Aus dem Film "Leurs enfants après eux"

Die Würde des Verharrens: literarische Rehabilitation der France périphérique bei Nicolas Mathieu

In „Leurs enfants après eux“ (Actes Sud, 2018) erzählt Nicolas Mathieu über vier Sommer hinweg das Heranwachsen einer Generation im sterbenden Industrieraum Lothringens: Im fiktiven Heillange treiben Anthony, Hacine und Stéphanie zwischen Baggersee, stillgelegten Hochöfen und familiären Bruchlinien durch eine Jugend, deren Versprechen – Aufstieg, Freiheit, Selbstentwurf – sich als strukturell blockiert erweisen, sodass selbst ihre intensivsten Erfahrungen von Liebe, Gewalt oder Freundschaft stets an die Schwerkraft eines Raums gebunden bleiben, der keine Zukunft mehr produziert; der Roman verdichtet diese Erfahrung zu einem choralen Panorama, in dem individuelle Biographien weniger als autonome Lebensläufe erscheinen denn als Variationen eines kollektiven Schicksals der Unsichtbarkeit. Demgegenüber verschiebt „Connemara“ (Actes Sud, 2022) die Perspektive in die Gegenwart und in eine andere Lebensphase: Anhand von Hélène, der scheinbar erfolgreichen Aufsteigerin, und Christophe, dem im Herkunftsmilieu Verbliebenen, erzählt Mathieu von der Illusion sozialer Mobilität selbst – Hélènes Rückkehr aus der Pariser Leistungselite in die Provinz offenbart den Aufstieg als Entfremdungsgeschichte, während Christophe die Kehrseite verkörpert, ein Leben der Kontinuität ohne Aufbruch, sodass ihre flüchtige Wiederbegegnung die Unmöglichkeit einer kohärenten Identität zwischen Herkunft und Selbstentwurf sichtbar macht; der titelgebende Sehnsuchtsort bleibt dabei reine Projektion, ein Name für das nicht gelebte Leben. Der Aufsatz liest beide Romane als Diptychon, das den geographischen Raum der France périphérique von der Kulisse zum epistemischen Zentrum erhebt: Raum erscheint hier als Erkenntnisinstrument, in dem sich die Widersprüche der französischen Meritokratie materialisieren, und die Figuren agieren als Träger sozialer Positionen, deren Handlungsspielräume durch Herkunft, Klassenlage und symbolische Ordnungen vorgezeichnet sind. Dabei wird Mathieus Poetik als Spannung zwischen sozialrealistischer Präzision und literarischer Ökonomie beschrieben – als ein Schreiben der Ellipse, das durch chorale Struktur, freien indirekten Stil und die Aufladung von Landschaft, Körper und Alltagsdetails eine universelle Resonanz erzeugt, ohne je ins Abstrakte zu kippen; zugleich insistiert dieses Schreiben darauf, dass die implizite Sozialkritik gerade nicht in expliziten Thesen liegt, sondern in der narrativen Form selbst, in der Konvergenz ohne Katharsis, im „malgré tout“ eines prekären Glücks oder im „cœur en miettes“ einer unerfüllten Existenz. So entsteht das Bild eines Werks, das weder Aufstieg noch Verharren moralisch privilegiert, sondern beide als Varianten desselben double bind begreift – und hierin die politische Kraft seiner Literatur entfaltet.

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Brennende Ränder oder Warum Jeanne Rivière mit Nicolas Mathieu schläft

Jeanne Rivières „Lorraine brûle“ (Gallimard, 2025, zit. als LOB) zeichnet das Bild einer namenlosen Ich-Erzählerin Anfang vierzig, die im nachindustriellen Lothringen zwischen Metz und Nancy ein unsicheres, von Körpererfahrungen, Mutterschaft und subkulturellen Praktiken geprägtes Leben führt: Als alleinerziehende Mutter des zwölfjährigen Tarzan, Büroangestellte und Schlagzeugerin in Punkbands bewegt sie sich durch eine Landschaft aus stillgelegten Hochöfen, Supermärkten, Schwimmbädern und illegalen Konzerten, während Freundinnen wie die radikal selbstbestimmte Lynn, die anarchische Nora und vor allem die todkranke Baya ein weibliches Gegenbild zur bürgerlichen Ordnung bilden; Bayas Sterben an Bauchspeicheldrüsenkrebs bildet den gefühlsmäßigen Mittelpunkt einer locker gefügten Jahreschronik, die von Januar bis Sommer reicht und deren episodische Struktur durch wiederkehrende Schwimm-Passagen rhythmisiert wird, sodass sich Tod (körperlicher Verfall) und Bewegung (Körper im Wasser) als unterschwellige Achse überlagern. Vor diesem Hintergrund liest der Aufsatz den Roman als programmatische „Poetik der Zersplitterung“: Die formale Aufsplitterung – abrupte Kapitel, Wechsel der Tonlagen, Mischung aus Autofiktion, Essay, Reportage und Lyrik – erscheint nicht als künstlerischer Mangel, sondern als passende Antwort auf eine durch Deindustrialisierung, Unsicherheit und Verlust zerrissene Wirklichkeit, in der Zusammenhalt selbst zur Fiktion geworden ist; besonders hervorzuheben ist dabei die These, dass die Gleichwertigkeit unterschiedlicher Elemente (Alltag und Katastrophe, Komik und Trauer, Körperdetail und Gesellschaftsanalyse) eine unausgesprochene politische Haltung formuliert, die Hierarchien ablehnt und das Randständige ins Zentrum rückt. Indem die Argumentation konsequent Form und Inhalt kurzschließt – die Zersplitterung des Lebens spiegelt sich in der Zersplitterung des Erzählens –, gewinnt sie ihre größte Überzeugungskraft dort, wo sie das ästhetische Aufeinandertreffen der Tonlagen, die Körperlichkeit (Blut, Krankheit, Sexualität) und die raumbildende Funktion Lothringens als miteinander verflochtene Ebenen liest; zugleich zeigt sie, dass das Schreiben selbst im Roman als Mittel zum Überleben und zur Trauerbewältigung wirkt, das die Zersplitterung nicht überwindet, sondern nutzbar macht. So erscheint LOB in der Deutung der Rezension weniger als Darstellung eines sozialen Umfelds denn als radikal gegenwärtige Suche nach Formen, in der die Zersplitterung zu einer widerständigen Lebensweise und zur eigentlichen dichterischen Einheit wird.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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