Sylvain Prudhomme zwischen USA und Mexiko, die Grenze als Erzählkörper zwischen Reportage, Chorroman und Elegie

Sylvain Prudhommes „Coyote“ (2024) erzählt, entlang der 3.200 Kilometer langen Grenze zwischen Mexiko und den USA von Tijuana bis Matamoros, die per Anhalter unternommene Reise eines mit dem Autor weitgehend deckungsgleichen Ich-Erzählers, der sich fast vollständig hinter den Stimmen seiner fast neunzig Fahrerinnen und Fahrer zurücknimmt und dabei ein Amerika montiert, das zwischen Mauerbau, Kartellgewalt, Femiziden und alltäglicher Zugewandtheit changiert; formal steht dem Buch mit „Par les routes“ (2019), dem Roman über einen unstet durch Frankreich reisenden Anhalter, dessen Wiederbegegnung mit einem alten Freund den Erzähler zur Reflexion über Bindung und Freiheit zwingt, sowie mit „De l’autre côté du lac“ (2026), in dem ein unzugängliches Naturreservat jenseits eines Bergsees zum Gegenstand einer aus der Ferne geführten, brieflichen Annäherung zweier Figuren wird, ein Werkzusammenhang zur Seite, in dem die Grenze durchgängig als Schwelle zwischen Nähe und Unzugänglichkeit fungiert. Der Aufsatz argumentiert, dass diese Grenze in „Coyote“ nicht bloß Thema, sondern Bauprinzip des Textes ist: Er zeigt, wie das serielle, kartografisch getaktete Kapitelraster, die Alternanz von protokollierter Fahrerrede und naturgeschichtlichen Einschüben über den titelgebenden Kojoten sowie die programmatische Selbstzurücknahme der Erzählerstimme eine Poetik der Zeugenschaft erzeugen, die sich an intertextuellen Bezügen wie Bolaños „2666“ und Villeneuves „Sicario“ ebenso abarbeitet wie an der eigenen, in „Par les routes“ vorweggenommenen Reisefiktion, und führt diesen Befund im Schlussteil mit der vergleichenden Lektüre der beiden anderen Romane zu der These zusammen, dass Prudhommes Schreiben insgesamt aus der Bewegung entlang, nicht über Grenzen hinweg seine Form gewinnt.

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Der Blick, der zurückschaut: Zur anderen Seite bei Sylvain Prudhomme

Sylvain Prudhommes Roman „De l’autre côté du lac“ (Minuit, 2026) erzählt von einer Fotografin, die auf einem Bergparkplatz einem namenlosen Wanderer begegnet, kurz mit ihm korrespondiert und Monate später in der Nähe eines für Menschen gesperrten Naturreservats verschwindet. Der Erzähler wird zum Ermittler wider Willen, befragt Weggefährtinnen und Weggefährten und rekonstruiert Paolas zwei Aufenthalte an einem See, hinter dem sich das Reservat erstreckt, sowie ihre wachsende Faszination für das, was sich jedem Zugriff entzieht, bis sie im Winter spurlos in der Wildnis aufgeht. Der Aufsatz liest diesen Stoff als Enquête, die ihre eigene Auflösung verweigert: Er zeigt, wie der Text auf mehreren Ebenen um dieselbe Volte kreist, den Moment, in dem aus der beobachtenden die beobachtete Position wird. Der Roman behauptet seine ökologische und poetologische Ethik nicht, sondern führt sie in der eigenen Erzählform, im Verzicht auf Aufklärung, konkret vor.

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Ein Kind der deutsch-französischen Geschichte: Sylvain Prudhomme

Der Roman „L’enfant dans le taxi“ von Sylvain Prudhomme (2023, dt. „Der Junge im Taxi“, Unionsverlag, Juli 2025) ist eine Auseinandersetzung mit den Schatten der deutsch-französischen Geschichte, insbesondere der Nachkriegszeit, und deren Auswirkungen auf individuelle Schicksale und Familienbeziehungen. Das Werk verwebt die persönliche Suche des Erzählers Simon nach einem verdrängten Familiengeheimnis mit der komplexen Historie der französischen Besatzung in Deutschland. Im Zentrum steht die Entdeckung der Existenz von M., dem deutschen Sohn des französischen Soldaten Malusci und der Deutschen Liselotte H., der während der Besatzung am Bodensee gezeugt wurde. Seine Existenz wurde über Jahrzehnte hinweg aktiv verleugnet, um idealisierte Familiennarrative aufrechtzuerhalten, deren Brüchigkeit durch Simons Recherchen offengelegt wird. Dabei wird der Bodensee selbst zu einem zentralen Symbol des Geheimnisses und der verborgenen Tiefen, während das Taxi, in dem M. als Teenager zu seinem Vater reist, seine verzweifelte, aber naive Hoffnung auf Verbindung symbolisiert. Die Geschichte zeigt, wie Kommunikation durch Schweigen und Missverständnisse blockiert wird, bis die Wahrheit schließlich durch Figuren wie Franz und Louis ans Licht kommt. Der Roman geht über eine bloße Familiengeschichte hinaus, indem er die kollektive Verdrängung als aktive, performative Praxis darstellt, in der „Frieden“ oft den „anderen Namen der Verleugnung“ trägt. Der Text betont, dass die Enthüllung der Wahrheit nicht zu einer objektiven Realität, sondern zu einer kontinuierlichen, durch Wünsche und Emotionen geformten Konstruktion von Wahrheit führt. Zudem ist der Roman eng mit der Kolonialgeschichte Algeriens verbunden, denn die erste Spur zu dem verborgenen Familiengeheimnis – M.s Existenz – kommt über Bahi ans Licht. Bahi ist ein algerischer Arbeiter auf Maluscis Farm in Oran. Letztlich deutet der Roman eine Möglichkeit zur Heilung historischer Traumata an, die auf Empathie und der Akzeptanz der komplexen menschlichen Geschichte beruht.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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