Résumé
Zum hundertsten Geburtstag Michel Foucaults legt Didier Fassin die zehn Vorlesungen seines Kurses am Collège de France vor. „Ainsi pensait Michel Foucault“ (2026) ist keine Exegese, sondern eine Probe aufs Exempel: Fassin will zeigen, dass Foucaults Methode der Problematisierung, nicht seine Begriffe, die heutige Gesellschaftsanalyse trägt. Er geht Thema für Thema vor (Wahnsinn, Gefängnis, Wahrheit, Humanismus, Moral, Politik, Engagement) und stellt jeder Werkphase eigene Feldforschung zu Asyl, Trauma, Polizei und humanitärer Vernunft zur Seite. Die Rezension würdigt das Buch als verlässliche Zusammenfassung mit eigenem Blickwinkel: Neu sind die Typologie dreier Humanismen, das Gewicht der Tunesien-Jahre und das Schlusskapitel über Foucaults Lücken bei Kolonialismus, Geschlecht, Rasse und einer Politik des Lebens. Kritisch fragt sie, ob Fassins Ausführungen zu Gaza als Konsequenz seines Ansatzes oder als Verlassen des Gegenstands zu lesen sind, da der Ton nicht ganz zu der Zurückhaltung gegenüber normativen Urteilen passt, die er an Foucault verteidigt. Ein Ausblick auf das Jubiläumsjahr zeigt, dass Fassin die neuen Zugänge zu Foucault (etwa Archiv, außereuropäische Rezeption, Algorithmen und Klima) mitprägt und zugleich beobachtet.
Foucault als Werkzeugkasten für die Gegenwart
Didier Fassin, Ainsi pensait Michel Foucault: enquête sur une philosophie pour notre temps. Cours au Collège de France 2026 (Paris: La Découverte, 2026).
Der Titel Ainsi pensait Michel Foucault erinnert an Nietzsches Ainsi parlait Zarathoustra (deutsch Also sprach Zarathustra), und der Anklang ist wohl gewollt, auch wenn Fassin ihn nicht erklärt. Der Unterschied liegt in einem Verb: Wo Zarathustra spricht, verkündet und prophezeit, hat Foucault hier gedacht, in der Vergangenheitsform, als ein Denker, dessen Bewegungen nachvollzogen werden. Der Untertitel Enquête verstärkt das, denn eine Untersuchung setzt Belege und Zweifel an die Stelle der Offenbarung. Dazu passt, dass Fassin Foucaults Verhältnis zu Nietzsche als Gebrauch beschreibt und nicht als Treue. Zugleich sieht er Foucault in Les Mots et les Choses ausdrücklich in der Rolle des Propheten, der den Tod des Menschen ankündigt, so wie Zarathustra den Tod Gottes. Der Autor ist ein ungewöhnlicher Leser für dieses Unterfangen. Fassin ist Arzt und Anthropologe, er hat in der Infektionsmedizin an der Salpêtrière gearbeitet, schrieb seine medizinische Dissertation über Gesundheitspolitik in Tunesien und lehrt heute am Collège de France, wo seine Professur den Moralfragen und politischen Einsätzen heutiger Gesellschaften gewidmet ist. Seine Studien zur humanitären Vernunft, zum Trauma, zu Polizei, Gefängnis und Asyl und zuletzt zu Gaza liefern das empirische Material, mit dem er Foucault prüft.
Das Buch versammelt die zehn Vorlesungen seines Kurses am Collège de France von 2026, passend zum hundertsten Geburtstag Foucaults. Er will ausdrücklich keine Exegese liefern. Er ordnet das Werk nach Themen (Wahnsinn, Gefängnis), Begriffen (Kritik, Wahrheit, Humanismus) und Haltungen (Moral, Politik, Engagement). Zwei Kapitel rahmen das Ganze: „Présences“ am Anfang, „Absences“ am Schluss. Den Einstieg bildet Foucaults letzte Vorlesung über den Mut zur Wahrheit, mit dem Gedanken, dass Wahrheit nie dasselbe ist, sondern die Position des Anderen verlangt.
Als Zusammenfassung funktioniert das Buch zuverlässig, ohne Neues zu behaupten. Fassin rekonstruiert, wie Foucault Kritik als Haltung statt als Urteil fasst, wie die Archäologie in die Genealogie übergeht, wie die Repression dem produktiven Machtbegriff weicht und wie das späte Denken von Biopolitik zu Gouvernementalität und Selbstsorge wandert. Die Kontroversen sind sauber nachgezeichnet: Walzer, Habermas, Bouveresse und Tiercelin gegen Foucault, dazu die Debatte um Relativismus und „Post-Truth“. Wer Foucault kennt, findet hier vor allem eine gut geordnete Bestandsaufnahme.
Neu ist der Blickwinkel. Fassin liest Foucault als Sozialwissenschaftler und stellt jeder Werkphase eigene Feldforschung an die Seite: Asylverfahren, Traumadiagnosen, Gefängnis- und Polizeiethnografie, die humanitäre Vernunft, die in eine Sicherheitslogik umschlägt. Dahinter steht das Argument, man solle Foucaults Methode übernehmen, nicht seine Begriffe, weil sonst die eigene Gegenwart mit seiner verwechselt wird. Hinzu kommt eine Typologie von drei Humanismen (Renaissance, Aufklärung, Philanthropie), die Foucaults pauschalen Antihumanismus als Kritik an nur einer Form erscheinen lässt. Auch die Rolle der Tunesien-Jahre als Ursprung seines Engagements wird stärker gewichtet als üblich. Dazu kommen Beobachtungen zu den verstümmelten englischen Übersetzungen der Histoire de la folie und der Archéologie du savoir.
Der eigenständigste Teil ist das Schlusskapitel über Foucaults Lücken. Fassin liest sie nicht als Mangel, den man vorhält, sondern als Arbeitsauftrag, und er verfährt nach dem Motto, mit Foucault auch gegen ihn zu denken. Das ist politisch klar positioniert. Wie weit das trägt, behandelt das eigene Kapitel weiter unten.
Insgesamt bietet das Buch eine zugängliche, gut belegte Einführung mit einer erkennbaren eigenen Stimme. Schwächen liegen im Genre: Als Vorlesungsfolge wiederholt es manches, stützt sich stark auf Sekundärliteratur und lässt Fassins Eigenarbeiten oft länger zu Wort kommen als nötig. Der persönliche Epilog, in dem er als junger Arzt Foucault auf der Salpêtrière begegnet und die Entscheidung der Neurologen zur Biopsie kritisiert, ist eindrücklich, bleibt aber ein einzelnes Zeugnis, das sich nicht prüfen lässt. Wer eine Methodenschule für heutige Gesellschaftsanalyse sucht, wird hier mehr finden als in einer weiteren Werkbiografie. Wer eine neue Foucault-Deutung im strengen Sinn erwartet, nicht.
Foucaults Lücken: Mit ihm und gegen ihn denken
Das Schlusskapitel „Absences“ beginnt mit einer Szene von 1979. Edward Said reist zu einem Pariser Seminar über den Frieden im Nahen Osten, das in Foucaults Wohnung stattfindet. Foucault verlässt die Runde, bevor sie beginnt, mit dem Hinweis, er müsse in die Bibliothek. Fassin nimmt diesen Abgang als Ausgangspunkt für eine Frage: Welche Folgerungen aus Foucaults Analysen hat Foucault selbst nicht gezogen, und was haben andere daraus gemacht? Gemeint sind nicht beliebige Auslassungen, sondern Fortsetzungen, die das Werk nahelegt. Fassin geht vier Felder durch.
Kolonialismus: Ein Schweigen, das Forschung ausgelöst hat
Foucault hat die koloniale Frage in seinem Werk kaum berührt. Fassin findet eine einzige einschlägige Stelle, in der Vorlesung „Il faut défendre la société“ vom 4. Februar 1976. Dort spricht Foucault von Rückwirkungen kolonialer Modelle auf die Machtmechanismen im Westen, von einer Art innerer Kolonisierung. Das erinnert an Césaires „choc en retour“ von 1950, bleibt aber vager und weniger dramatisch. Auffällig ist der biografische Kontrast: Foucault studierte während des Indochinakriegs, lehrte während des Algerienkriegs, unterrichtete in Tunis und bewarb sich um eine Stelle in Lubumbashi, ohne je über Kolonialismus zu schreiben.
Said wirft ihm deshalb einen fast durchgehenden Eurozentrismus vor. Fassin schränkt das ein: Foucault habe seine Analysen nie für andere Weltgegenden beansprucht. Der Geograf Stephen Legg spricht von einer „abwesenden Anwesenheit“ des Kolonialismus im Werk. Das eigentlich Überraschende sei, dass dieses Werk die Kolonialstudien geprägt habe. Ann Laura Stoler hält fest, kein anderer Analyserahmen habe das Feld im vorangegangenen Jahrzehnt so durchdrungen. Fassin selbst nennt Studien aus Südafrika zur Sexualität im Kolonialkontext als Beispiel, etwa zur Syphilis-Panik und zur Rassifizierung der Aids-Epidemie. Dass Foucault 1976 über Rassenkrieg sprach und im selben Jahr über Sexualität schrieb, ohne beides im Kolonialen zusammenzudenken, bleibt für Fassin rätselhaft.
Die Kritik aus den Subaltern Studies geht weiter. Chakrabarty warnt davor, postkoloniales Denken als Ableger westlicher Theorie zu lesen. Spivak wirft Foucault vor, die europäischen Machtumbrüche so zu behandeln, als seien sie ohne imperiale Ausbeutung entstanden. Die Klinik, das Asyl und das Gefängnis wirkten dann wie ein Schirm, der den Blick auf den Imperialismus verstelle.
Geschlecht: Viel Material, aber keine Kategorie
Foucault hat vier Bücher zur Sexualität geschrieben, spricht aber nie von Gender, äußert sich nicht zur Lage der Frauen, stützt sich fast nur auf männliche Autoren und beteiligt sich nicht an feministischen Kämpfen. Zugleich ist er einer der am häufigsten herangezogenen männlichen Autoren in feministischer Theorie. Fassin zitiert Margaret McLaren, die das Verhältnis als Tanz, als Ergänzung und als Gegnerschaft beschrieben findet.
Die Einwände fasst Fassin über Monique Deveaux in vier Punkten zusammen. Erstens setze der Begriff der disziplinierten Körper voraus, dass Frauen sich fügen, und blende ihr Umgehen und Umdeuten der Regeln aus. Zweitens passe die Annahme, Macht wirke nur auf freie Subjekte und schließe Gewalt aus, schlecht zu Herrschaftsverhältnissen, in denen Frauen leben. Drittens führe die Skepsis gegenüber jeder Identität dazu, dass klassische feministische Positionen als Essentialismus verdächtigt würden. Viertens mache die Zurückweisung von Vernunft, Wahrheit und Freiheit es schwer, Emanzipation auf Werte zu gründen. Gegen diese Einwände stellt Fassin zwei produktive Aneignungen. Judith Butler zeigt in Gender Trouble, dass es keine „Wahrheit“ des Geschlechts jenseits der Normen gibt, die es herstellen. Wendy Brown kritisiert in States of Injury, dass Rechtsforderungen Minderheiten an Recht und Staat binden und so den Blick auf die Herrschaftsstrukturen verengen, die beide mit hervorgebracht haben.
Rasse: Ein Kriegsbegriff ohne Anschluss an die Rassismusforschung
Beim Thema Rasse liegt der Fall anders, denn hier hat Foucault eine eigene These entwickelt: die Gegengeschichte des „Rassenkriegs“ und, in der Vorlesung vom 17. März 1976, den Staatsrassismus als Technik des Biopouvoirs, der zwischen denen unterscheidet, die leben, und denen, die sterben sollen. Fassin bemerkt, dass in der Formel eher das erste Wort zähle. Das Resümee der Vorlesung ist ganz auf den Krieg als Fortsetzung der Politik ausgerichtet, die Rasse taucht nur in einem Halbsatz auf und wird im 19. Jahrhundert vom Klassenkampf und der Macht über das Leben abgelöst.
Das Ergebnis sei eine Theorie, die von der Wirklichkeit des Rassismus abgekoppelt bleibe, bei Fanon (1952) für die Kolonialgesellschaft, bei Colette Guillaumin (1972) für die Gegenwart. Als Kontrast zieht Fassin Reinhart Koselleck heran, der ein Jahr zuvor die „asymmetrischen Gegenbegriffe“ untersucht hatte (Hellenen und Barbaren, Christen und Heiden). Sie zeigen, wie Gruppen sich moralisch erhöhen und andere herabsetzen, über Jahrhunderte und bis in die Gegenwart. Fassins nüchterne Bilanz in der Sprache der Intersektionalität lautet: Foucault habe über Gender nicht gesprochen, aber die feministische Theorie angeregt; er habe sich für Rasse interessiert, aber das Feld kaum beeinflusst; er habe von Bourgeois und Proletariern gesprochen, ohne das Wort „Klasse“ zu verwenden.
Eine Politik des Lebens: Was die Biopolitik nie behandelt hat
Giorgio Agamben meint, der frühe Tod habe Foucault daran gehindert, die Biopolitik auszuarbeiten. Fassin widerspricht. Das Biopouvoir taucht acht Jahre vor Foucaults Tod kurz auf und verschwindet. Die Biopolitik kündigt er in zwei aufeinanderfolgenden Jahren als Vorlesungsthema an und behandelt sie beide Male nicht. Vom Leben selbst sei kaum die Rede. Die Biopolitik sei bei Foucault, entgegen der Etymologie, keine Politik des Lebens, sondern die Regierung von Bevölkerungen.
Fassin sucht die Lücke mit Hannah Arendt und Aristoteles zu füllen. Er unterscheidet das biologische Leben (zoē), das Intervall zwischen Geburt und Tod, vom biografischen Leben (bios), das aus erzählbaren Ereignissen besteht. Eine Politik des Lebens müsste beides zusammen betrachten, also fragen, was Macht den Körpern und den Biografien antut. Zwei Autoren dienen als Gegenpole. Nikolas Rose untersucht Genomik und Biokapitalismus, also das „Machen des Lebendigen“. Achille Mbembe entwickelt den Begriff der Nekropolitik, die Herrschaft über den Tod, und sieht in der Besatzung Palästinas deren am weitesten entwickelte Form. Zwei Bücher zeigen, wie sich die Doppeldimension empirisch fassen lässt: Adriana Petryna beschreibt eine „biologische Staatsbürgerschaft“ der Tschernobyl-Betroffenen, Banu Bargu eine „Nekroresistenz“ in den Hungerstreiks türkischer Gefangener im Jahr 2000, bei denen das eigene Leben zur letzten politischen Waffe wird.
Gaza: Die Ungleichheit der Leben als Fallstudie
Fassin selbst fragt nach der Ungleichheit der Leben und entfaltet sie am Krieg in Gaza seit dem 8. Oktober 2023, den er mit Verweis auf Rechtswissenschaftler, Menschenrechtsorganisationen und eine UN-Untersuchungskommission als genozidal bezeichnet. Er geht in vier Schritten vor.
Zahlen: Bis Mitte Februar 2026 sind 72 063 Tote identifiziert, nach Angaben einer Datenbank der israelischen Armee zu 83 Prozent Zivilisten. Eine Erhebung der Universität Löwen, auf die sich Fassin stützt, schätzt die Zahl der gewaltsamen Tode um 53 Prozent höher, dazu kommen Tote durch Hunger, Seuchen und zerstörte Krankenhäuser. Seine Hochrechnung auf Februar 2026 ergibt etwa 122 500 Tote, davon 101 700 Zivilisten und 28 700 Kinder. In den Kriegen von 2008 und 2014 habe das Verhältnis ziviler Opfer bei 255 zu eins beziehungsweise 244 zu eins gelegen. Das aktuelle Verhältnis liege bei 133 zu eins für Zivilisten und 800 zu eins für Kinder. Fassin nennt diesen Vergleich selbst „sinistre, mais nécessaire“.
Lebenserwartung: Eine Studie des Max-Planck-Instituts, die nur gewaltsame Tode berücksichtigt, kommt für 2024 auf 45,9 Jahre für Frauen und 36,2 Jahre für Männer, gegenüber 77,2 und 72,9 Jahren vorher. Das Altersmuster der Toten ähnele dem in vier anderen von der UN untersuchten Völkermorden.
Tote und Bestattung: Weil Zählungen unter Beschuss und Trümmern unmöglich werden, verlören die Toten ihren Wert. Man nehme den Menschen das Leben und bestreite ihnen danach auch den Tod. Palästinensische Familien könnten ihre Angehörigen oft nicht rituell bestatten, weil Leichen einbehalten, verschüttet oder anonym zurückgegeben würden. Die Anthropologin Stéphanie Latte Abdallah spricht von „Nekro-Gewalt“. Fassin führt auch die Schändung eines Friedhofs an.
Stimmen: Das biografische Leben zeige sich in dem, was erzählt werden kann, und gerade das sei in Gaza gefährdet. Er verweist auf Dichterinnen wie Alaa Al Qatrawi, der Frankreich trotz eines Aufnahmeprogramms das Visum verweigere, und auf Journalisten. Ausländischen Reportern sei der Zutritt verwehrt, und über 260 palästinensische Berichterstatter seien getötet worden. Die Ungleichheit zeige sich auch in der Verteilung von Aufmerksamkeit und Gleichgültigkeit.
Konsequenz oder Verlassen des Gegenstands
Man kann diese Passagen als Konsequenz des Ansatzes lesen. Fassin setzt um, was er für Foucault selbst wünscht: die Methode übernehmen, die Gegenwart diagnostizieren, die toten Winkel des Vorbilds beackern. Dass er seinen Kurs am Ende bei einer Frage abschließt, die Foucault nicht gestellt hat, passt zu dem Satz, Denken mit einem Autor heiße manchmal Denken gegen ihn. Fassin räumt auch offen ein, dass er sich vom foucaultschen Projekt womöglich entfernt hat. Zudem kehrt die Lücke, mit der das Kapitel beginnt (Foucaults Schweigen zu Israel und Palästina), am Ende als Gegenstand wieder.
Man kann dieselben Passagen auch als Verlassen des Gegenstands lesen, und mehrere Gründe sprechen dafür. Erstens ist die Verbindung von Foucaults Lücken zu Gaza lose: Die Argumentation läuft von der Biopolitik zur Frage nach der Ungleichheit der Leben und von dort in einen Einzelfall, der eher eine eigene Studie verdient hätte als den Schlussteil einer Vorlesung über einen anderen Autor. Zweitens beruhen Teile der Zahlenvergleiche auf Hochrechnungen und auf Vergleichsgrößen aus unterschiedlichen Zeiträumen, die Fassin zwar benennt, aber ohne methodische Diskussion verwendet. Drittens, und das wiegt am schwersten, verträgt sich der Ton nicht ganz mit dem, was er an Foucault verteidigt. Das Buch lobt an Foucault, dass er keine normative Position bezieht, sondern analysiert, wie Wahrheit, Recht und Moral entstehen, und es wirft Kritikern wie Walzer, Taylor oder Habermas vor, das nicht zu begreifen. Foucault selbst trennte zudem akademische und öffentliche Rede. In den letzten Seiten spricht Fassin mit klarer moralischer Stimme, im Duktus der Anklage. Er tut das gut begründet, aber es ist ein anderes Genre als die „kritische Distanz“, die er im Kapitel über das Engagement als dritte Haltung neben Engagement und Beteiligung beschreibt.
Man muss das nicht als Widerspruch lesen. Fassin legt seine Haltung offen, trennt Zahlen und Urteil und stellt am Schluss die Frage, ob man ein Denken ehren könne, ohne es weiterzuführen. Wer Foucaults Zurückhaltung als Methode versteht, wird die Passagen dennoch als Wechsel der Gattung empfinden: vom Werkzeugkasten zum Plädoyer.
Jubiläumsjahr: Neue Zugänge zu Foucault
Fassins Buch steht nicht allein. Die Programme des Jubiläumsjahres lassen einige Tendenzen erkennen, auch wenn sie bisher nur aus Ausschreibungen, Programmen und Tagungsbeschreibungen bekannt sind und noch nicht aus Publikationen. Die erste Tendenz ist die Rückkehr zum Archiv und die Frage, ob die überlieferte Standardlesart genügt. Das Symposium „The Foucault Century“ in Philadelphia nimmt als Prämisse, dass der bekannte Foucault womöglich neu zu bewerten ist, und fragt nach den Leerstellen der gängigen Deutung 1. Die Ausstellung am Collège de France will Foucault bei der Vorbereitung seiner Kurse und im Seminar zeigen 2. Auf der Harvard-Tagung stehen Foucaults „erste Philosophie“, der Weg von der Transzendentalphilosophie zur politischen Philosophie und eine Geschichte der Körper im Programm 3. In diese Richtung gehört auch ein theologischer Lektürekurs in Münster, der Foucaults Interviews und Kurztexte als Spiegelung des Transzendentalen ins Historische liest 4.
Die zweite Tendenz ist die geografische Entgrenzung, die Fassins Kapitel über Foucaults Lücken vorwegnimmt. Seine Pariser Tagung „Foucault sans frontières“ behandelt unter anderem Foucault im Iran, sein koloniales „Wasserzeichen“, Polen und die Wanderung seiner Theorie 5. Eine Doppeltagung in Prag und Warschau fragt, wie Foucaults Begriffe in Mittel- und Osteuropa angewendet und verändert wurden 6. Weitere Veranstaltungen finden in Campinas und Melbourne statt 7.
Die dritte Tendenz sind neue Gegenstände. Die Lissaboner Tagung „After the Death of the Human“ nennt algorithmische Gouvernementalität, das Anthropozän, neue Anthropologien wie bei Haraway sowie dekoloniale und rassismustheoretische Kritik 8. Eine Pariser Studientagung ging der Frage nach, warum Foucault viel über „Milieus“, aber wenig über das Klima gesagt hat 9. Der Foucault Circle behandelt globale Überwachung, Post-Truth und neue Regierungsformen 10.
Zur Einordnung gehört, dass Fassin selbst die Pariser Veranstaltungen des Collège de France organisiert 11. Sein Buch ist damit Teil dieser Tendenzen und beobachtet sie nicht von außen. Die neuen Themen sind zudem eher Anwendungen der Methode auf andere Gegenstände als neue Lesarten des Werks, was zu Fassins These passt, man solle die Methode übernehmen und nicht die Begriffe. Ob daraus eine neue Foucault-Forschung entsteht, werden erst die Tagungsbände der kommenden Jahre zeigen.







