Inhalt
Eine Fehde von 1401 als Deutungsschlüssel der Gegenwart
Im Winter 1401 schickt ein Pariser Kronjurist namens Jean de Montreuil einen selbstverfassten Lobtraktat auf den Roman de la Rose an eine Dichterin, die er kaum kennt. Er tut dies beiläufig, fast herablassend – „en copie cachée“, wie ein moderner Leser sagen würde. Die Dichterin, Christine de Pizan, liest das Traktat, wird zornig und antwortet mit über zwanzig eng beschriebenen Seiten. Aus diesem Wortwechsel entsteht, binnen zwei Jahren, die erste dokumentierte literarische Kontroverse in französischer Sprache: die Querelle du Roman de la Rose. Bertrand Guillots Roman Querelle à la française (2025, éditions Les Avrils) erzählt diese Auseinandersetzung nach, verwebt sie mit den Biographien ihrer Protagonisten und mit einer Rahmenerzählung, in der der Autor selbst als Ich-Figur auftritt, angestoßen von der Feministin Victoire und geführt von der Historikerin Éliane Viennot. Der Roman ist damit weit mehr als eine kostümierte Nacherzählung: Er ist der Versuch, in einer Fehde des Spätmittelalters den Ursprung eines Musters zu erkennen, das sich, wie der Erzähler es formuliert, bis in die eigene Gegenwart fortsetzt – ein Muster aus männlicher Deutungsmacht, weiblicher Gegenrede und den immer gleichen rhetorischen Manövern, mit denen diese Gegenrede zum Schweigen gebracht werden soll.
Der vorliegende Aufsatz liest Querelle à la française als eine Reflexion über Literaturgeschichte im doppelten Sinn: als Erzählung darüber, wie die französische Literaturkritik selbst entstanden ist, und als Erzählung darüber, wessen Stimmen in dieser Geschichte gehört und wessen Stimmen verdrängt wurden. Im Zentrum steht die Frage, wie der Roman die historischen Interventionen Christine de Pizans – ihre Briefe, ihr Buch der Streitschriften, ihre öffentlichkeitswirksame Widmung an die Königin – gegen die Argumente des „gegnerischen Lagers“ ins Bild setzt: Jean de Montreuil, den prä-humanistischen Verteidiger Jean de Meungs, sowie die Brüder Gontier und Pierre Col, die sich mit Autoritätsberufung, Verharmlosung und unverhohlener Drohung gegen eine Frau zur Wehr setzen, die es gewagt hatte, einen kanonischen Text in Frage zu stellen.
Die Handlung in vier Schritten
Der Roman beginnt mit einem nicht-fiktionalen Vorwort, in dem der Ich-Erzähler – identifiziert mit dem realen Autor Bertrand Guillot – erzählt, wie ihn seine Partnerin Victoire dazu bringt, statt eines geplanten Buchs über Renaissance-Männer nach einer weiblichen Hauptfigur zu suchen. Über die Historikerin Éliane Viennot und deren Werk La France, les femmes et le pouvoir stößt er auf Christine de Pizan und auf die Querelle du Roman de la Rose. Von hier aus entfaltet sich die eigentliche Erzählung in vier Teilen, die selbst wie ein Liebesroman betitelt sind: „L’approche“, „L’amour“, „La querelle“, „La guerre“. Teil I verfolgt parallel die Kindheit und Jugend zweier historischer Figuren – den aus den Vogesen stammenden Stipendiaten Jean Charlin, der am Collège de Navarre zu Jean de Montreuil wird, und die aus Venedig immigrierte Christine de Pizan, Tochter des königlichen Astrologen Tommaso di Pizzano, die früh verheiratet und mit fünfundzwanzig Jahren als Witwe mit drei Kindern zurückbleibt.
Teil II widmet sich dem Roman de la Rose selbst: der allegorischen Liebesdichtung, die Guillaume de Lorris um 1230 begonnen und die Jean de Meung vierzig Jahre später um ein Vielfaches erweitert und dabei mit misogynen, autoritätsberufenen Diskursen (Raison, Ami, Faux-Semblant, Genius) versehen hat. Der Erzähler liest diesen Text zunächst mit den Augen Jean de Montreuils, der sich in ihm als Humanist und Verteidiger der Antike wiedererkennt, dann mit den Augen Christine de Pizans, die im Sermon des Genius eine Aufforderung zur sexuellen Nötigung und in den frauenfeindlichen Passagen ein gefährliches Vorbild erblickt. Beide Lektüren werden durchgängig mit Verweisen auf die Gegenwart – Andrew Tate, Elon Musk, Donald Trump – überblendet.
Teil III, das Herzstück des Buches, rekonstruiert die eigentliche Querelle in monatlichen Etappen von Februar 1401 bis Dezember 1402: Christine verfasst zunächst die Épître au dieu d’Amour, dann eine ausführliche Erwiderung auf Jean de Montreuils Traktat, worauf Gontier Col mit zwei zunehmend drohenden Briefen reagiert. Christine antwortet unbeugsam, veröffentlicht im Februar 1402 ein Dossier mit allen Briefen, das sie der Königin Isabeau de Bavière widmet, und krönt ihren rhetorischen Sieg mit der Erfindung des fiktiven „Ordre de la Rose“ zum Schutz der Frauen. Nach einer langen, weitschweifigen Verteidigungsschrift von Pierre Col antwortet sie ein letztes Mal, bevor der Theologe und Kanzler Jean Gerson die Debatte mit einer öffentlichen Predigt gegen den Roman de la Rose zugunsten Christines entscheidet.
Teil IV schließlich zeigt, wie die literarische Fehde in der realen Bürgerkriegs-Konfrontation zwischen Armagnacs und Bourguignons wiederkehrt: Jean de Montreuil und die Brüder Col schlagen sich auf die Seite des ermordeten Herzogs von Orléans, Christine bemüht sich, über den Parteien zu stehen, und schreibt mit La Cité des dames ihr Hauptwerk. Der Roman endet mit dem gewaltsamen Tod Jean de Montreuils während des Pariser Bürgerkriegsmassakers von 1418, mit Christine de Pizans Rückzug ins Kloster Poissy und mit ihrem letzten, von Jeanne d’Arc inspirierten Gedicht, bevor ein Epilog die Rezeptionsgeschichte beider Figuren bis in die Gegenwart nachzeichnet und die Ausgangsfrage nach der Wiederkehr solcher Lager erneut aufwirft.
Zwischen Sachbuch, Roman und Essay
Querelle à la française lässt sich keiner einzelnen Gattung zuordnen; der Text bewegt sich beständig zwischen historischem Roman, biographischem Essay und Rechercheliteratur. Bereits im Vorwort erklärt der Erzähler seine Quellenlage offen: Er stützt sich auf fünf Generationen von Mediävistik, auf edierte Briefe und rekonstruierte Chronologien, und benennt seine Übersetzerinnen und Übersetzer im Anhang jedes Kapitels – ein wissenschaftlicher Apparat, der den fiktionalen Passagen unmittelbar zur Seite gestellt wird. Zugleich erlaubt sich der Text erzählerische Freiheit, sobald die Quellenlage dünn wird: Über das entscheidende erste Zusammentreffen zwischen Christine und Jean de Montreuil weiß der Erzähler, wie er selbst einräumt, so gut wie nichts – „De cette entrevue, que sait-on? Disons-le tout de suite: rien“ –, und genau an dieser Leerstelle beginnt die eigentliche Fiktionsarbeit des Romans. Diese Verschränkung von dokumentierter Quelle und eingestandener Erfindung ist das zentrale Gattungsmerkmal des Buches: eine Geschichtsschreibung, die ihre eigenen Lücken offenlegt, statt sie zu verdecken.
Die autopoetologische Dimension des Romans zeigt sich am deutlichsten in den zahlreichen Passagen, in denen der Erzähler seinen eigenen Rechercheprozess kommentiert – Bibliotheksbesuche, Übersetzungsschwierigkeiten, die eigene Lektüre des Roman de la Rose „mit den Augen Christines“. Ein Kapitel beginnt programmatisch mit der Frage, wo Christine den Roman de la Rose gelesen haben könnte, und der Erzähler antwortet, er habe sich eigens in eine Pariser Bibliothek gegenüber der ehemaligen Wohnstätte der Familie Pizan gesetzt, um sich „eine unmögliche Mission“ zu stellen: den Text mit ihren Augen zu lesen. Dieses Verfahren – Recherche als Rollenspiel, Empathie als Methode – verbindet den Roman mit der Tradition der Microstoria und zugleich mit einem sehr gegenwärtigen, oft ironisch gebrochenen Ich-Erzähler-Essayismus. Der Roman reflektiert dabei auch explizit seine eigene Gattungswahl: Er inszeniert die Querelle als Ursprungsmoment einer Literaturgeschichte, die „des universitaires, un jour, en feront l’acte de naissance de la littérature française“ – die erste öffentliche Kontroverse in französischer Sprache über einen französischsprachigen Text.
Intertextuell speist sich der Roman zuallererst aus dem Roman de la Rose selbst, dessen beide Teile – Guillaume de Lorris‘ höfische Traumallegorie und Jean de Meungs enzyklopädisch-misogyner Fortsetzung – in eigenen Kapiteln nacherzählt und zitiert werden, etwa im programmatischen Eingangsdistichon deutsch übersetzt: „Dies ist der Roman der Rose, in dem die ganze Kunst der Liebe beschlossen liegt“ 1, dem Jean de Meungs Gegenstück gegenübergestellt wird, ebenfalls deutsch übersetzt: „Ihr alle seid, werdet oder wart, in Tat oder Absicht, Huren!“ 2. Daneben tritt ein dichtes Netz aus Verweisen auf Christine de Pizans eigenes Œuvre (L’Épître au dieu d’Amour, Le Livre de la mutation de Fortune, Le Chemin de longue étude, La Cité des dames), auf die Werke Petrarcas, Ciceros und Boethius‘ sowie – intermedial und anachronistisch – auf zeitgenössische Medienereignisse: Reden von Donald Trump, Videos von Andrew Tate, Tweets von Elon Musk werden neben mittelalterliche Predigten und Gerichtsbriefe montiert. Diese bewusste Anachronie ist kein Stilfehler, sondern Programm: Der Roman behauptet, dass die rhetorischen Muster des „gegnerischen Lagers“ – Autoritätsberufung, Verharmlosung als Humor, Täter-Opfer-Umkehr – über sechshundert Jahre hinweg identisch geblieben seien.
Figuren, Stimmen, Kommunikationswege
Die Figurenkonstellation ist bewusst symmetrisch angelegt: Christine de Pizan und Jean de Montreuil, gleich alt an Bedeutung, ungleich in ihrer gesellschaftlichen Ausgangsposition, entwickeln sich über vier Jahrzehnte hinweg parallel, treffen sich, kollidieren, driften auseinander und werden am Ende, in der Bürgerkriegskatastrophe von 1418, beide Opfer derselben Gewalt, wenn auch auf entgegengesetzten Seiten. Um sie herum gruppiert sich das „gegnerische Lager“ der Verteidiger Jean de Meungs: Gontier Col, pragmatischer Diplomat und Finanzmann, der Christine in zwei Briefen erst milde belehrt, dann unverhohlen bedroht; sein Bruder Pierre Col, Kanoniker von Notre-Dame, der mit fünfzig weitschweifigen, in sich widersprüchlichen Manuskriptseiten antwortet; sowie, auf der Gegenseite, der Theologe Jean Gerson, der als moralische Autorität die Debatte am Ende zugunsten Christines entscheidet. Diese Konstellation macht sichtbar, dass es sich bei der Querelle nicht um einen Zweikampf, sondern um eine Netzwerkauseinandersetzung handelt, in der Freundschaftsbande, Standesinteressen und institutionelle Loyalitäten über den Ausgang mitentscheiden.
Die Kommunikationsformen, die der Roman inszeniert, sind fast ausschließlich schriftlich – Briefe, Traktate, gewidmete Bücher – und werden vom Erzähler durchgängig mit modernen digitalen Kommunikationsformen verglichen. Jean de Montreuils beiläufig übersandtes Traktat wird als „Kopie in versteckter Nachricht“ gelesen, Christines unkommentierte Weitergabe ihres eigenen Briefs als das wortlose Versenden eines Anhangs. Besonders eindrücklich wird dies bei Gontier Cols zweitem Brief, dessen Postskriptum – die deutsche Übersetzung lautet: „Eilig geschrieben in Gegenwart von Jean de Quatre-Mares“ 3 – der Erzähler explizit als Drohgebärde deutet: eine Aufzählung anwesender Zeugen, die signalisiert, dass mächtige Männer mitlesen. Christine reagiert darauf mit einer Zurückweisung, deren deutsche Übersetzung lautet: „ich betrachte das nicht als Beleidigung“ 4 – eine rhetorische Strategie, die männliche Herabsetzung in einen neutralen Fakt verwandelt, dem sie die Kraft der Kränkung entzieht. Am Ende der Querelle steht mit dem Livre des épîtres du débat sur le Roman de la Rose eine genuin neue Kommunikationsform: die öffentliche Zusammenstellung eines Briefwechsels zur Mobilisierung höfischer Öffentlichkeit, gerichtet an eine Fürstin als Schiedsrichterin – eine Strategie, die der Roman explizit als frühe Form von Medienarbeit deutet.
Die Erzählperspektive changiert zwischen einer personalen, an die jeweilige Figur gebundenen Er-Erzählung (die dem Leser Zugang zu den Gedanken sowohl Christines als auch Jeans gewährt) und einem essayistischen, kommentierenden Ich, das immer wieder die Bühne betritt, um Quellenlücken zu markieren, Vermutungen als solche zu kennzeichnen oder explizite Vergleiche zur Gegenwart zu ziehen. Diese Doppelstimmigkeit erlaubt es dem Roman, historische Empathie mit beiden Hauptfiguren aufzubauen – auch Jean de Montreuil wird nicht als Karikatur, sondern als komplexer, in seiner Zeit gefangener Mensch gezeichnet –, ohne die grundsätzliche parteiliche Ausrichtung des Buches zu verschleiern. Der Erzähler bekennt offen, dass ihm Jean de Montreuls Eskalation in Misogynie „vexé d’avoir été contredit“ erscheint, während er Christines Chronologie der Selbstbehauptung mit sichtbarer Sympathie begleitet.
Raum, Zeit und die Architektur zweier Leben
Der Roman spielt fast ausschließlich in Paris zwischen 1367 und 1429, mit einem kurzen erzählerischen Fenster in der Gegenwart des Ich-Erzählers. Die Raumstruktur ist doppelt kodiert: Zum einen das mittelalterliche Paris mit seinen konkreten Örtlichkeiten – dem Collège de Navarre, dem Hôtel Barbeau der Familie Pizan, der Place de Grève, der Kirche Saint-Jean-en-Grève –, zum anderen das heutige Paris, durch das der Ich-Erzähler wandert, um an denselben Stellen zu stehen, obwohl von der mittelalterlichen Bausubstanz nichts erhalten ist. Diese doppelte Kartierung erzeugt ein Palimpsest-Gefühl: Der Erzähler beschreibt, wie er sich in einer öffentlichen Bibliothek gegenüber dem verschwundenen Hôtel Barbeau niederlässt, um „mit den Augen Christines“ zu lesen, während um ihn herum nur zwei moderne Wohnblocks an die Existenz der Familie erinnern. Der allegorische Rosengarten des Roman de la Rose selbst – der ummauerte, von Gefahr und Verlockung durchzogene Ort der Werbung – wird dabei zu einer Art Gegenraum, der die reale Pariser Topographie spiegelt und zugleich unterläuft: ein Ort, an dem, wie Christine erkennt, das Einverständnis der personifizierten Figur Bel Accueil gleich dreimal überschritten wird.
Zeitlich verschränkt der Roman eine lange biographische Perspektive (sechzig Jahre, von Jean Charlins Ankunft in Paris 1367 bis zu Christines Tod um 1430) mit der kurzen, fast tagesgenauen Chronologie der eigentlichen Querelle, die in monatlich betitelten Kapiteln – „Février 1401“, „Mars-avril 1401“, bis „24 décembre 1402“ – nachgezeichnet wird. Diese Verdichtung erzeugt den Eindruck einer beschleunigten, fast dramatischen Zeit innerhalb der langsameren biographischen Zeit, ganz so, als würde die literarische Fehde selbst zum Beschleunigungsmoment zweier bis dahin getrennt verlaufender Lebenslinien. Die Handlungsstruktur der Teile III und IV funktioniert dabei nach dem Muster eines eskalierenden Konflikts: Auf jede Intervention Christines folgt eine schärfere Reaktion des gegnerischen Lagers, bis der Konflikt sich – im historischen Rückgriff des Romans – buchstäblich in den bewaffneten Bürgerkrieg zwischen Armagnacs und Bourguignons übersetzt, in dem dieselben Namen (Jean de Montreuil, die Brüder Col) auf der einen, Christine und Gerson auf der anderen Seite wiederkehren. Der Roman macht damit die Verwandlung eines Diskursstreits in einen Realitätskonflikt zu seiner zentralen Erzähllogik.
Rose, Stadt aus Papier und die Ordnung der Geschlechter
Das semantische Feld, das den Roman durchzieht, ist das der Rose selbst: Blüte, Garten, Pflücken, Eroberung. Der Roman zeigt, wie Christine dieses Feld gegen seine ursprüngliche erotische Bedeutung wendet, indem sie am Ende der Querelle den fiktiven „Ordre de la Rose“ gründet – eine Institution zum Schutz der Frauen, in der die Rose vom Objekt männlicher Eroberung zum Symbol weiblicher Solidarität wird. Diese semantische Umkehrung erreicht ihren Höhepunkt in La Cité des dames, die der Roman ausdrücklich als „eine Stadt aus Papier, in die alle Frauen sich flüchten können“ beschreibt 5 – eine Gegenwelt aus Text, die dem gewaltvollen, von Männern kontrollierten Stadtraum eine imaginäre Zuflucht entgegensetzt. Ein zweites semantisches Feld ist das der Autorität: Beide Lager berufen sich unablässig auf antike Gewährsmänner – Cicero, Vergil, Livius –, doch während Jean de Montreuil und die Brüder Col diese Berufung als unhinterfragbares Argument einsetzen, zerlegt Christine sie methodisch, etwa wenn sie festhält, dass die Raison Jean de Meungs nichts als das Recht des Stärkeren sei – in der deutschen Übersetzung: „Die Vernunft Jean de Meungs, das ist die Vernunft des Stärkeren“ 6 –, eine Formulierung, die der Erzähler unmittelbar an autoritäre Rhetorik der Gegenwart anschließt.
Geschlechtlich ist der Roman von der Grundthese getragen, dass die Auseinandersetzung um den Roman de la Rose keine akademische Petitesse, sondern ein Kampf um die diskursive Legitimität von Frauen war. Das gegnerische Lager tritt dabei nicht als offen frauenfeindliche Verschwörung auf, sondern als ein Netzwerk von Männern, die sich in ihrer intellektuellen Selbstverständlichkeit gegenseitig bestätigen und Christines Widerspruch zunächst gar nicht als eigenständige intellektuelle Leistung wahrnehmen können. Bezeichnend ist der beiläufige Einschub, mit dem Jean de Montreuil Christines Geist würdigt und im selben Atemzug relativiert: „soweit eine Frau eben welchen haben kann“ 7, was der Erzähler unmittelbar als Erkennungszeichen unter Männern deutet, nicht als beiläufige Bemerkung. Christine selbst hingegen entwickelt im Verlauf der Querelle eine Rhetorik der Selbstermächtigung, die ihre vermeintliche Schwäche – „einfache, schwache Frau“ – zunächst rhetorisch inszeniert, um sie anschließend argumentativ zu widerlegen; ihre Sätze, in denen sie erklärt, dass es ihr an Vernunft nicht mangele, obwohl sie „nur“ eine Frau sei, bilden das strukturelle Gegenstück zu den Autoritätsberufungen der Männer. Der Roman endet diese Denkfigur konsequent mit einem Zitat aus La Cité des dames, dessen deutsche Übersetzung lautet: „Flieht, flieht, meine Damen, und meidet solche Bindungen“ 8 – eine Warnung, die der Roman explizit mit der Gegenwart der MeToo-Bewegung und der digitalen Frauenfeindlichkeit verklammert.
Anfang und Schluss im Spiegel
Der Roman beginnt mit einer Frage, die Victoire dem Erzähler stellt und die auf Deutsch lautet: „Schreibst du schon wieder eine Geschichte von Kerlen, die Sachen machen?“ 9 – eine ironische, aber ernst gemeinte Herausforderung an die Geschichtsschreibung selbst, die zu Beginn ausschließlich von Männern über Männer verfasst worden sei. Diese Frage setzt den ganzen Rechercheprozess in Gang, der den Roman trägt. Am Ende, im Epilog, kehrt der Erzähler zu genau dieser Ausgangsfrage zurück, nun aber gewendet in eine politische Diagnose der Gegenwart: die Wiederkehr misogyner Rhetorik unter Trump, Musk und Tate, die Beschneidung reproduktiver Rechte in mehreren europäischen Ländern, der Krieg in der Ukraine – und die abschließende, an den Leser gerichtete Frage, ob man sich, wie Jean de Montreuil, für ein Lager entscheiden oder, wie Christine de Pizan, versuchen werde, über den Parteien zu stehen: „Wer von uns wird, wie Jean de Montreuil, gezwungen sein, ein Lager zu wählen?“ 10. Zwischen diesen beiden Fragen – der privaten, fast beiläufigen zu Beginn und der öffentlichen, historisch informierten am Schluss – hat sich der ganze Roman entfaltet: von der individuellen Provokation zur kollektiven Diagnose.
Auch innerhalb der eigentlichen Haupterzählung spiegeln sich Anfang und Ende: Die Querelle beginnt mit einem beiläufig verschickten Traktat und endet, sechzehn Jahre später, mit dem gewaltsamen Tod ihres Verfassers in einem Bürgerkriegsmassaker; Christine, die 1401 als „einfache Frau“ um Nachsicht bittet, stirbt fast dreißig Jahre später als anerkannte politische Autorin, deren letztes Gedicht, in der deutschen Übersetzung, lautet: „Ich, Christine, die ich elf Jahre lang in einer geschlossenen Abtei geweint habe“ 11 – und die noch im Angesicht des Todes lacht, weil sie, wie der Erzähler formuliert, „das Licht gesehen hat, das Licht sieht“ 12. Der Bogen von der zaghaften Verteidigungsschrift zur abschließenden Erleuchtung markiert die Umkehrung der Machtverhältnisse, die der Roman als sein eigentliches Thema behauptet: nicht der endgültige Sieg der einen über die andere Seite, sondern die Verschiebung dessen, wer am Ende das letzte Wort behält.
Schlussbemerkung
Querelle à la française liest die Geburtsstunde der französischen Literaturkritik als eine Geschlechtergeschichte, und es tut dies, ohne den historischen Figuren ihre Komplexität zu nehmen. Christine de Pizans Interventionen – ihre Briefe, ihr öffentlich gemachtes Dossier, ihre Erfindung des „Ordre de la Rose“, ihr Alterswerk La Cité des dames – erscheinen im Roman als eine über Jahrzehnte durchgehaltene Strategie der Selbstautorisierung, die sich der Autoritätsrhetorik des gegnerischen Lagers – Jean de Montreuils antikisierender Gelehrsamkeit, Gontier Cols kaum verhüllten Drohungen, Pierre Cols weitschweifiger Verteidigungsprosa – nicht durch Gegengewalt, sondern durch Beharrlichkeit und rhetorische Präzision entgegenstellt. Der Roman macht dabei deutlich, dass dieses gegnerische Lager keine Ansammlung von Karikaturen war, sondern ein Netzwerk kluger, gebildeter, in ihrer eigenen Selbstverständlichkeit gefangener Männer, deren Einwände strukturell dieselbe Form annehmen wie gegenwärtige Abwehrreflexe gegen feministische Kritik: Verharmlosung als Humor, Autoritätsberufung statt Argument, verdeckte Drohung statt offener Gewalt.
Die anachronistische Erzähltechnik, mit der Guillot Trump, Musk und Tate neben Jean de Meung und Jean de Montreuil montiert, ist dabei weniger ein Stilmittel der Verfremdung als eine Behauptung historischer Kontinuität: dass die Querelle du Roman de la Rose keine abgeschlossene mediävistische Fußnote, sondern der erste dokumentierte Fall eines Musters ist, das sich seither wiederholt. Literaturgeschichte erscheint in diesem Roman folglich nicht als lineare Abfolge von Werken, sondern als ein Ringen um die Frage, wer sprechen darf und wessen Sprechen als Argument, wessen als bloße Empfindlichkeit gilt. Dass der Roman dieses Ringen zugleich als Liebesgeschichte, als Kriminalgeschichte des Pariser Bürgerkriegs und als Selbstbefragung eines männlichen Autors im Jahr 2025 erzählt, ist sein eigentliches Kunststück: Er macht aus einer Fußnote der Mediävistik eine Erzählung, die ihre Leserinnen und Leser zwingt, sich selbst zu fragen, auf welcher Seite der Rose sie stehen.
- „Ce est li romanz de la rose, / Ou l’art d’amours est toute enclose“>>>
- „Toutes estes, serez ou fustes, / De fait ou de voulenté, pustes!“>>>
- „Écrit hâtivement en présence de Jean de Quatre-Mares“>>>
- „je ne considère pas cela comme une insulte“>>>
- „cette ville de papier dans laquelle toutes les femmes“>>>
- „La Raison de Jean de Meung, c’est la raison du plus fort“>>>
- „ut est captus femineus“>>>
- „Fuyez, fuyez, mes dames, et évitez ces liaisons“>>>
- „Tu vas encore écrire une histoire de mecs qui font des trucs?“>>>
- „Qui d’entre nous sera amené à choisir un camp comme Jean de Montreuil?“>>>
- „Je Christine, qui ay plouré / Unze ans en abbaye close“>>>
- „La lumière, elle l’a vue, elle la voit“>>>





