Ein Besitz, der nicht mehr ausgesprochen wird: Catherine Clément

Catherine Cléments „L’Allemand de ma mère“ (2023) erzählt, wie die junge jüdisch-ukrainische Apothekerin Raymonde Gornick 1937 den katholischen Yves Clément heiratet und wie ihre Familie – zwischen Paris und dem Loire-Dorf Le Thoureil, zwischen Kristallnacht, Vichy-Gesetzen, Deportation und Befreiung – durch den Zweiten Weltkrieg kommt, begleitet von der janusköpfigen Figur des deutschen Arztes Samuel Schütz, der sich zunächst als verfolgter jüdischer Flüchtling ausgibt, dann aber als Stabsarzt der Abwehr im besetzten Paris auftaucht und, als „falscher Samuel“, Raymonde immer wieder warnt und schützt, ohne dass je ganz klar würde, ob er Retter oder Agent, Freund oder Werkzeug des Vernichtungsapparats ist; parallel dazu verfolgt der Roman in kurzen, vorsprachlichen Passagen, wie das ungeborene und dann kleine Kind Catherine – die Erzählerin, benannt wie die Autorin selbst – ein eigenes Ich entwickelt, bis sie am Ende, nach der Ermordung der Großeltern in Auschwitz und der Geburt eines Bruders im Mai 1945, die Geschichte selbst in der ersten Person weitererzählt. Der Aufsatz liest diesen Roman als „roman croisé“, weil er Deutschland und Frankreich nicht als benachbarte Räume, sondern als ineinander verschränkte, einander durchdringende Wirklichkeiten zeigt: Deutsch ist die Sprache, die Raymonde einst fließend sprach und nach dem Krieg für immer verstummen lässt, und zugleich der eine, gespaltene Mann, an dem sich Rettung und Bedrohung nicht trennen lassen; formal spiegelt sich diese Verschränkung in einer datierten, fast annalistischen Kriegschronik, die immer wieder von einer ganz anderen, körperlich-kindlichen Zeitlichkeit unterbrochen wird, sodass der Roman am Ende weniger eine abgeschlossene Geschichte als eine unabschließbare Übersetzungsarbeit zwischen Sprachen, Generationen und Loyalitäten hinterlässt.

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