Totem und Roman: die Schuld als Schreibauftrag bei François-Régis de Guenyveau

François-Régis de Guenyveaus Roman „Totem“ (Pauvert, 2026) erzählt, wie eine Kindheitsfreundschaft zwischen dem armen Adelssohn Pierre und dem charismatischen Sacha Leblanc-Dumas in einer Nacht während eines Pfadfinderlagers 2001 zerbricht, als Sacha Opfer eines grausamen Übergriffs wird, von dem Pierre nichts ahnt; zwanzig Jahre später, als Personalberater für ein europäisches KI-Rüstungsunternehmen, glaubt Pierre, Sacha in einem Zug wiederzuerkennen, und begibt sich auf eine Recherche, die ihn über das Geständnis seiner Schwester, Sachas Tagebuch und einen ehemaligen Priester im Geheimdienst schließlich zur Erkenntnis führt, dass sein Freund vor Jahren unter ungeklärten Umständen ertrunken ist und zu einem verdeckten Agenten europäischer Souveränität geworden war, während Pierre selbst in die Abhängigkeit des amerikanischen Investors gerät, dessen Sohn einst der Täter jener Nacht war. Der Aufsatz liest diesen Stoff nicht als bloße Familiengeschichte, sondern entwickelt die These, dass der Roman seine eigene Titelmetapher, das Totem als Figur, die jedem Menschen seine Weltbeziehung ordnet, konsequent auf sich selbst anwendet: Er zeigt, wie Erzählperspektive, Zeitschleifen, Raumsymbolik und ein Netz aus Radiohead-, Homer- und Nietzsche-Referenzen darauf hinarbeiten, dass die Schlusszeile den Anfangssatz buchstäblich neu schreibt und damit den ganzen Roman als jenen Text ausweist, zu dem der Erzähler, von Sacha einst „der Schriftsteller“ genannt, erst am Ende die Feder ansetzt; die Argumentation verbindet auf diese Weise eine private Schuldgeschichte mit einer Diagnose europäischer Ohnmacht gegenüber technologischer und kapitaler Übermacht, ohne dem Text am Schluss eine moralische Auflösung abzuverlangen, die er selbst verweigert.

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