochter des Hoteldirektors, am Poolrand chronologisch das Gesamtwerk Corneilles – eine Tragödie pro Tag –, und ihre Zitate kommentieren das Geschehen wie ein klassischer Chor: „Qui vit haï de tous ne saurait longtemps vivre“ (aus Cinna). „Qui se laisse outrager mérite qu’on l’outrage“ (aus Héraclius). Sätze, die Corneilles zentrales Thema umkreisen, nämlich die Frage, ob der Mensch das, was er will, mit dem, was er darf, je in Einklang bringen kann, und die im Roman die Funktion haben, die Mordhandlung als moralisch vorherbestimmt erscheinen zu lassen, nicht als Ausnahme, sondern als Konsequenz. Der Chef wird enthauptet aufgefunden, später auch eine zweite Figur; Georges bekennt beide Morde – den ersten aus Ehre, den zweiten aus Eifersucht –, und der Aufsatz liest diesen doppelten Mord als Beleg dafür, dass Besson nicht Corneille in den Thriller einführt, sondern zeigt, dass der Thriller dieselbe moralische Architektur besitzt wie das klassische Theater: Schuld entsteht dort, wo der Wille, sich Genugtuung zu verschaffen, stärker ist als die Vernunft, die zur Mäßigung mahnt, und Lisa, die am Ende Corneille abbricht – „Oui : trop de sang.“ –, vollzieht damit jene Geste, die den Kern des Romans markiert: Literatur kann die Gewalt kommentieren, aber nicht aufhalten.

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