Der Riss, der trägt: Charlotte Casiraghi
Charlotte Casiraghis „La Fêlure“ (Julliard, 2026) entfaltet in sechzehn Kapiteln und einem Epilog eine literarisch-philosophische Erkundung des Risses als Grundfigur menschlicher Existenz: Ausgehend von Fitzgeralds „The Crack-Up“, dessen französischen Titel sie sich leiht, versammelt die Autorin Colette, Balzac, Duras, Pavese, Akhmatova, Sand, Bachmann, von Arnim, Woolf, Freud, Dufourmantelle, Pascal, Moitessier, Juarroz und J. J. Cale zu einer Galerie von Figuren, die je auf eigene Weise mit einer Bruchstelle in sich selbst leben, und verwebt deren Lektüre mit eigenen, oft nur angedeuteten Erinnerungen, etwa an ihre klinische Arbeit mit essgestörten Jugendlichen oder an den Tod einer Freundin. Der vorliegende Aufsatz liest diese sechzehn Fallstudien nicht additiv, sondern als Spannungsgefüge: Er zeigt, wie Deleuzes Begriff der Fluchtlinie und Freuds Bild des vorgeprägten Kristallsprungs als zwei Pole fungieren, zwischen denen sich die einzelnen Kapitel bewegen, und wie ein bislang unbeachtetes geschlechtliches Muster, Ausdauer und Zeugenschaft bei den Frauen, Bewegung und Flucht bei den Männern, das Buch heimlich strukturiert. Aus dieser Analyse erwächst eine Gesamtdeutung, die dem Buch seine Redlichkeit zugesteht, zugleich aber fragt, ob die immer gleiche Abfolge aus Biografie, Zitat und Deutung nicht genau jene Vereinnahmung reproduziert, vor der das Buch selbst warnt; ein angefügtes Kapitel zur Presserezeption bestätigt diesen Befund von außen, indem es zeigt, dass auch die Kritik fast durchweg in denselben Gegensatz von Hochglanzbild und literarischer Tiefe verfällt, den „La Fêlure“ zu seinem Thema macht.
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