Der Rassemblement national als Nutznießer einer neuen Konfiguration

Gewönne der Rassemblement national 2027 das Präsidentschaftsamt, träfe eine Partei mit wenig Regierungserfahrung auf ein machtvolles Amt, das Außen-, Sicherheits- und Europapolitik bestimmt, und sie wäre auf Überläufer aus der Rechten, Geldgeber und wohlgesinnte Medien angewiesen. Für die deutsch-französischen Beziehungen hieße das, dass der Motor der europäischen Politik ins Stocken geraten könnte: Gemeinsame Rüstungsvorhaben wie das Kampfflugzeug FCAS, abgestimmte Positionen zur Ukraine-Hilfe, Kompromisse bei Haushaltsregeln und Migrationspolitik sowie die Absprachen vor jedem EU-Gipfel wären nicht mehr selbstverständlich, weil Berlin einer Präsidentin gegenüberstünde, die nationale Vorrechte über die europäische Integration stellt. Für Europa wöge das schwer, weil Frankreich als Atommacht und ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats in einer unsicheren Weltlage eine gemeinsame europäische Antwort tragen oder blockieren kann. Wie es so weit kommen konnte, erklären Patrick Lehingue und Bernard Pudal in „Du FN au RN“ (2026) mit einer Beobachtung, die zunächst überrascht: Die Partei ist innen dünn besetzt. Ein Funktionär der Jugendorganisation räumt ein, die veröffentlichten Mitgliederzahlen seien um das Zehnfache überhöht, von den 35 Abgeordneten des Jahres 1986 gehörten 2020 nur noch zwei der Partei an, und Vereine oder Gewerkschaften, die sie tragen würden, gibt es kaum. Trotzdem erreicht sie seit 1984 fast immer mehr als zehn Prozent, und 2022 stimmten in der Stichwahl 41 Prozent für Marine Le Pen. Die Autoren erklären das wie bei einem Laden mit wenig Personal, der trotzdem voll wird, weil sich die Umgebung verändert hat und die anderen Geschäfte der Straße schließen. Vier Veränderungen benennen sie: Die Sicherheit im Berufsleben schwindet, die Politik schottet sich in einer Schicht von Berufspolitikern ab, die Schule sortiert aus und kränkt viele, und in der Verunsicherung gewinnt das Gefühl, „wir sind hier zu Hause“, neue Kraft. Die Rezension geht das Buch kapitelweise durch und prüft es an seinen eigenen Zahlen. Überzeugend ist der Blick auf alle Wahlberechtigten statt nur auf die Abstimmenden: Von den Menschen ohne Abschluss blieben 2017 mehr als 37 Prozent der Wahl fern, ihre häufigste „Wahl“ war also die Enthaltung. Angreifbar bleibt der Gedanke des Glücksfalls, der fast jeden Erfolg erklärt und deshalb schwer zu widerlegen ist, ebenso die knappe Antwort auf die Frage, was die Partei selbst richtig macht. Nach Lehingue und Pudal hat der FN/RN das Parteiensystem vor allem über die Themen und über die Rechenspiele der anderen verändert. Sozialisten und klassische Rechte haben ihn zunächst für taktische Vorteile instrumentalisiert (Verhältniswahl 1986, regionale Absprachen), später übernahmen die Etablierten seine Themen und Formeln, und der „Front républicain“ gilt den Autoren seit 2022 als verbraucht. Seit 2024 ist der RN mit 142 Abgeordneten und einem Bündnis mit Teilen der Republikaner zugleich die stärkste Einzelfraktion und ein Schiedsrichter über die Lebensdauer der Regierungen, während der Niedergang von PS und LR (zusammen 6 Prozent 2022) nach dem Buch vor allem auf die Schließung des politischen Feldes zurückgeht und nur teilweise auf den RN selbst.

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Jordan Bardellas Wunschfrankreich: Schönheit und Größe des Ersatzkandidaten

Jordan Bardellas beide Bücher – „Ce que je cherche“ (2024) und „Ce que veulent les Français“ (2025) – bilden eine strategische Doppelfigur aus Selbstmythos und Selbstlegitimierung. Das erste Werk stilisiert Bardellas Aufstieg vom Banlieue-Kind zum „republikanischen Erfolgsmodell“ im Rassemblement National und verbindet dies mit einer Pathetik nationaler Größe, die an Bonaparte und De Gaulle anknüpft. Die Suche nach „Grandeur“ wird zum Selbstrechtfertigungsnarrativ eines Erlösers der „vergessenen Franzosen“. Das zweite Buch transformiert diesen Erlösungsanspruch in eine Galerie scheinbar authentischer Bürgerporträts, die freilich nur die Stimmen eines homogenen, arbeitsethisch moralisierten „Volkes“ repräsentieren, das er selbst verkörpert. Bardella verschmilzt so Erzähljournalismus, politische Mythologie und Wahlkampfrhetorik zu einer ästhetischen Form des populistischen Pathos, in der „Empathie“ zur Bühne ideologischer Vereinfachung wird. Die Nation erscheint als Sakralgemeinschaft gegen Eliten, Migration und Europa; Differenz wird moralisch entwertet. – Der Artikel liest diese Werke als Zwillingsakte politischer Selbstvermarktung: Literatur als Kandidatur. Er zeigt, wie beide Bände den Bolloré-Medienkomplex und dessen rechtspopulistische Agenda stützen: das erste als Biographie eines „designierten Ersatzkandidaten“ für Marine Le Pen, das zweite als emotionalisierter Wahlkampf unter dem Deckmantel volksnaher Authentizität. Die Analyse deutet Bardellas Pathos vom „wahren Frankreich“ als projektive Selbstvergöttlichung und macht sichtbar, dass sein Wunschfrankreich nicht auf Pluralität, sondern auf Symbolmacht zielt: Schönheit und Größe eines Kandidaten – ästhetisch präzise, politisch gefährlich.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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