Die Welt als Oberfläche, die Oberfläche als Welt: Trompe l’œil und Ekphrasis bei Maylis de Kerangal
Maylis de Kerangals Roman „Un monde à portée de main“ (2018) folgt Paula Karst, einer jungen Pariserin, die an einem Brüsseler Institut die Kunst des Trompe l’œil erlernt und sich später als Dekorationsmalerin durch Filmstudios, Kirchenrestaurierungen und Villen arbeitet, bis sie schließlich an einer monumentalen Reproduktion der Höhlenbilder von Lascaux mitwirkt. Der Aufsatz liest diesen Roman als literarisches Pendant seiner eigenen Thematik: So wie Paulas Malerei darauf abzielt, sich selbst zugunsten einer täuschend echten Oberfläche auszulöschen, verfährt auch Kerangals Prosa ekphrastisch und illusionistisch – sie beschwört Farben, Materialien und visuelle Räume so sinnlich, dass der Leser die Buchstaben hinter der Welt vergisst. Das perfekte Trompe l’œil braucht nicht nur den Moment der Täuschung, sondern auch den der Desillusionierung – erst wenn das Auge die Illusion als Kunst erkennt, entfaltet das Werk seine eigentliche Schönheit. Von da aus weitet die Interpretation die Frage auf das Verhältnis von Original und Kopie aus, das im Roman von der Brüsseler Ausbildung bis zur ägyptischen Grabstatue im Turiner Museum radikal unterlaufen wird: Die Kopie ist nicht Lüge, sondern Schöpfung von Realität – und Paulas Arbeit an Lascaux stellt am Ende die älteste Frage der Kunstgeschichte neu: Was ist ein Original, wenn die Höhlenbilder der Vorzeit selbst nichts anderes wollten, als die Welt so real zu machen, dass man sie berühren könnte?
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