Zwischen den Sprachen, zwischen den Zonen: Anne Weber

Résumé
Zwei Bücher, die kaum unterschiedlicher scheinen könnten: „Annette, ein Heldinnenepos“ (2020) erzählt in freien Versen das Leben der Widerstandskämpferin und Neurologin Anne Beaumanoir, die im Zweiten Weltkrieg Verfolgte versteckte und zwanzig Jahre später im algerischen Unabhängigkeitskampf erneut auf die Seite der Unterdrückten trat, dafür ins Gefängnis ging und schließlich im französischen Dieulefit ein Jahrhundert lang lebte; „Bannmeilen“ (2024) dagegen ist ein Wanderroman, „roman itinérant“, in dem eine deutschstämmige Pariserin an der Seite eines algerischstämmigen Dokumentarfilmers die Banlieue nordöstlich von Paris durchquert, Stadtviertel, Friedhöfe und Cafés erkundet und dabei lernt, was die unsichtbare Mauer der Pariser „Périphérique“ sozial bedeutet. Der Aufsatz liest beide Bücher als „Romans croisés“, als Texte, die den deutsch-französischen Raum nicht illustrieren, sondern poetisch durchkreuzen: Er zeigt, wie Weber in „Annette“ das klassisch-männliche Epos zur Heldinnenform umbaut und dabei die Résistance gegen den Nationalsozialismus und den Widerstand gegen den französischen Kolonialismus als strukturelle Parallelen sichtbar macht, die das offizielle französische Gedächtnis lieber getrennt hält; wie „Bannmeilen“ in der Gattung des essayistischen Déambulationsromans einen sozialen Ausschlussraum erschließt, dessen Straßennamen, Stationsnummern und Friedhofsreihen selbst historische Argumente sind; und wie Webers Praxis der Selbstübersetzung, im Deutschen historisch-raumpolitischer Titel „Bannmeilen“, im Französischen sozialstatistisches „Neuf-trois“, die zwei kulturellen Wahrnehmungsrahmen nicht überbrückt, sondern als produktive Spannung aufrechthält, in der Literatur erst zu dem wird, was Weber selbst fordert: nicht bloß Zeugnis von Unterdrückung, sondern eine Form, die ihr standhält.

 

Das Dazwischen als poetologisches Programm

Weber, Anne. Annette, ein Heldinnenepos. Berlin: Matthes & Seitz 2020.
Weber, Anne. Annette, une épopée. Paris: Éditions du Seuil, 2020.

Weber, Anne. Bannmeilen: ein Roman in Streifzügen. Berlin: Matthes & Seitz, 2024.
Weber, Anne. Neuf-trois: roman itinérant. Éditions Philippe Rey, 2025.

Weber, Anne. Jumping Mouse: Essays und Reden. Berlin: Matthes & Seitz, 2026.

Es gibt Bücher, die nicht zwischen zwei Kulturen vermitteln, sondern in diesem Zwischenraum selbst entstehen: die nicht übersetzen, sondern überkreuzen. Anne Webers literarisches Werk ist in einer solchen konstitutiven Unentschiedenheit verankert. Geboren 1964 in Offenbach, seit vielen Jahren in Paris lebend, schreibt Weber auf Deutsch über französische Geschichte, Orte und Menschen und übersetzt sich dann häufig selbst ins Französische, wobei die Selbstübersetzung kein bloßer Spiegelvorgang ist, sondern eine zweite, eigenständige Schreibhandlung. Die hier zu betrachtenden Texte Annette, ein Heldinnenepos (2020) und Bannmeilen (2024), Letzteres in der französischen Fassung als Neuf-trois (2025) vorliegend, stellen zwei Pole innerhalb dieses Œuvres dar: das eine ein episches Versepos über eine real existierende Widerstandskämpferin, das andere ein essayistischer Wanderroman durch die Pariser Banlieue. Was beide verbindet, ist weit mehr als die gemeinsame Autorin oder das geographische Milieu Frankreichs: Es ist eine poetologische Haltung, die nationale Grenzen, Erinnerungsnarrative und soziale Raumordnungen als literarische Probleme begreift und formal bearbeitet.

Beide Texte gehören in die Rubrik Romans croisés aus mehreren Gründen. Sie arbeiten mit dem Verfahren der sprachlichen Überkreuzung: In Annette ist das Deutsche mit französischen Begriffen, Ortsnamen und Codes durchzogen, die unübersetzt stehen bleiben; Bannmeilen/Neuf-trois ist in der Selbstübersetzung eine doppelte Schrift, die dieselbe Reise durch zwei kulturelle Wahrnehmungsrahmen laufen lässt. Beide Bücher verhandeln die Frage, wer das Recht hat, von einem bestimmten Raum oder einer bestimmten Geschichte zu erzählen, und markieren diese Frage als eine des Geschlechts, der Klasse, der nationalen Zugehörigkeit. Sie entwerfen Figuren, die zwischen Frankreich und anderen Kulturen, zwischen Besatzung und Widerstand, zwischen Migration und Sesshaftigkeit stehen. Die leitende These dieses Aufsatzes lautet: Webers Texte machen das Dazwischen nicht zur gelösten Synthese, sondern zur produktiven Störung, sprachlich, formal und politisch.

Im Jahr 2026 erschien mit Jumping Mouse bei Webers deutschem Hausverlag Matthes & Seitz ein Band, der Webers poetologisches Selbstverständnis über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg dokumentiert: Reden, Essays, Poetikvorlesungen, in denen die Autorin ihr eigenes Schreibverfahren in Worte fasst. Was dieser Band sichtbar macht, ist die theoretische Tiefenstruktur hinter den literarischen Experimenten, die Annette und Bannmeilen darstellen. Weber beschreibt sich dort als eine Autorin, die im „Graben, der die Poesie von der Erzählkunst trennt“ 1 liegt, „eingerostete Sprachschrauben lockern“ will 2 und sprachlichen Wendungen misstraut, die ihr Hirn nicht selbst erfunden hat. Das Schreiben selbst bewegt sich für sie zwischen zwei Extremen: den Tagen des „maximalen Kraftaufwands bei minimalem Ergebnis“ und jenen anderen, in denen „Konventionen, Denkbahnen, Gepflogenheiten weggewischt“ sind und „die Gleise in der Landschaft missmutig den Zügen nachschauen, die neben ihnen in alle Richtungen davonstieben“ 3. Dass Annette und Bannmeilen zu dieser zweiten Art von Schreiben gehören, zu jener Beweglichkeit, die die Dinge „für Momente vom Boden abheben“ lässt 4, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass beide Bücher Gattungskonventionen verlassen, ohne sich in Beliebigkeit zu verlieren. Das Verfahren der Selbstübersetzung, das beide hier untersuchten Bücher prägt, erklärt Weber in Jumping Mouse aus einer biographischen Notwendigkeit: Seit sie achtzehn ist, lebt sie in Frankreich, und ihr „französisches Hirn baut keine bequemen Wege, auf denen es sich gedankenlos und vertrauensvoll umherspazieren lässt“ 5. Aus dieser doppelten Sprachbeheimatung, keiner der beiden Sprachen ganz zugehörig, folgt jenes „Von-außen-Betrachten der Wörter“ 6, das die Versform von Annette und die essayistische Haltung von Bannmeilen gleichermaßen trägt. Weber selbst hält fest: „Sobald ich schreibe, deutsch oder französisch, löst sich die Sprache von mir ab und wird mir fremd.“ 7 Diese produktive Fremdheit ist keine Schwäche, sondern die Bedingung jenes „inneren Auges“, das in einem Bild „Verschiedenartiges, ja unter gewöhnlichen Umständen Unvereinbares zusammenfügt und ballt“ 8. Literatur müsse, so Weber in einer Poetikvorlesung von 2024, dem Krieg und der Unterdrückung standhalten können: „Sie muss nicht davon handeln. Aber sie muss ihnen gewachsen sein.“ 9 Dieser Satz ist das Konzentrat dessen, was Annette, ein Heldinnenepos und Bannmeilen leisten: Sie handeln von Widerstand und Ausschluss, ohne sich mit diesen Stoffen zu erschöpfen, weil ihre Form selbst ein Widerstand ist.

Annette, ein Heldinnenepos

Das Buch erzählt das Leben der 1923 in Saint-Jacut-de-la-Mer in der Bretagne geborenen Anne Beaumanoir, die im Deutschen den Kosenamen Annette trägt, in vier losen Lebensepochen. Zunächst taucht aus der bretonischen Kindheit eine weit verzweigte Herkunft auf: arme Fischer- und Bauernfamilien, Großmütter, die ohne Bildung und Schuhe aufwuchsen, die Ebbe und Flut des Arguenon. Die zweite Phase umfasst den Zweiten Weltkrieg, in dem die junge Medizinstudentin zur Résistance-Kämpferin wird. Sie versteckt Verfolgte, transportiert gefährliche Botschaften, lebt unter falschen Namen (Odile, Carré, Soyer), verliebt sich in Roland, einen deutschstämmigen Juden aus dem Pariser Vorort Saint-Ouen, verliert ihn, überlebt. Im dritten, zeitlich längsten Teil vollzieht sich Annettes zweiter Widerstand: Als Neurologin engagiert sie sich für die algerische Unabhängigkeitsbewegung, transportiert FLN-Gelder und -Papiere, wird in Tunesien verhaftet, verbringt Jahre im Gefängnis in Frankreich und kommt erst nach der Unabhängigkeit Algeriens 1962 frei. Der vierte Teil zeigt Annette im algerischen Exil, in der Diaspora zwischen Algerien, Syrien und schließlich dem französischen Dieulefit, wo sie im Alter von 95 Jahren bei Erscheinen des Buches noch lebt.

Bannmeilen / Neuf-trois

Der zweite Roman (ein „roman itinérant“)setzt mit einem rückblickenden Vorspiel (Rückblickendes Vorspiel / Préambule-flashback) ein: Die namenlose deutschstämmige Erzählerin erinnert sich an einen Freund namens Thierry (in der französischen Fassung Hocine), Sohn eines algerischen Einwanderers, der im Département Seine-Saint-Denis aufgewachsen ist. Dieser Freund, inzwischen Dokumentarfilmer, lädt sie ein, ihn auf seinen Recherchegängen durch das Neuf-trois zu begleiten, die nordöstlichen Vorstädte von Paris, die durch ihre Postleitzahl (93) zur sozialen Chiffre geworden sind. Was folgt, ist kein touristischer Stadtspaziergang, sondern eine dezidiert körperlich-politische Wanderpraxis: Die beiden durchqueren La Courneuve, Drancy, Pantin, Montreuil, Aubervilliers zu Fuß, manchmal Dutzende Kilometer am Tag, besuchen den muslimischen Friedhof von Bobigny, das Café von Rachid und seiner Mutter, die Überreste der abgerissenen Cité des 4000. Der Roman endet in einer tamilischen Kirche, in der die Erzählerin auf Deutsch ein Gebet in das Fürbittbuch einträgt.

Epos und Déambulation

Das Epos als Verfremdung: Annette

Der Untertitel Ein Heldinnenepos ist kein ironischer Kommentar, sondern ein poetologisches Programm. Weber greift auf die klassische Gattungskonvention des Epos zurück, verfremdet sie aber in jedem Zug. Das Epos als Hochgattung ist traditionell männlich besetzt: Ilias, Odyssee, Aeneis, Orlando furioso, schließlich auch Victor Hugos La Légende des siècles. Die Entscheidung, eine Frau aus der bretonischen Unterschicht zur Protagonistin zu machen, ist damit bereits ein Akt der Gattungskritik. Der Text ist in freien Versen verfasst, die keine regelmäßige Metrik kennen, aber ein rhythmisches Fließen besitzen: Strophen brechen mittendrin ab, Klammereinschübe unterbrechen den Fluss und markieren den Kommentar der Erzählinstanz. Dieser kommentierte Vers, den man als einen epischen Hexameter bezeichnen könnte, der sich selbst immer wieder infragestellt, ist Webers Erfindung einer Form, die weder ganz Lyrik noch ganz Roman ist, sondern sich im Dazwischen einrichtet. Die Seite wird dabei selbst zum visuellen Objekt: Wörter stehen einzeln in Zeilen, und der weiße Rand ist nicht Leerstelle, sondern Atem.

Die Gattung der Biographie wird ebenfalls herausgefordert. Weber benutzt Annettes Memoiren (Le feu de la mémoire, 2000) und persönliche Begegnungen als Quellen, macht diese Quellenlage aber sichtbar. Direkte Zitate aus Annettes Mund werden durch die Formel „O-Vers Annette:“ kenntlich gemacht und im Text typographisch hervorgehoben. Diese metabiographische Geste gehört zum Kernbestand der Poetik: Es entsteht keine nahtlose Fiktion, sondern ein reflektiertes Doppelgespräch zwischen der Erzählerin und ihrer Figur.

Der Wanderroman als kritische Praxis: Bannmeilen

Bannmeilen gehört einer anderen Gattungstradition an: dem essayistischen Wanderroman oder récit de déambulation, einer Form, die in der französischen Literatur an Autoren wie Georges Perec, Patrick Modiano oder François Maspero anknüpft. Masperos Les Passagers du Roissy-Express (1990) ist ein direkter Prätext: Auch Maspero fuhr mit einer Begleiterin, der Fotografin Anaïk Frantz, die Linie B des RER entlang, Station für Station, um die Banlieue zu erkunden. Weber macht diesen Bezug implizit, verschiebt ihn aber. Während Maspero von Paris aus in die Banlieue vorstößt, beginnt ihr Text mit der Frage, warum sie jahrzehntelang nie in die Banlieue gegangen ist, obwohl sie in nächster Nähe wohnte. Der Text ist damit auch ein selbstkritisches Protokoll sozialer Unsichtbarkeiten.

Die Bannmeile des Titels, ursprünglich der verbotene Umkreis um eine befestigte Stadt, erscheint hier als doppelte Metapher: die räumliche Bannmeile des Périphérique und die soziale Bannmeile, die aus Armen, Einwanderern und Marginalisierten das Außen der Stadt macht. Das Wort trägt im Deutschen die Konnotation des Verbots, des Ausschlusses, der erzwungenen Distanz. In der französischen Fassung Neuf-trois tritt dagegen die numerische Chiffre in den Vordergrund: nicht die Metapher des Verbots, sondern die der statistischen Klassifikation. Diese Übersetzungsentscheidung, ein Titel, der im Deutschen poetisch ist, im Französischen sozialstatistisch, verweist auf den grundlegenden Unterschied der zwei kulturellen Wahrnehmungsrahmen, den der Roman selbst thematisiert.

Asymmetrie als Beziehungsstruktur

In Annette ist die Figurenkonstellation durch Asymmetrien geprägt. Annette selbst steht im Zentrum als doppelt marginale Figur: als Frau in einer männerdominierten Résistance und später in der algerischen Unabhängigkeitsbewegung, als Angehörige einer armen Fischerfamilie aus der Bretagne in der bürgerlichen Welt der Intellektuellen und Ärzte. Um sie herum gruppieren sich drei Figurentypen: jene, die sie schützen (die Familie in Dinan, die Freunde mit den planques), jene, mit denen sie kämpft (Roland, die Genossen der FLN), und jene, die sie bedrohen (Kollaborateure, Polizisten, die koloniale Justiz). Bemerkenswert ist, dass Roland, der erste Geliebte, selbst eine Figur des deutsch-jüdischen Zwischenraums ist: Er heißt bürgerlich Rainer Jurestal mit ursprünglichem „h“, ist in Saint-Ouen in der Banlieue nord aufgewachsen, und Weber notiert explizit, dass dieser Vorort heute als Banlieue Nord oder Quatre-vingt-treize bekannt ist, eine intertextuelle Klammer zwischen beiden Büchern. Sophie Jurestal, Rolands junge Frau, stirbt nicht, wie er glaubt, im Fluss beim Fluchtversuch, sondern in Auschwitz. Diese Information, die Weber in einem staatlichen Internetarchiv findet, wird zu einem kleinen weißen Grabstein aus Papier: „Sophie Jurestal, geb. Hammer / Warschau 11.1.21 – Auschwitz 19.9.42“. Dieser typographische Einschluss ist eine der intensivsten Stellen des Textes.

In Bannmeilen ist die Figurenkonstellation wesentlich sparsamer. Im Vordergrund stehen die Erzählerin und Thierry (Hocine), zwei Figuren, deren Verhältnis das strukturelle Prinzip des ganzen Textes abbildet. Die Erzählerin ist eine deutschstämmige Pariserin, die jahrzehntelang im intra muros gelebt hat, ohne die benachbarte Banlieue zu kennen; Thierry/Hocine ist ein Sohn algerischer Einwanderer, der das Neuf-trois als seine Welt kennt und gleichzeitig zwischen dieser Welt und der Welt der Filmemacher und Intellektuellen vermittelt. Ihre Kommunikation ist durchgängig dialogisch, aber ein Dialog, der von Wissens- und Positionsasymmetrien geprägt ist. Thierry erklärt, die Erzählerin versteht und missversteht, irritiert sich, lacht, stellt Fragen. Die Szene mit den chouffeurs, den Drogenhändler-Spähern, ist paradigmatisch: Die Erzählerin findet in den langen, echoartigen Rufen, mit denen die jungen Männer die Ankunft der Polizei melden, eine ästhetische Qualität, einen Kanon, ein Echo von Alphörnern. Thierry macht sich über sie lustig als über eine feinsinnige Touristin, die Kriminalität und Überlebensnotwendigkeit in ein Schauspiel verwandelt. Diese Spannung zwischen ästhetischer Wahrnehmung und politischer Einordnung ist konstitutiv für den Text.

Das Café von Rachid und seiner Mutter, in der Mitte des Seine-Saint-Denis gelegen, von Le-Pen-Wählern, algerischen Einwanderern, stillen Männern und einem trinkenden Italiener frequentiert, ist die Figur des sozialen Raums, der die Bannmeile unterwandert: ein Ort, an dem Menschen aus allen Schichten nebeneinander sitzen, ohne sich zu assimilieren. Rachids Mutter, von allen liebevoll Mamie genannt, ist eine stille Zentralfigur. In ihr verdichtet sich eine Generationengeschichte algerischer Migration, ohne jedes sentimentale Pathos.

Die Erzählerin als Zeugin ihrer eigenen Schreibbedingungen

In Annette ist die Erzählperspektive eine der markantesten Eigenschaften des Texts. Die Erzählinstanz ist weder allwissend noch neutral, sie ist ausdrücklich eine Stimme, die sich selbst in den Text einschreibt. Die Adressierung wechselt zwischen dritter und zweiter Person: Mal wird Annette als „sie“ erzählt, mal direkt als „du“ angesprochen. Diese Du-Ansprache ist kein Trick, sondern eine ethische Haltung. Die Erzählerin tritt in eine imaginäre Sprechbeziehung zur historischen Figur, anerkennt damit die Unmöglichkeit objektiver Biographie und zugleich den Wunsch nach Nähe. Der Satz „Wir sehn sie stehen und nach vorne schauen / und nicht schwanken“ führt zusätzlich ein Erzähler-Wir ein, das an das epische Wir der homerischen Tradition erinnert, aber auch eine kollektive Zeugenschaft der Gegenwart zu bezeichnen scheint.

Die autopoetologische Dimension ist in Annette besonders explizit. Mehrfach bricht der Text aus der Erzählung heraus und reflektiert die Bedingungen seiner eigenen Entstehung: warum Weber über Annette schreibt, was sie von ihr weiß und was nicht, welche Quellen zuverlässig sind. Die bekannteste dieser Stellen ist die Schluss-Passage. Weber zitiert Camus‘ Le mythe de Sisyphe und schlägt vor, den Namen Sisyphos durch Annettes zu ersetzen: „Weshalb wir uns Sisyphos am besten / glücklich vorstellen.“ Diese Geste der Ersetzung ist ein poetologisches Bekenntnis: Literatur ist Überschreibung, Umbesetzung, Neubesetzung von Mythen.

In Bannmeilen ist die autopoetologische Dimension anders organisiert: weniger explizit reflektiert, aber tiefer in die Struktur eingearbeitet. Die Erzählerin fragt sich permanent, ob sie das Recht hat, über das zu erzählen, was sie sieht, ob ihre Wahrnehmung nicht voyeuristisch ist, ob das Buch, das sie zu schreiben beginnt, dem Erlebten gerecht werden kann. Der Schluss in der tamilischen Kirche Saint-Yves, wo sie auf Deutsch in das Fürbittenbuch einschreibt, ist der intensivste autopoetologische Moment. Das Schreiben des Buches, das wir gerade zu Ende gelesen haben, wird als ein Gebet beschrieben, als eine Bitte um Gerechtigkeit gegenüber den Begegneten. „Denn ich weiß nun, dass unsere Streifzüge hier nicht enden, sondern dass wir erst am Anfang unserer Reise stehen und ich davon erzählen werde.“ 10

Spirale und Reihung: Zwei Formen des Erzählens

Spiralförmige Zeit: Annette

Die Handlungsstruktur von Annette ist keine lineare Biographie, auch wenn das Leben einer realen Person das Gerüst liefert. Der Text beginnt nicht mit Annettes Geburt, sondern mit ihrer Gegenwart, mit der 95-jährigen Anne Beaumanoir in Dieulefit, und taucht dann in die Kindheit zurück. Die Zeitstruktur ist spiralförmig: Immer wieder kehrt der Text zu früher eingeführten Motiven zurück, variiert und bereichert sie. Das Wasser des Arguenon, das in den ersten Seiten als Gezeiten-Bild steht, kehrt später als Metapher des Fließens von Zeit und Widerstand wieder; die Muscheln, die Annettes Großmutter verkaufte, werden Jahrzehnte später zu einem Geschmacksbild der wiedergefundenen Kindheit nach der Befreiung. Raum und Zeit sind keine getrennten Kategorien, sondern durchdringen einander: Der Ort der Kindheit (Bretagne, Atlantik, Ebbe und Flut) ist auch der zeitliche Rahmen, der die ganze Biographie umschließt.

Die zwei Widerstände, gegen den deutschen Nationalsozialismus und gegen den französischen Kolonialismus, erscheinen im Text als strukturelle Parallelen. In beiden Fällen steht Annette auf der Seite der Unterdrückten gegen den Machtapparat des jeweiligen Staates; in beiden Fällen bezahlt sie mit Freiheit und persönlichem Glück; in beiden Fällen wird ihr Widerstand von einer Gemeinschaft getragen, die aus sozialen Außenseitern besteht: Kommunisten, deutschen Juden, Nordafrikanern. Diese Parallelstruktur ist keine vereinfachende Gleichsetzung, sondern ein Argument: Widerstand gegen Unterdrückung kennt keine nationalen Grenzen.

Episodische Reihung: Bannmeilen

Die Handlungsstruktur von Bannmeilen ist additiv, keine kausale. Kapitel folgen auf Kapitel, Streifzug auf Streifzug, Begegnung auf Begegnung, ohne dass eine dramatische Zuspitzung im klassischen Sinne erfolgt. Dies ist eine bewusste Entscheidung: Die Banlieue soll nicht als Kriminalitätsgeschichte oder Sozialkrise erzählt werden, sondern als Raum, den man durchquert und der sich langsam erschließt. Die Form der episodischen Reihung entspricht der Wanderpraxis: Wie die Déambulation kein Ziel, sondern eine Haltung ist, hat auch der Text keine Peripetie, sondern eine Akkumulation von Wahrnehmungen und Erkenntnissen.

Raumstruktur und Geographie des Ausschlusses

In beiden Texten sind Räume fundamental politische Kategorien. In Annette wird Frankreich als ein zutiefst zerklüftetes Territorium gezeigt: die besetzte Zone und die zone libre, Paris und die Bretagne, die Metropole und die Banlieue, Frankreich und Algerien. Die planques, die Verstecke der Résistance, verstreut über das ganze Land, sind Gegenräume zur besetzten Ordnung, heterotopische Zonen des Widerstands. Besonders eindrucksvoll ist die Passage, in der der Text von der Nationalen Sieben, der Straße von Paris zur Côte d’Azur, nach Algerien führt: „Wenn man nun / von Paris nach Süden diese Straße immer weiter in die / gleiche Richtung führe, also bis dahin, wo sie nicht mehr / Straße, sondern Meer ist und irgendwann ein andrer / Kontinent und also nur noch Richtung“ und man so bis nach Tamanrasset, bis in die Sahara gelange, wo Frankreich im Februar 1960 seine erste Atombombe zündete. Diese kartographische Gedankenübung macht das Kolonialverhältnis sichtbar als eine Verlängerung der eigenen Nationalstraße: Frankreich und Algerien sind nicht weit voneinander entfernt, sie sind dieselbe Richtung.

In Bannmeilen ist die Raumstruktur durch den Périphérique organisiert, die Stadtautobahn, die Paris in ein intra muros und ein extra muros teilt. Dieses Trennungssystem ist für Weber nicht nur topographisch, sondern sozial und epistemisch: Wer innerhalb lebt, weiß nicht, was außerhalb ist; wer außerhalb lebt, muss hinein, um zu arbeiten. Der Text macht diese Asymmetrie deutlich, indem die Erzählerin ihre eigene Blindheit dokumentiert: Sie hat jahrzehntelang in nächster Nähe des nördlichen Périphérique gelebt und die jenseitige Welt nie betreten. Diese geographische Ignoranz ist keine zufällige, sie ist strukturell, produziert durch die unsichtbaren Mauern, die soziale Klasse, Herkunft und Mediennarrative errichten.

Metaphorische Grundspannungen

Fließen als Gefährdung: Wasser und Bewegung

Beide Texte sind von einem Vokabular der Bewegung und des Fließens durchzogen, das zugleich Freiheit und Gefährdung bezeichnen kann. In Annette fließt der Arguenon zweimal täglich ins Meer und zurück; Annettes Leben ist ein Leben in Bewegung zwischen Verstecken, Städten, Ländern. Das Wasser ist ambivalent: lebenspendendes Element (die Großmutter fischt ohne Boot) und tödliches Hindernis (Sophie ertrinkt beim Fluchtversuch, oder wird erschossen). In Bannmeilen gibt es keine natürlichen Gewässer mehr, aber der Menschenstrom im Gare du Nord, der „gleichzeitig flussaufwärts / und flussabwärts fließt“ 11, ist das erste Bild des Textes: eine urbane Hydrologie der Körper. Die Banlieue ist kein Flussufer, sondern ein Netz aus Autobahnen und Bahnen, aus Strömen ohne natürliches Bett.

Der Name als letzte Form des Erinnerns

In Annette ist das Semantikfeld der Namen besonders komplex. Annette trägt im Untergrund mehrere Falschnamen; Roland/Rainer wird zu Roland Vergne und Roland Fleury; sogar de Gaulle wird etymologisch kommentiert: „General von Gallien“, der Name als Konstruktion einer nationalen Mythologie. Die Entdeckung, dass Roland nichts von Sophies wirklichem Tod wusste, und dass Weber ihren Namen und ihre Daten posthum in den Text einschreibt, ist der stärkste Moment dieser Semantik: Namen retten nicht, aber das Aufschreiben eines Namens ist eine Form des Erinnerns, das dem Vergessen widersteht. In Bannmeilen gilt eine verwandte Logik: Das Café von Rachid hat keinen richtigen Namen, das Neuf-trois ist eine Postleitzahl-Nummer, die zur Identitätsbezeichnung geworden ist. Menschen werden durch Herkunftsnummern klassifiziert.

Geschichte als lebendige Gegenwart: Erinnerung ohne Abschluss

Annette ist ein Buch über die Verdichtung von Zeit. Die 95-jährige Anne Beaumanoir in der Gegenwart und das kleine Kind Annette, das auf der ersten Seite auf dem weißen Blatt zur Welt kommt, sind nicht chronologisch geordnet, sondern gleichzeitig präsent: „Sie ist sehr alt, und wie es das Erzählen will, / ist sie zugleich noch ungeboren.“ 12 Diese erste Paradoxie, gleichzeitig alt und ungeboren, ist das Zeitprinzip des gesamten Textes. Geschichte wird nicht als vergangene Faktenfolge erzählt, sondern als lebendige Erfahrungsmasse, die in der Gegenwart aufbewahrt ist.

Webers Umgang mit dem Verhältnis von Résistance und Algerienkonflikt ist historiographisch präzise und politisch mutig: Sie zeigt, wie das Frankreich, das im Zweiten Weltkrieg besetzt war und Widerstand leistete, selbst Besetzer in Algerien war, und dass dieselben Menschen, die gegen Nazi-Deutschland kämpften, 15 Jahre später entweder die Unabhängigkeit Algeriens unterstützten (wie Annette) oder schweigend dem Kolonialismus zuschauten. Diese Gleichzeitigkeit von heroischer Erinnerung und kolonialer Schuld ist das eigentliche historische Argument des Textes.

Bannmeilen dagegen operiert mit einer Gegenwartszeit, die tief in Geschichte eingebettet ist. Jeder Ort trägt Namen, die historische Schichtungen sichtbar machen: La Courneuve und der 8. Mai 1945, der Bahnhof trägt dieses Datum als Namen, der 8. Mai 1945 ist zugleich der Tag der deutschen Kapitulation und der Tag des Massakers von Sétif, bei dem die französische Armee algerische Unabhängigkeitsbefürworter tötete. Der Friedhof von Bobigny enthält olympische Champions neben vergessenen Einwanderern. Die Rue de Verdun führt durch ein Industriegebiet: ein Straßenname, der eine der verlustreichen Schlachten des Ersten Weltkriegs bezeichnet, in der auf beiden Seiten annähernd gleich viele Soldaten starben, kein Sieg, nur Tote. Diese toponomastischen Schichten sind Webers Methode, Geschichte nicht zu lehren, sondern im Raum aufzufinden.

Heldinnenschaft unter Vorbehalt

In Annette ist die Geschlechterfrage strukturell. Das Epos, traditionell eine Gattung des heroischen Mannes, wird zur Gattung einer Frau gemacht, die ihren Heldenstatus stets gegen die Erwartungen ihrer Umgebung erkämpfen muss. Der korsische Arzt, der Annette mit dem Satz „Zu mickrig. Können wir nicht gebrauchen“ abweist, als sie an die Front will, ist eine Figuration dieses strukturellen Ausschlusses: Frauen dürfen kämpfen, aber nur subaltern. Die Szene mit de Gaulle verstärkt dies: Annette sieht ihn mit einem Gemisch aus Ehrfurcht und feministischem Widerstand. Sie kann seine Größe nicht leugnen, weiß aber, dass sie zu seinem Mittagessen nicht geladen ist. Der Text benennt die Situation ausdrücklich: „Von Ausnahmen mal / abgesehen, waren die Frauen anvertrauten Aufgaben / im Untergrund wie auch sonst im Leben / subalterne. Ihr gutes Recht wäre es gewesen, / verhaftet, erschossen oder deportiert zu werden. Auch / eine Art der Gleichberechtigung.“

In Bannmeilen tritt die Geschlechterfrage weniger explizit auf, ist aber in der Raumstruktur eingearbeitet. Der öffentliche Raum der Banlieue ist in Webers Wahrnehmung ein vorwiegend männlicher: die Männer auf den Bürostühlen (die chouffeurs), die Männer in Rachids Café, die Männer auf den Parkplätzen. Frauen sind präsent, aber oft unsichtbar oder in häusliche Funktionen verwiesen. Die wichtigste weibliche Figur, Rachids Mutter, ist die Hüterin eines sozialen Raums, aber sie ist namenlos: Sie heißt nur durch die Relation zu ihrem Sohn.

Überschreibung als Methode

Beide Texte sind reich an intertextuellen Verweisen, die nie dekorativ, sondern immer argumentativ eingesetzt werden. In Annette stehen Camus, Malraux (La Condition humaine: der Kommunist Ch’en aus Shanghai erscheint als Vorläufer für das Problem der Waffenabgabe) und die klassische Epostradition im Dialog. Die intermediale Ebene ist durch Webers Praxis der Selbstübersetzung definiert: Annette, ein Heldinnenepos und Annette, une épopée sind nicht dasselbe Buch in zwei Sprachen, sondern zwei Bücher mit einer gemeinsamen Seele. Die Gattungsbezeichnung, im Deutschen Heldinnenepos, im Französischen épopée ohne das weibliche Suffix, macht bereits die unterschiedliche kulturelle Einbettung sichtbar: Das Deutsche erfindet ein neues Wort, das Französische nimmt die allgemeine Gattungsbezeichnung.

In Bannmeilen sind die Referenzen auf die Flâneur-Tradition der französischen Literatur (Baudelaire, Perec, Maspero) ebenso präsent wie auf den Dokumentarfilm (Hocine/Thierry ist selbst Filmemacher) und auf das Gebet. Dass die Erzählerin am Schluss in einer Kirche, mit einem Bic-Stift, in ein Fürbittbuch einträgt, ist eine Referenz auf die älteste Form des Schreibens: nicht das Kunstwerk, sondern die Bitte.

Geburt aus dem weißen Blatt, Gebet in der tamilischen Kirche

Annette

Der Anfang von Annette ist eine Geburt aus dem weißen Blatt: „Anne Beaumanoir ist einer ihrer Namen. / Es gibt sie, ja, es gibt sie auch woanders als auf / diesen Seiten.“ 13 Die Figur existiert zunächst außerhalb des Textes, in der Welt, in Dieulefit; das Buch ruft sie nicht ins Leben, sondern lädt sie ein. Die Umkehrung des Schöpfungsmythos, nicht der Text schafft die Figur, sondern die Figur leiht dem Text ihr Leben, ist das erste und grundlegende Verfahren der Poetik. Der Anfang ist kosmologisch: „auf diesem weißen Blatt zur Welt – / in eine undurchdringliche Leere, in die sie / lange runde Maulwurfblicke wirft“ 14. Das Kind ist ein Maulwurf: blind und tastend, aber in der Erde zuhause.

Das Ende ist, nach dem Camus-Zitat und der Sisyphos-Ersetzung, eine Ruhe ohne Sentimentalität: „Camus war friedlich; Annette war es nicht. / Und doch ist sie es, die mit ihrer Existenz / etwas erhellt, was er geschrieben hat.“ Das Licht, das Annette auf Camus‘ Texte wirft, ist kein Triumphieren, sondern eine stille Erhellungsbewegung. Der Schluss kehrt zur Reflexion über das Schreiben zurück und schließt damit den Kreis zum Anfang: Das Buch endet damit, dass es erklärt, warum es dieses Buch geben musste.

Bannmeilen

Der Anfang von Bannmeilen ist eine Erinnerung an eine Sprachhandlung: Thierry, der im Passé simple spricht, wie ein Buch. „Thierry ist der einzige Franzose, den ich je im sogenannten Passé simple / habe sprechen hören.“ 15 Dieser erste Satz ist zugleich linguistisch, sozial und poetologisch: Er bezeichnet eine Anomalie im Sprachgebrauch, die, wie sich herausstellt, aus einer Biographie des Ausschlusses stammt; er führt das Thema Sprache als Klasse ein und stellt die Frage, was es bedeutet, wie ein Buch zu sprechen. Das Passé simple, eine ausgestorbene mündliche Zeitform des Französischen, ist eine gesprochene Schriftsprache, und damit das Paradox, um das es im ganzen Buch gehen wird: wie die Sprachen und die sozialen Codes sich überlagern, wie das Schriftliche ins Mündliche einbricht und umgekehrt.

Das Ende kehrt in eine Kirche zurück, in eine Schreibbewegung: Die Erzählerin betet auf Deutsch in einem französischen Gotteshaus, das von Tamilen frequentiert wird, ein mehrsprachiger Ort, ein Vielsprachenraum. Sie schreibt zuerst auf Französisch, dann aber, weil sie anonym bleiben will, auf Deutsch: „Lieber Gott, behüte bitte …“ 16. Dieser Moment ist das Emblem des Textes: Die Erzählerin schützt sich durch ihre Sprache, durch das Deutsche, das im Neuf-trois niemand lesen kann, und schreibt damit sowohl ins Buch als auch aus sich heraus. Anfang und Ende von Bannmeilen sind Sprachreflexionen: am Anfang ein Franzose, der wie ein Buch spricht; am Ende eine Deutsche, die in einer tamilischen Kirche auf Deutsch betet.

Das Dazwischen als produktive Störung

Anne Webers Annette, ein Heldinnenepos und Bannmeilen/Neuf-trois sind, in je verschiedener Form und mit je verschiedenem Vorzeichen, Romane des produktiven Dazwischen. Sie überkreuzen Sprachen, Epochen und soziale Räume nicht, um eine versöhnliche Synthese zu erzeugen, sondern um die Unabschließbarkeit dieser Überkreuzungen sichtbar zu machen. In Annette wird eine französische Nationalhelden-Biographie in der deutschen Sprache verfasst und damit der französischen Erinnerungskultur entzogen, um ihr in der Selbstübersetzung von außen zurückgegeben zu werden, bereichert um eine Perspektive, die das Koloniale und das antifaschistische Erbe gleichermaßen gewichtet. In Bannmeilen erkundet eine Deutschfranzösin einen Raum, der ihr als Pariserin vertraut-fremd ist, an der Seite eines Mannes, dem er als Banlieusard vertraut-unvertraut ist: Weder Thierry noch die Erzählerin besitzen diesen Raum, beide erschließen ihn gemeinsam, und der Text ist das Protokoll dieser doppelten Erschließung.

Was beide Texte auszeichnet, ist eine doppelte ethische Haltung: Demut gegenüber dem, was sie erzählen (die wirkliche Annette Beaumanoir, die wirklichen Bewohner des Neuf-trois), und Mut zur Form. Das Versepos, das Erinnerungsgebet, die Déambulation, diese Formen sind nicht beliebig gewählt, sondern aus dem Material selbst entwickelt: Annettes Leben verlangt nach dem Epos, weil ihr Widerstand nach einer Würdeform verlangt, die nicht die der klassischen Prosabiographie ist; die Banlieue verlangt nach der Wanderpraxis, weil sie nur durch den langsamen, körperlichen Akt des Durchquerens erschlossen werden kann, nicht durch Überflug.

Die Kategorie des Roman croisé trifft auf beide Texte deshalb zu, weil sie die Überkreuzung nicht illustrieren, sondern vollziehen: formal in der Gattungshybridisierung, sprachlich in der Zweisprachigkeit und Selbstübersetzung, räumlich in der Kartographie der Ausschlüsse und Übergänge, temporal in der Weigerung, Geschichte als abgeschlossen zu behandeln. Wenn die Erzählerin in Bannmeilen am Ende auf Deutsch in ein tamilisches Fürbittbuch in Frankreich schreibt, dann ist das der komprimierteste Ausdruck dieser ganzen Poetik: Literatur als eine Geste, die sich selbst in einen größeren sozialen Raum einschreibt, ohne zu beanspruchen, ihn zu besitzen oder zu verstehen.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Zwischen den Sprachen, zwischen den Zonen: Anne Weber." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on Oktober 25, 2026 at 05:27. https://rentree.de/2026/10/25/zwischen-den-sprachen-zwischen-den-zonen-anne-weber/.
Anmerkungen
  1. Sieglinde Geisel, „Trau nur dem, was das Hirn erfunden hat“, FAZ, 23. August 2026>>>
  2. ebd.>>>
  3. Nico Bleutge, „Alles wird möglich“, Deutschlandfunk, 26.05.2026>>>
  4. ebd.>>>
  5. Geisel, FAZ, 23. August 2026>>>
  6. ebd.>>>
  7. Bleutge, Deutschlandfunk, 26. Mai 2026>>>
  8. ebd.>>>
  9. Geisel, FAZ, 23. August 2026>>>
  10. „Car je sais maintenant que nos longues marches ne s’achèvent pas ici, mais que nous sommes encore au début de notre voyage et que j’en ferai le récit.“>>>
  11. „un fleuve qui coulerait en même temps vers l’aval et vers l’amont“>>>
  12. „Elle est très vieille et en même temps, comme le / récit le veut, elle n’est pas née.“>>>
  13. „Anne Beaumanoir : c’est un des noms qu’elle a. / Et elle existe, oui, elle existe bel et bien et donc / ailleurs que dans ces pages.“>>>
  14. „elle vient au monde sur cette feuille blanche, et dans ce / vide impénétrable qui lentement se remplit de formes / et de couleurs … / elle jette ses longs et ronds regards de taupe.“>>>
  15. „Hocine est le seul Français que j’aie jamais entendu parler au passé simple.“>>>
  16. „Seigneur, protège s’il te plaît …“>>>

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