Beirut-Fiktion: Camille Ammoun zwischen Reportage, Palimpsest und Detonation

Am 17. Oktober 2019 beginnt eine Revolution in Beirut – eine spontane, namenlose Volksbewegung gegen ein Jahrhundert der Korruption, und Camille Ammoun begibt sich auf eine einzige lange Straße, um jene zu lesen. Vom nördlichen Kreisverkehr Daoura bis zum Regierungssitz Grand Sérail am südlichen Zentrum – gut vier Kilometer durch eine Stadt, die an jeder Ecke eine andere Geschichte erzählt. Doch „Octobre Liban“ (2020) ist kein Roman im gewöhnlichen Sinn, sondern ein literarisches Palimpsest: Auf den Fußspuren der Revolution überlagern sich Hieroglyphen römischer Juristen, armenische Migrations-Gedächtnisse, französische Mandatsarchitektur, Bürgerkriegsruinen, private Spekulantenbauten, und schließlich die Stimmen einer Menge, die ihre eigene Stadt zurückerobern will. Ammoun macht die Straße selbst zur Erzählerin – ihre Wände sind Palimpseste mit drei übereinanderliegenden Schichten von Rebellion, ihre Gebäude sprechen von Gentrifizierung und Raub, ihre Luft riecht nach gegrilltem Mais und nach Tränengas. Während er schreibt, wird die Korruption zur verführerischen allegorischen Gestalt, die Revolution zur Frau, deren Forderungen vom Recht auf Übertragung der Nationalität bis zur Abschaffung der konfessionellen Personenstandsgesetze reichen. Und dann, wenige Wochen nach dem Geschriebenen, im August 2020, explodiert der Hafen. Der Text endet, wo er begann – aber nun ist die Straße in Trümmern, und was einmal lesbar war, zerfällt in Unhörbares. Eine Literatur, die zwischen Hoffnung und Detonation durchgehend schreibt, dass kein Morgen mehr möglich ist.

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