Ein Mann verschwindet, um Zeuge zu werden: Joy Sorman

Ein Mann verlässt eines Morgens seine Wohnung, drückt einer fremden Obdachlosen seinen Personalausweis in die Hand und betritt den Pariser Justizpalast – um ihn nicht mehr zu verlassen. Er nistet sich in der abgehängten Decke über den Verhandlungssälen ein, lebt von Kaffee und Ingwerkeksen aus der Cafeteria und wird tagsüber, unter den Zuhörern wechselnder Kammern, zum stillen Zeugen eines endlosen Zugs von Fällen: Diebstahl, häusliche Gewalt, Terrorismus, sexueller Missbrauch. Joy Sormans Roman „Le témoin“ folgt diesem Bart durch Monate im Rhythmus der Sitzungen, in denen sich, Verhandlung um Verhandlung, weniger die Schuld der Einzelnen zeigt als die Mechanik einer Institution, in der Zeitdruck, Erschöpfung und Herkunft über das Urteil mitentscheiden – bis eine Rückblende auf Barts eigene Kündigung bei der Arbeitsagentur ahnen lässt, welche Erfahrung von Ungerechtigkeit ihn selbst hierhergeführt hat, und ein Alptraum von einer Gesetz-in-den-Körper-schreibenden Maschine unüberhörbar an Kafka erinnert. Als Bart schließlich, wegen Vagabundierens angeklagt, an derselben Schranke steht, die er all die Monate beobachtet hat, antwortet er auf jede Frage nach seiner Identität nur mit einer einzigen, unerschütterlichen Formel – und stellt damit, im Augenblick seiner eigenen Aburteilung, jene Frage, auf die der ganze Roman zusteuert: ob genaues, geduldiges Zusehen selbst schon eine Form sein kann, in der sich Gerechtigkeit zeigt, wenn das Recht sie längst verfehlt hat. Damit setzt Sorman ihr Verfahren fort, gesellschaftliche Orte – zuvor den Schlachthof in „Comme une bête“, die Psychiatrie in „À la folie“ – literarisch zu erschließen, und macht diesmal die Sprache des Rechts selbst zum eigentlichen Gegenstand.

➙ Zum Artikel

Habitate schreiben: Zeiten der Bewohnbarkeit bei Joy Sorman

Die Interpretation liest „Gros œuvre“ (OEU) und „L’inhabitable“ (INH) der Inculte-Autorin Joy Sorman als komplementäre Versuchsanordnungen, in denen das Wohnen einmal aus der Perspektive seiner Hervorbringung, einmal aus der seines Entzugs begriffen wird: Während OEU in dreizehn episodischen Miniaturen das Habitat als Ergebnis körperlicher Arbeit, improvisierter Aneignung und sozialer Praxis entfaltet – vom autodidaktischen Hausbau über mobile, modulare oder prekäre Wohnformen bis hin zu kollektiven, ephemeren Utopien –, setzt INH beim Gegenteil an, indem es heruntergekommene Pariser Gebäude und ihre Bewohner dokumentiert und in einer doppelten Zeitstruktur (Besuch und Wiederkehr) zeigt, wie selbst die Verbesserung materieller Bedingungen soziale Gefüge destabilisiert und das Wohnen als erlernte, fragile Praxis sichtbar macht. Die Argumentation des Aufsatzes zeigt, dass erst im Zusammenspiel beider Texte eine adäquate Theorie des Wohnens entsteht: als ein Prozess zwischen Rohbau und Ruine, zwischen Möglichkeit und Verlust, der sich weder als statischer Zustand noch als rein funktionale Kategorie fassen lässt. Methodisch verfolgt die Analyse drei Linien: Erstens wird gezeigt, wie die je spezifischen Raum- und Zeitordnungen – mosaikartige Parataxe und perspektivische Mobilität in OEU, palimpsestartige Schichtung und retrospektive Verdopplung in INH – das Wohnen als dynamischen, nie abgeschlossenen Zustand modellieren; zweitens wird herausgearbeitet, dass die Figurenkonstellationen und Kommunikationsformen (vom dialogischen Austausch mit Handwerkern bis zum administrativ gerahmten Interview) die soziale Ungleichverteilung von Wohn- und Sprechrechten spiegeln; drittens rekonstruiert die Interpretation die zentralen Metaphernfelder – Körper, Konstruktion, Schwelle –, die beide Texte verbinden und zugleich gegeneinander verschieben. So wird die These einer „Poetik des Unvollendeten“ herausgearbeitet, die sich auch autopoetologisch bestätigt: Anfang und Schluss beider Werke inszenieren Wohnen nicht als Ankunft, sondern als Tätigkeit im Modus des Noch-nicht oder Nicht-mehr, sodass Sormans Schreiben selbst als eine Form des Bewohnens erscheint – ein Erkunden von Räumen, deren Bedeutung sich erst im Durchgang, in der Wiederholung und im sprachlichen Zugriff konstituiert.

➙ Zum Artikel

Verrückt ist, wer die Wirklichkeit in die Fresse bekommt

Ce matin, Franck propose de me montrer sa face de loup-garou, un simulacre de métamorphose, pour que je comprenne, que je fasse l’expérience de la peur, pour me prouver je ne sais quoi, sa folie ou le contraire. Il m’emmène dans sa chambre, me fait asseoir, se tient debout face à moi l’air concentré et en un éclair change d’expression, ses yeux fixes exorbités, se met à trembler, crispe sa mâchoire, retrousse ses babines, sort les crocs, serre les dents à s’en faire péter l’émail, souffle et crache, cela dure, je soutiens faiblement son regard, il insiste, sa veine temporale qui palpite, le rouge qui monte au front. Puis Franck s’arrête net, rigole, satisfait de sa performance – alors, t’as flippé ?

Weiterlesen

Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.