Persönliches Pantheon – eine Geschichte der Republik in 20 Bestattungen: Michel Winock

Michel Winocks „Pompes funèbres“ (2024) erzählt die Geschichte der Dritten Republik anhand von zwanzig Sterbefällen zwischen der Semaine sanglante von 1871 und dem Kriegsbeginn 1914: vom auf dem Exerzierplatz von Satory erschossenen Commune-Offizier Louis Rossel über den Historiker Jules Michelet, dessen Leichnam zum Streitobjekt zwischen Witwe und Schwiegersohn wird, bis zum „Henker der Commune“ Adolphe Thiers, der als Republikaner zu Grabe getragen wird, und zu Léon Gambetta, dessen Körper nach der Autopsie buchstäblich aufgeteilt wird. Victor Hugos Staatsbegräbnis mit geschätzt zwei Millionen Teilnehmern steht neben der stillen, gegen ihren Willen kirchlichen Bestattung der Dichterin Louise Colet; der gehasste Schulgründer Jules Ferry und der ermordete Präsident Sadi Carnot stehen neben Louis Pasteur, dessen Witwe die Überführung ins Panthéon zugunsten einer Bestattung im eigenen Institut verweigert. Die Panthéonisierung Émile Zolas wird 1908 selbst zum Schauplatz eines Attentats auf Alfred Dreyfus, während die Feministin Hubertine Auclert, Erfinderin des Wortes „féministe“, weitgehend unbeachtet stirbt und die „Rote Jungfrau“ Louise Michel trotz ihrer anarchistischen Überzeugungen selbst von Gegnern wie Maurice Barrès Bewunderung erfährt. Den Schluss bilden Jean Jaurès, dessen Ermordung am Vorabend der Generalmobilmachung 1914 mit dem Ende der Vorkriegszeit zusammenfällt, und Charles Péguy, dessen Kriegstod noch Jahrzehnte später vom Vichy-Regime politisch vereinnahmt wird. Die Rezension rekonstruiert Winocks Verfahren – eine autobiographisch grundierte Reihe von Einzelporträts ohne zusammenfassenden Schlussteil –, würdigt die Materialfülle aus zeitgenössischer Presse und biographischer Forschung und schlägt zugleich vor, wie sich die über das Buch verstreuten Beobachtungen zu Körperfragmentierung, politischer Lagerbildung, geschlechtsspezifischer Erinnerungskultur und der andauernden Nachwirkung von Trauerfeiern zu eigenständigen Synthesen verdichten ließen, die der Band selbst nicht zieht.

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Globale Orte, geteilte Bedeutungen: Olivier Wieviorka und Michel Winock

Die Rezension widmet sich dem Sammelband „Les lieux mondiaux de l’Histoire de France“ (Perrin, 2025), der sich mit der Frage auseinandersetzt, wie bestimmte Orte zu globalen Bezugspunkten werden und welche kulturellen, literarischen, historischen und politischen Bedeutungen sich an ihnen verdichten. Der Band versammelt interdisziplinäre Beiträge, die „Orte in der Welt“ nicht nur als geografische Fixpunkte, sondern als dynamische Räume der Erinnerung, der Macht, der Migration und der Imagination analysieren. Die Rezension arbeitet die zentralen theoretischen Prämissen des Bandes heraus, insbesondere das Spannungsverhältnis zwischen lokaler Verankerung und globaler Zirkulation von Bedeutungen. Zugleich diskutiert sie die methodische Vielfalt der Beiträge sowie deren Ertrag für aktuelle raumtheoretische und kulturwissenschaftliche Debatten. Ein besonderes Augenmerk gilt der Frage, inwiefern „Les lieux mondiaux“ neue Perspektiven auf die symbolische Konstruktion von Weltläufigkeit eröffnet und welche Impulse der Band für die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Raum, Globalisierung und kultureller Übersetzung liefert.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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