Résumé
Riccardo Schöfbergers Dissertation „Männlichkeiten seit 1968“ (transcript 2025, Open Access) vergleicht literarische und nicht-literarische Texte aus Italien und dem deutschsprachigen Raum und fragt, wie Männlichkeit zwischen 1968 und 2023 im Austausch mit Feminismen, Krisendiskursen und LGBTQIA+-Bewegungen mal verflüssigt, mal verfestigt wird. Der Autor teilt den Zeitraum in sechs Phasen, ordnet jeder ein Konzept und eine Analysekategorie zu und stellt jeweils Texte aus beiden Räumen nebeneinander, etwa Ginzburgs „Caro Michele“ neben Ravaiolis „Maschio per obbligo“ oder Tondellis „Altri libertini“ neben Theweleits „Männerphantasien“. Die Rezension liest den Band zunächst als Beitrag zur Wissensgeschichte, der zwei bislang getrennte Forschungsräume zusammenführt, und würdigt die textnahen Analysen, besonders zu Jelinek, Ferrante und dem Begriff der Thomassons. Ihr Kernargument lautet, dass das klare Raster zugleich die Stärke und die Schwäche des Buchs bildet: Es macht den Vergleich überprüfbar, nimmt den Befunden aber teilweise ihre Offenheit, setzt Italien einem als Einheit behandelten deutschsprachigen Raum gegenüber und führt beim Vergleich der Textsorten zu einem Ergebnis, das in der Hypothese schon angelegt war. Einen eigenen Schwerpunkt setzt die Rezension bei den italienischen Texten, deren Verankerung in Reformgesetzgebung, Movimento del ’77, Berlusconi-Ära und Anti-Gender-Mobilisierung sie nachzeichnet und als in den frühen Phasen dicht bewertet.
Ein Vergleich, der eine Lücke der Männlichkeitsforschung benennt
Riccardo Schöfberger, Männlichkeiten seit 1968. Texte aus Italien und dem deutschsprachigen Raum im Vergleich, GenderScripts: Literaturwissenschaft & Geschlechterforschung 4 (Bielefeld: transcript, 2025), 361 Seiten, Open Access (CC BY 4.0), DOI 10.14361/9783839472446.
Texte über Männlichkeit wirken im vorliegenden Korpus weniger als Beschreibung denn als Werkzeug: Sie prüfen, festigen oder lösen Wissen über Geschlecht auf, während sich außerhalb der Texte Gesetze, Bewegungen und Märkte verschieben. In Natalia Ginzburgs Caro Michele (1973) erscheint dieses Wissen als Verlust. An dem Turm auf der Insel Giglio hat die Familie kein Interesse mehr, er sieht aus, „als würde er umfallen, sobald man ihn anfasst“, und der Sohn, der nach England geflohen war, wird in Brügge erstochen, ohne dass die Briefe der Hinterbliebenen klären, warum. Vier Jahre später dient das Bekenntnis als Probehandeln. In Marco Lombardo-Radices Sammelband L’ultimo uomo (1977) schreiben sich junge Männer des Movimento del ’77 als „letzte Männer“ in eine Zeit nach dem Feminismus hinein. Pier Vittorio Tondellis Splash-Gruppe in Altri libertini (1980) führt dann vor, was dieses Probehandeln kostet, wenn die Provinz die Verwischung der Geschlechter zur Fernsehnummer macht. Claudio Risé setzt 1993 den „wilden Mann“ dagegen, eine Zuflucht in Natur und Wildnis, die Männlichkeit wieder verbürgen soll. Elena Ferrante lässt in L’amore molesto (1992) Delia nach dem Tod der Mutter der Gewalt der Männer nachspüren und am Ende die eigene Teilhabe an ihr erkennen, während das Pseudonym der Autorin die Frage offen hält, wer hier eigentlich schreibt. Alberto Ravasio schließlich lässt Guglielmo 2022 als Frau erwachen und rückt den Vater, Fußballfan mit penisverlängerndem Wohnmobil, ins Groteske. So gelesen spiegeln die Texte Männlichkeit nicht, sie bewegen sie: Sie entscheiden, ob ein Turm stehen bleibt, ein Mythos trägt oder ein Vater lächerlich wird, und machen damit sichtbar, dass das, was als fest gilt, erst im Erzählen, Argumentieren und Informieren fest oder flüssig wird.
Riccardo Schöfbergers Buch ist die überarbeitete Dissertation des Autors, entstanden in einer Cotutelle zwischen Graz (Susanne Knaller) und Gießen (Annette Simonis). Es untersucht, wie Männlichkeit seit 1968 in Literatur, Wissenschaft und Journalismus Italiens und des deutschsprachigen Raums (BRD, DDR, Österreich, Schweiz) verhandelt wird. Der Ausgangspunkt ist eine Beobachtung zur Forschungslage: Die deutschsprachige Männlichkeitsforschung ist seit den 1990er-Jahren etabliert, die italienische hat literatur- und kulturwissenschaftliche Zugänge erst seit Mitte der 2010er-Jahre aufgegriffen, und Studien, die beide Räume vergleichend lesen, gibt es kaum. Schöfberger beruft sich auf Stefan Horlachers Programm der Comparative Masculinity Studies und erweitert es um die Frage, welche Rolle die Feminismen und die Schwulen- und Lesbenbewegungen für den jeweiligen Männlichkeitsdiskurs spielen.
Der Band ist deshalb zunächst ein Beitrag zur Wissensgeschichte. Er stellt Texte nebeneinander, die in der Forschung bislang getrennt behandelt wurden, etwa Natalia Ginzburgs Caro Michele neben Max Frischs Montauk, Pier Vittorio Tondellis Altri libertini neben Botho Strauß’ Der junge Mann, Elfriede Jelineks Lust neben Elena Ferrantes L’amore molesto. Allein diese Gegenüberstellungen machen das Buch für die Germanistik wie für die Italianistik nützlich.
Drei Anekdoten als Einstieg und Metapher des Bandes
Die Einleitung beginnt mit drei Szenen: dem Tomatenwurf auf dem SDS-Kongress 1968, dem Cerchio spezzato der Trienter Feministinnen und dem Auftritt italienischer und französischer Feministen bei der Pfingstdemo der Homosexuellen Aktion Westberlin 1973. Schöfberger liest sie als Verflüssigungen (zerplatzende Tomaten, aufbrechende Kreise, durchbrochene Reihen), die auf Verfestigungen treffen (die Männerrunde, die Demonstrationsordnung). Daraus gewinnt er die Leitmetapher des Titels: Männlichkeiten bewegen sich zwischen Festem und Flüssigem, weil sie auf Beständigkeit drängen und sich zugleich ständig verändern. Das Märchen vom Eisenhans und Walter Hollsteins „Wasserstrudel der Weltgeschichte“ greifen das Bild in Kapitel 3 wieder auf.
Der Einstieg ist gut gewählt, weil er das Material bereits an die Frage nach Transnationalität bindet. Die Szenen zeigen Austausch zwischen Trient und Berlin ebenso wie unterschiedliche Rezeptionsbedingungen. Die Metapher trägt allerdings eine gewisse Last: Sie soll Anekdote, Hypothese und Gliederungsprinzip zugleich sein, und an manchen Stellen steht sie eher für das Argument, als es zu stützen.
Sechs Phasen, sechs Konzepte, sechs Kategorien
Das Modell des Buches ist klar gebaut. Die Zeit von 1968 bis 2023 teilt der Autor in sechs Phasen (1968 bis 1975, 1975 bis 1984, 1984 bis 1993, 1993 bis 2004, 2004 bis 2015, 2015 bis 2023), die er an Publikationswellen zu Männlichkeit und an Höhepunkte der Feminismen und der LGBTQIA+-Bewegungen koppelt. Jeder Phase ist ein Konzept zugeordnet, das in den Texten besonders intensiv verhandelt wird, und eine Analysekategorie aus der Geschlechter-, Queer- und Männlichkeitsforschung:
1968 bis 1975: Konzept geschlechtsbezogene Fakten, Analysekategorie (De)Konstruktion
1975 bis 1984: Konzept gender- und sexualitätsbezogene Grenzen, Analysekategorie Narrativität
1984 bis 1993: Konzept Dichotomien männlicher Herrschaft, Analysekategorie (A)Historizität
1993 bis 2004: Konzept Zeit und Alter, Analysekategorie Interdependenz
2004 bis 2015: Konzept Vater-Sohn-Identitäten, Analysekategorie Relationalität
2015 bis 2023: Konzept queer/feministische Räume, Analysekategorie (De)Konstruktion
Das Korpus umfasst nach Angabe des Autors 20 literarische und 16 nicht-literarische Texte sowie zahlreiche Nebentexte, darunter Zeitungsartikel aus Spiegel, Corriere della Sera oder L’Espresso. Methodisch stützt sich Schöfberger auf Knallers diskurs-praxeologisches Modell und auf den New Historicism: Texte gelten als Teil von Diskurs-Praxis-Formationen, die Narrative, Informationen und Argumente organisieren. Fünf Thesen und drei Leitfragen am Ende der Einleitung machen das Vorhaben überprüfbar, und das Buch kommt in der Conclusio tatsächlich auf sie zurück.
Die Analysekapitel folgen einem verlässlichen Schema (Einleitung, zwei bis drei Textvergleiche, Fazit), sodass sich der Band auch kapitelweise lesen lässt. Für die ersten beiden Kapitel werden zuerst die italienischen, dann die deutschsprachigen Texte behandelt, danach wird gepaart. Der Autor begründet diese Entscheidung in der Einleitung.
Befunde zwischen Gemeinsamkeit und Unterschied
Die Ergebnisse lassen sich knapp benennen. Gemeinsam ist beiden Räumen, dass Männlichkeitsdiskurse auf feministische und queere Impulse mit Verflüssigung und Verfestigung antworten, und zwar in den Hochphasen der Bewegungen (Phasen 1, 2 und 6) ebenso wie zwischen ihnen, wo die drei Konjunkturen der „Krise der Männlichkeit“ (Phasen 3 bis 5) einsetzen. Unterschiede zeigen sich unter anderem darin, dass die italienischen Texte der zweiten und fünften Phase einen deutlicheren Bruch mit 1968 vollziehen, dass mythopoetische und tiefenpsychologische Ansätze in Italien in der dritten und fünften Phase weiterwirken, während sie im deutschsprachigen Raum zurücktreten, und dass die deutschsprachigen Texte Gender- und Queer-Theorien früher und stärker aufnehmen. Für die sechste Phase stellt Schöfberger fest, dass die untersuchten Texte aus Italien den Anti-Gender-Bewegungen mehr Wirksamkeit zuschreiben als diejenigen aus dem deutschsprachigen Raum, wo eher ein queerer Liberalismus beschrieben wird.
Besonders aufschlussreich ist der Unterschied zwischen den Textsorten. Die nicht-literarischen Texte setzen laut Schöfberger auf Lösungen und Vermittlung und beziehen festere Positionen, die literarischen bleiben vieldeutig, auflösend und damit „flüssiger“. Ein Beispiel aus der dritten Phase: Hollstein und Risé suchen in der mythopoetischen Tradition nach einem Ausweg aus der Krise männlicher Herrschaft, Jelinek und Ferrante machen dieselbe Dichotomienlogik sichtbar, ohne einen Ausweg zu versprechen.
Italienische Texte im Kontext einer Gesellschaft zwischen Reform und Rückschlag
Für Leserinnen und Leser aus der Germanistik liegt der Gewinn des Bandes zu einem guten Teil in den italienischen Texten, deren historische und kulturelle Verankerung Schöfberger in den Einleitungen der Analysekapitel und in den Fußnoten ausbreitet. Die folgende Übersicht folgt den sechs Phasen und hält fest, wie er die jeweiligen Texte situiert und wo diese Situierung trägt.
Faktendebatte zwischen Frauenzeitschrift und Terrorismusfurcht (1968 bis 1975)
Natalia Ginzburgs Briefroman Caro Michele (1973) und Carla Ravaiolis Essay Maschio per obbligo (1973) erscheinen in einem Land, das 1970 das Scheidungsrecht und 1975 ein reformiertes Familienrecht erhält, in dem die Frauenbewegung aber weniger durch Gesetze als durch Zeitschriften und Zeitungskolumnen sichtbar wird. Schöfberger rekonstruiert eine Auseinandersetzung, die er als aufschlussreich für die Validierung und Hinterfragung von Geschlechterfakten liest: Die Journalistin Gabriella Parca hatte in einer Kolumne des Corriere della Sera Zahlen angeführt, um zu belegen, dass zwischen Feminismus und Terrorismus kein Zusammenhang bestehe, und dabei auf die untergeordnete Rolle von Frauen in den Terrororganisationen verwiesen, ausgehend vom Tod der Brigadistin Margherita Cagol. Carmela Paloschi antwortete in Effe, einer früh gegründeten und weit verbreiteten feministischen Zeitschrift Italiens, und dekonstruierte die Kolumne Satz für Satz. Beide Seiten arbeiten mit Fakten, beide kommen zu entgegengesetzten Folgerungen. Diese Konstellation, in der Statistik, Terrorismusfurcht und Abtreibungsdebatte ineinandergreifen, gibt der Phase ihren spezifisch italienischen Ton.
Ginzburg schrieb im April 1973 in „La condizione femminile“, sie liebe den Feminismus nicht, teile aber fast alle seine praktischen Forderungen. Schöfberger liest diese Ambivalenz als Skepsis gegenüber einem Feminismus, der biologische und gesellschaftliche Gegebenheiten durch abstrakte Begriffe ersetze, und bindet sie an Ginzburgs Selbstverständnis als Schriftstellerin, die sich um ein sachliches, „männliches“ Schreiben bemüht. In Caro Michele zeigt sich dasselbe als Faktenverlust: Michele verlässt Rom, wird in Belgien (in Brügge, während einer Studentendemonstration) erstochen, und weder sein Vaterschaftsstatus noch die Motive des Todes lassen sich aus den Briefen klären. Der verfallende Turm auf der Insel Giglio fügt ein Bild für die Erschöpfung bürgerlicher Männlichkeit hinzu. Ginzburg selbst hat 1990 rückblickend von einer Unbehaglichkeit in den Siebzigerjahren gesprochen, in der sich Frauen einsam und Männer ohne Rolle gefühlt hätten. Ravaioli hingegen, Feministin und Essayistin, erkennt in diesem Unbehagen einen Anlass zur Befreiung der Männer und stützt sich auf ein Korpus aus Schulbüchern, Werbetexten und literarischen Texten, darunter eine Hymne von 1848. Gesellschaftlich wirkt im Hintergrund, was Pier Paolo Pasolini als anthropologische Mutation durch Konsum beschrieb, ein Bezug, den Schöfberger in einer Fußnote herstellt.
Bologna 1977 als Labor von Verwischung und Konturierung (1975 bis 1984)
Das ausführlichste Kontextkapitel gilt der Zeit nach 1975. Schöfberger beschreibt die Jahre zwischen den Bleijahren (anni di piombo) und dem Rückzug ins Private (riflusso nel privato) als Phase, in der Italien erstaunlich viele Reformen erlebt: die Gleichbehandlung im Arbeitsleben (1977), das Recht auf Abtreibung (1978), die Abschaffung des strafrechtlichen Sonderstatus der Ehrenmorde (1981) und das Recht auf Geschlechtswechsel (1982). Zugleich fallen die Bombe auf der Piazza Fontana (1969), die Ermordung Aldo Moros (1978) und der Bombenanschlag auf den Bahnhof von Bologna (1980) in dieselbe Spanne. Die radikale Linke zerfällt: Lotta continua und die Studentenbewegung lösen sich 1976 auf, und aus den Kleingruppen entsteht das Movimento del ’77, das sich in einen autonom-militanten und einen kreativ-libidinösen Flügel spaltet, den der sogenannten indiani metropolitani. Dessen Sprache (das „Libidinöse“ gegen das „Sinistrische“) liefert Schöfberger den Schlüssel dafür, warum Fluidität in dieser Bewegung zum Programm werden konnte.
Auf dieser Grundlage liest er die Texte der Männer. Marco Lombardo-Radices Sammelband L’ultimo uomo (1977) gehört zu den testi autocoscienziali des Savelli-Verlags, zu denen auch Porci con le ali zählt, das im Deutschen als Schweine mit Flügeln erschien. Die Autoren, junge Männer zwischen achtzehn und dreißig, bekennen sich zu einer als unvermeidlich empfundenen Verweiblichung und bezeichnen sich zugleich als „letzte Männer“. Roberto Zapperis L’uomo incinto (1979) untersucht den Mythos vom schwangeren Mann in Fabeln und Bildern und erkennt darin die Angst vor einer Auflösung der Geschlechterunterschiede. Mario Mielis Elementi di critica omosessuale (1977) gehört in dasselbe Milieu, hat aber ein anderes Gewicht: Der Text des 1983 verstorbenen Aktivisten, ursprünglich eine Abschlussarbeit, verbindet Freud und Marcuse mit der Behauptung einer ursprünglichen Transsexualität aller Menschen, die durch „Educastrazione“ unterdrückt werde. Schöfberger weist darauf hin, dass Mieli 1974 mit anderen Fuori! verließ, nachdem sich die Gruppe mit dem Partito radicale verbündet hatte. Der Text steht also quer zu den institutionellen Strategien der Zeit.
Die literarischen Antworten entstehen in Bologna, dessen DAMS-Studiengang (seit 1971, mit Dozenten wie Umberto Eco, Giuliano Scabia und Gianni Celati), Radio Alice und Zeitschrift A/traverso ein Milieu bilden. Schöfberger rekonstruiert dessen Ereignisse (den Tod Francesco Lorussos im März 1977, die entsandten Panzer, die Konferenz gegen die Repression im September) und zeigt, wie sie in Andrea Pazienzas Comic Le straordinarie avventure di Pentothal (1977 bis 1981) Spuren hinterlassen: Der Zeichner reagiert auf das Eintreffen der Panzer in einer Tafel, der Protagonist Andrea bleibt Außenseiter der Proteste und scheitert an der Feministin Lucilla. Enrico Palandris Boccalone (1979) erzählt eine polygame Beziehung als Verwischungsutopie, in der sich der Ich-Erzähler von Eifersucht und Schuldgefühlen geplagt sieht, mit Deleuze und Guattaris Anti-Ödipus als Bezugstext. Pier Vittorio Tondellis Altri libertini (1980) schließlich lässt in der Episode „Mimi e istrioni“ eine Gruppe aus Reggio Emilia, die Splash-Gruppe, Crossdressing und Gender-Fluidität als Lebensform erproben, bis die Provinzstadt sie ausgrenzt und ein lokales Fernsehstudio sie zur Unterhaltungsnummer macht. Dass auch Nanni Morettis Ecce bombo (1978) die Männergruppen aufs Korn nimmt, belegt für Schöfberger, wie schnell der Diskurs seine eigene Parodie hervorbrachte.
Mythopoetik in italienischer Übersetzung und das Pseudonym als Gegenentwurf (1984 bis 1993)
Claudio Risés Il maschio selvatico (1993) ist der Gegenstand, an dem sich der kulturelle Kontext spürbar verschiebt. Schöfberger zeigt, dass der Text an die US-amerikanische mythopoetische Literatur anschließt, die in den frühen Neunzigerjahren ins Italienische übersetzt wurde: Robert Blys Iron John und Richard Rohrs und Ken Martos’ The Wild Man’s Journey erschienen 1992 in Italien, Letzteres bei dem katholischen Verlag Queriniana unter dem Titel L’uomo selvatico. Risés Reihe von Männerratgebern erscheint bei Mondadori sowie in religiös und alternativmedizinisch ausgerichteten Verlagen (Red, San Paolo). Der Autor, Psychotherapeut wie Hollstein Jahrgang 1939, beteiligt sich später an Anti-Gender-Diskursen, was Schöfberger in einer Fußnote zu Il maschio selvatico 2 (2015) und zu Risés Unterstützung der Bewegung La Manif pour tous ausführt. Dadurch wird die mythopoetische Restauration der Neunzigerjahre rückwirkend als Vorform eines politischen Aktivismus lesbar.
Elena Ferrantes L’amore molesto (1992) steht dazu quer. Schöfberger liest den Neapel-Roman als Krimi, in dem die Suche der Tochter nach dem Tod der Mutter in die Gewaltgeschichte der Männer führt und doch keine Täterschaft klärt. Die kulturelle Rahmung bilden hier zwei Elemente: der italienische Differenzfeminismus (Luisa Muraro, Diotima, daneben Luce Irigaray), dem Ferrante in Interviews Sympathie bekundet, und die Strategie des Verschwindens, mit der die Autorin ihre Öffentlichkeitsarbeit gestaltet. Die Enthüllungsversuche von 2016 (der Il Sole 24 Ore-Artikel, der die Übersetzerin Anita Raja und ihren Ehemann Domenico Starnone als mögliche Autorenschaft nannte, und das Spiegel-Interview, in dem die Frage nach der männlichen Authentizität weiblicher Figuren gestellt wird) deutet Schöfberger als Fortsetzung desselben Spiels um biologische Fakten, das der Roman selbst treibt.
Pulp-Literatur, Berlusconi-Ära und eine verspätete Forschung (1993 bis 2004)
Niccolò Ammanitis Ti prendo e ti porto via (1999) gehört zur Pulp-Literatur der giovent cannibale, deren Anthologie 1996 erschien. Der Roman spielt in einem Toskana-Dorf und lässt den Frauenhelden Graziano Biglia mit seiner Vergangenheit in Riccione, Goa und Ibiza zusammenstoßen. Schöfberger bindet die Figuren an das Italien Silvio Berlusconis: Die „Valletta“, Assistentin im Fernsehstudio, gilt als Sinnbild eines sexualisierten Auftretens, das mit der Gründung von Mediaset (1993) und der Regierungszeit von Forza Italia verbunden wird. Die Krisenrhetorik der Zeit hält er an Titelgeschichten des Espresso fest, etwa dem Cover von 1996, das den Männern den Mittelfinger zeigt und „Ciao Maschio“ höhnt, und an Schlagzeilen über Impotenzängste im Viagra-Jahr 1998. Das Motto „Ciao Maschio“ kehrt als Formel wieder: im Film Marco Ferreris (1978), und im Titel der Ausstellung der Galleria d’Arte Moderna in Rom (2021).
Sandro Bellassais La mascolinità contemporanea (2004) steht in Italien am Anfang einer Männlichkeitsforschung, die es bis dahin kaum gab. Schöfberger zeigt die Verzögerung an Übersetzungsdaten: Connells Masculinities erscheint 1996 auf Italienisch, Mosses The Image of Man 1997, Butlers Gender Trouble aber erst im März 2004 unter dem Titel Scambi di genere. Dass die Queer-Theorien so spät ankommen, führt er mit Verweis auf Marina Calloni und Chiara Saraceno auf den Einfluss des Differenzfeminismus und auf die mangelnde institutionelle Anerkennung der Gender Studies zurück. Bellassai, Historiker und Mitveranstalter einer Tagung zu „Mascolinità e storia“ in Bologna (1998), erweitert den Blick auf die Krisen der Männlichkeit seit den 1870er-Jahren, nennt das Wort „homosexuell“ als Neuprägung von 1869 und unterscheidet zwei Krisen: eine um 1900 durch die erste Welle der Frauenbewegung, eine zweite zwischen den Fünfziger- und Siebzigerjahren. Schöfberger würdigt diese Erweiterung und vermisst zugleich die Berücksichtigung der Gender-theoretischen Impulse, die Bellassai kaum erwähnt.
Väterliche Autorität als Streitfall nach 2007 (2004 bis 2015)
Marco Cavinas Il padre spodestato (2007), eine rechtshistorische Monographie über die väterliche Autorität von der Antike bis zur Gegenwart, beklagt im Vorwort die „fatale Vernichtung der väterlichen Autorität in Italien und in Europa“ und widmet das Buch trotzdem den Kindern. Schöfberger erklärt diese Anklage aus einem Moment, in dem Väter in Italien, Österreich und Deutschland erstmals einen rechtlich abgesicherten Stellenwert in der Kinderbetreuung erhalten und die Weltfinanzkrise ab 2007 erneut eine Krise der Männlichkeit und der Väterlichkeit auslöst. Marco Missirolis Roman Atti osceni in luogo privato (2015) stellt dieser Klage einen Erzähler gegenüber, der als Libero den Ehebruch der Mutter beobachtet und sich als „Insel ohne Meer“ beschreibt, sobald er sich mit dem bürgerlichen Vater identifiziert. Als Vertreter der Generation, die zu jung für den Movimento del ’77 war, gehört er zu den Söhnen, die in der Bürgerlichkeit der Väter die eigentliche Schuld sehen. Pasolini hatte 1976 die vielleicht schwerste Schuld der Väter im Glauben gesehen, Geschichte könne nur bürgerliche Geschichte sein; das ergänzt die historische Tiefe. Schöfberger zieht Linien zu den virilistischen Bewegungen der Jahre 1910 bis 1930, darunter Papinis Maschilità (1921), und zur Restauration im Modena des frühen 19. Jahrhunderts, die Cavina selbst beschreibt.
Anti-Gender-Mobilisierung und satirische Provinz (2015 bis 2023)
Für die Zeit seit 2015 verweist der Band auf eine Renaissance queerer und feministischer Perspektiven, die nun auch die italienische Forschung erreicht, nachdem erste Studien zur Queerness der italienischen Kultur (Cestaro 2004, Duncan 2006) aus den USA und Großbritannien kamen. Lorenzo Berninis Le teorie queer (2017) zeigt, dass es zehn Kriterien zur Klassifikation des Geschlechtlich-Sexuellen gibt, während drei binäre Kriterien weiter wirken, die zwischen den 1870er- und 1950er-Jahren etabliert wurden. Massimo Prearo analysiert in L’ipotesi neocattolica (2020) die Anti-Gender-Mobilisierung. Schöfberger fasst sie als Entwicklung von einem kirchlichen Aktionsmodell zu einem Bewegungsmodell zusammen, das sich seit der Family-Day-Demonstration in Rom am 20. Juni 2015 gefestigt habe, und führt als Szene den Weltkongress der Familien in Verona im März 2019 an, auf dem unter anderem Matteo Salvini und Giorgia Meloni sprachen, während Non una di meno etwa 100.000 Menschen auf die Straße brachte. Italien erscheint so als Raum, in dem das Religiöse unmittelbar in das Politische und Institutionelle übergeht. Dem stellt Schöfberger Susanne Kaisers Politische Männlichkeit (2020) gegenüber, die den Backlash als männlich beschreibt, während Prearo ihn weniger als Männerphänomen versteht.
Alberto Ravasios La vita sessuale di Guglielmo Sputacchiera (2022) wird in diesem Rahmen zum komischen Gegenstück. Der Dreißigjährige wacht in einem Dorf der lombardischen Provinz als Frau auf, eine Kafka-Parodie mit einem Vater, der als Fußballfan und hypervirile Karikatur auftritt, und einer Mailänder Gegenwelt aus Studentinnen, Camsex und Gender-Studies-Gerede, die der Roman ebenso satirisch behandelt. Schöfberger deutet beide Räume als abgekapselte Orte, in denen die Männlichkeit des Vaters als abgenutzt-groteskes Thomasson erscheint, und zeigt, wie der Roman die Peripherie, deren Ortsnamen „aus Prädestination oder schlechtem Geschmack“ auf -ano enden, als von grotesken Männerfiguren beherrschten Raum anlegt.
Beobachtungen zur Qualität der Kontextualisierung
Die Kontextualisierung ist in den ersten beiden Phasen dicht, weil Schöfberger dort auf Archivmaterial aus Zeitschriften, Flugblättern und Radiosendungen zurückgreift und die Verbindung der Texte zu Bewegungen belegen kann. In der dritten und vierten Phase tritt der Kontext stärker in die Fußnoten zurück: Die Berlusconi-Ära erscheint als Erläuterung einer einzelnen Figur, obwohl sie für die Männlichkeitsdiskurse der Neunzigerjahre mehr erklären könnte. Auch die Rolle des Katholizismus, die Schöfberger im Hinblick auf die Gesetzgebung der Siebzigerjahre und die Anti-Gender-Bewegung anspricht, bleibt über die Phasen hinweg unverbunden. Verdienstvoll ist dagegen, dass der Band italienische Texte nicht als Reaktion auf deutsche oder angloamerikanische Debatten behandelt: Die Verzögerungen bei den Übersetzungen, die institutionellen Vorbehalte gegen Gender Studies und die Bedeutung des Differenzfeminismus werden als Eigenheiten benannt und nicht als Rückstand.
Textnahe Lektüren als Stärke
Der Band überzeugt dort, wo er nah am Text arbeitet. Die Lektüre von Jelineks Lust etwa (Kapitel 3.3) unterscheidet zwischen histoire und discours, zeigt, wie die Papierfabrik des Direktors Hermann Natur und Wasser, Zellulose und Sperma, Holz und weibliche Aufnahmebereitschaft metonymisch und metaphorisch verschaltet, und bindet das an die Frage, wie männliche Herrschaft sich als ahistorisch gibt, obwohl alles um sie herum konstruiert und vergänglich ist. Hier greift die Kategorie der (A)Historizität, und der Vergleich mit Risés Sachbuch gewinnt Kontur. Ähnlich genau ist die Verbindung von Ferrantes Pseudonym mit der Dichotomie von Fakt und Fiktion.
Gut gelöst ist auch der Umgang mit der Zuordnung literarischer Figuren im letzten Kapitel. Mit dem Begriff der „Thomassons“ (nach Genpei Akasegawa, spezifiziert durch Francesco Orlando als nicht-funktionale Entitäten) fasst Schöfberger Männerfiguren, die hinter sich gelassen werden sollen und doch hinterlassen bleiben, und unterscheidet drei Typen: fruchtlos-schädliche (Bazzi, Setz), abgenutzt-groteske (Ravasio, Stelling) und trostlos-unverbundene (Desiati, Kim de l’Horizon). Das ist ein brauchbares, übertragbares Beschreibungsinstrument.
Dass der Autor sein Korpus offenlegt, ist ebenfalls hervorzuheben: Er benennt, dass die Mehrzahl der Texte der zweiten, vierten und fünften Phase von Männern geschrieben wurde, begründet das mit dem Erkenntnisinteresse (wie Männer sich selbst als Männer ins Spiel bringen) und weist auf die Ausnahmen hin. Die Übersetzungen der italienischen Zitate stammen vom Autor, die Originale stehen meist im Haupttext, die Übersetzungen in den Fußnoten.
Schematik und Begriffsapparat
Die Kehrseite der klaren Konstruktion ist ihre Schematik. Jede Phase erhält genau ein Konzept und genau eine Kategorie, obwohl sich die Kategorien (Narrativität, Interdependenz, Relationalität) ebenso gut an anderen Phasen erproben ließen. Die Kapitel selbst zeigen, dass Konzepte phasenübergreifend wiederkehren: Das Erstarren in bürgerlicher Normalität, das Kapitel 5 ins Zentrum rückt, erkennt Schöfberger schon in Texten seit 1968, und die Thomassons des letzten Kapitels finden Vorläufer in Ginzburg und Strauß. Dennoch bleibt der Eindruck, dass das Raster die Befunde teilweise vorformt. Die Periodisierung stützt sich außerdem auf die Wellenmetapher, deren Kritik der Autor nur in einer Fußnote anzeigt.
Der Vergleich ist zudem asymmetrisch gebaut. Auf der einen Seite steht Italien als nationaler Raum, auf der anderen ein „deutschsprachiger Raum“, der Bundesrepublik, DDR, Österreich und Schweiz bündelt. Der Autor weist auf die Unterschiede hin (etwa bei Strafgesetzgebung und Frauenbewegung), die Analysen behandeln sie aber überwiegend als Varianten eines Raums. Wer sich für die DDR oder die Schweiz interessiert, findet nur einzelne Texte.
Auch der Textsortenvergleich ist nicht frei von Zirkularität. Die Hypothese, literarische Texte verhielten sich „flüssiger“, stand vor der Analyse fest, und die untersuchten Sachbücher und Aufsätze sind schon wegen ihrer Gattung auf Argument und Information verpflichtet. Dass sie festere Positionen beziehen, überrascht daher weniger, als die Conclusio nahelegt. Interessanter wären Fälle, in denen Sachtexte sich der Literatur annähern oder umgekehrt, und einige davon gibt es im Band (Frischs Montauk etwa, das sich als Beichte versteht und dabei Philip Roths My Life as a Man und die Debatten der Frauenbewegung aufruft). Hier hätte der Band stärker ausgeführt werden können.
Schließlich fordert die Darstellung Geduld. Der Begriffsapparat ist dicht: Zeichenkombinationen wie (/~) oder (/≈/), Kürzel für Textsorten und Räume, Makrokategorien, Konzepte und Kategorien in Klammern mit Binnenmajuskeln und Gendersymbolen. Die Sätze sind lang, die Fußnoten reichen mitunter über die halbe Seite. Das Quellenverzeichnis ist gründlich, doch für Leserinnen und Leser, die sich einzelne Kapitel erschließen wollen, wäre ein Register hilfreich gewesen. Die Behauptung, das Buch ziehe „zum ersten Mal“ eine umfassende Bilanz des Geschlechter-, Queer- und Männlichkeitswissens in beiden Räumen, ist angesichts des gewählten Ausschnitts eher als Programm denn als Befund zu lesen.
Schöfbergers Studie liefert für Italien und den deutschsprachigen Raum eine belastbare Materialbasis und ein Beschreibungsmodell, das sich auf weitere Sprach- und Kulturräume übertragen lässt, wie der Autor selbst anregt. Wer zu Männlichkeit in der Gegenwartsliteratur, zur Geschichte der Männerbewegungen oder zur Komparatistik der Geschlechterforschung arbeitet, wird an dem Band nicht vorbeikommen, zumal er frei verfügbar ist. Für Einsteiger ist er wegen seiner Terminologie eine anspruchsvolle Lektüre.






