Neukaledonien – versehrtes Epos und Empathie als Widerstand: Alice Zeniter

Als „Frapper l’épopée“ im August 2024 erschien, stand Neukaledonien in Flammen: Wenige Monate zuvor hatten Aufstände gegen eine in Paris durchgesetzte Wahlrechtsreform vierzehn Tote und Milliardenschäden gefordert. Alice Zeniters bereits 2023 abgeschlossener Roman trat damit in seiner „Vorkrisen-Fassung“ mitten in eine brennende Aktualität ein, die er nicht hatte kennen können – ein Zusammenfall, der ihm eine fast prophetische Schwere verlieh. Das Buch erzählt die Heimkehr der jungen Caldoche Tass nach Nouméa, wo sie als Aushilfslehrerin ihrer ungeklärten Familienherkunft nachspürt, während eine kanak Aktivistengruppe um Un Ruisseau mit Aktionen einer „gewalttätigen Empathie“ den Kolonisierenden die Erfahrung der Enteignung körperlich spürbar zu machen sucht; in einem phantastischen Sturz ins „Wasserloch“ durchlebt Tass schließlich die koloniale Vorgeschichte ihres ins Bagno deportierten Vorfahren Arezki, ehe der Roman in der Gegenwart und einer kaum sichtbaren Schlussgeste – einem mit dem Finger gespurten Aktivistenkürzel – mündet. Der Aufsatz liest das Werk von seinem Titel her, das Verb „frapper“ in seiner Doppelbedeutung (schlagen und prägen) als poetologisches Programm eines „versehrten Epos“, das die heroische Kolonialerzählung zertrümmert und zugleich ein neues, vielstimmiges und antiheroisches Gedächtnis einschreibt. Erzählen soll hier nicht informieren, sondern sinnlich verunsichern. Flankiert wird diese werkimmanente Lektüre durch eine Einordnung neben Zeniters „L’Art de perdre“, eine Auswertung der französischen Rezeption und eine Reflexion über die Verschiebung der Leseperspektive nach den Aufständen vom Mai 2024 – sodass die Besprechung das Buch zugleich als ästhetisches Wagnis und als politisch brisanten Gegenwartstext profiliert.

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Die Welt vervollständigen: Alice Zeniter

Alice Zeniters Werk „Toute une moitié du monde“ (Flammarion, 2022, deutsch: „Eine ganze Hälfte der Welt“, aus dem Französischen von Yvonne Eglinger, Berlin-Verlag, 2025) ist eine stimulierende Reflexion über die Fiktion, die sich aus ihren persönlichen Erfahrungen als Leserin und Autorin speist und eine umfassende Revision unserer Art, Geschichten zu lesen und zu erzählen, anregt. Das vorliegende Buch versteht sich explizit nicht als streng wissenschaftlicher Essay, sondern vielmehr als eine gedankliche Exkursion oder eine meditative Reflexion, die persönliche Reflexionen, literaturtheoretische Überlegungen und gesellschaftliche Kritik frei miteinander verknüpft.

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