Tugend, Volk, Terreur vor den Präsidentschaftswahlen 2027: Jean-Luc Mélenchon, Robespierre und das Erbe der Revolution

Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst. Automatische Übersetzungen:

Die Doppelnatur Robespierres

Jean-Luc Mélenchon/Cécile Amar, De la vertu (Paris: L’Aube, 2017).
Jean-Luc Mélenchon, L’ère du peuple (Paris: Fayard, 2014).

Ein Jahr vor den französischen Präsidentschaftswahlen 2027 führt Jean-Luc Mélenchon seine vierte Kandidatur um das Élysée an – offiziell erklärt, in Umfragen knapp hinter dem Konservativen Édouard Philippe, mit realem Potential für den zweiten Wahlgang gegen Jordan Bardella, aber von sieben von zehn Franzosen als Belastung für die Linke empfunden. Diese Paradoxie – unbestrittene Mobilisierungskraft auf der einen, tiefe Spaltung in der eigenen politischen Familie auf der anderen Seite – erklärt sich nicht allein aus Mélenchons Temperament: Sie ist die Fortsetzung einer politischen Logik, die er bewusst aus dem Erbe Robespierres ableitet, aus dem Prinzip der „vertu“ als republikanischem Fundament, dem Volk als moralischer Einheit und der Korruption als eigentlichem Staatsfeind. Robespierre steht für Mélenchon nicht als historische Figur zur Debatte, sondern als operative Theorie des Politischen – und deshalb liefert das Gespräch zwischen beiden, über zweihundert Jahre hinweg, einen Schlüssel zum Verständnis der Gegenwart der französischen Linken.

Beispiele zur Mélenchon-Robespierre-Bildsprache in Frankreich:

Titelbild Nouvel Observateur (2019): „Mélenchon. Le évolutionnaire imaginaire“
Themenschwerpunkt Revue des Deux Mondes (nov. 2015): „L’héritage Robespierre: Terrorisme intellectuel, soupcon, complot“.
Bild aus „Quoi de neuf“, Le jacobinisme moderne.
Tweet zur Haartracht von Mélenchon.

Kein Name in der Geschichte der Französischen Revolution ist so sehr Kampfbegriff wie der Robespierres. Das liegt daran, dass er jene zwei Begriffe verkörpert, die sich gefühlt ausschließen und die er dennoch zu einem einzigen politischen Projekt verschmolz: Vertu und Terreur, Tugend und Terror. Die jakobinische These, aus der Robespierre diese Verknüpfung ableitete, lautete: Die Republik kann nur durch die Tugend ihrer Bürger bestehen; die Tugend aber hat ohne Schrecken keine Kraft, und der Schrecken ohne Tugend ist bloße Tyrannei. In seiner berühmten Rede vor dem Wohlfahrtsausschuss vom 5. Februar 1794 formulierte er diesen Gedanken auf eine Weise, die bis heute in ihrer Schärfe verstört: „Wenn die Triebkraft einer Volksregierung in Friedenszeiten die Tugend ist, so ist die Triebkraft einer Volksregierung in revolutionären Zeiten sowohl die Tugend als auch der Terror: Terror ohne Tugend ist verhängnisvoll; Tugend ohne Terror ist machtlos.“ 1 Tugend und Terror sind bei Robespierre nicht zwei verschiedene Politiken, sondern zwei Seiten derselben republikanischen Münze – das macht ihn für jede spätere Rezeption unausweichlich problematisch.

Das Doppelgesicht Robespierres erklärt sich aus der Struktur seines politischen Denkens, das von Jean-Jacques Rousseau geprägt war. Aus dem Contrat social übernahm er die Idee, dass der Gemeinwille („volonté générale“) nicht das Ergebnis von Kompromissen zwischen Partikularinteressen sei, sondern eine moralische Wahrheit, die das wahre Interesse aller ausdrückt. Der Widersacher des Gemeinwillens ist demnach nicht einfach ein politischer Gegner, sondern ein Feind des Volkes selbst, jemand, der durch Korruption oder Egoismus das Band der République zerreißt. Aus dieser Prämisse folgte zwingend: Wer die Republik durch Laster beschmutzt, ist kein legitimer Akteur mehr – er ist ein Feind. Die Tugend wird damit zur Eintrittsbedingung für politische Teilhabe, und ihre Hütung zur Staatsaufgabe. Der Übergang zur Terreur ist von dieser Logik her nicht Willkür, sondern Konsequenz.

Historiographisch ist Robespierre zwischen zwei Polen eingespannt, die sich durch die gesamte französische Geschichtsschreibung ziehen. Auf der einen Seite steht die romantisch-republikanische Tradition von Jules Michelet bis Jean Jaurès, die Robespierre als Tribun des Volkes sah, als Mann ohne Kompromiss im Dienst der Gleichheit, dessen Sturz im Thermidor: Maximilien Robespierre, eine der führenden Figuren der jakobinischen Herrschaft, wird am 9. Thermidor des Jahres II im Nationalkonvent verhaftet. Schon am nächsten Tag wird er durch die Guillotine hingerichtet. Damit endet die Phase der Terreur, also der radikalen Revolutionspolitik mit Massenhinrichtungen, die die eigentlich revolutionäre Energie der Französischen Revolution verriet und den Weg für die bonapartistische Reaktion freimachte. Auf der anderen Seite steht eine konservativ-liberale Tradition von Adolphe Thiers bis François Furet, die in Robespierre den Prototypen des modernen politischen Terroristen sieht: den ideologischen Fanatiker, der im Namen utopischer Tugendvorstellungen Tausende guillotinieren ließ und damit die Demokratie, die er zu gründen vorgab, in ihr Gegenteil verkehrte. Furets These, dass der Totalitarismus des 20. Jahrhunderts seine Urform in der jakobinischen Terreur habe – eine These, die er in Penser la Révolution française (1978) entwickelte –, bestimmt bis heute das konservative Deutungsmuster.

Furet schrieb in seinem Einführungskapitel:

Il y aurait à écrire, de ce point de vue, une histoire de la gauche intellectuelle française par rapport à la révolution soviétique, pour montrer que le phénomène stalinien s’y est enraciné dans une tradition jacobine simplement déplacée (la double idée d’un commencement de l’histoire et d’une nation-pilote a été réinvestie sur le phénomène soviétique) ; et que, pendant une longue période, qui est loin d’être close, la notion de déviation par rapport à une origine restée pure a permis de sauver la valeur suréminente de l’idée de Révolution. […] En 1920, Mathiez justifiait la violence bolchevique par le précédent français, au nom de circonstances comparables. Aujourd’hui, le Goulag conduit à repenser la Terreur, en vertu d’une identité dans le projet. Les deux révolutions restent liées ; mais il y a un demi-siècle, elles étaient systématiquement absoutes dans l’excuse tirée des « circonstances », c’est-à-dire de phénomènes extérieurs et étrangers à leur nature. Aujourd’hui, elles sont accusées au contraire d’être consubstantiellement des systèmes de contrainte méticuleuse sur les corps et sur les esprits.

François Furet, Penser la Révolution française (Gallimard, 1978), Première partie, section I.

Es wäre, aus dieser Perspektive, eine Geschichte der französischen intellektuellen Linken im Verhältnis zur Sowjetischen Revolution zu schreiben, die zeigen würde, dass das stalinistische Phänomen sich in ihr in einer lediglich verschobenen jakobinischen Tradition verwurzelt hat (die doppelte Idee eines Anfangs der Geschichte und einer Vorreiter-Nation wurde auf das sowjetische Phänomen übertragen); und dass während einer langen Periode, die noch keineswegs abgeschlossen ist, der Begriff der Abweichung von einem rein gebliebenen Ursprung dazu diente, den überragenden Wert der Revolutionsidee zu retten. […] Im Jahr 1920 rechtfertigte Mathiez die bolschewistische Gewalt durch den französischen Präzedenzfall, im Namen vergleichbarer Umstände. Heute nötigt der Gulag zur Neubewertung der Terreur, kraft einer Identität des Projekts. Die beiden Revolutionen bleiben miteinander verbunden; aber vor einem halben Jahrhundert wurden sie systematisch durch den Verweis auf die „Umstände“ freigesprochen, das heißt durch Phänomene, die ihrer Natur äußerlich und fremd seien. Heute hingegen werden sie beschuldigt, ihrem Wesen nach Systeme einer minutiösen Zwangsherrschaft über Körper und Geister zu sein.

Furet zeigt, dass Robespierres Funktion nicht darin bestand, Gewalt zu wollen, sondern darin, als einzige Person die Identität von Volk, Repräsentation und Tugend verbürgen zu können – eine mythische Transparenz zwischen dem Souverän und seinem Sprecher, die strukturell instabil ist und daher permanent durch Ausscheidung des Unreinen abgesichert werden muss. Die Terreur ist damit keine Ausgeburt von Robespierres Charakter, sondern die institutionelle Konsequenz seiner Praxis, das Volk zu definieren: Wer die Grenze zwischen dem tugendhaften Volk und seinen Feinden zieht, füllt die Gefängnisse – und wer zugleich die Fête de l’Être suprême inszeniert, macht sichtbar, dass Ausschließung und Weihe zwei Seiten derselben Legitimationsoperation sind.

C’est que lui seul a mythiquement réconcilié la démocratie directe et le principe représentatif, en s’installant tout en haut d’une pyramide d’équivalences dont sa parole garantit, jour après jour, le maintien. Il est le peuple dans les sections, le peuple aux Jacobins, le peuple dans la représentation nationale ; et c’est cette transparence entre le peuple et tous les lieux où l’on parle en son nom – à commencer par la Convention – qu’il faut constamment instituer, contrôler, établir, comme la condition de légitimité du pouvoir, mais aussi comme son premier devoir : c’est la fonction de la Terreur.

C’est pourquoi le problème n’est pas qu’il ait eu une âme tendre, un cœur compatissant, ou au contraire le goût passionné de la vengeance. Le rapport de Robespierre avec la Terreur n’est pas d’ordre psychologique. C’est à sa prédication sur les bons et les méchants que s’alimente la guillotine ; c’est le pouvoir formidable que cette prédication lui donne de définir le peuple qui remplit les prisons. Et dans cette mesure, sa propre consécration, la fête de l’Être suprême, qui a longtemps choqué les historiens républicains plus que la guillotine, remplit pourtant les mêmes fonctions que la Terreur. Le discours sur l’égalité et sur la vertu qui donne un sens à l’action du peuple trouve son fondement dans la mort des coupables ; mais il conjure en même temps cette nécessité lugubre par l’affirmation solennelle d’une caution providentielle.

François Furet, Penser la Révolution française

Denn er allein hat auf mythische Weise die direkte Demokratie und das repräsentative Prinzip miteinander versöhnt, indem er sich an die Spitze einer Pyramide der Gleichwertigkeiten stellte, deren Fortbestand sein Wort Tag für Tag garantiert. Er ist das Volk in den Sektionen, das Volk bei den Jakobinern, das Volk in der Nationalversammlung; und genau diese Transparenz zwischen dem Volk und all den Orten, an denen in seinem Namen gesprochen wird – angefangen beim Konvent –, muss ständig geschaffen, kontrolliert und gefestigt werden, als Voraussetzung für die Legitimität der Macht, aber auch als ihre oberste Pflicht: Das ist die Funktion des Terrors.

Deshalb ist das Problem nicht, dass er eine zarte Seele, ein mitfühlendes Herz oder im Gegenteil eine leidenschaftliche Vorliebe für Rache gehabt habe. Robespierres Verhältnis zum Terror ist nicht psychologischer Natur. Es ist seine Predigt über die Guten und die Bösen, die die Guillotine antreibt; es ist die gewaltige Macht, die ihm diese Predigt verleiht, das Volk zu definieren, das die Gefängnisse füllt. Und insofern erfüllt seine eigene Weihe, das Fest des Höchsten Wesens, das republikanische Historiker lange Zeit mehr schockierte als die Guillotine, doch dieselben Funktionen wie der Terror. Der Diskurs über Gleichheit und Tugend, der dem Handeln des Volkes einen Sinn verleiht, findet seine Grundlage im Tod der Schuldigen; doch gleichzeitig beschwört er diese düstere Notwendigkeit durch die feierliche Bekräftigung einer göttlichen Garantie herauf.

Die historiographische Spaltung in ein Doppelgesicht Robespierres ist keine rein akademische Angelegenheit. Sie ist, wie die folgenden Abschnitte zeigen, unmittelbar politisch – und sie lebt in der Auseinandersetzung um Mélenchon fort.

Es ist indes kein Zufall, dass die vielleicht klügste literarische Auseinandersetzung mit Robespierre in unserer Zeit nicht aus der Politikwissenschaft oder der Geschichtswissenschaft kommt, sondern aus der Literatur: Pierre Michons Erzählung Les Onze (Verdier, 2009) kreist um das fiktive Gemälde eines fiktiven Malers – François-Élie Corentin, „le Tiepolo de la Terreur“ – der im Auftrag von Komplizen des Thermidors den Wohlfahrtsausschuss von 1794 gemalt haben soll: Billaud, Carnot, Prieur, Prieur, Couthon, Robespierre, Collot, Barère, Lindet, Saint-Just, Saint-André, „invariables et droits“. 2 Michons Robespierre ist das Gegenteil der politischen Figur, die Mélenchon in L’ère du peuple zitiert. Er wird im Text fast ausgespart – „qu’on ne commente pas“ –, diese demonstrative Stille ist bei Michon Programm: Robespierre ist in Les Onze die leere Mitte des Bildes, die Stelle, die durch Auslassung alle Energie auf sich zieht. Michon zeigt ihn einzig als Schnittpunkt von Tugend und Abwesenheit, als „habit de pékin“ unter einem blassen Gesicht – der einzige der elf, der weder ein Plumet noch eine Houppelande trägt, weder militärischen Glanz noch romantische Dunkelheit. Er ist im Bild der Bürger unter Bürgern, der Unbestechliche aller Unbestechlichen, aber gerade deshalb das Monströseste: „l’homme individuel est un monstre, comme disaient dans leurs différentes façons Sade et Robespierre.“ 3 Diese Parallelstellung ist ein interpretatorisches Herzstück von Michons Buch: Robespierre und Sade als zwei Seiten desselben anthropologischen Extrems – der eine durch absolute moralische Ausschließung, der andere durch absolute moralische Enthemmung. Beide setzen den einzelnen Menschen absolut, beide vernichten damit das Soziale. Was Les Onze damit vorführt, ist nicht Robespierres Tugend als politisches Programm, sondern seine Tugend als Pathologie: die Logik des Willens, der im Namen eines homogenen Volkes jeden Widerstand auslöscht. Dass Michon sein Gemälde als Auftragsarbeit von Robespierres Feinden – Collot, Bourdon, Proli – entstehen lässt, als politischen Joker für Thermidor oder Apotheose, je nach Lage, verdoppelt die Ironie: Das Bild, das Robespierre als Tyrannen zeigen soll, muss ihn gleichzeitig als überragende Gestalt zeigen; der Beweis seiner Schuld und sein Monument sind dieselbe Bilderleinwand. In diesem Zug liegt Michons eigentliche Pointe für die Gegenwart: Jedes Bild, das eine politische Figur als Inbegriff der Tugend darstellt, enthält bereits das Instrument ihrer Verurteilung. Für die Rezeption des Mélenchon-Robespierre-Bezuges lässt sich daraus lesen, was die politischen Debatten meist verschweigen: dass die jakobinische Ikonographie nicht nur Heldenpantheon ist, sondern strukturell zweideutig bleibt – Monument und Anklage in einem.

Die traditionellen Lager im französischen Jakobinismus-Streit

Frankreich streitet um Robespierre nicht trotz, sondern wegen seiner lebendigen republikanischen Selbstwahrnehmung. Die Révolution ist in Frankreich keine abgeschlossene Vergangenheit, sondern der Stiftungsmythos der Republik selbst – was bedeutet, dass jede Generation neu aushandeln muss, welche Aspekte dieses Mythos sie beansprucht. Dabei haben sich im Laufe der Jahrzehnte vier relativ stabile Deutungstraditionen herausgebildet.

Die erste und älteste ist die jakobinisch-republikanische Tradition der Linken, die von Jaurès über den Parti communiste français bis zu La France insoumise (LFI) reicht. Sie betrachtet die Jakobiner als Vollstrecker der eigentlichen sozialen Verheißung der Revolution: universelle Gleichheit, Volkssouveränität gegen den Adel des Besitzes, Laizismus gegen die Kirche. In dieser Lesart ist Robespierre kein Schuldiger, sondern ein Opfer: Er wurde durch den Verrat der thermidorianischen Bourgeoisie gestürzt, die sich lieber mit dem alten Geldadel arrangierte als das egalitäre Programm der Verfassung von 1793 zu verwirklichen. Diese Tradition pflegt eine bewusste Kontinuitätserzählung: Von Robespierre zu Jaurès, von Jaurès zur Résistance, von der Résistance zum Programm des Conseil National de la Résistance, das den Nachkriegssozialstaat begründete.

Die zweite ist die liberale orléanistische Tradition, die von Thiers und Tocqueville bis zu Raymond Aron und François Furet reicht. Sie betrachtet 1789 als großen Moment der Freiheit, den die Jakobiner 1793–1794 in sein Gegenteil verkehrten. Für diese Tradition ist Robespierre nicht das Subjekt, sondern das erste Opfer einer Logik, die er selbst freigesetzt hat: die Logik des politischen Absolutismus im Namen des Volkes. Sie sieht in der Terreur den Beweis, dass radikale Gleichheitsforderungen und politische Freiheit unvereinbar sind. Diese Tradition ist strukturell anti-jakobinisch und rechtfertigt ihre Haltung mit dem Hinweis auf die historische Verbindungslinie, die Furet zog: Jakobinismus – Blanquismus – Bolschewismus.

Die dritte ist die gaullistische Tradition, die sich gegenüber dem Jakobinismus ambivalent verhält. De Gaulle übernahm den jakobinischen Zentralismus und die Idee der nationalen Einheit gegen Partikularinteressen, lehnte aber die sozialrevolutionäre Dimension ab. Der Gaullismus ist insofern eine Art entpolitisierter Jakobinismus: er nimmt die Staatsform (stark, zentralisiert, souverän), ohne die soziale Radikalität zu teilen. Mélenchon hat das selbst bemerkt und nutzt gelegentlich gaullistisches Vokabular – insbesondere in der Außenpolitik und in der Kritik an der NATO-Abhängigkeit –, was seine ideologische Verortung zusätzlich verkompliziert. Die Ablehnung Mélenchons der von De Gaulle durchgesetzten Machtfülle für den Präsidenten in der V. Republik und seine direkte Bezugnahme auf sein Volk, ohne Umweg über das Parlament, ist eigentlich inkonsequent. Mélenchon kritisiert die „monarchie présidentielle“ der Fünften Republik scharf und konsistent – in De la vertu als „système pyramidal de la monarchie présidentielle“, in L’ère du peuple als System, das „toutes ses tares technocratiques et autoritaires“ entfaltet habe. Er fordert eine Sixième République mit Assemblée constituante, also eine Rückverlagerung der Souveränität vom Präsidenten zum Volk. Das ist strukturell antibonapartistisch und antigaullistisch. Die Behauptung, er betreibe selbst plebiszitäre Direktbeziehung zum Volk wie de Gaulle – und das sei „inkonsequent“ – ist ein Befund der Beobachter wie Lepenies, Altwegg und Halévi.

Die vierte ist die anarcho-libertäre Tradition, die sowohl gegen den jakobinischen Zentralismus als auch gegen den thermidorianischen Kompromiss ist. Sie sieht in Robespierre weniger den Volkstribun als den Staatsapologeten, der die aufständischen Sektionsbewegungen der Pariser Banlieue – die Enragés um Jacques Roux – unterdrückte und damit das radikalste Potential der Revolution verriet. Diese Tradition, die von Proudhon bis zu den sozialen Bewegungen der Gegenwart reicht, ist in Frankreich minoritär, aber kulturell einflussreich; sie erklärt, warum Mélenchon trotz seiner jakobinischen Rhetorik bei anarchistischen und autonomen Milieus auf Skepsis stößt.

Diese vier Traditionen sind nicht scharf getrennte Lager, sondern sich überlappende Deutungsangebote, die je nach politischer Konjunktur unterschiedlich aktiviert werden. Die Auseinandersetzung um Mélenchons jakobinisches Erbe hat alle vier reaktiviert.

Die Vertu als politisches Programm – Mélenchons Robespierre-Komplex

Marcel Gauchets Studie Robespierre: l’homme qui nous divise le plus (2018) richtet sich nicht explizit auf Mélenchon. Er entwickelt ein strukturelles Porträt Robespierres, das Mélenchons politische Identität mit einer Genauigkeit trifft, die jede direkte Polemik übertrifft. Die Grundthese ist die einer unauflöslichen Spannung zwischen Prinzipientreue und Regierungsfähigkeit: Robespierre sei „der Akteur, durch den sich am deutlichsten ausdrückt, was in jenen Feuerjahren auf dem Spiel stand: der Motor dieser Zeit und zugleich das, was die ungeheure Anstrengung, das Reich des Glücks und der Freiheit zu errichten, in eine mörderische Sackgasse trieb.“ 4 Was Robespierre auszeichnete, war die vollständige Identifikation des politischen „moi“ mit der Sache des Volkes – eine Identifikation, die Gauchet als „narcissisme sacrificiel“ beschreibt: „radikal blind sich selbst gegenüber im Bestreben, hinter einer höheren Sache zu verschwinden, was am Ende nur seine eigene Ausnahmestellung vergrößert.“ 5 Wer sich erinnert, wie Robespierre im Jahr 1792 vor den Jacobins die Formel artikuliert, die Gauchet zitiert: „Ich bin nicht der Verteidiger des Volkes; ich bin das Volk, ich war nie etwas anderes, ich will es nie sein; und ich verachte jeden, der mehr sein will als das“ 6, dem wird der Echo-Charakter von Mélenchons eigenem Robespierre-Zitat in L’ère du peuple nicht entgehen.

Gauchets zweite Schlüsseldiagnose betrifft die politische Epistemologie des jakobinischen Denkens: die Konstruktion eines homogenen, tugendhaften Volkes als Gegenbild zu einer strukturell korrupten Machtelite. Das Problem, das Gauchet scharf benennt, ist die Logik der Exklusion, die aus dieser Konstruktion folgt: „Diese Vision eines idealen Volkes, das spontan zum Allgemeininteresse tendiert, legt das Ziel der Revolution fest: eine Gesellschaft, in der die Bürger mit dem Allgemeininteresse eins wären – aus der alles, was nicht Volk ist, entfernt worden wäre.“ 7 Auf Mélenchon bezogen bedeutet das: Die Stärke seiner politischen Mobilisierungskraft – das klare Bild von Volk gegen Oligarchie, von Tugend gegen Korruption – enthält strukturell dieselbe Logik, die Gauchet für das Scheitern Robespierres verantwortlich macht. Nicht die Bereitschaft zur Gewalt ist das Problem, das Gauchet diagnostiziert, sondern die epistemische Unfähigkeit, den politischen Gegner als legitimen Akteur zu denken, statt als Volksfeind. Gauchets Schlussformel ist damit der theoretische Rahmen, den der Essay für Mélenchons demokratietheoretische Grenze bietet: Die Stärke der jakobinischen Tradition ist zugleich ihr Dilemma – sie gibt der Freiheit und Gleichheit die radikalste Stimme, und scheitert genau dort, wo sie in Regierungsverantwortung überführt werden soll.

Jean-Luc Mélenchons Essai De la vertu (2017), ein Interviewband mit der Journalistin Cécile Amar, ist kein ideologisches Manifest im traditionellen Sinne. Es ist eher ein moralphilosophisches Bekenntnis, dessen Kern jedoch – bei genauerem Hinsehen – eine diskrete, aber unübersehbare Kontinuität zur jakobinischen Tradition der Französischen Revolution offenbart. Der Text beginnt mit der Korruption der Gegenwart und endet mit einer Theorie politischer Tugend, die dem Wortfeld Robespierres auffallend nahekommt, ohne seinen Namen explizit zu nennen. Diese Absenz selbst ist bedeutsam.

Die Frage, die Mélenchon sich stellt und die er dem Leser stellt, lautet: Was ist Vertu? Seine Antwort ist strukturell identisch mit derjenigen Robespierres vor dem Wohlfahrtsausschuss: Tugend ist kein religiöses Konzept und kein privates Ideal, sondern ein Prinzip kollektiver Lebensführung, das sich an dem orientiert, was gut für alle ist. 8 „La Vertu, c’est donc la passerelle entre ce qui est bon pour tous et ce qui est bon pour soi“ – mit dieser Formel bricht Mélenchon programmatisch mit dem liberalen Individualismus und nimmt ein Motiv auf, das Robespierre in seiner Rede über die Prinzipien der politischen Moral vom Februar 1794 entwickelt hatte: dass Demokratie nur durch die Tugend der Bürger und ihrer Repräsentanten lebensfähig sei, und dass die Korruption nicht nur ein moralisches Vergehen sei, sondern die Demokratie an ihrer Wurzel töte.

Es ist bezeichnend, dass Mélenchon die Affäre Cahuzac – den Steuerbetrüger, der als Haushaltsminister für die Bekämpfung von Steuerhinterziehung zuständig war – ins Zentrum seiner moralpolitischen Diagnose stellt. „Celui qui était chargé de la vertu publique, c’est-à-dire de faire payer les impôts et de faire respecter la loi commune, était celui qui mentait et trichait sur l’objet même de son mandat“ – in diesem Satz klingt das jakobinische Verdikt gegen Danton und die Indulgents (die Gemäßigten) nach: Am schlimmsten ist die Korruption dessen, dem das öffentliche Vertrauen anvertraut wurde. 9

In L’ère du peuple (2014) zitiert Mélenchon Robespierre direkt und emphatisch: „Je suis du peuple. Je ne veux être que cela et je méprise ceux qui voudraient être quelque chose de plus.“ 10 Er rahmt das Zitat als Antwort auf den Populismusvorwurf: Wer sich auf das Volk beruft, wird in der gegenwärtigen Debatte sofort als Demagoge abgestempelt – aber so lautete eben auch das Verdikt gegen Robespierre bei seinen Gegnern. Das Selbstbild Mélenchons als Tribun des Volkes, der die Partikularinteressen der Oligarchie mit dem Allgemeininteresse konfrontiert, ist strukturell jakobinisch, auch wenn er sich inhaltlich von der Terreur selbstverständlich distanziert.

In De la vertu taucht die Verfassung von 1793 – jene von den Montagnards verabschiedete und von Robespierre inspirierte jakobinische Verfassung, die nie in Kraft getreten ist – als zentrales positives Referenzdokument auf: „Il existait un droit à l’insurrection dans la Constitution de 1793. Sa valeur vertueuse est intacte selon moi.“ 11 Das ist keine beiläufige historische Notiz. Der Bezug auf diese Verfassung ist in der französischen politischen Semantik hoch codiert: Sie repräsentiert das radikale, nicht kompromittierte Versprechen der Revolution, das durch die thermidorianische Reaktion unterdrückt wurde. Mélenchon stellt sich implizit in die Reihe derer, die das unerfüllte Versprechen von 1793 wieder aufgreifen.

Mélenchons Robespierre im O-Ton – das Interview „Face à Robespierre“

Aufschlussreicher als jede externe Zuschreibung ist Mélenchons eigene Stimme über Robespierre – und eine dichte Quelle dafür ist ein langes Fernsehgespräch, das er vor neun Jahren für das Format „Et si c’était vous“ der Senderkette Toute l’Histoire gab, in Partnerschaft mit Le Monde, moderiert von Nicolas Truong. Das Setting ist ein Gedankenexperiment: Mélenchon soll sich vorstellen, er befinde sich am 27. Juli 1794, dem Tag, an dem Robespierre verhaftet wurde, einen Tag vor dessen Hinrichtung. 12

Die erste und wichtigste Aussage des Interviews betrifft die Terreur. Mélenchon weicht der Frage nicht aus, aber er verweigert die Verurteilung. Er kontextualisiert: Die Terreur sei keine Erfindung von Fanatikern, sondern eine Reaktion auf Invasion, royalistische Verschwörungen und die faktische Rechtlosigkeit des Moments – und er hebt hervor, dass ausgerechnet Danton das Revolutionstribunal erfand, ursprünglich um die Lynchjustiz der Septembermassaker von 1792 zu verhindern. „Nous en jugeons avec un recul que les protagonistes n’avaient pas“, sagt er. Die Terreur sei zu verstehen als eine Eskalation, nicht als ein Plan. Bezüglich Robespierre selbst betont er – gestützt auf die anwesende Historikerin Cécile Obligy – dass dieser gegen die Entchristianisierungskampagne war, früh gegen die Todesstrafe gesprochen hatte und erst durch den Thermidor zur monströsen Alleinschuld-Figur gemacht worden sei: „C’est Barrère qui le lendemain de sa mort colle tout sur son dos, tout en guillotinant 120 personnes de plus en 24 heures.“

Besonders prägnant ist Mélenchons Lesart des berühmten Endes: Robespierre, der nach seiner Verhaftung auf die Aufforderung zur Insurrektion antwortet „Au nom de qui?“ – und damit verstummt. Mélenchon deutet diese Frage nicht als Feigheit, sondern als Ausdruck einer tiefen Legitimationslogik: Robespierre konnte im Namen des Volkes handeln, solange er überzeugt war, die Volkssouveränität zu repräsentieren – aber in dem Moment, in dem die Revolution selbst gegen ihn gewendet worden war, hörte die Handlungsermächtigung auf. „Tout d’un coup, au nom de qui? Comme si la question se posait.“ Das ist keine Niederlage des Willens, sondern ein letzter Akt republikanischer Konsequenz. Mélenchon hätte, so sagt er, anders gehandelt: Er hätte Henriot zur Insurrektion aufgerufen. Vielleicht wäre es gescheitert – aber es war die einzige konsequente Möglichkeit.

Was das Interview für den Artikel besonders wertvoll macht, sind zwei programmatische Linien, die Mélenchon von Robespierre zu sich selbst zieht, ohne sie explizit als solche zu benennen. Erstens: die Frage der politischen Gewalt. Er lehnt die Lutte armée nicht aus moralischen Gründen ab, sondern aus strategischen – „dans la lutte armée meurent d’abord les meilleurs“ – und bekennt sich zur „révolution par bulletins de vote“. Damit wiederholt er fast wörtlich, was er in De la vertu schreibt, und stellt sich damit in eine Kontinuität zu Robespierre vor der Terreur, nicht zu Robespierre des Wohlfahrtsausschusses. Zweitens: die Frage der linken Niederlage. Mélenchon diagnostiziert scharf, dass die Linke seit 1981 die „bataille idéologique“ verloren habe – „nous nous désarmions mollement, sans esprit critique, dans une ambiance de culpabilité“ – und zieht daraus die Schlussfolgerung, dass die Rückgewinnung des kulturellen Terrains die Voraussetzung jeder politischen Erneuerung sei. Auch das ist jakobinisches Erbe: die Überzeugung, dass Bewusstsein – politische Sprache, Bildung, kollektives Gedächtnis – die eigentliche Kampfarena ist.

Am Ende des Interviews liest Mélenchon aus Robespierres letztem Discours vor: „Volk, bedenke: Wenn in der Republik die Gerechtigkeit nicht uneingeschränkt herrscht und wenn dieses Wort nicht die Liebe zur Gleichheit und zum Vaterland bedeutet, dann ist Freiheit nur ein leeres Wort.“ 13 Der Moment ist kalkuliert, aber nicht unehrlich: Mélenchon liest Robespierres Worte wie seine eigenen. Genau das ist die Struktur seiner politischen Identität.

Robespierre als Identifikationsfigur von LFI – Selbstverortung und programmatische Logik

Das jakobinische Erbe bei Mélenchon ist nicht nur eine rhetorische Pose. Es hat eine kohärente programmatische Tiefe. Die Positionen, die Mélenchon in De la vertu und in L’ère du peuple entwickelt – staatliche Volkssouveränität gegen Oligarchie, radikale Gleichheit auf materieller Basis, politische Moral als republikanisches Fundament, laizistisch-universalistische Bürgerlichkeit – entsprechen strukturell dem jakobinischen Projekt, das durch Robespierre und Saint-Just in der Phase des Wohlfahrtsausschusses seine pointierteste Form erhielt.

Alexis Corbière, langjähriger Weggefährte Mélenchons und Historiker von Ausbildung, hat 2012 zusammen mit Laurent Lévy ein Werk mit dem programmatischen Titel Robespierre, reviens! veröffentlicht. Darin rehabilitieren die Autoren Robespierre gegen das, was sie als eine durch die konservative Historiographie alimentierte „légende noire“ nennen, eine durch gegnerische Überlieferung verfestigte Negativdarstellung einer historischen Figur: den „monstre froid et sanguinaire“, dem alle Exzesse der Terreur zugerechnet worden seien. 14 Corbières Buch ist nicht Philologie, sondern politische Theologie: Es liefert die intellektuelle Legitimation dafür, Robespierre als moralische Referenzfigur für die zeitgenössische Linke zu beanspruchen.

Der Historiker Éric Anceau, der in Valeurs Actuelles über „Le fantasme révolutionnaire de Mélenchon“ schreibt, benennt Mélenchons Identifikation präzise: „Seine beiden großen Vorbilder sind Robespierre und Saint-Just, ebenso wie für einen seiner wichtigsten Mitstreiter, Alexis Corbière.“ 15 Er beschreibt Mélenchon als einen politisch gebildeten Mann, der „von der Schockwelle von 1789 erfasst“ sei und sich selbst als „Jakobiner, Revolutionär, Republikaner und Franzose aus Leidenschaft“ 16 bezeichne. 17 Die Rhetorik des LFI-Chefs erinnere an diejenige bestimmter Revolutionäre: „Er ruft angesichts eines ‚sozialen Staatsstreichs‘ und des Scheiterns der herrschenden Elite zum Aufstand auf der Straße auf.“ 18

Der historische Resonanzboden ist intensiv. Als der LFI-Abgeordnete zum Jahrestag von Robespierres Hinrichtung dessen Andenken auf Twitter huldigten, entfachte das eine Kontroverse. Als Mélenchon eine Marschveranstaltung auf den 21. Januar legte – den Jahrestag der Hinrichtung Ludwigs XVI. –, war das für den Historiker Ran Halévi in Le Figaro der Ausgangspunkt einer langen Analyse: „Der 21. Januar ist nichts anderes als der Jahrestag der Enthauptung Ludwigs XVI.“ 19, schrieb Halévi, der darin „den robespierristischen Moment von La France insoumise“ erkannte und eine „Parallele zwischen LFI und dem jakobinischen Phänomen während der Revolution“ zog. 20 Diese semiotische Verdichtung – revolutionäres Datum, Marsch, Volksfront – war für Halévi bewusste Inszenierung.

Frankreich: Ein Diskurs zwischen Rehabilitation und Verurteilung

Die französische Rezeption des Mélenchon-Robespierre-Bezuges läuft auf zwei parallelen Spuren, die kaum in Dialog treten: einem akademisch-rehabilitativen und einem publizistisch-polemischen.

Auf der akademischen Seite hat Jean-Clément Martin mit seiner kritischen Robespierre-Biographie (2018) das Terrain neu vermessen: Die Verantwortung für die Terreur lasse sich historisch nicht monokausalen Tätern zuschreiben, sondern sei Resultat eines komplexen Komiteesystems unter enormem Druck. Dass Valeurs Actuelles LFI-Mitgliedern mit einer Titelgeschichte „Bei den Insoumis wird Robespierre heiliggesprochen“ antwortet 21 und Le Point im Editorial von Giesbert mit „Nächstes Jahr: die Revolution und … die Guillotine? Der Terror“ 22 alarmiert, zeigt, wie weit die Deutungslager auseinanderklaffen.

Auf der rechten Seite des Meinungsspektrums dominiert ein klares Narrativ: Mélenchon als zeitgenössischer Robespierre bedeute Terrorpotential. Franz-Olivier Giesbert konstatiert in seiner überspitzten Weise den Zusammenhang von moralischem Absolutismus und politischer Gewalt: Die Forderung nach unbedingter Tugend produziere den Ausschluss des Untugendhaften – und dieser Ausschluss hat in der Geschichte der Revolution eine bekannte Endstation. Saïd Mahrane schreibt in Le Point unter dem Titel „Von Robespierre bis Mélenchon – den Ursprüngen der Gewalt“ 23 und zieht eine direkte, wenn auch nicht unproblematische Linie von der jakobinischen Terreur zu den verbalen Exzessen des LFI-Führers.

Das Figaro-Lager diagnostiziert regelmäßig die „radicalité du projet“ hinter der Kulisse moderater Rhetorik. Der Historiker Loris Chavanette formuliert es prägnant: „Mélenchon ist von Natur aus ein Jakobiner, in seinem politischen Programm jedoch ein Verfechter des Kommunitarismus.“ 24 Und was die Strategie im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 2027 angeht, weist er nach, dass Mélenchons Taktik, moderat zu wirken, „an die politische Technik von Robespierre, dem Unbestechlichen, erinnert“ – 25 die Maske des Gemäßigten über dem Gesicht des Unerbittlichen.

Der Historiker Thierry Lentz stellt im Figaro die direkte Frage: „Würden die Insoumis den Terror auf die Tagesordnung setzen, wenn sie könnten?“ 26 Er erinnert an die Massaker und Hinrichtungen der Terreur und warnt vor einer unkritischen Identifikation der LFI-Abgeordneten mit dem jakobinischen Erbe. Diese Haltung ist polemisch zugespitzt, trifft aber einen realen Nerv: die Frage, ob eine politische Kultur, die den Feind des Volkes als zu eliminierenden Anderen konstruiert, mit dem demokratischen Pluralismus vereinbar sei.

Auf der Linken hingegen wird die Robespierre-Assoziation entweder als politische Waffe der Reaktion abgetan oder produktiv aufgegriffen. Der kommunistische Historiker Bertrand Rothé erschien mit „Robespierre ohne Verbote“. 27 Nicolas Bouzou dagegen analysiert in L’Express die Instrumentalisierung von Robespierre. 28 Die linksliberalen Kräfte – Glucksmann, Vallaud, Faure – bemühen sich, die Jakobinismus-Zuspitzung als LFI-spezifisches Problem darzustellen, das die breitere demokratische Linke nicht teile. Raphaël Glucksmann versprach nach den Legislativwahlen 2024: Es werde eine Regierung geben „sans Robespierre et sans Jupiter“ – gemeint: ohne Mélenchon und ohne Macron. 29

Le Monde behandelt den Bezug Mélenchon–Robespierre im Modus analytischer Distanzierung, ohne ihn polemisch aufzuladen. Das Blatt, das der Tradition der unabhängigen linksliberalen Presse verpflichtet ist, publizierte im Kontext der Présidentielles 2022 ein vielzitiertes Dossier unter dem Titel „Jean-Luc Mélenchon: l’adieu aux jacobins“. Der Artikel, der auch in La Gazette des Communes synoptisch dokumentiert ist, beschreibt, wie Mélenchon zeitlebens als bekennender Jakobiner auftrat – zentralistisch, laizistisch, staatsgläubig –, bevor er diese Haltung zugunsten eines communautaristen Wähleransprechens aufgab. Die Spannung zwischen dem überzeugten Jakobiner der frühen Laufbahn und dem späteren Strategen der multikulturellen Union Populaire ist für Le Monde das eigentliche Problem: nicht der Robespierre-Bezug als solcher, sondern seine instrumentelle Aufgabe dort, wo er stört. 30 Dieses Deutungsangebot – Mélenchon als Ex-Jakobiner, der das Erbe selektiv kultiviert – unterscheidet Le Monde fundamental von den Rechtsmedien, die in Robespierre eine unveränderliche politische DNA sehen. In einem wissenschaftlich gestützten Debattenbeitrag, der in Revue française d’histoire des idées politiques erschien und sich explizit auf Mélenchons Selbstdarstellung in Blogs und Interviews stützt, findet sich eine bezeichnende Quellenangabe: Auf seinem Blog schrieb Mélenchon 2019, der Historiker Furet habe „un terrorisme intellectuel mondain“ betrieben, der die freie Debatte über Robespierre für zwei Jahrzehnte blockiert habe. 31 Le Monde bespricht diese intellektuelle Robespierre-Verteidigung als legitimen Diskursbeitrag, ohne daraus eine politische Gefährdungsdiagnose abzuleiten.

Der früheste und aufschlussreichste Beleg stammt aus dem Wahlkampf 2012. Die Journalistin Raphaëlle Besse Desmoulières beschreibt Mélenchon als einen Kandidaten, der Robespierre und Saint-Just offen als politische Heldenfiguren beansprucht – „deux personnages controversés pour leur rôle dans la Terreur et auxquels l’eurodéputé se plaît à rendre hommage“ –, und zitiert dabei Michel Onfray, der Mélenchon eine „lecture strictement jacobine“ vorwirft, sowie Laurence Parisot vom Medef, die ihn als „héritier d’une forme de Terreur“ bezeichnet. Die Zeitung lässt Mélenchon selbst antworten: „Je suis totalement jacobin, révolutionnaire, républicain et français par passion.“ 32 Das Selbstbekenntnis ist damit von Le Monde dokumentiert, nicht kommentiert – eine redaktionelle Haltung, die die Zeitung durch die folgenden Jahre beibehält.

Dass diese Identifikation keine rhetorische Pose ist, zeigt ein Blogeintrag Mélenchons aus dem Jahr 2013, den Le Monde im Zuge eines medienwissenschaftlichen Artikels über die Robespierre-Gesichtsrekonstruktion zitiert. Als Forscher aus Robespierres Totenmaske ein digitales Porträt erstellten, reagierte Mélenchon auf seinem Blog empört: „Une tête bien peu engageante, si j’en juge par la photo publiée. Vieille ruse de l’iconographie, dont je fais les frais plus souvent qu’à mon tour : la laideur du visage est censée révéler la laideur de l’âme!“ 33 Der Satz ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich: Mélenchon identifiziert sich mit Robespierre bis in die ikonographische Kränkung – „dont je fais les frais plus souvent qu’à mon tour“ –, und er diagnostiziert die Technik der Bestialisierung, die er schon in De la vertu theoretisch beschreiben wird: das Gesicht als Instrument politischer Delegitimierung.

Besonders gewichtig für den Essay ist das Gespräch, das Le Monde im September 2024 mit dem Historiker Emmanuel de Waresquiel führte, anlässlich seines Buches Il nous fallait des mythes. La Révolution et ses imaginaires de 1789 à nos jours (Tallandier, 2024). Waresquiel formuliert darin eine strukturelle Diagnose, die den Mélenchon-Robespierre-Bezug historisch einbettet: Die Französische Revolution habe Frankreich „une culture politique de l’affrontement plus que du compromis“ hinterlassen. Der Grundmechanismus sei im jakobinischen Verständnis von Volkssouveränität angelegt: „L’indivisibilité et l’unanimisme empêchent de penser l’opposant autrement qu’en traître. Cela nous conduit tout droit à la Terreur.“ Zu LFI stellt er fest, das Verhältnis der Bewegung zur Revolution sei „pétri d’ambiguïtés, sinon d’amnésie“ – insbesondere das Spannungsverhältnis zwischen jakobinischem Universalismus und dem, was er als communautarisme einiger LFI-Vertreter bezeichnet. 34 Das ist eine der unparteiischsten Diagnosen im gesamten Diskurs – und sie erscheint bezeichnenderweise nicht im Politikteil, sondern im Ideen-Ressort.

Marcel Gauchet, in Le Monde anlässlich seiner Robespierre-Biographie (Robespierre. L’homme qui nous divise le plus, Gallimard, 2018) ausführlich porträtiert, vertieft diese Strukturdiagnose. Er sieht im Robespierrismus die Wurzel eines spezifisch französischen Politikstils: die Erhebung von Tugend (als Hingabe ans Gemeininteresse) zum politischen Programm, verbunden mit dem „permanent soupçon de corruption qui pèse sur tous les gouvernants“. „Il y a en France, où pourtant on déteste la dictature, une espèce de vision autoritaire du pouvoir, au nom du salut public.“ Den Politiker, der sich 2018 am explizitesten auf Vertu und Robespierre beruft, benennt Gauchet namentlich: Jean-Luc Mélenchon. Mit einer charakteristischen Pointe bemerkt er allerdings, Mélenchon ähnle persönlich eher Danton als Robespierre – was dieser nicht schätzen würde, da Danton für die indulgence steht, die Robespierre verurteilte. 35

Im Januar 2026 schließlich zitiert Le Monde den Vorsitzenden der Unternehmervereinigung U2P, Michel Picon, nach einem Mélenchon-Kolloquium mit dem prägnanten Satz: „Ils ont voulu montrer qu’ils n’étaient pas les Robespierre que l’on décrit, que les PME n’avaient pas à avoir peur de l’arrivée de LFI.“ 36 Der Robespierre-Vergleich ist damit – ein Jahr vor den Présidentielles 2027 – im wirtschaftspolitischen Alltagsdiskurs angekommen: nicht als historische Gelehrsamkeit, sondern als unmittelbares Angst- und Abgrenzungsmotiv. Dass Mélenchon ihn durch ein Kolloquium mit Kleinunternehmern zu neutralisieren versucht, belegt, dass er die Kraft dieses Bildes selbst kennt.

Le Monde zeichnet damit insgesamt ein Bild, das weder Verurteilung noch Apologie ist: Mélenchons Robespierre-Bezug wird als politisch-kulturelles Phänomen ernst genommen, historisch kontextualisiert und mit den strukturellen Langzeitfolgen der jakobinischen politischen Kultur verknüpft. Die Glucksmann-Formel „Jupiter et Robespierre, c’est fini!“, die Le Monde im August 2024 dokumentiert, 37 und Glucksmanns Selbstverortung als „girondine“ im Oktober 2024 38 zeigen, wie weit diese historische Semantik inzwischen in den aktuellen Lagerstreit der Linken eingewandert ist: Die Révolution ist kein Archiv, sondern aktive Kampfarena.

Le Monde behandelt den Bezug Mélenchon–Robespierre im Modus analytischer Distanzierung, ohne ihn polemisch aufzuladen. Das Blatt, das der Tradition der unabhängigen linksliberalen Presse verpflichtet ist, publizierte im Kontext der Présidentielles 2022 ein vielzitiertes Dossier unter dem Titel „Jean-Luc Mélenchon: l’adieu aux jacobins“. Der Artikel, der auch in La Gazette des Communes synoptisch dokumentiert ist, beschreibt, wie Mélenchon zeitlebens als bekennender Jakobiner auftrat – zentralistisch, laizistisch, staatsgläubig –, bevor er diese Haltung zugunsten eines communautaristen Wähleransprechens aufgab. Die Spannung zwischen dem überzeugten Jakobiner der frühen Laufbahn und dem späteren Strategen der multikulturellen Union Populaire ist für Le Monde das eigentliche Problem: nicht der Robespierre-Bezug als solcher, sondern seine instrumentelle Aufgabe dort, wo er stört. 39 Dieses Deutungsangebot – Mélenchon als Ex-Jakobiner, der das Erbe selektiv kultiviert – unterscheidet Le Monde fundamental von den Rechtsmedien, die in Robespierre eine unveränderliche politische DNA sehen. In einem wissenschaftlich gestützten Debattenbeitrag, der in Revue française d’histoire des idées politiques erschien und sich explizit auf Mélenchons Selbstdarstellung in Blogs und Interviews stützt, findet sich eine bezeichnende Quellenangabe: Auf seinem Blog schrieb Mélenchon 2019, der Historiker Furet habe „un terrorisme intellectuel mondain“ betrieben, der die freie Debatte über Robespierre für zwei Jahrzehnte blockiert habe. 40 Le Monde bespricht diese intellektuelle Robespierre-Verteidigung als legitimen Diskursbeitrag, ohne daraus eine politische Gefährdungsdiagnose abzuleiten.

Der früheste und aufschlussreichste Beleg stammt aus dem Wahlkampf 2012. Die Journalistin Raphaëlle Besse Desmoulières beschreibt Mélenchon als einen Kandidaten, der Robespierre und Saint-Just offen als politische Heldenfiguren beansprucht – „deux personnages controversés pour leur rôle dans la Terreur et auxquels l’eurodéputé se plaît à rendre hommage“ –, und zitiert dabei Michel Onfray, der Mélenchon eine „lecture strictement jacobine“ vorwirft, sowie Laurence Parisot vom Medef, die ihn als „héritier d’une forme de Terreur“ bezeichnet. Die Zeitung lässt Mélenchon selbst antworten: „Je suis totalement jacobin, révolutionnaire, républicain et français par passion.“ 41 Das Selbstbekenntnis ist damit von Le Monde dokumentiert, nicht kommentiert – eine redaktionelle Haltung, die die Zeitung durch die folgenden Jahre beibehält.

Dass diese Identifikation keine rhetorische Pose ist, zeigt ein Blogeintrag Mélenchons aus dem Jahr 2013, den Le Monde im Zuge eines medienwissenschaftlichen Artikels über die Robespierre-Gesichtsrekonstruktion zitiert. Als Forscher aus Robespierres Totenmaske ein digitales Porträt erstellten, reagierte Mélenchon auf seinem Blog empört: „Une tête bien peu engageante, si j’en juge par la photo publiée. Vieille ruse de l’iconographie, dont je fais les frais plus souvent qu’à mon tour : la laideur du visage est censée révéler la laideur de l’âme!“ 42 Der Satz ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich: Mélenchon identifiziert sich mit Robespierre bis in die ikonographische Kränkung – „dont je fais les frais plus souvent qu’à mon tour“ –, und er diagnostiziert die Technik der Bestialisierung, die er schon in De la vertu theoretisch beschreiben wird: das Gesicht als Instrument politischer Delegitimierung.

Besonders gewichtig für den Essay ist das Gespräch, das Le Monde im September 2024 mit dem Historiker Emmanuel de Waresquiel führte, anlässlich seines Buches Il nous fallait des mythes. La Révolution et ses imaginaires de 1789 à nos jours (Tallandier, 2024). Waresquiel formuliert darin eine strukturelle Diagnose, die den Mélenchon-Robespierre-Bezug historisch einbettet: Die Französische Revolution habe Frankreich „une culture politique de l’affrontement plus que du compromis“ hinterlassen. Der Grundmechanismus sei im jakobinischen Verständnis von Volkssouveränität angelegt: „L’indivisibilité et l’unanimisme empêchent de penser l’opposant autrement qu’en traître. Cela nous conduit tout droit à la Terreur.“ Zu LFI stellt er fest, das Verhältnis der Bewegung zur Revolution sei „pétri d’ambiguïtés, sinon d’amnésie“ – insbesondere das Spannungsverhältnis zwischen jakobinischem Universalismus und dem, was er als communautarisme einiger LFI-Vertreter bezeichnet. 43 Das ist eine der unparteiischsten Diagnosen im gesamten Diskurs – und sie erscheint bezeichnenderweise nicht im Politikteil, sondern im Ideen-Ressort.

Marcel Gauchet, in Le Monde anlässlich seiner Robespierre-Biographie (Robespierre. L’homme qui nous divise le plus, Gallimard, 2018) ausführlich porträtiert, vertieft diese Strukturdiagnose. Er sieht im Robespierrismus die Wurzel eines spezifisch französischen Politikstils: die Erhebung von Tugend (als Hingabe ans Gemeininteresse) zum politischen Programm, verbunden mit dem „permanent soupçon de corruption qui pèse sur tous les gouvernants“. „Il y a en France, où pourtant on déteste la dictature, une espèce de vision autoritaire du pouvoir, au nom du salut public.“ Den Politiker, der sich 2018 am explizitesten auf Vertu und Robespierre beruft, benennt Gauchet namentlich: Jean-Luc Mélenchon. Mit einer charakteristischen Pointe bemerkt er allerdings, Mélenchon ähnle persönlich eher Danton als Robespierre – was dieser nicht schätzen würde, da Danton für die indulgence steht, die Robespierre verurteilte. 44

Im Januar 2026 schließlich zitiert Le Monde den Vorsitzenden der Unternehmervereinigung U2P, Michel Picon, nach einem Mélenchon-Kolloquium mit dem prägnanten Satz: „Ils ont voulu montrer qu’ils n’étaient pas les Robespierre que l’on décrit, que les PME n’avaient pas à avoir peur de l’arrivée de LFI.“ 45 Der Robespierre-Vergleich ist damit – ein Jahr vor den Présidentielles 2027 – im wirtschaftspolitischen Alltagsdiskurs angekommen: nicht als historische Gelehrsamkeit, sondern als unmittelbares Angst- und Abgrenzungsmotiv. Dass Mélenchon ihn durch ein Kolloquium mit Kleinunternehmern zu neutralisieren versucht, belegt, dass er die Kraft dieses Bildes selbst kennt.

Le Monde zeichnet damit insgesamt ein Bild, das weder Verurteilung noch Apologie ist: Mélenchons Robespierre-Bezug wird als politisch-kulturelles Phänomen ernst genommen, historisch kontextualisiert und mit den strukturellen Langzeitfolgen der jakobinischen politischen Kultur verknüpft. Die Glucksmann-Formel „Jupiter et Robespierre, c’est fini!“, die Le Monde im August 2024 dokumentiert, 46 und Glucksmanns Selbstverortung als „girondine“ im Oktober 2024 47 zeigen, wie weit diese historische Semantik inzwischen in den aktuellen Lagerstreit der Linken eingewandert ist: Die Révolution ist kein Archiv, sondern aktive Kampfarena.

Deutschland: Der neue Jakobiner – zwischen Faszination und Verstörung

Die deutsche und deutschsprachige Rezeption des Mélenchon-Robespierre-Nexus ist strukturell anders gelagert als die französische. Ihr fehlt die innenpolitische Unmittelbarkeit; sie ist kontemplativer, kulturgeschichtlicher, und erkenntnisinteressiert an einem Phänomen, das Deutschland von außen beobachtet, aber als europäisches Problem versteht.

Wolf Lepenies hat in Die Welt schon früh mit „Der neue Jakobiner“ die entscheidende Deutungsformel geprägt: „Man wundert sich über die Radikalität der französischen Sozialisten, aber wenn man dann den Gedanken des Kommunisten Mélenchon folgt, ist klar: Frankreich ist anders.“ 48 Diese Formulierung trägt ein doppeltes Erkenntnisinteresse in sich: Erstens die Diagnose einer genuinen Andersartigkeit der französischen politischen Kultur – ein Erbe, das in Deutschland nach 1945 fehlt. Zweitens eine implizite Warnung: Der Jakobinismus ist nicht zufällig entstanden, er ist Ausdruck einer strukturellen Spannung im republikanischen Denken, die durch Mélenchon reaktiviert wird. In einem späteren Essay von Lepenies, „Die alten Hüte der Jakobiner“, wird diese Diagnose vertieft: Die französische Linke lebe bis heute mit den „Gespenstern der Vergangenheit“ und sei unfähig, sich von einem revolutionären Selbstbild zu lösen, das politisch dysfunktional geworden sei. 49

Rudolf Balmer schreibt in der Neuen Zürcher Zeitung über Mélenchons Veranstaltung in Le Havre unter dem Titel „Der Volkszorn als Wahlprogramm“: „Der linkspopulistische Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon erinnert in Le Havre an das revolutionäre Erbe Frankreichs.“ 50 Das ist nüchterne Beobachtung, keine Verurteilung – der NZZ-Korrespondent sieht in Mélenchon primär einen begabten Mobilisierer, der ein echtes, wenn auch gefährliches Sentiment ausdrückt. Die Schweizer Zeitung tendiert dazu, die Jakobinismus-Frage als Kulturphänomen zu behandeln und weniger als politische Drohung.

Martina Meister, Frankreich-Korrespondentin legt für Welt am Sonntag in ihrer Rezeption einen anderen Akzent. In einem ausführlichen Interview mit dem Charlie Hebdo-Mitgründer Philippe Val verankert dieser die Linie von Robespierre direkt zum Antisemitismus der radikalen Linken: „Seit Robespierre setzt sich dieser Antisemitismus bei der radikalen Linken und ihrer Intelligenzija in Frankreich fort“, mit dem Korollar, dass Mélenchon nicht zufällig Trotzkist gewesen sei. 51 Dies ist eine der schärfsten deutschen Rezeptionen: Sie verortet den Mélenchon-Robespierre-Bezug in einer Genealogie des linken Antisemitismus, was – bei allem polemischen Zuspitzungsgrad – die politische Debatte nach dem 7. Oktober 2023 widerspiegelt, in der LFI tatsächlich in heftige Kritik geraten ist.

Die Frankfurter Rundschau wählt einen leichteren Ton. Stefan Brändle beschreibt 2022 einen Bürgermeister in Nordfrankreich, der sich weigert, zum Begräbnis der englischen Königin Halbmast zu flaggen, und er klingt „als säße er neben Robespierre im Wohlfahrtsausschuss der französischen Revolution“ – eine ironische, aber nicht polemische Bemerkung, die zeigt, wie selbstverständlich der Jakobinismus-Verweis im deutschen Frankreich-Journalismus geworden ist. 52 Mélenchon selbst taucht im Artikel kurz auf: Er „ärgert sich offen über den breiten Raum, den die Pariser Medien dem Tod Elisabeths II. einräumen“ – ein antimonarchischer Reflex, als würde er 1793 fortschreiben.

Der Standard (Wien) veröffentlichte „Rot träumen – eine französische Passion“, einen feuilletonistischen Text, der das revolutionäre Erinnern als anthropologische Konstante des politischen Frankreich behandelt. Der Begriff „Passion“ ist gezielt gewählt: Es geht nicht um Rationalität, sondern um eine affektive Struktur, die sich von 1793 bis zu Mélenchons Hologramm-Auftritten zieht. 53 In der Schweiz schließlich gibt es die prägnante NZZ-Formel von Thomas Maissen: „Die Verfahren und die Positionen im Wahlkampf zeigen, wie gross Frankreichs institutionelle Krise und Verunsicherung ist“ – ein Blick, der Mélenchon weniger als Einzelphänomen behandelt denn als Symptom einer strukturellen Legitimitätskrise der Fünften Republik. 54

Die NZZ hatte den Konnex zwischen Mélenchon, Robespierre und dem Tugendbegriff bereits früher – anlässlich der Gelbwesten-Proteste 2018/19 – herausgearbeitet: „Dazu ist Mélenchon ein bekennender Fan von Robespierre. Auch über dessen Lieblingsbegriff, die ‚Tugend‘, hat der Politiker bereits ein Buch geschrieben, und explizit erklärte er im letzten Herbst, das Denken des grossen Revolutionärs in die heutige Zeit übertragen zu wollen.“ 55 Der Artikel analysiert dabei scharf das strukturelle Problem: Robespierre habe das Volk als homogene, tugendhafte Einheit phantasiert und die komplexe Wirklichkeit durch immer rabiatere Mittel mit diesem Bild in Einklang bringen wollen – mit der Konsequenz, dass jeder, der den selbstdefinierten Volkskriterien nicht entsprach, eliminiert werden musste. Die Formel „In Frankreich gibt es nur zwei Parteien: das Volk und seine Feinde“ 56 wird damit zur strukturellen Warnung an Mélenchon: Die binäre Weltaufteilung in Volk und Feinde ist kein rhetorisches Stilmittel, sondern eine gefährliche epistemische Grundhaltung.

Die taz stellt in der deutschen Berichterstattung in gewisser Weise einen Sonderfall dar: Als linke Genossenschaftszeitung teilt sie strukturell mehr Sympathien mit dem politischen Projekt Mélenchons als die meisten anderen deutschen Leitmedien – was ihre Beurteilung des Robespierre-Bezugs nuancierter, aber auch ambivalenter macht. Im Wahlkampfbericht zur Présidentielle 2017 beschrieb die taz-Korrespondentin Lilian Alemagna – die zugleich Mélenchon-Biographin ist – den Kandidaten als Intellektuellen und „Mann der Tat, der nichts auf dem Kerbholz hat“, und stellte die entscheidende Frage lakonisch und unbeantwortet in den Raum: ob die Wähler das Risiko eingehen, „einen Mann zu wählen, der wie einst Robespierre eine ‚Revolution‘ ankündigt. Eine bürgerliche Revolution zwar, mit Wahlzetteln statt Waffen. Eine Revolution aber, die einen echten Bruch in der Geschichte Frankreichs verspricht.“ 57 Der Vergleich mit Robespierre erscheint in der taz damit weder als Anklage noch als Lob, sondern als offen formuliertes Risikosignal – ein Fragezeichen, das die Zeitung ihren Leserinnen und Lesern überlässt. Diese redaktionelle Zurückhaltung unterscheidet die taz grundlegend von den Alarmtönen im Figaro-Milieu oder den kulturhistorischen Großdiagnosen eines Wolf Lepenies: Die taz nimmt den Jakobinismus als politische Tradition ernst, ohne ihn pauschal zu verurteilen, und lässt die normative Frage – ist Mélenchons Robespierre-Bezug demokratiegefährdend oder legitim revolutionär? – bewusst offen.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung behandelt den Mélenchon-Robespierre-Bezug nicht als isoliertes Phänomen, sondern eingebettet in eine breitere Diagnose der französischen politischen Kultur – eine Diagnose, die vom Korrespondenten Jürg Altwegg in zwei großen Essays entwickelt und von Michaela Wiegel im Politikberichterstattungsstil fortgeführt wird. Den konzentriertesten Befund liefert Altwegg in einem FAZ-Sonntagszeitung-Essay vom 10. Dezember 2018 über die Gelbwesten-Bewegung. Er zitiert Marcel Gauchets programmatischen Satz über Robespierre als „Vater des Populismus“ – jemand, der „ein politisches Prinzip, die Souveränität des Volkes, mit einem moralischen, dem Gebot der Tugend, verknüpfte“ – und stellt diese Formel unmittelbar neben die Gelbwesten-Revolte: „Dreißig Jahre nach dem von François Furet verkündeten ‚Ende der Revolution‘ ist sie zurück.“ 58 Mélenchon erscheint dabei als der politische Akteur, laut dem den Gelbwesten gelungen ist, was ihm selbst seit Macrons Wahlsieg nicht gelungen war – das Volk auf die Straße zu treiben. Der Zusammenhang ist implizit, aber deutlich: Mélenchons jakobinische Rhetorik hat die semantische Arena bereitet, in der die Gelbwesten dann tatsächlich mit Guillotinen-Requisiten aufmarschierten.

In einem zweiten großen Kulturessay vom Juli 2020 – „Messias, Märtyrer, Macron“ – greift Altwegg denselben Faden auf und vertieft ihn historiographisch. 59 Auch er setzt Furets „Ende der Revolution“ als Ausgangspunkt: Furet hatte eine direkte Linie von Robespierre zu Lenin gezogen und 1989 das Ende dieser Verbindungslinie verkündet. Gauchets Robespierre-Rehabilitation von 2018 erscheint bei Altwegg als intellektuelle Gegenrevolution – und als Zeichen, dass Furets Diagnose sich erledigt hat. Das Wort, das Gauchet für Robespierre verwendet – „Christus der Revolution“ – übernimmt Altwegg in seiner eigenen Analyse und macht daraus einen Schlüssel für Macrons Scheitern: „Wie sehr die Politik in Frankreich noch immer als Religionsersatz zelebriert wird, zeigt auch Marcel Gauchet, der Robespierre einen ‚Christus der Demokratie‘ nennt.“ Mélenchon taucht in diesem Essay als wiederkehrender Folienbegriff auf: Er ist der Akteur, der das jakobinische Vokabular des „aufständischen Volkes“ gegen Macrons „sozialen Putsch“ besetzt und dabei an eine Tradition anknüpft, die Altwegg als strukturelles Merkmal der Fünften Republik beschreibt.

Für den Essay besonders aufschlussreich ist die Beobachtung Altweggs, dass Mélenchon in einer LFI-Drohung Macron mit Ludwig XVI. gleichsetzt: „Ludwig XVI. wurde geköpft. Wir könnten wieder loslegen“, soll das „Unbeugsame Frankreich“ ankündigen. Das ist für Altwegg nicht nur Rhetorik, sondern Symptom: Die jakobinische Guillotinen-Semantik ist im LFI-Milieu nicht totes Archiv, sondern aktives politisches Druckmittel.

Einen anderen Akzent setzt Michaela Wiegel in ihrem Essay „Vive la Révolution!“ (Februar 2023) über die Rentenreform-Proteste. 60 Mélenchon erscheint hier als „wandelndes Revolutionslexikon“, sein Weggefährte Corbière als Autor eines Buches, das Robespierre, Danton und Saint-Just als „Erfinder der Republik“ feiert. Wiegels Diagnose ist strukturell: Die Konfrontation zwischen Volk und Herrschenden sei ein Erbe der Französischen Revolution, das Denken und Handeln bis heute bestimmt – „und erklärt den oftmals eruptiven Charakter der französischen Politik“. In diesem Rahmen ist Mélenchons Jakobinismus kein Ausrutscher, sondern Ausdruck eines tief verankerten nationalen Selbstbildes, das alle Parteien – einschließlich Macron mit seinem Buch „Révolution“ – bedienen.

Schließlich zitiert Michaela Wiegel anlässlich der Legislativwahl 2024 den Europadeputierten Raphaël Glucksmann, der unmittelbar nach der Wahl Mélenchon mit Robespierre vergleicht: „Die Zeit Robespierres ist abgelaufen“, sagte Glucksmann – entsetzt über Mélenchons Anspruch, sofort Regierungsverantwortung zu beanspruchen. 61 Der Satz erscheint in der FAZ-Berichterstattung als politisches Urteil ohne historiographischen Kommentar – was zeigt, dass der Robespierre-Vergleich 2024 kein gelehrtes Argument mehr ist, sondern Alltagsvokabular des Parteienkampfes.

Die FAZ zeichnet damit insgesamt ein Bild, das sich von jenem der NZZ durch seine stärkere kulturessayistische Tiefenschärfe unterscheidet: Wo die NZZ analytisch auf den Tugendbegriff fokussiert, verbindet die FAZ den Mélenchon-Robespierre-Nexus mit der strukturellen Frage nach dem Ende der Furet’schen „Republik der Mitte“ und der Wiederkehr des Revolutionsparadigmas im frühen 21. Jahrhundert.

Die NZZ veröffentlichte im Mai 2026 – pünktlich zu Mélenchons offizieller Kandidatur für 2027 – ein analytisch dichtes Porträt unter dem programmatischen Titel „Der Jakobiner: Frankreichs letzter linker Agitator will Präsident werden“, das die konzeptionelle Nähe der FAZ-Perspektive zur NZZ-Frankreichberichterstattung verdeutlicht. Die Kernthese lautet: „Im ’neuen Frankreich‘ nimmt Mélenchon eine sehr alte Rolle ein: die des revolutionären Jakobiners. Politik ist für ihn in erster Linie ein moralischer Kampf zwischen Volk und Elite, Republik und Oligarchie, Tugend und Verrat. Deshalb wirken Kompromisse, wie sie gemässigte Linke anstreben, in seiner Welt wie Schwäche.“ 62 Diese Lesart entspricht dem Tenor, den die FAZ selbst in ihren Wahljahr-Kommentaren pflegt: Mélenchon als politisches Fossil, das seine Langlebigkeit einer archaischen, aber funktionierenden Konfliktgrammatik verdankt. Der Jakobinismus-Begriff wird dabei nicht alarmistisch verwendet – er fehlt einer expliziten Terror-Analogie –, sondern als kulturhistorische Kategorie, die erklärt, warum dieser Politiker die französische Politik strukturiert wie kein anderer. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang auch die FAZ-Debatte über Michel Onfrays Essay „Mélenchon, dernier avatar du jacobinisme“, in dem der Philosoph die direkte Linie von Robespierre über den Marxismus bis zu LFI zieht: Die FAZ beobachtete diese Debatte mit kommentierender Distanz, ohne sich Onfrays Totalanklage zu eigen zu machen. 63

Bewertung aus verschiedenen politischen Lagern

Der Mélenchon-Robespierre-Bezug aktiviert im französischen wie im deutschsprachigen Diskurs vier distinkte Bewertungslogiken.

Das republikanisch-konservative Lager (Figaro, Le Point, Valeurs Actuelles) sieht in der jakobinischen Selbstverortung den Beweis eines fundamentalen Demokratiedefizits. Das Argument läuft so: Robespierre hat im Namen des Volkes regiert und im Namen der Tugend getötet. Wer sich auf ihn beruft, signalisiert eine Bereitschaft, politische Gegner als Feinde des Allgemeinwohls zu konstruieren – was in einer pluralistischen Demokratie delegitimiert ist. Das Stichwort „populisme“ wird dabei als Anklage verwendet, die Mélenchon selbst in De la vertu mit dem Hinweis kontert, dass eben Robespierre dasselbe Verdikt erhalten habe. 64

Das sozialdemokratische Lager (PS, Glucksmann) behandelt den Jakobinismus-Vorwurf instrumentell: Er dient der Abgrenzung von LFI. Die Aussage „il faut tourner la page Mélenchon“ ist untrennbar verknüpft mit dem Hinweis, dass das revolutionäre Erbe LFIs eine gouvernementale Linke unmöglich mache. Aber die Sozialdemokraten sind dabei nicht frei von Ambiguität: Sie beanspruchen selbst das Erbe von 1789, nur eben in seiner gemäßigten, girondistischen Variante.

Das linksliberale Milieu (Libération, L’Obs, Mediapart) wertet den Robespierre-Bezug als strukturell unproblematisch, wenn er nicht mit einer Bereitschaft zur politischen Exklusion verbunden ist. Entscheidend sei, ob Mélenchon die radikale Kritik an der Oligarchie mit demokratischen Mitteln verbinde. Die Publikation Marianne pflegt hier eine ambivalente Position: grundsätzliche Sympathie für die republikanische Kapitalismuskritik, aber wachsende Skepsis gegenüber der autoritären Innenverfassung von LFI.

Das extrem rechte Lager (Valeurs Actuelles, Zemmour) nutzt den Jakobinismus-Vorwurf für die Gleichsetzung von Mélenchon und Robespierre als Repräsentanten einer terroristischen Grundstruktur der Linken. Eric Zemmour verfasste in Marianne eine Kolumne mit dem Titel „Encore un effort pour être révolutionnaire“ 65 – eine Anspielung auf Sades und Robespierres Revolutionsrhetorik. Die Gleichung „Mélenchon = Robespierre = Terrorpotential“ funktioniert hier als polemisches Kurzschluss-Argument, das historische Komplexität für parteitaktische Zwecke einebnet.

Die Französische Revolution und die aktuelle Linke – eine strukturelle Analogie

Ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen 2027 lohnt ein genauerer Blick auf die Akteurskonstellation der gegenwärtigen französischen Linken – und auf die strukturellen Parallelen zur Zeit der Französischen Revolution. Diese Parallelen sind nicht buchstäblich, aber aufschlussreich als heuristisches Modell.

Die Montagnards (LFI)

Mélenchon und La France insoumise entsprechen strukturell der Bergpartei – dem radikalsten Block der Revolutionsversammlung, der auf sofortige, kompromisslose Veränderung drängte, die parlamentarische Mehrheit mit plebiszitären Mobilisierungen verknüpfte und die Kritik an Partikularinteressen mit dem Anspruch auf das „wahre“ Allgemeininteresse verband. Die Stärke dieses Modells liegt in seiner Mobilisierungskraft; seine Schwäche liegt darin, dass es eine politische Kultur der Exklusion produziert, die Bündnisse erschwert und Feindkonstruktionen begünstigt. Die Thermidorianer 2023–2024 sind die abtrünnigen LFI-Vertreter Ruffin, Autain, Corbière und Garrido – jene, die sich von der „junte qui entoure Mélenchon“, wie es ein PS-Stratege formuliert, 66 befreien wollen, ohne den sozialen Radikalismus aufzugeben.

Die Girondins (PS, Glucksmann)

Die Sozialisten unter Olivier Faure und die sozialliberale Bewegung um Raphaël Glucksmann entsprechen dem girondistischen Pol – einer Linken, die parlamentarische Regierungsverantwortung anstrebt und für eine pluralistische Bündnispolitik steht, aber keine revolutionäre Eskalation will. Glucksmanns europäische Sozialdemokratie orientiert sich eher an Pedro Sánchez als an Robespierre. Doch wie die Girondins 1793 letztlich von der Montagne verdrängt wurden, sieht sich diese Fraktion heute dem Problem ausgesetzt, dass LFI die Deutungshoheit über das linke Milieu beansprucht und die Sozialdemokraten zur Vasallentreue oder zur Isolation zwingt.

Die Indulgents (Kommunisten, Grüne)

Die Kommunisten und die Grünen (EELV) verkörpern jenen Teil des linken Spektrums, der zur taktischen Kooperation mit LFI bereit ist, aber die programmatische Unbedingtheit nicht teilt. Sie erinnern strukturell an die Dantonisten – Männer des Ausgleichs und des Kompromisses, die weder die montagnardische Rigorosität noch die girondistische Gouvernementalität teilten und dadurch tendenziell zwischen den Blöcken zerrieben wurden.

Die Marais (technokratisches Zentrum)

Das Macron-Lager ist in dieser Analogie der schweigende Sumpf – das große Zentrum, das den Extremen ausgeliefert ist, die es übertönen, und das seine eigene Erschöpfung nicht verleugnen kann. Die Fünfte Republik selbst, die durch Macrons bonapartistische Regierungsführung strukturell geschwächt wurde, entspricht dem monarchischen Ancien Régime in seinem letzten Stadium: eine institutionelle Form, deren Legitimität brüchig ist und die von links wie von rechts in Frage gestellt wird.

Die tiefere Parallele zur Revolution liegt jedoch nicht in der Rollenverteilung der Akteure, sondern in der Frage nach der politischen Sprache. Mélenchon hat in De la vertu diagnostiziert, dass „die Korruption der Gesellschaft mit der Korruption der Worte beginnt“ 67 – mit Platon –, und dass die Entwertung der politischen Sprache das eigentliche demokratische Problem sei. 68 Diese Diagnose ist nicht falsch, aber sie blendet die Kehrseite aus: Das moralisch aufgeladene politische Vokabular der Vertu produziert selbst Ausschlüsse. Wer den Feind als Korrupten, als Verräter am Allgemeininteresse, als paltoquets brandmarkt – Mélenchons bevorzugtes Schimpfwort für seine Kritiker – konstruiert eine politische Welt, in der Kompromiss als Verrat gilt. Genau das war die Dynamik von 1793–1794.

Der entscheidende Unterschied liegt im institutionellen Rahmen. Die Fünfte Republik ist keine instabile Übergangsphase wie der Konvent; sie verfügt über Institutionen, die eine Eskalation in Richtung Terreur strukturell ausschließen. Mélenchons Programm der „révolution citoyenne“ durch Stimmzettel – „même si elle se mène à coup de bulletins de vote“ – ist institutionell eingehegt. 69 Aber die Kultur des politischen Konflikts, die LFI befördert hat, und die Normalisierung der Delegitimierungsrhetorik sind reale demokratische Kosten, die auch jene bezahlen müssen, die Mélenchon nicht wählen.

Vertu ohne Republik – ein offenes Ende

Die Frage, die De la vertu letztlich offen lässt, ist die nach der Grenze der Tugend. Mélenchon schreibt: „Es gibt keine tugendhafte Gesellschaft ohne tugendhafte Bürger. Genauso wenig wie es eine Republik ohne Republikaner gibt.“ 70 Das klingt beinahe tautologisch – aber es enthält ein demokratietheoretisches Problem: Wer definiert den Vertueux? Bei Robespierre war es das Komitee. Bei Mélenchon bleibt die Antwort bewusst diffus: das Volk, die Bürger, diejenigen, die sich dem Gemeininteresse verpflichten.

Aber in der politischen Praxis von LFI – der autokratischen Innenverfassung, dem Ausschluss abweichender Stimmen, dem binären Weltbild – zeigt sich, dass die moralische Rhetorik der Tugend eine exkludierende politische Logik produziert, die strukturell dem jakobinischen Erbe näher ist, als Mélenchon zugeben möchte. Die deutschen Beobachter wie Lepenies haben das mit analytischer Distanz diagnostiziert; die französischen Kritiker haben es polemisch aufgeladen. Beide haben damit etwas Richtiges gesehen.

Was Mélenchon und Robespierre – diesseits aller Epochenunterschiede – verbindet, ist nicht die Bereitschaft zur Gewalt, sondern die tiefe Überzeugung, dass die Demokratie ohne moralisches Fundament nicht lebensfähig ist. Diese Überzeugung ist nicht falsch. Aber sie enthält eine Gefahr: Wenn Moral zum Maßstab des Politischen wird, wird das Politische tendenziell unversöhnlich. Mit der Perspektive auf die Präsidentschaftswahl in einem Jahr ist das die eigentliche Frage, die über das Schicksal der französischen Linken entscheiden wird: ob sie einen gemeinsamen Kandidaten findet, der die moralische Energie der Bewegung zu kanalisieren versteht, ohne in jene Sprache des Absoluten zu verfallen, die Koalitionen unmöglich macht und Demokratie beschädigt.

Die Geschichte hat gezeigt, was mit Robespierre geschah, als der Thermidor kam. Die Geschichte der Linken – von Jaurès und Mitterrand zu Mélenchon – zeigt, wie schwer es ist, revolutionäre Energie und gouvernementale Vernunft zu versöhnen. De la vertu ist der Versuch Mélenchons, diesen Widerspruch theoretisch aufzulösen – oder zumindest handhabbar zu machen. Ob das politisch trägt, wird 2027 zu sehen sein.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Tugend, Volk, Terreur vor den Präsidentschaftswahlen 2027: Jean-Luc Mélenchon, Robespierre und das Erbe der Revolution." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on Juni 26, 2026 at 12:30. https://rentree.de/2026/06/26/tugend-volk-terreur-vor-den-praesidentschaftswahlen-2027-jean-luc-melenchon-robespierre-und-das-erbe-der-revolution/.

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Anmerkungen
  1. „Si le ressort du gouvernement populaire dans la paix est la vertu, le ressort du gouvernement populaire en révolution est à la fois la vertu et la terreur: la terreur sans la vertu est funeste; la vertu sans la terreur est impuissante.“>>>
  2. Pierre Michon, Les Onze, Paris: Verdier, 2009.>>>
  3. Michon, Les Onze.>>>
  4. „l’acteur à travers lequel s’exprime le mieux ce qui s’est joué au cours de ces années de feu, ce qui en a été le moteur et ce qui a mené dans une impasse meurtrière leur effort prodigieux pour établir le règne du bonheur et de la liberté.“ Marcel Gauchet, Robespierre: l’homme qui nous divise le plus, Paris: Gallimard, 2018.>>>
  5. „radicalement aveugle à lui-même dans son aspiration à s’effacer derrière une cause supérieure qui n’aboutit qu’à grossir sa propre exception.“>>>
  6. „Je ne suis point le défenseur du peuple ; je suis du peuple, je n’ai jamais été que cela, je ne veux être que cela ; je méprise quiconque a la prétention d’être quelque chose de plus“>>>
  7. „Cette vision d’un peuple idéal, tendant spontanément à s’unir dans l’intérêt général […] détermine un but pour la Révolution : une société où les citoyens ne feraient qu’un avec l’intérêt général […] d’où tout ce qui n’est pas peuple aurait été écarté.“>>>
  8. Jean-Luc Mélenchon, De la vertu, mit Cécile Amar, Paris: L’Aube, 2017.>>>
  9. Mélenchon, De la vertu.>>>
  10. Jean-Luc Mélenchon, L’ère du peuple, Paris: Fayard, 2014.>>>
  11. Mélenchon, De la vertu.>>>
  12. Jean-Luc Mélenchon, „Face à Robespierre“, Interview, Toute l’Histoire/Le Monde, Émission „Et si c’était vous“.>>>
  13. „Peuple, souviens-toi que si dans la République la justice ne règne pas avec un empire absolu, et si ce mot ne signifie pas l’amour de l’égalité et de la patrie, la liberté alors n’est qu’un vain mot.“>>>
  14. Éric Anceau, zit. in: Bastien Lejeune, „Le fantasme révolutionnaire de Mélenchon“, Valeurs Actuelles, 28. September 2017.>>>
  15. „Ses deux grandes figures sont Robespierre et Saint-Just, comme elles le sont aussi pour l’un de ses principaux lieutenants, Alexis Corbière.“>>>
  16. „habité par l’onde de choc de 1789“, „jacobin, révolutionnaire, républicain et Français par passion“>>>
  17. Anceau, zit. in: Lejeune, „Le fantasme révolutionnaire de Mélenchon“, Valeurs Actuelles, 28. September 2017.>>>
  18. „il en appelle à l’insurrection de la rue face à un ‚coup d’État social‘ et à la faillite de l’élite dirigeante.“>>>
  19. „Le 21 janvier n’est autre que la date anniversaire de la décapitation de Louis XVI“>>>
  20. Ran Halévi, „Le moment robespierriste de La France insoumise“, Le Figaro, 22. Januar 2023.>>>
  21. Marc Eynaud, „Chez les insoumis, Robespierre canonisé“, Valeurs Actuelles, 28. Dezember 2025.>>>
  22. Franz-Olivier Giesbert, „L’an prochain, la révolution et… la guillotine?“, Le Point, 12. Mai 2026.>>>
  23. Saïd Mahrane, „De Robespierre à Mélenchon, aux sources de la violence“, Le Point, 9. April 2023.>>>
  24. „Mélenchon est jacobin par tempérament mais communautariste dans son programme politique.“ Emmanuel de Waresquiel im Gespräch mit Laureline Dupont, Laetitia Strauch-Bonart, „Mélenchon est jacobin par tempérament mais communautariste dans son programme politique“, L’Express, 25. Mai 2022.>>>
  25. Loris Chavanette, „Mélenchon 2027: l’art de feindre la modération ne doit pas cacher la radicalité du projet“, Le Figaro, 6. Mai 2026.>>>
  26. Thierry Lentz, „Les Insoumis mettraient-ils la Terreur à l’ordre du jour s’ils le pouvaient?“, Le Figaro, 14. Februar 2023.>>>
  27. Bertrand Rothé, „Robespierre sans interdits“, Marianne, 30. Juni 2012.>>>
  28. Nicolas Bouzou, „Robespierre et La France insoumise: retour sur une récupération“, L’Express, 16. August 2023.>>>
  29. Martina Meister, „Frankreich: Die Folgen der Wahlsensation“, Die Welt, 8. Juli 2024.>>>
  30. „Jean-Luc Mélenchon: l’adieu aux jacobins“, Le Monde, synoptisch dokumentiert in La Gazette des Communes, 31. März 2022.>>>
  31. Jean-Luc Mélenchon, „L’Incorruptible“, Blog, Februar 2019, zit. in: Revue française d’histoire des idées politiques, 2024.>>>
  32. Raphaëlle Besse Desmoulières, „Jean-Luc Mélenchon avec cocarde et bonnet phrygien“, Le Monde, 19. April 2012.>>>
  33. Rédaction du Monde.fr, „Recapité – Le visage de Robespierre reconstitué“, Le Monde, 17. Dezember 2013.>>>
  34. Ariane Ferrand, „Emmanuel de Waresquiel, historien : ‚La Révolution nous a légué une culture politique de l’affrontement plus que du compromis'“, Le Monde, 22. September 2024.>>>
  35. Nicolas Weill, „Avec ‚Robespierre‘, Marcel Gauchet revient à la Révolution“, Le Monde, 24. November 2018.>>>
  36. Sandrine Cassini, „Jean-Luc Mélenchon tente de séduire les petits patrons“, Le Monde, 30. Januar 2026.>>>
  37. „Raphaël Glucksmann appelle à ‚tourner la page Macron et Mélenchon'“, Le Monde, 20. August 2024.>>>
  38. Sandrine Cassini, „Raphaël Glucksmann affiche ses ambitions pour mener la gauche ‚au pouvoir‘, sans LFI“, Le Monde, 7. Oktober 2024.>>>
  39. „Jean-Luc Mélenchon: l’adieu aux jacobins“, Le Monde, synoptisch dokumentiert in La Gazette des Communes, 31. März 2022.>>>
  40. Jean-Luc Mélenchon, „L’Incorruptible“, Blog, Februar 2019, zit. in: Revue française d’histoire des idées politiques, 2024.>>>
  41. Raphaëlle Besse Desmoulières, „Jean-Luc Mélenchon avec cocarde et bonnet phrygien“, Le Monde, 19. April 2012.>>>
  42. Rédaction du Monde.fr, „Recapité – Le visage de Robespierre reconstitué“, Le Monde, 17. Dezember 2013.>>>
  43. Ariane Ferrand, „Emmanuel de Waresquiel, historien : ‚La Révolution nous a légué une culture politique de l’affrontement plus que du compromis'“, Le Monde, 22. September 2024.>>>
  44. Nicolas Weill, „Avec ‚Robespierre‘, Marcel Gauchet revient à la Révolution“, Le Monde, 24. November 2018.>>>
  45. Sandrine Cassini, „Jean-Luc Mélenchon tente de séduire les petits patrons“, Le Monde, 30. Januar 2026.>>>
  46. „Raphaël Glucksmann appelle à ‚tourner la page Macron et Mélenchon'“, Le Monde, 20. August 2024.>>>
  47. Sandrine Cassini, „Raphaël Glucksmann affiche ses ambitions pour mener la gauche ‚au pouvoir‘, sans LFI“, Le Monde, 7. Oktober 2024.>>>
  48. Wolf Lepenies, „Der neue Jakobiner“, Die Welt, 5. Juni 2012.>>>
  49. Wolf Lepenies, „Die alten Hüte der Jakobiner. Wer ist die Linke, und wenn ja, wie viele?“, Die Welt, 19. November 2012.>>>
  50. Rudolf Balmer, „Der Volkszorn als Wahlprogramm“, Neue Zürcher Zeitung, INTERNATIONAL.>>>
  51. Philippe Val, interviewt von Martina Meister, „Europa ohne seine Juden ist nicht mehr Europa“, Welt am Sonntag, 9. November 2025.>>>
  52. Stefan Brändle, „Der letzte Republikaner“, Frankfurter Rundschau, 16. September 2022.>>>
  53. „Rot träumen – eine französische Passion“, Der Standard, 22. April 2012.>>>
  54. Thomas Maissen, „Überlebt die Fünfte Republik in Frankreich die Wahl?“, Neue Zürcher Zeitung, 10. Februar 2024.>>>
  55. „Gilets Jaunes: Die Revolution von 1789 ist kein guter Vergleich“, Neue Zürcher Zeitung, 20. März 2019.>>>
  56. „Il n’y a en France que deux partis: le peuple et ses ennemis“>>>
  57. Lilian Alemagna, „Französischer Kandidat Mélenchon: Der Letzte seiner Art“, taz, 22. April 2017.>>>
  58. Jürg Altwegg, „Wilde Gesten in gelben Westen“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Dezember 2018.>>>
  59. Jürg Altwegg, „Messias, Märtyrer, Macron: über den Hass der Franzosen auf ihren Präsidenten“, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19. Juli 2020.>>>
  60. Michaela Wiegel, „Vive la Révolution!“, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19. Februar 2023.>>>
  61. Michaela Wiegel, „Frankreich muss nach der Wahl das Sondieren lernen“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. Juli 2024.>>>
  62. „Der Jakobiner: Frankreichs letzter linker Agitator will Präsident werden“, Neue Zürcher Zeitung, 12. Mai 2026.>>>
  63. Michel Onfray, „Mélenchon, dernier avatar du jacobinisme“, Le Journal du Dimanche, 13. Februar 2025; rezipiert in der deutschen Frankreichberichterstattung.>>>
  64. Mélenchon, L’ère du peuple, Paris: Fayard, 2014.>>>
  65. Eric Zemmour, „Encore un effort pour être révolutionnaire“, Marianne, IDÉES.>>>
  66. Nathalie Schuck, „Jean-Luc Mélenchon, fin de parti(e)?“, Le Point, 3. August 2023.>>>
  67. „la corruption de la Cité commence par la corruption des mots“>>>
  68. Mélenchon, De la vertu.>>>
  69. Mélenchon, De la vertu.>>>
  70. „Il n’y a pas de société vertueuse sans citoyens vertueux. Pas plus qu’il n’y a de République sans républicains.“ Mélenchon, De la vertu.>>>

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