Ein Fluch aus der Metropole: Kreolisierung und Männlichkeit im guadeloupischen Familienroman bei Jean-Philippe Louis

Jean-Philippe Louis‘ Debütroman „Les fils du kapokier“ (Gallimard, 2026) erzählt vom Aufwachsen zweier Jungen, Anicet und Calixte, unter einem angeblich verfluchten Baum in einem guadeloupischen Tal, dessen Frauen als „taties“ über Klatsch und Radio-Totenanzeigen jede Abweichung von einer strengen Männlichkeitsnorm überwachen. Eine brutale Prügelattacke und der Suizid von Calixtes Vater Erneste legen schließlich offen, dass die eigentliche Geschichte des Baumes eine verschwiegene Liebe ist: Hippolyte und Erneste, die beiden Väter, liebten sich als Jugendliche und erneuerten ihre Beziehung Jahrzehnte später heimlich, kurz bevor ihre Söhne sie entdecken. Der vorliegende Aufsatz liest den Roman als Erzählung über die Bedingungen des Erzählens selbst und verfolgt die These, dass sein Ich-Erzähler Anicet, ein „Mako“ genannter Klatschsammler, jene mündliche Kultur, die Homosexualität nur als Fluch und Schimpfwort kennt, im Lauf des Romans schrittweise in geschriebene, öffentlich lesbare Literatur übersetzt. Der Aufsatz zeigt zudem, wie die mündliche Kultur der Vallée, ihr Kreol, ihre Mythen und ihr ambivalentes Verhältnis zu Frankreich als Ort des Versprechens und der neuen Armut zugleich, selbst als fortlaufende Kreolisierung und Übersetzung zwischen Insel und Metropole gelesen werden können, aus der am Ende der vorliegende, in Paris verlegte Roman selbst hervorgeht.

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