Geschorene Häupter, gerettete Stimmen: horizontale Kollaboration bei Julie Héraclès

Am 16. August 1944 wird die dreiundzwanzigjährige Simone Grivise in Chartres verhaftet, gebrandmarkt und öffentlich geschoren, weil sie einen deutschen Offizier geliebt hat. Julie Héraclès‘ Debütroman „Vous ne connaissez rien de moi“ (2023, dt. 2024) erzählt diesen einen Tag der „tondues“ im Wechsel mit den dreiundzwanzig Jahren, die zu ihm hinführen, und verschränkt damit zwei Zeiten so eng, wie er zwei Sprachen und zwei Nationen verschränkt: Deutsch und Französisch, Übersetzungsarbeit und Begehren, Kollaboration und Widerstand auf beiden Seiten der Grenze. Der Aufsatz liest diese Doppelstruktur als Schlüssel zum Roman: Was die Stadtgesellschaft an Simones Körper mit der Schere bestraft, ist genau jene Vermischung, die der Text selbst auf der Ebene seiner Form vollzieht. Ausgehend von der Erzählperspektive, der Raum- und Zeitstruktur, der Poetik der Übersetzung, den semantischen Feldern von Feuer und Zählebigkeit sowie intertextuellen Bezügen bis zu Nathaniel Hawthornes „Scarlet Letter“ zeigt die Untersuchung, wie der Roman seiner Erzählerin eine Innenwelt zurückgibt, die weder Fotografie noch Volksjustiz erreichen können, ohne ihre Verstrickung in Ideologie und Mitschuld zu verschweigen. Der Vergleich von Anfang und Schluss macht sichtbar, wie sich aus stiller Angst eine öffentliche Widerrede entwickelt, die dem Roman seinen Titel gibt.

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Das Datum, das nicht vergeht: Generationengedächtnis von drei Frauen bei Maylis Besserie

Maylis Besseries Roman „Les Filles du 9 juin“ (Grasset, 2026) erzählt, wie ein einziges Kriegsverbrechen, das Massaker der SS-Division „Das Reich“ an neunundneunzig Männern in Tulle am 9. Juni 1944, über drei Generationen von Frauen hinweg weiterlebt: in Hortense, die an diesem Tag ihren Mann verliert und eine Tochter gebiert, in Louise, die genau an diesem Datum zur Welt kommt und das Trauma als Nachtangst und psychiatrische Krise austrägt, und in Zoé, die als Geschichtslehrerin sechzig Jahre später beginnt, die Zeugenaussagen der Überlebenden zu sammeln, bis der Roman im April 2002 endet, am Tag, an dem der Front National erstmals in die Stichwahl um die französische Präsidentschaft einzieht. Der vorliegende Aufsatz liest diesen dokumentarisch grundierten Familienroman als eine Poetik der Zeugenschaft: Er verfolgt, wie die Romanstrukturen eine Bewegung vom Schweigen zum Sprechen orchestrieren, wie der Roman reale Namen und Prozesse mit erfundenen Schicksalen verschränkt, um die Grenze zwischen Historie und Fiktion produktiv zu machen, und wie der Vergleich des Erzählrahmens vom jubelnden Balkon zum bangen Fernsehabend die zyklische, warnende Struktur des Buches offenlegt. In einem eigenen Kapitel wird diese Lektüre kontrastiv erweitert, durch den Vergleich mit Julie Héraclès‘ „Vous ne connaissez rien de moi“ (JC Lattès, 2023), das im selben Kriegssommer spielt, aber die Perspektive einer wegen „horizontaler Kollaboration“ öffentlich beschämten Frau einnimmt und damit zeigt, dass der Befreiungssommer 1944 in Frankreich nicht nur ein Kapitel des Heldentums, sondern auch eines der Scham bereithält.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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