Gehorsam als Revolte: Disziplin, Ritual und Selbstverlust bei Andrea Oriente
Andrea Orientes Roman „La nostra giovinezza“ (Sellerio 2026) erzählt in fünfzehn Monaten und einem Prolog, wie ein Schüler in eine neofaschistische Jugendsektion eintritt, um der Leere seines Alltags zu entkommen, und dort Liegestütze zählen, Symbole auswendig lernen und Verrat bestrafen lernt, bis er sich dem Freund und Mentor als Austrittswilliger offenbart und selbst geschlagen und verstoßen wird. Der Aufsatz liest das Buch als Roman über Gehorsam, nicht über Überzeugung: Die Gruppe nennt sich rebellisch und baut ein System aus Zeitplan, Rangordnung und Strafe, das den Neuling enger bindet als die Schule, aus der er flieht. Die Argumentation stützt sich auf vier Beobachtungen. Erstens kehrt der Roman die Logik des Initiationsromans um, denn die Schwelle des Anfangs wird am Ende in Gegenrichtung ein zweites Mal überschritten, mit fast wortgleichen Sätzen. Zweitens wird Ideologie nicht argumentiert, sondern über Räume, Körperhaltungen und Zählrituale eingeübt. Drittens ahmt die Form, mit Präsens, Ich-Perspektive, Befehlssyntax und eingeschobenen Wir-Passagen, den Mechanismus nach, den sie ausstellt, und lässt die Lesenden beim ersten Mitlachen die eigene Zustimmung bemerken. Viertens bindet das Feindbild die Gruppe und wird nach innen gewendet, bis jeder Zweifel als Gegner gilt. Ob das Schlusswort „solo libero“ eine Befreiung oder bloß eine Leerstelle meint, lässt der Roman offen, und der Aufsatz hält diese Offenheit als Ergebnis fest.
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