Verlorene Anrufe, gefundene Sprache – Nassera Tamer
Der vorliegende Text liest Nassera Tamers „Allô la Place“ (Verdier, 2025) als autofiktional grundierten, formal hybriden Roman, der den Telefonanruf – prägnant gerahmt durch Jacques Derridas Diktum vom „gespenstischen“ Charakter der Stimme – zur Leitmetapher einer diasporischen Existenz erhebt: Erzählt wird von einer in Paris lebenden Ich-Erzählerin, die im Versuch, das verlorene Darija ihrer Eltern wiederzuerlernen, weniger ein sprachliches als ein existenzielles Defizit bearbeitet, nämlich die durch Migration, sozialen Aufstieg und Scham beschädigte Beziehung zur Herkunft und zu den Eltern, deren ausbleibender Anruf den eigentlichen dramatischen Kern bildet. Anstelle eines linearen Plots entfaltet der Roman eine montierte Struktur aus kurzen Sequenzen, dokumentarischen Exkursen und inventarischen Schaufensterlisten, die sich zu einer Poetik des Fragments und der „Verbindung im Abbruch“ verdichten: Das Sprachtandem mit der in Casablanca lebenden Mer fungiert dabei als Spiegelkonstellation, in der sich Fragen von Geschlecht, Mobilität und Ungleichheit bündeln, während Taxiphones als heterotope Schwellenräume eine Topografie des Dazwischen markieren. Die Analyse arbeitet heraus, dass Tamer technische Kommunikationsformen – von der Audiokassette bis zur App – nicht als Fortschrittserzählung, sondern als Archäologie misslingender Nähe inszeniert, in der der „appel en absence“ zur Signatur eines Subjekts wird, das zwischen Sprachen und Orten suspendiert bleibt; zugleich deutet sie die dichten Metaphernfelder (Wasser, Wunde, Signal, Reparatur) und die intertextuellen Bezüge als Elemente einer autopoetologischen Reflexion, die das Schreiben selbst als prekäre, vom Verschwinden bedrohte Geste begreift. Insgesamt fokussiert die Argumentation konsequent auf die Leitmetapher der unterbrochenen Verbindung und deren Ausfaltung in Form, Motivik und Medienreflexion.
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