Im Schatten der Helden: Marc Biancarellis Antwort auf den korsischen Nationalmythos

Marc Biancarellis „Roman national“ (Actes Sud, 2026) entwirft im Gewand des historischen Romans ein komplexes Bild Korsikas als „doppelte Insel“, die zugleich durch äußere Herrschaft unterworfen und durch innere kulturelle Ressourcen behauptet wird: Vor dem Hintergrund des Aufstands Sampieru Corsos im Jahr 1564 verfolgt der Text die Lebenswege Fioravantes und Catalinas, die zwei gegensätzliche Antworten auf eine Gesellschaft ohne stabile politische Institutionen verkörpern – Bindung an lokale Loyalitäten und Rachelogiken einerseits, radikale Ablösung und Selbstentwurf andererseits; in drei erzählerischen Bögen (Kindheit, Kriegsgeschehen, Nachklang) verbindet Biancarelli dokumentierte Ereignisse mit subjektiven Perspektiven und unterläuft dabei systematisch die Erwartung eines heroischen Nationalepos, indem er zeigt, dass der vermeintliche Befreiungskampf weniger von kollektiven Idealen als von privaten Motiven getragen wird und letztlich an innerer Zerrissenheit scheitert; die Argumentation des Romans zielt damit auf eine Dekonstruktion des „roman national“ als Gattung, indem nationale Identität als nachträgliche, selektive Konstruktion sichtbar wird, die insbesondere die Gewalt an Frauen ausblendet – ein blinder Fleck, den die zentrale Figur Catalinas explizit macht –, während zugleich die Sprache, konkret das Korsische, als eigentlicher Träger von Kontinuität und Widerstand herausgestellt wird, der sich staatlicher Kontrolle entzieht; formal entspricht dieser These eine polyphone Erzählstruktur ohne privilegierte Instanz, die Geschichte als Feld konkurrierender Stimmen präsentiert, während inhaltlich eine Anthropologie der Gewalt entfaltet wird, die diese nicht als Ausnahme, sondern als zirkulierendes Prinzip sozialer Ordnung begreift; in dieser Perspektive erscheint Catalinas Bewegung der Ablösung als einzige nicht destruktive Handlungsform, sodass der Roman insgesamt als paradoxer Nationalroman lesbar wird, der die Bedingungen kollektiver Identitätsbildung freilegt, indem er sie zugleich erzählerisch unterläuft.

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