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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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Frantz Fanon

Frantz Fanon-Rezeption in der Kunst – eine Lektüre zum 100.

13.07.2512.07.25

Wir blicken in Rentrée littéraire auf einige Beispiele künstlerischer Rezeption des Psychiaters, Denkers und Schriftstellers, der am 20. Juli 1925 auf Martinique (das bis heute politisch ein Übersee-Département und eine Region Frankreichs bleibt) geboren wurde.

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Kategorien Artikel, Debatte, Reserve Schlagwörter Frantz Fanon, Frédéric Ciriez

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Rentrée littéraire

Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart

Lektüren und Texte mit Kurzauszügen in eigener Übersetzung von Kai Nonnenmacher

Rubriken:

Artikel | Besprechungen | Debatte | Dialoge | Dystopie | Ekphrasis | France profonde | Romans croisés | Poetiken der Kindheit | Mannsein | Recht schaffen | Judéité | Proben | Reserve |

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Neue Artikel und Besprechungen

  • Gabriel Attals Bekenntnisbuch als Kandidaturauftakt
    Die Rezension liest Gabriel Attals "En homme libre" (2026) als paradigmatischen Fall der französischen „Buchkandidatur“ und verfolgt, wie sich eine politische Biografie vom kommunalen Einstieg bis in die Sphäre der Präsidentschaftsbewerbung zugleich als Selbstdeutung und Programmentwurf inszeniert. Ausgehend von der dramatisch gesetzten Zäsur der Parlamentsauflösung 2024 entfaltet das Buch in nichtlinearer Dramaturgie Herkunft, Aufstieg und Identitätsnarrative – von familiären Prägungen zwischen jüdisch-atheistischem und orthodoxem Erbe über den institutionellen Parcours durch Ministerien bis hin zur kurzen Amtszeit als Premierminister – und überführt diese in ein politisches Credo, das individuelle Erfahrung als Legitimation eines „neuen republikanischen“ Projekts mobilisiert. Die Analyse arbeitet heraus, wie Attal intime Bekenntnisse (etwa zu seiner homosexuellen Lebensgemeinschaft, zu Religion und biografischen Brüchen) mit strategischer Selbstpositionierung verschränkt, wie sich Distanz und Kontinuität gegenüber dem Macronismus rhetorisch austarieren und wie ein programmatischer Kern sichtbar wird, der wirtschaftsliberale, gesellschaftlich progressive und ordnungspolitisch autoritäre Elemente verbindet. Zugleich wird Attals Selbstentwurf im Horizont eines bereits stark ausdifferenzierten Bewerberfeldes gelesen – von zentristischen Konkurrenten wie Édouard Philippe über Vertreter der radikalen Linken wie Jean-Luc Mélenchon bis hin zu dominanten Figuren der extremen Rechten wie Jordan Bardella –, wodurch das Buch nicht nur als individuelle Selbstbeschreibung, sondern als strategische Positionierung innerhalb eines zunehmend polarisierten Wahlkampfs erscheint. Im Fokus steht damit das Doppelgesicht des Textes: als literarisierte Lebensgeschichte, die Authentizität behauptet, und als implizite Wahlplattform, die den Anspruch auf die Präsidentschaft erzählerisch vorbereitet und politisch begründet.
  • Zwischen Gülle und Glamour: Natur als Zumutung bei Antoine Charbonneau-Demers
    Antoine Charbonneau-Demers’ Roman "Nature Boy" (Flammarion, 2026) entfaltet vor der Kulisse eines verseuchten Québecer Bauernmilieus eine vielschichtige Erzählung über Krankheit, soziale Determination und die Gewalt des Aufstiegsversprechens: Im Zentrum steht die Familie Torchaud, deren Mitglieder – allen voran Lyne und ihr Neffe Karl – zwischen ökologischer Kontamination, körperlichem Verfall und imaginären Fluchten in ein vermeintlich besseres Leben zerrieben werden. Die Handlung verfolgt zunächst Lynes von Krankheit und Aufstiegsfantasien geprägte Jugend und verschiebt sich später auf Karl, der den Spuren seiner Tante in die USA folgt und dort – nicht zuletzt in der Begegnung mit einer grotesk überzeichneten Thoreau-Figur – in ein ebenso gewaltsames wie illusionäres Natur- und Freiheitsversprechen gerät. Beide Erzählstränge kulminieren in einem Koma, in dem sich scheiternde Lebensentwürfe in eine letzte, halluzinatorische Triumphfantasie verwandeln. Der Roman verschränkt dabei Sozialsatire, Body Horror, magischen Realismus und Bildungsroman zu einer radikalen Ästhetik des Abjekten, in der Natur nicht als Ort der Regeneration, sondern als Zone von Ekel, Infektion und Ausbeutung erscheint. Die Rezension argumentiert, dass "Nature Boy" diese Poetik nutzt, um die Konstruktion von Schönheit, Authentizität und Freiheit als Privilegien der Wohlhabenden zu entlarven, während die Unterprivilegierten im „Schmutz der Realität“ gefangen bleiben. In der Analyse von Erzählstruktur, Raum- und Zeitregimen sowie zentralen Motiven wie Kontamination, Flucht und Aneignung zeigt sich der Roman als schonungslose Diagnose sozialer Verhältnisse, deren einziger Ausweg im paradoxen Triumph des Komas liegt – einer letzten, halluzinatorischen Form von Freiheit.
  • Der Bauer als Seismograph der Katastrophe: France profonde bei Serge Joncour
    "Nature humaine" (2020) und "Chaleur humaine" (2023) bilden ein zusammenhängendes Roman-Diptychon, in dessen Zentrum der Bauer Alexandre Fabrier und der Hof „Les Bertranges“ im Département Lot stehen. "Nature humaine" erzählt in einer großen Rückblende den Zeitraum von der Dürre des Sommers 1976 bis zu den Orkanen von 1999 und verfolgt Alexandres Entwicklung vom Erben eines bäuerlichen Familienbetriebs über seine Politisierung im Umfeld der Anti-Atomkraft-Bewegung bis zur Sabotage eines Autobahnprojekts, während zugleich der Niedergang der traditionellen Landwirtschaft, die Auflösung familiärer Bindungen und seine Beziehung zur deutschen Naturschützerin Constanze entfaltet werden. "Chaleur humaine" setzt zwanzig Jahre später unmittelbar vor dem ersten Corona-Lockdown ein und zeigt denselben Hof unter den Bedingungen von Klimawandel, Artensterben und Pandemie, während die Familie erneut zusammenfindet und Alexandre nach Wegen sucht, Landwirtschaft, Naturschutz und familiäre Versöhnung miteinander zu verbinden. Die Interpretation argumentiert, dass Serge Joncour beide Romane nicht als ökologischen Thesenroman, sondern als literarische „Poetik der Verspätung und des Nachhalls“ gestaltet: Historische Großereignisse wie Tschernobyl, Globalisierung, Stürme oder Pandemie werden konsequent mit den unscheinbaren Veränderungen der Landschaft, der Tierwelt und des bäuerlichen Alltags verschränkt, sodass sich die globale Klimakrise erst in lokalen, körperlich erfahrbaren Zeichen erkennen lässt. Aus dieser Verbindung von Familienroman, historischem Roman und "roman du terroir" entwickelt Joncour eine Erzählweise, die den ländlichen Raum der "France profonde" als empfindlichen Seismographen gesellschaftlicher und ökologischer Umbrüche sichtbar macht und den langen, oft kaum wahrnehmbaren Wandel der Natur zum eigentlichen Gegenstand des Erzählens erhebt.
  • Der verzögerte Übertritt: Olivier Bleys
    Der Roman "Nous, les vivants" von Olivier Bleys (Albin Michel, 2018) erzählt die Geschichte des Hubschrauberpiloten Jonas Muñoz, der nach einem Schneesturm in einer Berghütte in den Anden eingeschlossen wird und gemeinsam mit dem geheimnisvollen Grenzhüter Jésus eine scheinbar reale Reise entlang der argentinisch-chilenischen Grenze unternimmt. Erst am Ende wird deutlich, dass Jonas bereits beim Hubschrauberabsturz gestorben ist und die gesamte Handlung seinen verzögerten Übergang vom Leben in den Tod darstellt. Die Interpretation argumentiert, dass Bleys diesen Übergang nicht durch einen überraschenden Schluss, sondern durch zahlreiche subtile Hinweise vorbereitet: Von da an entgleitet die Wirklichkeit in unauffälligen Zeichen: Die Uhr geht falsch, Stunden vergehen zwischen zwei Sätzen, der Alkohol in der Flasche wird nicht weniger, und Jésus, dessen Fußspuren im Schnee unmöglich leicht sind, spricht in Zukunftsformen über Jonas' Verbleib. Zeit und Raum verlieren ihre Ordnung, die Grenze wird zur Metapher für die Trennung von Leben und Tod, und das Verblassen von Erinnerungen und Fotografien symbolisiert das Loslassen der eigenen Existenz. Zur Begründung verweist die Interpretation auf Motive, Erzähltechnik, Figurenkonstellation und sprachliche Gestaltung. So konzentriert sie sich auf die allegorische Deutung des Romans. Bleys gestaltet literarisch mit seinem Roman weniger den Tod selbst als vielmehr den schwierigen Prozess des Abschieds und der Selbstaufgabe.
  • Vom Rand her gelesen: deutsch-französische Vermittler, Opfer und Erinnerungsorte im 19. und 20. Jahrhundert
    Der von Andrea Micke-Serin und Brigitte Rigaux-Pirastru herausgegebene Sammelband "Die Vergessenen und die Unsichtbaren im deutsch-französischen Kontext des 19. und 20. Jahrhunderts" (De Gruyter, 2026) untersucht anhand eines gemeinsamen erinnerungstheoretischen Ansatzes Akteurinnen und Akteure, Werke und Ereignisse, die aus der deutsch-französischen Erinnerungskultur weitgehend verschwunden oder an ihren Rand gedrängt worden sind. Die interdisziplinären Beiträge aus Literatur-, Kultur-, Kunst- und Geschichtswissenschaft reichen von Federica D'Ascenzos Studie zum Schriftsteller Édouard Dujardin über Philippe Wellnitz' Analyse der wiederentdeckten Buchhändlerin und Autorin Françoise Frenkel sowie Moritz Schertls Untersuchung von Patrick Modianos Dora Bruder bis hin zu Andrea Micke-Serins Rekonstruktion der Biographie des preußischen Abenteurers Carl Jäger (Caïd Osman). Weitere Beiträge widmen sich unter anderem dem Glasmaler Heinrich Ely, dem Fußballfunktionär Willy Scheuer, dem Rabbiner Moses Nordmann, dem Politiker Salomon Grumbach, den vergessenen Deportierten des Konzentrationslagers Ravensbrück sowie den französisch-ostdeutschen Beziehungen während des Kalten Krieges. Der Band zeigt eindrucksvoll, wie nationale Erinnerungskulturen transnationale Biographien und Grenzgänger systematisch marginalisieren, und eröffnet neue Perspektiven auf die deutsch-französische Kultur- und Erinnerungsgeschichte.
  • Ein Mietshaus im Elsass und Gespenster der Geschichte: Michèle Audin
    Der Artikel präsentiert Michèle Audins Roman "La Maison hantée" (2025) als eindrückliches Beispiel eines "roman croisé", in dem sich dokumentarische Recherche, erzählerische Imagination und multiple Zeitebenen überlagern: Ausgehend von ihrem Einzug in ein Straßburger Mietshaus im Jahr 1992 folgt eine Ich-Erzählerin den Spuren früherer Bewohner und entfaltet aus Archivmaterialien, Zufallsfunden und vorsichtigen Rekonstruktionen ein Geflecht von Lebensgeschichten, das besonders die Familie Caron-Fischbach in den Jahren 1930 bis 1946 in den Blick nimmt; im Schatten der nationalsozialistischen Annexion des Elsass werden dabei Fragen von Zugehörigkeit, Sprachzwang und administrativer Gewalt virulent, wobei insbesondere die jüdischen Bewohner des Hauses und ihr sukzessives Verschwinden aus den Registern als beklemmende Leerstelle hervortritt, die weder narrativ geschlossen noch historisch vollständig aufgeklärt werden kann. Die erzählerische Bewegung gleicht einem tastenden Durchqueren von Räumen und Zeiten – Treppenhaus, Wohnungen, Archive –, in denen sich Stimmen überlagern und Gegensätze nicht aufgelöst, sondern sichtbar gehalten werden. Vor diesem Hintergrund argumentiert der Aufsatz, dass Audin eine Poetik der Spurensicherung entwickelt, die das Nebeneinander von Fakt und Fiktion nicht nivelliert, sondern ausstellt: Erstens wird der historische Roman durch die konsequente Selbstreflexivität der Erzählinstanz als Konstrukt kenntlich gemacht, indem imaginative Ergänzungen ausdrücklich markiert und damit epistemologisch transparent werden; zweitens erscheint das Elsass als paradigmatischer Raum gekreuzter Identitäten, in dem nationale Zuschreibungen – insbesondere unter den Bedingungen der NS-Sprachpolitik – gewaltsam durchgesetzt und zugleich in ihrer Fragilität erfahrbar werden; drittens erweist sich das Schweigen der Quellen, etwa im Fall der ausgelöschten jüdischen Existenzen, nicht als bloßes Defizit, sondern als zentrales Bedeutungsträger, der die Grenzen historischer Erkenntnis markiert und eine ethisch reflektierte Form des Erinnerns einfordert. So macht der Aufsatz plausibel, dass "La Maison hantée" Geschichte nicht als lineare Erzählung, sondern als vielstimmiges, von Brüchen durchzogenes Gefüge begreift, in dem sich Vergangenheit nur im Modus der Annäherung und Überkreuzung erschließt.
  • Im Schatten der Helden: Marc Biancarellis Antwort auf den korsischen Nationalmythos
    Marc Biancarellis "Roman national" (Actes Sud, 2026) entwirft im Gewand des historischen Romans ein komplexes Bild Korsikas als „doppelte Insel“, die zugleich durch äußere Herrschaft unterworfen und durch innere kulturelle Ressourcen behauptet wird: Vor dem Hintergrund des Aufstands Sampieru Corsos im Jahr 1564 verfolgt der Text die Lebenswege Fioravantes und Catalinas, die zwei gegensätzliche Antworten auf eine Gesellschaft ohne stabile politische Institutionen verkörpern – Bindung an lokale Loyalitäten und Rachelogiken einerseits, radikale Ablösung und Selbstentwurf andererseits; in drei erzählerischen Bögen (Kindheit, Kriegsgeschehen, Nachklang) verbindet Biancarelli dokumentierte Ereignisse mit subjektiven Perspektiven und unterläuft dabei systematisch die Erwartung eines heroischen Nationalepos, indem er zeigt, dass der vermeintliche Befreiungskampf weniger von kollektiven Idealen als von privaten Motiven getragen wird und letztlich an innerer Zerrissenheit scheitert; die Argumentation des Romans zielt damit auf eine Dekonstruktion des „roman national“ als Gattung, indem nationale Identität als nachträgliche, selektive Konstruktion sichtbar wird, die insbesondere die Gewalt an Frauen ausblendet – ein blinder Fleck, den die zentrale Figur Catalinas explizit macht –, während zugleich die Sprache, konkret das Korsische, als eigentlicher Träger von Kontinuität und Widerstand herausgestellt wird, der sich staatlicher Kontrolle entzieht; formal entspricht dieser These eine polyphone Erzählstruktur ohne privilegierte Instanz, die Geschichte als Feld konkurrierender Stimmen präsentiert, während inhaltlich eine Anthropologie der Gewalt entfaltet wird, die diese nicht als Ausnahme, sondern als zirkulierendes Prinzip sozialer Ordnung begreift; in dieser Perspektive erscheint Catalinas Bewegung der Ablösung als einzige nicht destruktive Handlungsform, sodass der Roman insgesamt als paradoxer Nationalroman lesbar wird, der die Bedingungen kollektiver Identitätsbildung freilegt, indem er sie zugleich erzählerisch unterläuft.
  • Férocité, Klasse, Körper: Female Gaze bei Caroline Laurent, Benoîte Groult, Éric Holder und D. H. Lawrence
    Der Artikel nimmt vier Liebesgeschichten in den Blick, in denen Frauen Männer aus deutlich niedrigeren sozialen Klassen bzw. Milieus begehren, und macht daran eine präzise Verschiebung sichtbar: Frauen schauen auf Männer. Im Zentrum stehen dabei die Romane von Caroline Laurent (2026), Benoîte Groult, D. H. Lawrence und Éric Holder, mit einem Seitenblick auf Annie Ernaux. Ihr Begehren ist jedoch nie abstrakt, sondern stets an den Körper gebunden: an Arme, Hände, Rücken, an Haut, Arbeit, Bewegung. Während Lawrence den Körper des Wildhüters noch als beinahe mythische Quelle von Vitalität und Erlösung stilisiert und Groult ihn in eine lange, letztlich unüberbrückbare Klassendifferenz einbettet, zeigt Holder ihn in seiner stillen Materialität – als gezeichneten, arbeitenden Körper, der kaum Worte für sich hat. Laurents Roman geht darüber hinaus: Hier wird der männliche Körper mit einer Genauigkeit betrachtet, die weder verklärt noch entschuldigt, sondern zugleich begehrt und analysiert. Gerade darin liegt die argumentative Pointe des Artikels: Der „weibliche Blick“ ist keine einfache Umkehr des traditionellen Blickregimes, sondern eine widersprüchliche Praxis, in der sich Begehren, soziale Prägung und Selbstreflexion überlagern. Die Liebe überschreitet zwar die Grenze zwischen den Klassen, hebt sie aber nicht auf; sie macht sie vielmehr am Körper selbst sichtbar. Am Ende verschiebt sich der Fokus noch einmal: Entscheidend ist nicht die Erfüllung der Beziehung, sondern das Schreiben darüber – als Akt, der das Erlebte festhält, zuspitzt und dem weiblichen Blick eine eigene, souveräne Form gibt.
  • Wasser, Hitze, Tiefe: Zur Poetik des französischen Sommerromans
    Der Artikel wurde bei 37°C geschrieben. Er bündelt sechzehn jüngere französischsprachige Romane zu einer vielstimmigen Topographie des Wassers – von der Pariser Stadtpiscine über private Swimmingpools und nordamerikanische Wohnanlagen bis hin zu Seenlandschaften und den Küsten des Atlantiks und Mittelmeers. In prägnanten Szenen – dem Zögern auf dem Fünf-Meter-Brett, dem ersten Eintauchen eines alten Mannes nach Jahrzehnten, dem reglosen Sitzen am Rand eines unbenutzten Beckens oder dem erschöpften Auftauchen nach einem weiten Meeresschwimmen – wird Wasser als elementare Erfahrung des Körpers erfahrbar: kühlend, tragend, widerständig. Die Texte zeigen, wie sich im Moment des Badens soziale Ordnungen verschieben und zugleich sichtbar werden: Körper werden lesbar, Klassenunterschiede, Begehren und Ausschlüsse treten offen zutage, während das Wasser für Augenblicke eine Gleichheit herstellt, die an Land sofort wieder zerfällt. - Zugleich fungiert das nasse Element als Speicher und Auslöser von Erinnerung: Chlorgeruch, Salz auf der Haut oder das wiederkehrende Blau eines Beckens rufen Kindheit, erste Liebe oder Verlusterfahrungen auf. Mehrfach kehren die Romane zur Adoleszenz zurück, zu Initiationsmomenten eines Sommers, in dem ein Sprung ins Wasser über Zugehörigkeit entscheidet oder ein Nicht-Sprung eine Lebenslinie markiert. Andere Texte zeigen das Wasser als Ort existenzieller Grenzerfahrung – als Raum der Trauerbewältigung, der Krankheit, der Depression oder der Konfrontation mit dem Tod, in dem Sprache versagt und nur noch der Körper reagieren kann. Zwischen öffentlichem Schwimmbad, das als sozialer Mikrokosmos fungiert, und offenem Meer, das Gleichgültigkeit und Übermacht verkörpert, entfaltet sich so eine Poetik des Wassers, die das Element weder auf Metapher reduziert noch rein naturalistisch belässt: Es ist zugleich konkreter Stoff und Resonanzraum, in dem sich Leben verdichtet. Der Sommer erscheint dabei als beschleunigte, aufgeheizte Zeitform, in der sich im Kontakt mit dem Wasser Übergänge vollziehen – zwischen Kindheit und Erwachsensein, Nähe und Verlust, Kontrolle und Kontrollverlust – und in der die Figuren für einen Moment zugleich freigelegt und sich selbst entzogen sind.
  • Karsamstag ohne Auferstehung: Michel Houellebecq und das entzauberte Christentum
    "Noël raté. Le christianisme désenchanté de Michel Houellebecq", hrsg. von Stephan Leopold und Noëlle Miller versammelt zwölf Beiträge und eine Postface, die Houellebecqs Werk aus unterschiedlichen Perspektiven als Auseinandersetzung mit einem fortwirkenden, seiner Heilsgewissheit beraubten Christentum lesen. Ausgehend vom Weihnachtsmotiv als Chiffre des Scheiterns entfalten die Beiträge ein interpretatorisches Feld, das von Fragen der Autorschaft und Performativität über die religiöse Struktur des Konsumkapitalismus und die Problematik sozialer Kohäsion bis hin zu den Motiven von Liebe, Mitleid und Transzendenz reicht. Der Band verbindet literaturwissenschaftliche, religionsphilosophische und kultursoziologische Ansätze zu einer kohärenten Deutung des Œuvres als eines „Karsamstags ohne Auferstehung“, in dem christliche Formen und Symbole fortbestehen, ohne noch durch einen positiven Glaubensgehalt eingelöst zu werden. Trotz einzelner Redundanzen und einer mitunter weitgehenden christologischen Typologisierung eröffnet der Sammelband eine interpretatorisch ambitionierte und methodisch vielfältige Perspektive auf den religiösen Gehalt von Houellebecqs Werk und formuliert zugleich Fragestellungen, die über die Houellebecq-Forschung hinaus für die Analyse zeitgenössischer Formen literarischer Entzauberung von Bedeutung sind.
  • Tugend, Volk, Terreur vor den Präsidentschaftswahlen 2027: Jean-Luc Mélenchon, Robespierre und das Erbe der Revolution
    Der Artikel analysiert die politische und ideengeschichtliche Verbindung zwischen dem Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon und Maximilien Robespierre, dem jakobinischen Revolutionär und Architekten der Terreur, und zeigt, wie sich zentrale Motive des jakobinischen Denkens – insbesondere das Konzept der „Vertu“ als republikanische Tugend, die Vorstellung eines homogenen Volkswillens und die scharfe Gegenüberstellung von Volk und Korruption – in Mélenchons politischem Projekt für La France insoumise fortschreiben. Ausgehend von der ambivalenten Figur Robespierres, die zwischen Tugendideal und Terrorherrschaft steht, rekonstruiert der Text die historiographischen Deutungstraditionen und ihre gegenwärtige politische Aktualisierung in Frankreich. Dabei wird deutlich, dass Mélenchons Mobilisierungskraft ebenso wie seine Polarisierung aus einer strukturellen Spannung resultiert: dem Versuch, moralische Reinheit und demokratische Repräsentation zu vereinen. Der Beitrag verbindet politische Theorie, Ideengeschichte und literarische Reflexion und versteht die anhaltende Auseinandersetzung um Robespierre als Schlüssel zum Verständnis der gegenwärtigen Krise und Selbstdeutung der französischen Linken.
  • Das schöne Trugbild: die unbequeme Wahrheit über Davids politische Kunst
    Clemens Klünemann entwirft in seinem David-Buch "Verstörende Vielfalt: Jacques-Louis David und die Inszenierung des Politischen – eine Kulturgeschichte der Französischen Revolution im Spiegel seiner Malerei" eine kulturgeschichtlich fundierte Neubewertung Jacques-Louis Davids, die den Maler konsequent aus der Rolle des passiven „Zeitzeugen“ löst und als zentralen Akteur der politischen Bildproduktion der Französischen Revolution sichtbar macht. Anhand zentraler Werke zeigt er, wie David durch eine bewusst eingesetzte Ästhetik der „glatten Schönheit“ und heroischen Eindeutigkeit eine neuartige Öffentlichkeit mitprägte, in der politische Ereignisse nicht nur dargestellt, sondern wirkungsmächtig inszeniert wurden. Klünemann versteht Davids Malerei als Teil einer umfassenden „Ästhetisierung des Politischen“, die es erlaubte, die komplexen und widersprüchlichen Dynamiken der Epoche in prägnante, kollektiv anschlussfähige Bildformeln zu überführen. Dabei arbeitet er heraus, dass Davids Fähigkeit zur Anpassung an wechselnde Regime – vom Ancien Régime über den Jakobinismus bis zum Empire – weniger als bloßer Opportunismus denn als Ausdruck einer spezifischen künstlerischen Logik zu begreifen ist, die auf die Herstellung politischer Präsenz und Evidenz zielte. Besonders eindrücklich ist Klünemanns Analyse der ikonographischen Strategien, mit denen David religiöse Bildtraditionen in den Dienst revolutionärer Sinnstiftung stellte und so emotionale wie symbolische Bindungskraft erzeugte. Insgesamt liest sich das Buch als Rekonstruktion der engen Verschränkung von Kunst, Macht und Öffentlichkeit, die David als Schlüsselfigur einer Epoche zeigt, in der Bilder zu entscheidenden Trägern politischer Bedeutung wurden.

Neue Proben

  • Herkunft, Begehren und Glaube: Monia Aljalis
    Monia Aljalis' Debütroman "L'Extase" (Seuil, 2024) schildert einen einzigen Tag im Leben Leylas, einer jungen Frau mit arabisch-muslimischen Wurzeln, die durch Paris streift, dem entfremdeten Berufsleben entflieht und sich zwischen Freunden, Liebhabern und Randfiguren bewegt – zerrissen zwischen traditioneller Familie und einer trotzigen Suche nach sinnlicher Freiheit, immer wieder eingeholt von religiöser Schuld, bis der Roman im morgendlichen Gebet der Mutter und dem Aufruf „Réveille-toi, Leyla" mündet. Die vorliegende Analyse erschließt den Text über fünf Zugänge – die Sakralisierung des Profanen, die Identität zwischen zwei kulturellen Modellen, den von Scham geprägten Bezug zum Körper, das Motiv des wiederkehrenden „Mahnrufs" und die hybride Form aus Prosa, Vers und Chat – und verdichtet diese Lektüre an einer Schlüsselszene in der arabischen Buchhandlung, in der Leylas sprachliche Heimatlosigkeit greifbar wird. […]
  • Komm her Lügenfrau: Hélène Frédérick
    Première poudrerie sur la Wagmüllerstrasse. La neige comme manteau de […]
  • Wenn man sagt, dass man nichts mehr sagen kann
    Alain Robbe-Grillet bei Emmanuelle Lambert Eine junge Frau kommt nach […]
  • Woher kommt also die Freude?
    Tanguy Viel publiziert 2024 bei Minuit ein Vivarium, also eine Anlage […]
  • Vergil und der Geruch des Großen Brandes
    C’est le 16 Juillet je scrute le Journal du Ciel. Je note le nom de […]
  • Sprache von Phrasen und leeren Wörtern befreien
    Paul eût préféré rester allongé jusqu’à ce que la faim l’emportât, […]
  • Diese kaum entworfenen Geschöpfe der Maler
    On les distingue à peine tant ils sont petits, au fond de cette […]

Rentrée littéraire

Lektüren und Texte mit Kurzauszügen in eigener Übersetzung von
Kai Nonnenmacher

Lesehinweise

  • Banalität des Bösen? Subjektivität bei Pierre SautreuilBanalität des Bösen? Subjektivität bei Pierre Sautreuil
  • Verloren im digitalen Labyrinth: Lucie RicoVerloren im digitalen Labyrinth: Lucie Rico
  • Körper als Schlachtfeld: Boris BergmannKörper als Schlachtfeld: Boris Bergmann
  • Poetiken der Kindheit: Maylis Adhémar, L’école est finie (2025)Poetiken der Kindheit: Maylis Adhémar, L’école est finie (2025)
  • Zwei Blicke auf David Hockney: Catherine Cusset und Fabrice GaignaultZwei Blicke auf David Hockney: Catherine Cusset und Fabrice Gaignault

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