Auferstehung: der Gerichtssaal als Bühne. Dramatische Konzeption und Weltdeutung bei Leo Tolstoi und Leïla Slimani
Tolstois Roman „Auferstehung“ (1899) erzählt, wie der Fürst Nekhlioudov als Geschworener in der Angeklagten Maslova das Mädchen wiedererkennt, das er einst verführt und fallen gelassen hat, wie er ihr Fehlurteil nicht verhindert, ihr nach Sibirien folgt und im Matthäusevangelium die Lehre findet, dass kein Mensch einen anderen richten darf. Leïla Slimanis Theaterstück „Résurrection: un cas de conscience“ (Gallimard, 2026) verdichtet diesen Stoff auf zehn Szenen, macht den Fürsten zu einem prominenten Schriftsteller, lässt Maslova ihre Vergangenheit selbst erzählen und endet in einer Fernsehsendung, in der eine verjährte Vergewaltigung als Buch verhandelt wird. Der Aufsatz vertritt drei Thesen. Erstens überführt Slimani die epische Bekehrungsgeschichte in ein analytisches Stationendrama, dessen Räume (Gericht, Gefängnis, Salon, Studio) die Befugnis zu urteilen, zu vergeben und zu sprechen verteilen. Zweitens machen Maslova, Anna und Korablova die christliche Vergebungslehre, die bei Tolstoi als Lösung gilt, zu einem Mittel der Verfügung über Frauen und stellen ihr eine Würde der Weigerung entgegen. Drittens ersetzt das Schlussbild die Evangeliumsszene des Romans durch ein mediales Verfahren, in dem der Streit um die Wahrhaftigkeit der Reue an die Stelle ihrer Verkündigung tritt. Gestützt auf Falkners Studie zu Tolstois Strafkritik und Hankes Untersuchung seiner Rezeption als Kulturkritiker zeigt die Analyse, dass Slimanis Eingriffe, Verdichtung, Figurenverschiebung und Übersetzung von Erzählerrede in Figurenrede, die ungelöste Frage des Romans nach der Möglichkeit der Wiedergutmachung unter den Bedingungen der Gegenwart neu stellen. Zudem verortet der Aufsatz das Stück in der Reihe früherer Bühnen-, Opern- und Filmadaptionen, von Henry Bataille bis zu den Brüdern Taviani.
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