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Inhalt
Abschiedsbilanz einer vierzigjährigen Untersuchung
Mit Élagage legt Yves Di Manno den vermutlich letzten Band einer vier Jahrzehnte währenden poetologischen Untersuchung vor, die nach den Vorgängern endquote (1999), Objets d’Amérique (2009) und Terre ni ciel (2014) die Ziele und Praktiken der Dichtung in Frankreich an der Schwelle vom 20. zum 21. Jahrhundert befragt. Der Band versammelt Gelegenheitstexte – Rezensionen, Vorworte, Zeugnisse, ein Interview, ein Feuilleton –, die durch sorgfältige Montage zu einer absichtsvoll fragmentarischen Bilanz zusammengefügt sind: kein Panorama, sondern, wie der Autor sagt, ein Fotoalbum eines Leselebens, das ein anderes, verborgenes Landschaftsbild der Dichtung zeichnet.
Der Titel ist Programm. „Élagage“ (Baumschnitt, Auslichtung) bezeichnet eine doppelte Bewegung: das Freilegen wenig erkundeter Wege und das Wegschneiden des Überflüssigen – der erstarrten Rhetorik, der Moden, des grassierenden Narzissmus, in dem die Dichtung zum bloßen „Spektakel“ und zur Bühne für ausgestellte Seelenzustände zu verkommen droht. Beschnitten werden die Äste der Vergangenheit und die Dominanz etablierter Diskurse, damit der Boden für nachfolgende Generationen frei wird.
Zugleich markiert das Buch einen institutionellen Endpunkt. Mit ihm endet die Reihe Poésie/Flammarion, die Di Manno von 1994 bis 2026 leitete: 205 Titel, 69 Autorinnen und Autoren. Die abschließende Notiz „Dernier rappel“ deutet diesen Abschied als Bilanz eines „long rêve éveillé“ und gibt dem ganzen Band seinen elegischen Schlüssel. Di Manno wertet das Ende der Reihe als Symptom eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels: In einem von Bildschirmen, Krieg und Pandemie geprägten Klima verliere die Gesellschaft den Sinn für Literatur im alten Sinn; der Roman selbst weiche zunehmend Biopics, Autofiktionen und vorgefertigten Romanzen. Vor diesem Hintergrund sah der Verlag keine Grundlage mehr für eine Lyrikreihe – ein bitteres „Niederlegen der Waffen“, das Di Manno gleichwohl nicht in reine Resignation kippen lässt.
Yves di Manno, Jahrgang 1954, gehört zu den prägenden Stimmen der zeitgenössischen französischen Lyrik, deren Entwicklung er seit den 1970er-Jahren zugleich aus der Perspektive des Autors, Übersetzers und Herausgebers mitgestaltet hat. Nach frühen Aktivitäten im Umfeld literarischer und kulturkritischer Zeitschriften sowie einer prägenden Asienreise begann er, ein Werk zu entfalten, das sich durch formale Offenheit, interkulturelle Sensibilität und eine an der Moderne geschulte Reflexivität auszeichnet. Seine Gedichtbände – von Les Célébrations (1980) über das langfristig angelegte Projekt Champs bis zu jüngeren Arbeiten wie Lavis – erkunden Wahrnehmungsräume zwischen Landschaft, Erinnerung und Sprachbewegung. Parallel dazu entwickelte di Manno ein erzählerisches und essayistisches Œuvre, in dem poetologische Fragestellungen, Traumlogiken und Grenzverschiebungen zwischen Wirklichkeit und Imagination zentral sind. Insgesamt umfasst sein Werk rund dreißig Publikationen aus Lyrik, Prosa und Essayistik.
Eine besondere Bedeutung kommt di Mannos Rolle als Vermittler zu: Als langjähriger Leiter der Reihe „Poésie/Flammarion“ prägte er über Jahrzehnte hinweg maßgeblich den Kanon zeitgenössischer französischer Dichtung, während seine Übersetzungen – insbesondere von William Carlos Williams, Ezra Pound oder George Oppen – entscheidend zur Rezeption der nordamerikanischen Moderne in Frankreich beitrugen. Seine editorische und übersetzerische Tätigkeit ist dabei nicht von seinem eigenen Schreiben zu trennen, sondern bildet dessen poetologischen Resonanzraum. Projekte wie die gemeinsam mit Isabelle Garron verantwortete Anthologie Un nouveau monde: poésies en France 1960-2010 (2017) unterstreichen seinen Anspruch, poetische Traditionen neu zu kartieren und transatlantische Verbindungen sichtbar zu machen. Di Mannos Werk erscheint so insgesamt als ein kontinuierlicher Versuch, die Möglichkeiten der Dichtung im Spannungsfeld von historischer Avantgarde, Gegenwartspoetik und kulturellem Transfer neu zu bestimmen.
Das monumentale Werk bietet auf über 1.500 Seiten einen umfassenden Überblick über die Entwicklung der französischen Poesie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Band versammelt repräsentative Texte von über hundert verschiedenen Dichtern und Dichterinnen, die die reiche Vielfalt der Epoche widerspiegeln. Ein chronologischer Erzählstrang führt durch die Jahrzehnte und beleuchtet die Strömungen und Umbrüche der Poesie in Frankreich.
Architektur eines fragmentarischen Bandes
Das Vorwort „Devant les pages“ setzt den defensiven und zugleich kämpferischen Grundton: Élagage als möglicher Endpunkt, ohne Preisgabe des Widerstandsimpulses. Die erste Werkgruppe „Quelques portraits (d’ouvrages)“ entwirft mit „Choses qui gagnent à être lues“ und den „Vingt notices pour le Ministère“ eine Poetik der Peripherie: Literatur als Ensemble singulärer Stimmen, deren Ort außerhalb institutioneller Sichtbarkeit liegt.
Der zweite Komplex „Supplément aux objets d’Amérique“ entfaltet eine transatlantische Genealogie der Moderne, in der Übersetzung und poetische Herkunft zentral werden – von den „XIII façons de considérer la traduction“ über die Studien zu H. D. und Olson bis zur „Achse Reverdy/Williams“.
Die belgischen Kapitel „Des extrémistes discrets“ rekonstruieren mit Nougé, Colinet, den Piqueray-Brüdern und Daniel Fano eine Tradition heimlicher Unterwanderung. „D’autres complices“ versammelt Porträts und Erinnerungen (Venaille, Albiach, Tellermann, Savitzkaya, Messagier u. a.), in denen Dichtung als existenzielle Praxis erscheint. Das „feuilleton catastrophique“ und der abschließende „Codicille / Pénombres du surréalisme“ treiben die Reflexion über Autorschaft, politische Form und das Fortleben avantgardistischer Energien weiter.
Quer durch die Einzeltexte zeichnen sich Tendenzen ab, die Di Manno dokumentiert und verteidigt.
Verteidigung der Sprachkunst gegen das Spektakel
Gegen die „Entmenschlichung“, die auch vor der Literatur nicht haltmacht, verteidigt Di Manno die Dichtung als strenge Sprachkunst und wendet sich radikal von der Rhetorik ab, in der sich viele Zeitgenossen festgefahren haben. Sein Gegenmodell ist Denis Roche, dessen Le Mécrit den Punkt markiert, an dem die Poesie „unzulässig“ wird, weil sie die alten Konventionen zertrümmert. Das Gedicht ist hier kein Gefäß für Gefühle mehr, sondern ein sprachliches Objekt, das durch Montage und Härte wirkt.
Die Seite als Feld der visuellen Prosodie
Ein zentraler Pfeiler ist die Verschiebung vom Auditiven zum Visuellen: Die Seite wird zum Raum, in dem Typografie, Abstände und die Anordnung der Wortblöcke Bedeutung konstituieren. Di Manno fasst dies in der „Achse Reverdy/Williams“ zusammen – in „La Lucarne ovale“ und „Spring and All“ erkennt er eine prosodische Erfindung ohne Vorläufer in der französischen Tradition. Diese Linie führt weiter zu Olsons „composition by field“ und begreift den „Atem“ als Einheit des Verses, für den die visuelle Gestalt zur Partitur wird.
Belgische Wildheit als Subversion und Verweigerung des Autors
Der belgische Surrealismus dient der Dokumentation einer Poesie, die sich der Vereinnahmung durch den Betrieb entzieht und den Status des „Schriftstellers“ radikal ablehnt. Paul Nougés L’Expérience continue gilt als eines der erschütterndsten Bücher des Jahrhunderts; Nougé praktizierte eine „Revolution in der Nacht“ durch „détournement“ und erscheint als unbeachteter Vorläufer Guy Debords. Christian Dotremonts Logogramme lösen die Grenze zwischen Schrift und Zeichnung auf, die Piqueray-Brüder verbinden das Triviale und Groteske mit unerwarteter Anmut. Paul Colinets nur in einem einzigen Exemplar versandte Zeitschrift Vendredi steht für die These, dass die wirksamste Intervention oft die im Schatten ist.
Hybridisierung als Eindringen der Narration
Gegen die Trennung von Lyrik und Erzählung dokumentiert Di Manno eine starke Tendenz zur Hybridisierung. Bei Daniel Fano („Chocolat bleu pâle“, die „langen Prosa-Texte“) zeigt sich eine Methode des Ausschneidens und Montierens, die das zeitgenössische Desaster mit objektivistischer Kälte protokolliert. Franck Venaille dringt – über die Schatten von Sexus und Krieg, in „Jack-to-Jack“ und der Trilogie der 1970er – in die tiefsten Schichten des Ichs vor, wobei die Grenze zwischen Vers und Prosa fließend wird.
Das Theater der Schrift als weibliche Moderne
Ein wichtiges Korrektiv ist die Hervorhebung weiblicher Stimmen. Anne-Marie Albiachs „Mezza Voce“ macht die Seite zur Bühne eines körperlichen, rituellen Dramas; Esther Tellermanns „Guerre extrême“ schafft durch den Zusammenprall antiker Mythen mit der Barbarie der Gegenwart eine polyphone Sprache jenseits des isolierten Ichs. Di Manno zieht hier die Linie zu H. D. und deren „Hélène en Égypte“, das die Autobiografie im Mythos verschwinden lässt – Dichtung als Palimpsest, als ständiges Überschreiben.
Ethnopoetik als Suche nach dem Ursprung
Maßgeblich beeinflusst durch Jerome Rothenbergs „Technicians of the Sacred“, sucht eine weitere Linie den Anschluss an orale und außereuropäische Traditionen, um die Dichtung aus ihrem westlichen „Gefängnis“ zu befreien. Armand Schwerners „Tablets“ fingieren die Übersetzung antiker Tontafeln, deren Lücken und Beschädigungen zum eigentlichen poetischen Raum werden. Serge Pey verlagert das Gedicht vom Papier in Performance, bemalte Stöcke und rituelle Handlungen und gewinnt es als physische Inkorporation der Vision zurück.
Ebenen der diskreten Intervention
Di Manno verwendet selbst den Begriff der „intervention discrète à la mutation du réel“. Das Buch dokumentiert diese Mitwirkung auf drei ineinandergreifenden Ebenen.
Als Leser und Kritiker. Die Texte sind keine neutralen Besprechungen, sondern Akte des Sichtbarmachens – „portraits d’ouvrages“ im Dienst einer „poétique active“. Die Geste ist stets dieselbe: ein vergessenes, „unsichtbares“ Werk wird aus dem Schweigen gezogen (Sainte-Croix-Loyseau, Champroux, Colinet, Viarre, Messagier, Grandmont). Die Rezension wird zum Rettungsakt und zur Korrektur der Literaturgeschichte gegen ihre offiziellen Verwalter, besonders die Universität.
Als Verleger. Über dreiunddreißig Jahre und 205 Titel hat Di Manno „par l’exemple“ gehandelt – durch das konkrete Buch statt durch Theorie. Die Reihe Poésie/Flammarion war selbst die These: dass mehrere Schreibwege gleichzeitig möglich sind und sich die Ränder ins Zentrum verschieben lassen. Verlegen erscheint hier als poetologische Handlung, nicht als Geschäft.
Biografisch. Der Codicille endet mit Bretons „Lâchez tout“, das den fünfzehnjährigen Di Manno buchstäblich auf die Straße trieb. Damit steht die früheste Intervention am Schluss des Buches: die Poesie als etwas, das ins Leben eingreift, nicht nur ins Schreiben. Die Umkehrung – Lebensbruch zuerst, Werk danach – ist die eigentliche Pointe seiner Poetik.
Der dokumentierte Gegen-Kanon als rebellische Enklave
Die Auswahl der Texte ist nicht zufällig, sie bildet eine „enclave rebelle au sein de la littérature générale“. Drei Konstellationen tragen dieses Dokument: Die nordamerikanische Linie belegt, dass die Krise des Verses lösbar war – Form ist Erfindung, nicht Dekoration. Der belgische Surrealismus dokumentiert die andere Hälfte, die Erkundung der „lointains intérieurs“ und eine Haltung der Verweigerung, der Heimlichkeit, der „subversion joyeuse“. Die zeitgenössischen „Komplizen“ schließlich belegen, dass dieser Widerstand als „confrérie muette“ fortlebt, abseits der Bühnen.
Methodisch kehren dabei vier Operationen wieder. Das Auslichten als Titel-Methode: das rhetorische Totholz wegnehmen, damit die seltenen lebendigen Triebe sichtbar werden. Die Verschiebung der Achse: nicht ein neues Zentrum errichten, sondern die Geografie der Lektüre kippen. Die Montage: das geduldige Zusammenfügen autonomer Stücke, bis ein unerwartetes Licht entsteht – ein Verfahren, das für Gedichte, Erzählungen und Kritik gleichermaßen gilt und dem das Buch selbst seine Form verdankt. Und der Widerstand durch Form als ethischer Akt: ein Werk taugt, wenn es eine Bruchstelle markiert und eine verborgene Dimension des Wirklichen enthüllt; die Formarbeit ist nie Selbstzweck, sondern Mittel, den Schirm zu durchbrechen, den die Ordnung des Diskurses zwischen Welt und Ich errichtet.
Ohnmacht und Wirksamkeit
Das Buch trägt eine Spannung, die Di Manno bewusst offenlässt. Er bezweifelt jede unmittelbare Wirkung von Literatur auf die Welt und lehnt Parolen und Einreihung ab – und glaubt zugleich an eine andere, diskrete Wirksamkeit der Schrift „mit ihren eigenen Waffen“. Genau deshalb sind die dokumentierten Interventionen so leise: keine öffentliche Bühne (Bretons „place publique“ taugt nicht), sondern geduldige, unterirdische Arbeit, deren Ziel nicht Anerkennung ist, sondern „altération du réel“ – die Veränderung der Wahrnehmung.
So ist Élagage kein bloßer Abgesang, sondern ein Appell, die unvollendete Abenteuerreise der Sprache fortzusetzen. Die letzte, melancholische Pointe: Die Arbeit endet mit dem Schließen der Reihe, aber das rebellische Korpus bleibt „zur Verfügung“. Mit dem Doppelschluss aus persönlichem Gründungsmythos und Abschied von Flammarion übergibt Di Manno dieses Korpus ausdrücklich den Leserinnen und Lesern von morgen, damit sie es ihrerseits neu erfinden:
Wie konkret diese „rebellische Enklave“ ist, zeigt das Inventar der Verfahren, die der Band aufbewahrt – ein Arsenal, aus dem künftige Leser schöpfen können. Lucien Suel etwa schreibt in „Canal Mémoire“ in „vers justifiés“, deren jede Zeile aus exakt gleich vielen typografischen Zeichen besteht, und übersetzt nach diesem Maß sogar Dylans „Girl from the North Country“; Christian Gabrielle Guez Ricord gießt sein visionäres „Cantique“ durchgehend in Verse von einundzwanzig Silben; Christian Dotremont löst mit seinen „logogrammes“ die Grenze zwischen Schrift und Zeichnung auf, indem er den Text in einem Zug malt – sichtbar, bevor er lesbar wird – und die entzifferbare Fassung klein darunterstellt. Eugène Savitzkayas „Nouba“ lässt mehrere Textspalten parallel laufen und sich überlagern; Frédéric Forte komponiert ein ganzes Buch in unhörbaren Alexandrinern, die jede klassische Zäsur meiden, und baut ein früheres aus dem Programmheft eines Sumo-Turniers; Serge Pey schließlich graviert seine Gedichte auf bemalte Stöcke und führt sie in Ritualen aus Glasbruch und Aschestreuung auf.
Daneben dokumentiert der Band ganze Editions- und Vermittlungsprojekte, die als Modelle weiterwirken sollen: Juliette Valérys Reihe „Format américain“ (1993–2006), rund fünfzig handwerklich am Laserdrucker gefertigte „chapbooks“ im Abonnement, abseits des Buchhandels – 2021 erstmals als 1120-seitige Gesamtausgabe greifbar; das Faksimile von Paul Colinets handschriftlicher „Zeitung“ „Vendredi“, hundert in einem einzigen Exemplar an einen Neffen im Kongo gesandte Nummern, die Spalten, Collagen und farbige Gouachen zu einem Stundenbuch fügen; Franck Venailles mit Jacques Monory realisierter Foto-Roman „Deux“; oder die „Non Inhibited Poems“ der Brüder Piqueray, eine Anthologie frei erfundener, unmöglicher Dichter. Genau ein Korpus solcher Texte – Verfahren, Formate, vergessene Werke – bleibt nach dem Schließen der Reihe „zur Verfügung“: ein Werkzeugkasten für die Leserinnen und Leser von morgen.
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