Die Welt als Oberfläche, die Oberfläche als Welt: Trompe l’œil und Ekphrasis bei Maylis de Kerangal

Maylis de Kerangals Roman „Un monde à portée de main“ (2018) folgt Paula Karst, einer jungen Pariserin, die an einem Brüsseler Institut die Kunst des Trompe l’œil erlernt und sich später als Dekorationsmalerin durch Filmstudios, Kirchenrestaurierungen und Villen arbeitet, bis sie schließlich an einer monumentalen Reproduktion der Höhlenbilder von Lascaux mitwirkt. Der Aufsatz liest diesen Roman als literarisches Pendant seiner eigenen Thematik: So wie Paulas Malerei darauf abzielt, sich selbst zugunsten einer täuschend echten Oberfläche auszulöschen, verfährt auch Kerangals Prosa ekphrastisch und illusionistisch – sie beschwört Farben, Materialien und visuelle Räume so sinnlich, dass der Leser die Buchstaben hinter der Welt vergisst. Das perfekte Trompe l’œil braucht nicht nur den Moment der Täuschung, sondern auch den der Desillusionierung – erst wenn das Auge die Illusion als Kunst erkennt, entfaltet das Werk seine eigentliche Schönheit. Von da aus weitet die Interpretation die Frage auf das Verhältnis von Original und Kopie aus, das im Roman von der Brüsseler Ausbildung bis zur ägyptischen Grabstatue im Turiner Museum radikal unterlaufen wird: Die Kopie ist nicht Lüge, sondern Schöpfung von Realität – und Paulas Arbeit an Lascaux stellt am Ende die älteste Frage der Kunstgeschichte neu: Was ist ein Original, wenn die Höhlenbilder der Vorzeit selbst nichts anderes wollten, als die Welt so real zu machen, dass man sie berühren könnte?

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Aus dem Film "Leurs enfants après eux"

Die Würde des Verharrens: literarische Rehabilitation der France périphérique bei Nicolas Mathieu

In „Leurs enfants après eux“ (Actes Sud, 2018) erzählt Nicolas Mathieu über vier Sommer hinweg das Heranwachsen einer Generation im sterbenden Industrieraum Lothringens: Im fiktiven Heillange treiben Anthony, Hacine und Stéphanie zwischen Baggersee, stillgelegten Hochöfen und familiären Bruchlinien durch eine Jugend, deren Versprechen – Aufstieg, Freiheit, Selbstentwurf – sich als strukturell blockiert erweisen, sodass selbst ihre intensivsten Erfahrungen von Liebe, Gewalt oder Freundschaft stets an die Schwerkraft eines Raums gebunden bleiben, der keine Zukunft mehr produziert; der Roman verdichtet diese Erfahrung zu einem choralen Panorama, in dem individuelle Biographien weniger als autonome Lebensläufe erscheinen denn als Variationen eines kollektiven Schicksals der Unsichtbarkeit. Demgegenüber verschiebt „Connemara“ (Actes Sud, 2022) die Perspektive in die Gegenwart und in eine andere Lebensphase: Anhand von Hélène, der scheinbar erfolgreichen Aufsteigerin, und Christophe, dem im Herkunftsmilieu Verbliebenen, erzählt Mathieu von der Illusion sozialer Mobilität selbst – Hélènes Rückkehr aus der Pariser Leistungselite in die Provinz offenbart den Aufstieg als Entfremdungsgeschichte, während Christophe die Kehrseite verkörpert, ein Leben der Kontinuität ohne Aufbruch, sodass ihre flüchtige Wiederbegegnung die Unmöglichkeit einer kohärenten Identität zwischen Herkunft und Selbstentwurf sichtbar macht; der titelgebende Sehnsuchtsort bleibt dabei reine Projektion, ein Name für das nicht gelebte Leben. Der Aufsatz liest beide Romane als Diptychon, das den geographischen Raum der France périphérique von der Kulisse zum epistemischen Zentrum erhebt: Raum erscheint hier als Erkenntnisinstrument, in dem sich die Widersprüche der französischen Meritokratie materialisieren, und die Figuren agieren als Träger sozialer Positionen, deren Handlungsspielräume durch Herkunft, Klassenlage und symbolische Ordnungen vorgezeichnet sind. Dabei wird Mathieus Poetik als Spannung zwischen sozialrealistischer Präzision und literarischer Ökonomie beschrieben – als ein Schreiben der Ellipse, das durch chorale Struktur, freien indirekten Stil und die Aufladung von Landschaft, Körper und Alltagsdetails eine universelle Resonanz erzeugt, ohne je ins Abstrakte zu kippen; zugleich insistiert dieses Schreiben darauf, dass die implizite Sozialkritik gerade nicht in expliziten Thesen liegt, sondern in der narrativen Form selbst, in der Konvergenz ohne Katharsis, im „malgré tout“ eines prekären Glücks oder im „cœur en miettes“ einer unerfüllten Existenz. So entsteht das Bild eines Werks, das weder Aufstieg noch Verharren moralisch privilegiert, sondern beide als Varianten desselben double bind begreift – und hierin die politische Kraft seiner Literatur entfaltet.

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Drei intermediale Orpheus-Variationen: Palermo, Berlin und Trumps USA bei Sébastien Berlendis

Die Rezension liest Sébastien Berlendis’ neuen Roman „24 fois l’Amérique“ (Actes Sud, 2026, zit. FA) im Zusammenhang mit zwei früheren Büchern („Revenir à Palerme“, 2018 und „Seize lacs et une seule mer“, 2021) als Teil einer zusammenhängenden poetischen Konstellation. Alle drei Texte variieren ein gemeinsames erzählerisches Grundmotiv: Ein Ich-Erzähler folgt der Spur einer verschwundenen Frau und bewegt sich dabei durch Landschaften, die von Geschichte, Erinnerung und Melancholie geprägt sind. Während der erste Roman in einem verfallenden Palermo eine fast klaustrophobische Suche nach der verlorenen Geliebten Délia entfaltet und die Fotografie als Medium der Erinnerung inszeniert, verlegt der zweite diese Spurensuche in die sommerlichen Seenlandschaften Berlins, wo Super-8-Filme einer geheimnisvollen Frau zum Ausgangspunkt einer flanierenden Rekonstruktion der Vergangenheit werden. FA nun erweitert diese Bewegung zu einem Roadmovie durch den amerikanischen Rust Belt: Der Erzähler reist von New York bis zum Lake Michigan, um Marianne wiederzufinden, die seit Jahren nur noch durch gezeichnete Postkarten präsent ist. Der Roman entfaltet daraus eine visuell strukturierte Reise durch Motels, Industriebrachen und Seenlandschaften, in der fotografische Apparate, überbelichtete Bilder und filmische Einstellungen zu zentralen Metaphern für die Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses werden. Marianne erscheint weniger als reale Figur denn als „Präsenz durch Abwesenheit“, deren Spur der Erzähler in einer Landschaft aus Erinnerungsfragmenten verfolgt. – Der Artikel argumentiert, dass diese drei Romane als eine intermediale Variation des Orpheus-Mythos zu lesen sind. Berlendis’ Erzähler bewegt sich stets in einer paradoxen Bewegung zwischen Erinnerung und Gegenwart: Wie Orpheus versucht er, eine verlorene Eurydike zurückzuholen, doch die Suche führt nicht zur Wiedergewinnung der Geliebten, sondern zu einer ästhetischen Transformation des Verlusts. Die Analyse zeigt, dass diese Poetik stark von visuellen Medien geprägt ist. Fotografie, Film und Polaroidbilder strukturieren nicht nur die Wahrnehmung der Figuren, sondern auch die formale Organisation der Texte – besonders im jüngsten Roman, dessen vierundzwanzig Episoden wie filmische Einstellungen eines melancholischen Roadmovies wirken. Gleichzeitig liest der Artikel den jüngsten Roman als indirekten politischen Roman über das gegenwärtige Amerika: Die Reise durch den Rust Belt führt durch deindustrialisierte Städte, religiös aufgeladene Landschaften und migrantisch geprägte urbane Räume, wodurch sich ein vielschichtiges Bild eines gesellschaftlich zerrissenen Landes ergibt. Die Interpretation argumentiert, dass Berlendis diese politische Dimension nicht programmatisch formuliert, sondern aus einer Poetik der Beobachtung entstehen lässt, in der persönliche Erinnerung, mediale Wahrnehmung und historische Landschaften ineinander verschränkt sind.

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Rimbaud-Fiktionen: Guillaume Meurice

In Guillaume Meurices Rimbaud-Fiktion „Cosme“ (2018) ist der Protagonist Sohn spanischer Einwanderer, der in Biarritz geboren wurde und seine Kindheit verbrachte. Sein Leben ist eine bewegte Reise, die ihn von Jugenddelinquenz in den Pariser Vorstädten über einen Militärdienst, bei dem er Geheimnachrichten entschlüsselt, bis hin zu endlosen Stunden in Schachklubs führt. Cosme ist ein freier Geist, ein Dichter und potenziell ein „Seher“ („Voyant“), der Freundschaft schätzt und eine Existenz zwischen geteilten Leidenschaften, unendlicher Einsamkeit, Schwindelgefühlen und einer „langen Entfesselung der Sinne“ führt. Ein zentrales Thema in Cosmes Leben ist seine beharrliche und fast obsessive Suche nach dem verborgenen Sinn von Arthur Rimbauds rätselhaftem Gedicht „Voyelles“, das er als den „Gral der französischen Poesie“ betrachtet. Er ist unbeirrbar in seiner Entschlossenheit, Geheimnisse zu lüften, auch wenn dies bedeutet, unkonventionelle Wege zu gehen und sich der sozialen Gewalt, der Obdachlosigkeit oder der Missachtung von Autorität zu stellen. Letztendlich ist Cosme ein selbstlernender Alchemist der Worte, der das bestgehütete Geheimnis der französischen Literatur lüften will.

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Gärten der Verwandlung: Marivaux und Emmanuelle Bayamack-Tam

Der Artikel verbindet Pierre de Marivaux’ „Le Triomphe de l’amour“ (1732) mit zwei zeitgenössischen Werken von Emmanuelle Bayamack-Tam, der Theateradaption „À l’abordage!“ (2021) und dem Roman „Arcadie“ (2018). Gemeinsamer Kern ist eine dramaturgische Grundkonstellation: Eine junge Figur dringt in eine abgeschottete Welt ein – sei es die philosophische Enklave Hermocrates, die sektenhafte Gemeinschaft Kinbotes oder die utopische Kommune Arcadys. In allen Fällen wird die Ordnung durch Liebe, Begehren und Verwandlung herausgefordert. Dabei variiert der Modus: Marivaux’ Komödie inszeniert eine strategische Maskerade zur Wiederherstellung der Ordnung; Bayamack-Tam transformiert dieses Modell in „À l’abordage!“ zur queeren Farce und in „Arcadie“ zur melancholischen Selbstsuche. Die Maske wird zur Identität, das theatrale Spiel zur existenziellen Transformation. Der Artikel zeigt, wie Bayamack-Tam Marivaux nicht nur aktualisiert, sondern auch radikal umcodiert: Statt einer binären Welt aus Vernunft und Gefühl entwirft sie fluide Identitäten, deren Begehren nicht normativ gezähmt, sondern politisch befreit ist. Während Marivaux die Liebe als Mittel der Restauration inszeniert, wird sie in „À l’abordage!“ zur lustvollen Destabilisierung und in „Arcadie“ zum Prüfstein utopischer Heilsversprechen. Farah ist dabei nicht mehr nur Subjekt der Verkleidung, sondern der Verwandlung selbst. Der Aufsatz liest Bayamack-Tams Werke als Hommage an Marivaux durch subversive Fortschreibung – ein queerer Humanismus, der Masken nicht fallen lässt, um Wahrheit freizulegen, sondern um Identität als offenes Werden zu behaupten.

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Die Jungfrau im lebendigen Diesseits: Kamel Daouds Doppelroman

„Am Verhältnis zur Frau zeichnet sich das Verhältnis zur Fantasie, zum Begehren, zum Körper, zum Leben ab.“ Kamel Daouds Roman „Houris“ (2024) lässt sich als Gegengeschichte zu seinem Museumsdialog „Le peintre dévorant la femme“ (2018) lesen: Während hier ein fiktiver körperfeindlicher Djihadist mit der erotischen westlichen Malerei von Pablo Picasso konfrontiert ist, lässt in „Houris“ Daoud eine schwangere Überlebende des algerischen Bürgerkriegs über die Stummheit der Frauen nachdenken, als Geschichte einer einzelnen und kollektiven Wiederauferstehung.

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Anderes Alphabet: William Marx

William Marx’ 2018 erschienenes Werk Un Savoir Gai ist nicht nur eine persönliche Reflexion über die homosexuelle Erfahrung; es stellt einen theoretischen Entwurf dar, der die Art und Weise, wie Wissen generiert und Weltwahrnehmung geformt wird, fundamental hinterfragt. Basierend auf der spezifischen „schwulen“ Existenzperspektive entwickelt Marx ein „schwules Wissen“, das etablierte heteronormative Erzählungen und gesellschaftliche …

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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