Die Brandmauer und ihre Löcher: die extreme Rechte Frankreichs von Dreyfus bis Le Pen bei Enda O’Doherty

Résumé
Enda O’Doherty, Journalist der Irish Times und Mitherausgeber der Dublin Review of Books, erzählt in „The Dark Side of France“ (Head of Zeus 2026) die extreme Rechte Frankreichs seit den 1890er Jahren in dreizehn Episoden, die jeweils um eine Szene, einen Prozess oder ein Datum gebaut sind. Der Bogen führt von Zolas Nachtreise nach London 1898 und der Dreyfus-Affäre über den Mord an Jaurès, den 6. Februar 1934, Vichy und die Kollaboration bis zum Algerienkrieg, zum Front national und zur Entteufelung unter Marine Le Pen. Auf eine Definition verzichtet der Autor ausdrücklich. „Far right“ und „extreme right“ verwendet er austauschbar. Als Raster dient ihm das Verhalten der traditionellen Rechten, die von den Rändern profitieren, sie meiden, sie kopieren oder nach Krisen die Trümmer aufsammeln kann. Die Besprechung liest das Buch als Argument für eine Kontinuität der Mobilisierung und nicht der Ideologie: Ressentiment, Verschwörungsverdacht und Feindbilder, erst gegen Juden, dann gegen Muslime, tragen über 130 Jahre als Taktik. Sie würdigt die erzählerische Verdichtung, das sparsame Kommentieren der Quellen und die Genauigkeit in Streitfragen wie Croix-de-Feu und Faschismus oder Vichy und Nationalsozialismus. Zugleich zeigt sie, was das Verfahren kostet: Ohne Anmerkungen in der E-Book-Fassung lassen sich Zitate und Zahlen kaum prüfen, die Faschismus-Debatte bleibt außen vor, und die Auswahl hat Lücken, etwa bei Boulanger, der Neuen Rechten und den Frauen als Akteurinnen. Die Gegenwartskapitel altern durch ihre Prognosen rasch. Aus romanistischer Sicht vermisst die Besprechung die Autoren Barrès, Céline und Brasillach als Schreibende mit eigener Poetik. Sie regt eine Diskursanalyse der Parasiten- und Wurzelmetaphorik im Anschluss an Klemperer an und fragt nach dem deutsch-französischen Kulturtransfer sowie nach dem Vergleich zwischen „dédiabolisation“ und AfD.

 

Ein Rechtsradikalismus ohne feste Gestalt

Enda O’Doherty: The Dark Side of France: Thirteen Chapters in the History of the French Far Right. (London: Head of Zeus/Apollo 2026), 368 Seiten.
US-Ausgabe bei W. W. Norton unter dem Titel The Dark Side of France: A History of the French Far Right from the 1890s to the Present.

Wer heute eine Geschichte der französischen extremen Rechten schreibt, schreibt an einer historischen Schwelle: Bei den Parlamentswahlen 2024 stieg die Fraktion des Rassemblement national von 89 auf 143 Sitze, für die Präsidentschaftswahl 2027 gilt der Einzug in die Stichwahl als gesetzt, und die Frage, ob Frankreich eine Staatschefin oder einen Staatschef aus dem Lager der Le Pens wählen wird, wird in der Presse längst ohne Fragezeichen am Satzende gestellt. Die Forschung steht vor einem Darstellungsproblem. Eine Tradition, die über 130 Jahre hinweg Monarchisten, Bonapartisten, Katholiken, Faschisten, Kolonialnostalgiker, Steuerrebellen und Wirtschaftsliberale unter wechselnden Etiketten versammelt hat, lässt sich weder als gerade Ahnenreihe der Gegenwart erzählen noch als überwundene Vorgeschichte abtun. Definitionen helfen wenig, solange Gegenstand und Begriff sich ständig verschieben; die Frage nach Kontinuität und Bruch lässt sich nur an Fällen prüfen.

O’Doherty antwortet darauf mit einem Verfahren, das der Untertitel anzeigt: dreizehn Episoden, jeweils um eine Szene, einen Prozess oder ein Datum gebaut. Seine Leitfrage lautet, was sich im Wandel der Feindbilder (der Jude, der Freimaurer, der Deutsche, der Kommunist, der Muslim) und der Organisationsformen (Liga, Partei, Regime, Terrorzelle, Wahlpartei) erhält. Seine Antwort steht im Vorwort: Politische Unterstützung lasse sich durch positive Ziele gewinnen, aber auch durch negative, nämlich „resentment, suspicion, hostility to outsiders, the unmasking of supposed conspiracies against the people, organised by ‚elites‘ in cahoots with alien forces“. Dieses Muster nenne er nicht Ideologie, sondern Taktik, und es trage von Drumont bis zu Marine Le Pen.

Ein Journalist als Historiker: Der Autor

Enda O’Doherty lebt in Dublin, er arbeitete als Journalist bei der Irish Times, vorwiegend im Auslandsressort. Von 2007 bis 2025 gab er gemeinsam mit Maurice Earls, dem Inhaber der Dubliner Buchhandlung Books Upstairs, die Online-Zeitschrift Dublin Review of Books heraus, die sich an der London Review of Books und der New York Review of Books orientiert und lange Essays zu Geschichte, Politik und Literatur druckt. The Dark Side of France ist sein erstes Buch; die Anregung stammt nach dem Dank am Ende von Neil Belton (Head of Zeus).

Die Herkunft prägt das Buch. O’Doherty ist kein Fachhistoriker und tut nicht so. Er schreibt als Leser der französischen Historiografie (die Bibliografische Notiz nennt unter anderen Paxton, Jackson, Winock, Berstein, Milza, Joly, Lebourg, Vergez-Chaignon, Rousso, Sternhell), und er bringt die Fertigkeiten des Essayisten mit: Er hält Szenen fest, zitiert Tagebücher und Zeitungsspalten, setzt Pointen. Der irische Blick zeigt sich in beiläufigen Vergleichen, etwa wenn Patrick Pearses Kriegsbegeisterung neben D’Annunzio und Rupert Brooke tritt oder die Zurückhaltung des französischen Episkopats mit der Lage der Kirche in einem besetzten Land abgewogen wird.

Auswahl statt Definition: Vorhaben, Aufbau und Methode

Das Vorwort beginnt bei den Frankophilen, die das Land um seiner Landschaften, Autoren und seiner Asyltradition willen lieben, und stellt ihnen die „darker currents“ gegenüber, die schon im Erbe der Revolution angelegt seien (Saint-Just, Terreur). Gegenstand ist freilich nicht diese Linie, sondern jene Strömung, die aus gegenrevolutionären Kräften hervorging, die Demokratie verachtete und entweder die Monarchie restaurieren oder eine neue Form autoritärer Herrschaft errichten wollte. O’Doherty erinnert an die Sitzordnung der Konstituante von 1789 als Ursprung von „links“ und „rechts“ und an die lange Auseinandersetzung zwischen Republikanern und Unversöhnten bis zur Dritten Republik, die von 1870 bis 1940 bestand.

Auf Begriffsarbeit verzichtet er ausdrücklich: „far right“ und „extreme right“ werden austauschbar gebraucht, weil das Phänomen über 130 Jahre viele Stränge umfasst habe und sich verändere. Als Gegenpol dient die „traditional right“. Ihr Verhalten gegenüber den Rändern fasst das Vorwort in vier Optionen: Sie kann von der Propaganda profitieren und sich zugleich respektabel geben; sie kann nach einer außerparlamentarischen Destabilisierung die Trümmer aufsammeln; sie kann die extreme Rechte als Gefahr für die Demokratie meiden; oder sie kann deren Positionen kopieren, um Wähler zurückzugewinnen (zuletzt, so der Autor, ohne politischen Erfolg). Dieses Raster kehrt in den Kapiteln immer wieder, etwa bei Poincaré, Tardieu, den Gaullisten oder den Républicains.

Die Anordnung folgt der Chronologie: Dreyfus-Affäre, Vorgeschichte und Ideen, Erster Weltkrieg, 6. Februar 1934, Volksfront, Weg in den Krieg, Vichy, Kollaboration, Vielfalt der Haltungen unter der Besatzung, Abrechnung, Algerienkrieg, Front national, Entteufelung. Methodisch dominiert die Erzählung. Die Quellen sind Tagespresse, Pamphlete, Prozessberichte, Memoiren und Tagebücher (Blum, Werth, Aron, de Gaulle, die beiden Le Pens, Bardella). Erwähnt seien die Leitbegriffe, die das Buch über die Kapitel trägt: die „zwei Frankreich“ (nach Paul Seippel, 1905), der „intellectuel“, die Ligen, die Union sacrée, die révolution nationale, der Gegensatz von antisémitisme d’État oder de raison und biologischem Rassismus bei Maurras, collaboration und épuration, pieds noirs und harkis, dédiabolisation (mit dem Gegenstück autodiabolisation), schließlich front républicain.

Zu den Kapiteln

A Question of Honour: Ein Justizirrtum als Lagerbildung (1894 bis 1906)

Das erste Kapitel setzt mit Zolas Nachtreise nach London am 20. Juli 1898 ein und rollt von dort die Affäre auf: die Verurteilung des Hauptmanns Alfred Dreyfus 1894, die Degradierung, Picquarts Entdeckung des wahren Spions Esterhazy, die Fälschungen des Obersten Henry, dessen Selbstmord im August 1898, das zweite Urteil von Rennes 1899, die Begnadigung, die Rehabilitierung 1906. Die Frage lautet, wie ein Fehlurteil bestehen bleiben konnte, das die Armeeführung aus Selbstschutz nicht mehr zurücknehmen wollte, und wer sich aus welchen Gründen auf die Seite der Armee stellte.

Der Autor trennt die Motive. Der Antisemitismus war in Armee und Presse (La Libre Parole, La Croix, Teile des Petit Journal) vorhanden und wurde von Barrès und Maurras intellektuell gerahmt. Für die Mehrheit des politischen Establishments, bis zur Regierung Waldeck-Rousseau im Juni 1899, zählte jedoch das Prinzip, der Armee ohne Bedingung zu folgen. Zugleich bringt die Affäre den intellectuel als politische Figur hervor, wie der Streit zwischen Brunetière und Durkheim zeigt. Die Schlussszene (L’Aurore: „Justice“, La Libre Parole: „Le triomphe des Juifs“, dazu die Wendung „The war would continue“) gibt dem Buch seinen Ton.

Hearts on Fire: Niederlage, Kommune und die Ausrüstung der Gegenrevolution (1789 bis 1898)

Das zweite Kapitel blickt zurück. Es erzählt 1870/71: die Kriegserklärung, Sedan, die Belagerung von Paris, die Kommune und die semaine sanglante (mit der Zahlendebatte zwischen 6 500 und 30 000 Toten, bei Tombs rund 10 000). Danach folgt eine Ideengeschichte von Burke und de Maistre über den Syllabus errorum (1864) und die Enzyklika Au milieu des sollicitudes (1892) bis zu Drumonts La France juive (1886), zu Barrès‘ La Terre et les Morts und zur Gründung der Action française 1898. Gefragt wird, woher die Rechte vor der Dreyfus-Affäre ihre Argumente, ihre Feindbilder und ihr Personal bezog.

Das Kapitel verbindet drei Stränge, die oft getrennt behandelt werden: die religiöse Judenfeindschaft, die „Rassenwissenschaft“ und den Antikapitalismus der kleinen Leute. Drumont habe, so O’Doherty, den „jüdischen Kapitalisten“ zur Projektionsfigur gemacht und ein Publikum erreicht, das mit Theologie wenig anfangen konnte. Sein Spendenaufruf für die Witwe Henrys (131 000 Franc aus etwa 25 000 Zuwendungen, mit den abgedruckten Begleitzeilen) liefert ein Dokument des populären Antisemitismus. Weniger geschlossen wirkt der lange Exkurs über Gleichheit (Paine, Tocqueville, Burns, Thiers), der die Chronologie verlässt; der Gedankengang bleibt schlüssig, die Anordnung eher locker.

Dulce et Decorum: Kriegsbegeisterung, Mord an Jaurès und integraler Nationalismus (1913 bis 1920er Jahre)

Der Prozess gegen Henriette Caillaux im Juli 1914, die Ermordung Jean Jaurès‘ am 31. Juli durch Raoul Villain und dessen Freispruch im März 1919 rahmen das dritte Kapitel. Dazwischen stehen die Umfrage „Agathons“ von 1913 (Les jeunes gens d’aujourd’hui), die Maggi-Hetze Léon Daudets, die Union sacrée, Verdun und der Chemin des Dames, Pétains Aufstieg und die Meutereien, schließlich Barrès‘ Kriegskolumnen (Rolland nannte ihn die „Nachtigall des Gemetzels“) sowie die Lehre vom nationalisme intégral. Gefragt wird, wie ein nationalistisches Milieu den Mord an einem politischen Gegner als patriotische Tat vorbereitete und wie der Krieg die Rechte veränderte.

O’Doherty bringt das Verhältnis von Rhetorik und Tat mit Tschechows Gewehr ins Bild: Wer jahrelang Mord als Dienst am Vaterland anpreise, dürfe sich über den Täter nicht wundern. Sehr genau ist die Darstellung von Maurras‘ Katholizismus, der das Evangelium zugunsten von Autorität und Ritual stutzt und 1927 von Pius XI. verurteilt wurde („He is only a brain… Christ is foreign to him“). Dass der Antisemitismus im Krieg zurücktrat, weil 7 500 jüdische Soldaten fielen, die Action française aber ohne Mandate (nur 29 Sitze der extremen Rechten 1919) als „virtuelle öffentliche Autorität“ wirkte, macht den Unterschied zwischen parlamentarischer Schwäche und intellektuellem Einfluss anschaulich. Der Schluss bei Wilfred Owen setzt die „old Lie“ gegen Péguy, der zur Marne ging.

Democracy Under Siege: Der 6. Februar 1934 (1932 bis 1934)

Im Mittelpunkt steht der Sturm auf die Pont de la Concorde am Abend des 6. Februar 1934 und der Rücktritt der Regierung Daladier einen Tag später. Die Vorgeschichte beginnt bei den Wahlen von 1932, bei Tardieus Plan einer großen konservativen Sammlung, den Radikalen als Scharnierpartei, dem Skandal um Stavisky und den Januarkrawallen. Sodann werden die Ligen vorgestellt: Action française, Solidarité française (Coty), Jeunesses patriotes (Taittinger), Francisten, Dorgères‘ Grünhemden, vor allem die Croix-de-Feu de La Rocques. Die Frage lautet, wer demonstrierte, mit welchen Zielen, und warum eine bestätigte Regierung zurücktrat.

Der Befund wendet sich gegen zwei Lesarten: gegen die sozialistische vom beinahe geglückten faschistischen Putsch und gegen die rechte vom Aufstand ehrlicher Bürger über Korruption („patently absurd“). Die Aktionen seien geplant gewesen, aber von Gruppen mit verschiedenen Zielen getragen, und La Rocque habe, so ein Zitat, vor dem Rubikon sein Lager aufgeschlagen. Frankreich sei nicht, wie manche Historiker meinten, „immun“ gegen das faschistische Virus gewesen, nur seien die faschistischen Gruppen zu klein geblieben. Als Staatsstreich eigener Art lasse sich der Tag trotzdem lesen: ein konservativer Regierungswechsel ohne Wahl. Das Gespräch zwischen Auriol und Taittinger („Precisely, and we got it“) liefert die Pointe.

Poison Pens: Verbale Gewalt als politisches Mittel (1935 bis 1938)

Das fünfte Kapitel beginnt mit dem Überfall von Camelots du roi auf Léon Blum am Rande des Bainville-Begräbnisses am 13. Februar 1936. Von dort führt es durch die Schmähsprache gegen Blum („Hircocervus“, „Kamelstute“, Maurras‘ „erschießen, aber in den Rücken“), seine Biografie, das Verbot der Ligen, den Wahlsieg der Volksfront, die Matignon-Abkommen, die Kampagne von Gringoire gegen Innenminister Salengro (Suizid im November 1936), die Cagoule und das Scheitern der Regierung im Juni 1937. Gefragt wird, wie die Rechte ihren Gegner entmenschlichte und was diese Rhetorik bewirkte.

Das Kapitel zeigt am Beispiel Blums, warum seine Gegner ihn nicht fassen konnten: Jude, Sozialist, Jurist, Literat und Dandy in einer Person (so Laurent Joly: „a very good Frenchman“). Antisemitismus und Geschlechterbilder arbeiten in den Schmähungen zusammen. Aufschlussreich ist auch, was die Rechte am Alltag der Volksfront störte: Rebatet ekelte sich vor den sonntäglichen Spaziergängern in Seidenblusen, Simone Weil sprach von „strikes of joy“. Dass die Volksfront letztlich am Investitionsstreik des Kapitals und am Senat scheiterte, wird nüchtern erzählt. Auch die Manifest-Debatte um Abessinien (Oktober 1935, mit sechzehn Akademiemitgliedern unter den Unterzeichnern) ordnet das Buch ein.

The Path to War: Faszination und Appeasement (1934 bis 1939)

Das sechste Kapitel eröffnet mit Nürnberg 1934 (Shirer) und 1937, wo Brasillach, Cousteau und Blond am Reichsparteitag teilnahmen und von Hitler zum Tee empfangen wurden. Danach folgen die Wochenblätter Candide, Gringoire, Je suis partout, Célines Pamphlete, das Verhältnis der Rechten zum Appeasement, die Rheinlandbesetzung 1936, München 1938 und der Kriegsbeginn. Gefragt wird, wie sich eine deutschfeindlich sozialisierte Rechte zum Faschismus in Italien und Deutschland stellte und welche Rolle französische und britische Politik in der Vorgeschichte des Krieges spielte.

Der Befund lässt sich in der Paradoxie bündeln, die das Kapitel am Ende ausspricht: Ein französischer Faschismus musste aggressiv und expansionistisch sein, konnte es aber gegenüber Deutschland nicht, weshalb man ihn „nur stellvertretend“ leben konnte, im Beifall für fremde Macht. Differenziert ist das Bild des Pazifismus (er speiste sich bei Rechten und Linken aus verschiedenen Quellen) und der britischen Haltung, die nach O’Doherty Frankreichs Widerstandswillen hinter den Kulissen untergrub. Die PSF mit über einer Million Mitgliedern und die PPF Doriots mit 50 000 bis 100 000 erscheinen als die zwei Massenformationen, von denen nur die zweite als faschistisch gelten könne.

A Time to Repent: Vichy als Chance der Reaktion (1939 bis 1941)

Das siebte Kapitel erzählt von der drôle de guerre über den Zusammenbruch im Mai und Juni 1940 zur Ermächtigung Pétains durch 569 gegen 80 Stimmen in Vichy am 10. Juli. Es stellt die Programmpunkte der révolution nationale vor (Hierarchie, Familie, Landleben, Sport, Abschaffung der Écoles normales), das Treffen von Montoire, den Prozess von Riom gegen Blum und Daladier, die Abschaffung der Marchandeau-Dekrete, das Judenstatut vom Oktober 1940 und das Tagebuch Léon Werths aus dem Jura. Gefragt wird, wie aus einer militärischen Niederlage binnen Wochen ein autoritäres Regime wurde.

Pétains Programm stehe, so O’Doherty, näher an Salazar und am katholischen Traditionalismus als an Mussolini; es habe nicht Hitler nachgeahmt, sondern ein rückwärtsgewandtes Gesellschaftsideal durchsetzen wollen. Maurras‘ „göttliche Überraschung“ sei der Beleg dafür, dass die autoritäre Rechte unter normalen Umständen nie regiert hätte. Daraus leitet das Kapitel die Formel ab, die das nächste vorbereitet: ohne die Deutschen keine nationale Revolution, mit den Deutschen keine Revolution mit Rückhalt. Das Riom-Verfahren erscheint als Lehrstück eines Schauprozesses, der misslingt, weil die Angeklagten sich verteidigen dürfen. Werths Beobachtungen (das ungehörte Radio im Juweliergeschäft) geben dem Staatsakt die Gegenstimme der Alltagswelt.

Managing Fritz: Die Illusion der Souveränität (1940 bis 1944)

Der Vél‘ d’Hiv am 16. und 17. Juli 1942, an dem sich französische Polizisten über 13 000 Verhaftungen beteiligten, eröffnet das achte Kapitel. Es zeichnet die Einwanderungsgeschichte der Zwischenkriegszeit, die Lager und den Artikel 19 des Waffenstillstands nach, den Umgang der Kirchen mit den Deportationen (Gerlier, Saliège, Chaillet, Boegner), die Rolle Lavals und Bousquets, das Verhältnis zu Abetz, die Karrieren Lavals und Darlans, den Pétain-Kult mit seinen Besuchsreisen und der Hymne Maréchal, nous voilà!, und die Wiederkehr Lavals im April 1942. Gefragt wird, welchen Anteil Vichy an der Verfolgung hatte und wie sich das Regime gegenüber den Besatzern einrichtete.

Der Befund liegt in der Verbindung von Souveränitätsfiktion und Beihilfe: Das Regime führte die Arbeit der Besatzer selbst aus, um seine Eigenständigkeit zu beweisen, und opferte ausländische Juden in der Hoffnung, französische zu retten. Die Kirche erscheint differenziert (Mut Einzelner, daneben Loyalität der Hierarchie und Gerliers Satz „Pétain is France“), ebenso die Polizei: Kommissare, die Betroffene warnten, neben solchen, die eifrig lieferten (Boris 63 Prozent gegenüber Sabaut 21 Prozent der Listen). Die Beschreibung Pétains als „charismatischer Diktator“ ohne Rhetorik, dessen Selbststilisierung als „Gabe meiner Person“ religiöse Züge trug, bei gleichzeitigem Abstand von der Familienmoral des Regimes, ist pointiert und belegt.

Squabbling in the Bunker: Typen der Kollaboration und des Widerstands (1940 bis 1945)

Das Kapitel öffnet mit dem Film Casablanca (1942) als Tableau von Haltungen und stellt dann Biografien und Gruppen nebeneinander: François Mitterrand, der in Vichy arbeitete, die Francisque erhielt und als „Capitaine Morland“ im Widerstand wirkte; die Bande Lafont–Bonny („Carlingue“) mit ihrer Nordafrikanischen Brigade; das Hetzblatt Au Pilori und die Denunziationen; das Schicksal der Annette Zelman; die Kommunisten nach dem Hitler-Stalin-Pakt; Résistance und Moulin; das Exil in Sigmaringen; Laval, Darlan und de Gaulles Haltung zur Demokratie. Gefragt wird, wie eine Gesellschaft sich sortiert, wenn Anpassung und Risiko täglich zur Wahl stehen.

Das Kapitel verzichtet bewusst auf Schwarz und Weiß. Mitterrand erscheint nach Pierre Péan und Michel Winock als gleichzeitig Pétainist und résistant. Die Zahl der Denunziationen fällt nach Laurent Joly deutlich niedriger aus als in der Filmlegende (Truffauts Le Dernier Métro: 1 500 pro Tag; Joly: etwa 3 000 beim Generalkommissariat für Judenfragen). Die Geschichte von Lafont und Präfekt Trouillé, die zwölf Geiseln gegen 200 Liter Wein tauschten, ist ein Stück erzählerischer Verdichtung. Die Bilanz (6 000 Erschossene, 25 000 wegen Widerstands Hingerichtete, 27 000 résistants und mehr als 70 000 Juden in der Deportation gestorben) setzt gegen die Typologie die Opferzahlen.

Days of Judgment: Säuberung, Prozesse und das Schweigen über die Opfer (1944 bis 1950er Jahre)

Das zehnte Kapitel verbindet Blums Haft in Buchenwald mit der épuration: den 8 000 bis 10 000 Toten der wilden Säuberung, dem Prozess gegen Pétain im Juli 1945, dem gegen Laval im Oktober (Hinrichtung am 15. Oktober nach misslungenem Selbstmord), den Fällen Brasillach (am 6. Februar 1945 erschossen), Rebatet und Cousteau, den Schicksalen von Maurras, Doriot, Déat und Drieu sowie den Amnestien der 1950er Jahre. Gefragt wird, was die Justiz eigentlich ahndete: den Waffenstillstand, den Verrat an der Republik oder die Verbrechen gegen Menschen.

Hier liegt der schärfste Befund des Buches. Mit Bénédicte Vergez-Chaignon hält O’Doherty fest, dass die Urteile vorwiegend den Verrat am Vaterland bestraften, die Judenverfolgung dagegen nachrangig blieb und der neue Begriff des Verbrechens gegen die Menschlichkeit nicht angewandt wurde. Die Debatte um Gnade (Camus gegen Mauriac), de Gaulles Argument, Intellektuelle trügen mehr Verantwortung, weil ihre Worte „Pfeile“ seien, und die Fürsprache amerikanischer Autoren für Céline stehen nebeneinander, ohne dass der Autor entscheidet. Die Amnestien ließen Nostalgiker und Unbelehrbare in die Öffentlichkeit zurückkehren, und das Kapitel endet bei Dreyfus‘ Enkelin Madeleine Lévy, die in Auschwitz starb.

Out of Africa: Der Verlust des Kolonialreichs und die OAS (1954 bis 1968)

Ausgangspunkt ist das Attentat von Petit-Clamart am 22. August 1962. Von dort geht das elfte Kapitel zur Geschichte der Kolonialreiche, zur Eroberung Algeriens seit 1830, zu Sétif und Philippeville, zum Algerienkrieg seit 1954, zu Poujades Auftritt und Le Pens erster Wahl 1956, zur Rückkehr de Gaulles im Mai 1958 unter dem Druck der Armee und zu seiner Rede vom 16. September 1959 über das Selbstbestimmungsrecht. Es folgen Folter und Intellektuellenstreit (Manifest der 121), die Generalsputsche, die OAS, die Abkommen von Évian und das Schicksal der harkis. Gefragt wird, wie der Kolonialverlust eine neue rechte Generation erzeugte.

Der Gewinn liegt in der Verbindung von Ereignis- und Personengeschichte: Roger Holeindre, Pierre Sidos, Pierre Sergent, Jean-Jacques Susini und Alain de La Tocnaye kehren später in den Front national zurück. Die Darstellung bleibt, auch bei Philippeville, Melouza und Oran, nüchtern; die algerische Perspektive kommt vorwiegend über französische Quellen. De Gaulle erscheint als Politiker, der den Putschisten das Gegenteil dessen versprach, was er plante, und dessen Bemerkungen über Muslime („Öl und Essig“) das Buch offenlegt. Die Datierung der Barrikadenwoche, die im Kapitel nach dem Referendum vom Januar 1961 steht, im Le-Pen-Zitat aber auf Januar 1960 fällt, ist unstimmig; die Barrikadenwoche war im Januar 1960.

The Long March: Vom Rand zur Wahlpartei (1956 bis 2025)

Das zwölfte Kapitel beginnt bei der Wahl 2002 und geht zurück zur Gründung des Front national 1972 durch Ordre nouveau. Es verfolgt Le Pens Weg über Poujade, Indochina, Suez und Algerien, die Milieus der Nachkriegsrechten (Aspects de la France, Bardèche, Europe-Action, GRECE), die Erbschaft Lamberts 1976, das Reagan-Foto im Umfeld der Moon-Kirche, den Durchbruch in Dreux 1983 unter Stirbois, das „Detail“-Wort von 1987, den Bruch mit Mégret 1999, die Übernahme durch Marine Le Pen 2011, Macron, Zemmour, das Wahljahr 2024 und das Urteil im Prozess um die Assistentengelder vom 31. März 2025. Gefragt wird, wie aus einem Sammelbecken von Altnazis, OAS-Veteranen und Vichy-Nostalgikern eine Partei wurde, die Wahlen gewinnen kann.

Der Befund ist unspektakulär: Die Partei gewann nicht durch ideologische Konsequenz, sondern durch Beweglichkeit, durch Präsenz vor Ort (Kommunalwahlen, Hochburgen) und durch eine einzige Konstante, die Fremdenfeindlichkeit. Das Mehrheitswahlrecht und die front républicain hielten die Mandatszahl niedrig, bis lokale Verankerung diese Sperre durchlässig machte (8 Sitze 2017, 89 im Jahr 2022, 143 im Jahr 2024, nach der Formulierung des Buches). Die Darstellung der Kreise um Duprat, Venner und Sidos ist kenntnisreich; die lange Passage über Zemmour und Putin liest sich stärker als Zeitkommentar denn als Teil der Rechtsgeschichte.

Renouncing the Devil: Normalisierung und die Grenzen ihrer Glaubwürdigkeit (2008 bis 2027)

Das dreizehnte Kapitel schließt mit einem Rückblick auf alle zwölf davor. Dann besucht es Hénin-Beaumont, die Bergbaustadt, in der Marine Le Pen ihren Wahlkreis hat und Steeve Briois regiert, lässt Marine Tondeliers Nouvelles du Front sprechen und schließt mit der Straßenbenennung nach Brigitte Bardot am 8. März 2025. Es analysiert die dédiabolisation (Louis Aliot: nur der Verdacht des Antisemitismus sei gemeint, nicht Islam und Einwanderung), Marine Le Pens Satz „indignation has to be organised“, die Figuren Mégret, Gollnisch, Philippot und Bardella und die Aussichten für 2027. Gefragt wird, ob der Wandel echt ist und ob die Wähler ihn glauben.

Die Doppelbewertung ist klar: Dédiabolisation sei als ehrlicher Prozess „largely no“, als politische Strategie „largely yes“. Eine Partei, die von Ressentiment lebe, werde nicht wirklich entdämonisiert. Zu den Stärken des Kapitels gehört die Beobachtung, dass der RN zwei Parteien in einer sei, eine für die Sozialstaatsverteidigung im Nordosten, eine für die sozialstaatskritischen Kleinbürger an der Mittelmeerküste. Die Szenarien für 2027 (Mélenchon gegen Le Pen ergebe einen RN-Präsidenten, Glucksmann oder Philippe böten Chancen) sind klug, aber Spekulation. Das Buch nennt die Verurteilung Le Pens im Text einmal 31. März, einmal Juni 2025; das Berufungsurteil vom 7. Juli 2026, das die Verurteilung bestätigte, die Unwählbarkeit aber so anpasste, dass eine Kandidatur 2027 möglich bleibt, erschien nach dem Redaktionsschluss und fehlt daher.

Gesamtbewertung: eine Kontinuität der Mobilisierung, keine der Ideologie

Das Buch zeigt die französische extreme Rechte nicht als Fortsetzung eines Programms, sondern als Folge von Bündnissen um wechselnde Anlässe. Drei Beobachtungen tragen die Argumentation. Erstens ist das Verhalten der traditionellen Rechten der Schlüssel: Wo sie die extreme Rechte duldete, nutzte oder kopierte (Poincaré 1923: gewisse Äußerungen des Extremismus „continued to serve the Fatherland“; Tardieu, die Gaullisten, die Républicains), gewann diese Spielraum. Zweitens brachte Frankreich nie einen eigenen regierungsfähigen Faschismus hervor, wohl aber eine Rechte, die im Schatten einer fremden Macht ihre Chance erhielt. Drittens bleibt die Mobilisierung negativer Gefühle über 130 Jahre dasselbe Verfahren, erst gegen Juden, dann gegen Muslime. Diese Kontinuität des Verfahrens, nicht der Ideologie, ist O’Dohertys eigentliche These.

Die erzählerische Verdichtung trägt. Szenen wie Zolas Nachtreise, die Concorde-Brücke, der Tauschhandel zwischen Lafont und Trouillé oder Laval im Gefängnishof machen strukturelle Fragen greifbar. Die Quellen werden sparsam kommentiert, sodass Leser selbst urteilen können; Werths Tagebuch bildet einen Gegenton zur Politikgeschichte von oben. Der Autor differenziert dort, wo Zuspitzungen naheliegen: Croix-de-Feu und Faschisten, Vichy und Nationalsozialismus, Denunziationslegende und Archivlage. Er misstraut Selbstetiketten wie „weder rechts noch links“, die er auf Valois‘ Faisceau zurückführt. Und der Blick nach vorn bleibt kritisch: Die Schlussseite warnt, dass die Unterlassung der Gegenwehr (die „plague and cholera“-Parole der Nichtwähler 2022) die Entteufelung faktisch mitträgt.

Der Verzicht auf eine Definition ist ehrlich, verlagert die Begriffsarbeit aber auf den Leser und hält das Buch aus der Faschismus-Debatte (Sternhell, Rémond, Berstein, Milza) heraus, die nur im Literaturhinweis vorkommt. Die Auswahl hat Lücken: Boulanger und Déroulède sind nur gestreift, die Zeit von 1968 bis 1983 mit der Neuen Rechten kommt in einem Absatz vor, Frauen als politische Akteurinnen treten erst mit Marine Le Pen hervor, die Identitären und die Theorie vom „Großen Austausch“ fehlen. Einzelne Daten sind unstimmig (Barrikadenwoche, Petit-Clamart 1960/1962, Juni/März 2025). Die Kapitel über die Gegenwart sind aktualitätsnah geschrieben und mit Prognosen durchsetzt, die das Buch rasch altern lassen.

Desiderate aus Sicht der deutschen Romanistik

Es fehlt die Literatur als Quelle eigenen Rechts. Barrès, Maurras, Céline, Brasillach, Drieu und die Hussards erscheinen als Zitatgeber, nicht als Autoren mit Poetik, Publikum und Stil. Eine romanistische Lektüre würde fragen, wie Barrès‘ Erzählprosa die Vorstellung von „la terre et les morts“ erzeugte (Ernst Robert Curtius legte dazu schon 1921 eine Studie über die geistigen Grundlagen des französischen Nationalismus vor), wie Célines Sprache Hass und Modernität verband und wie Brasillachs Nürnberger Bericht Ästhetik und Politik ineinanderschiebt. Zweitens bietet sich die Diskursanalyse an. Die Metaphorik von Parasit, Wurzellosigkeit, Seuche und Boden, die im Buch ständig auftaucht, ließe sich im Anschluss an Victor Klemperers LTI systematisch beschreiben. Drittens bleibt die deutsch-französische Seite blass: Abetz, die Vermittler des Kulturaustauschs der 1930er Jahre und das Deutsche Institut gehören zu einer Geschichte des Kulturtransfers (Espagne, Lüsebrink), und die Frage, wie die deutsche Romanistik im Nationalsozialismus Frankreich las (Frank-Rutger Hausmann), würde die Geschichte um eine Perspektive erweitern, die in der englischsprachigen und französischen Literatur der Notiz fehlt. Viertens verdient die Rolle der Action française in der Faschismusforschung eine Auseinandersetzung mit Ernst Nolte, der sie 1963 als Frühform ansah; O’Doherty schließt sich dieser Linie weder an noch widerspricht er ihr. Fünftens fehlt die postkoloniale Dimension: Algerische Literatur und Erinnerungskultur (Camus‘ Algerienbild, Kateb Yacine, harkis und pieds noirs als Gedächtnisgruppen) könnten die Rolle der OAS-Veteranen in der Parteigründung vertiefen. Sechstens läge der Vergleich mit der deutschen Gegenwart nahe: Dédiabolisation und die Strategien der AfD, front républicain und Brandmauer, die Normalisierung durch Kommunalpolitik. Das Buch lässt ihn offen, und deutsche Leser müssen ihn selbst ziehen.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Die Brandmauer und ihre Löcher: die extreme Rechte Frankreichs von Dreyfus bis Le Pen bei Enda O’Doherty." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on Oktober 21, 2026 at 06:29. https://rentree.de/2026/10/21/die-brandmauer-und-ihre-loecher-die-extreme-rechte-frankreichs-von-dreyfus-bis-le-pen-bei-enda-odoherty/.

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