Leere Räume, volle Bilder: Vincenzo Latronicos Deutschlandromane im Vergleich
Vincenzo Latronico erzählt in „Le perfezioni“ (2022), „La chiave di Berlino“ (2023) und „Una splendida rovina“ (2026) von Menschen, die nach Berlin kommen, um in einer Stadt voller Leerstellen ein Leben nach eigenem Entwurf zu führen. Ein Paar richtet eine Wohnung ein, die auf Fotos vollkommen aussieht und gerade deshalb unbewohnbar wird. Der Essay beschreibt aus eigener Erfahrung das Tempelhofer Feld, den Berliner Lockdown und die Entzauberung eines Mythos. Der jüngste Roman schickt seine Figuren in eine DDR-Ruine, unter deren Boden Schutt und Asbest liegen. Der Aufsatz liest die drei Bücher kontrastiv und folgt einer These: Die Leere, die diese Generation als Freiheit sucht, ist von der Geschichte geleert und vom Markt neu besetzt. Er entwickelt sie in sechs Schritten. Zuerst fragt er nach dem Verhältnis von Raum und Geschichte, dann nach dem Vorrang des Bildes vor dem gelebten Leben. Es folgen die unterschiedlichen Erzählhaltungen, nämlich der Imperfekt-Ton in der Nachfolge Perecs, die Konstellationen des jüngsten Romans in der Tradition Kunderas und die Absage an jede Teleologie in der Coda des Essays. Danach behandelt er Arbeit und Gemeinschaft. Das Deutschland dieser Romane ist ein Land, in dem Italiener eine Wohnung für 118 Euro pro Tag vermieten, weil sie selbst nicht darin leben können, und in einer DDR-Ruine ihre Freiheit suchen, unter deren Boden noch der Asbest liegt. Wer aus Italien kommt, um hier ein Leben nach eigenem Entwurf zu beginnen, findet keinen leeren Raum, sondern einen, den die Geschichte hinterlassen und der Markt längst wieder vermietet hat.
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