Jeden Tag ein ganzes Leben: Diktat und Dichtung bei Timothée de Fombelle
In Timothée de Fombelles „La vie entière“ (Gallimard, 2026, dt. bei dtv im Oktober 2026) wartet in ihrer Dachkammer im besetzten Paris die neunzehnjährige Claire eine Nacht lang auf Blanche, den Chef ihres Widerstandsnetzes, in den sie sich verliebt hat, ohne es ihm je zu sagen, und als er die vereinbarte Frist überschreitet, bleibt sie entgegen der eigenen Sicherheitsregel an der Schreibmaschine sitzen und beginnt, sich ein ganzes, nie gelebtes Leben zu erschreiben – Kinder, ein Ferienhotel am Meer, ein gemeinsames Alter –, verwoben mit den realen Erinnerungen an ihre Untergrundarbeit, an den Kurierjungen Émile, die Fälscherin Rosine, den misstrauischen Nachbarn und die Verhaftungswelle des Sommers, bis am Ende Schritte im Treppenhaus erklingen und offenbleibt, ob sie selbst verhaftet wird, während der Text stattdessen in eine letzte Zukunft springt, in der ein gealterter Blanche ihre versteckten Blätter findet und liest; der Aufsatz über diesen schmalen Roman von Timothée de Fombelle entfaltet aus dieser Konstruktion seine These, dass Geschichtsfakten und subjektives, unbelegbares Erleben denselben Wirklichkeitsgrad beanspruchen, sobald beide in denselben Sätzen und Tempora geschrieben sind, und verfolgt diesen Gedanken durch Gattungslage, Figurenkonstellation, Kommunikationsformen, Erzählperspektive, Handlungs-, Raum- und Zeitstruktur, Bildfelder, Geschlechterordnung, Poetik, autopoetologische Spiegelung und intertextuellen Bezug zu Etty Hillesum, um schließlich im Vergleich von Anfang und Schluss zu zeigen, dass der Roman nicht das Erdichtete an die Stelle des Realen setzt, sondern beidem gleichermaßen Bestand über den ungewissen Ausgang der Nacht hinaus zuspricht.
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