Zwischen den Sprachen, zwischen den Zonen: Anne Weber
Zwei Bücher, die kaum unterschiedlicher scheinen könnten: „Annette, ein Heldinnenepos“ (2020) erzählt in freien Versen das Leben der Widerstandskämpferin und Neurologin Anne Beaumanoir, die im Zweiten Weltkrieg Verfolgte versteckte und zwanzig Jahre später im algerischen Unabhängigkeitskampf erneut auf die Seite der Unterdrückten trat, dafür ins Gefängnis ging und schließlich im französischen Dieulefit ein Jahrhundert lang lebte; „Bannmeilen“ (2024) dagegen ist ein Wanderroman, „roman itinérant“, in dem eine deutschstämmige Pariserin an der Seite eines algerischstämmigen Dokumentarfilmers die Banlieue nordöstlich von Paris durchquert, Stadtviertel, Friedhöfe und Cafés erkundet und dabei lernt, was die unsichtbare Mauer der Pariser „Périphérique“ sozial bedeutet. Der Aufsatz liest beide Bücher als „Romans croisés“, als Texte, die den deutsch-französischen Raum nicht illustrieren, sondern poetisch durchkreuzen: Er zeigt, wie Weber in „Annette“ das klassisch-männliche Epos zur Heldinnenform umbaut und dabei die Résistance gegen den Nationalsozialismus und den Widerstand gegen den französischen Kolonialismus als strukturelle Parallelen sichtbar macht, die das offizielle französische Gedächtnis lieber getrennt hält; wie „Bannmeilen“ in der Gattung des essayistischen Déambulationsromans einen sozialen Ausschlussraum erschließt, dessen Straßennamen, Stationsnummern und Friedhofsreihen selbst historische Argumente sind; und wie Webers Praxis der Selbstübersetzung, im Deutschen historisch-raumpolitischer Titel „Bannmeilen“, im Französischen sozialstatistisches „Neuf-trois“, die zwei kulturellen Wahrnehmungsrahmen nicht überbrückt, sondern als produktive Spannung aufrechthält, in der Literatur erst zu dem wird, was Weber selbst fordert: nicht bloß Zeugnis von Unterdrückung, sondern eine Form, die ihr standhält.
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