Erbschaft, Verrat und die Wiederaneignung der Stimme: Hemley Boum
Der Aufsatz nimmt seinen Ausgang bei einer Fahrstunde und endet bei der Frage, ob sich Schuld vererben und trotzdem annehmen lässt. Er liest Hemley Boums „Nos vies sauvages“ nicht als politischen Thriller, sondern als leises Verhör der eigenen Herkunft, und verfolgt dabei, wie eine inhaftierte Anwältin, eine Geheimdienstkommissarin und eine Mutter mit einem Geheimnis sich gegenseitig zu Komplizinnen werden, während die Männer des Romans mit Titeln, Uniformen und großen Reden beschäftigt sind. Sechs Deutungslinien, von der Fahrmetaphorik der Anfangsszene über die Vielstimmigkeit bis zur verdeckten Regentschaft der Frauen, laufen am Ende in einer Volte zusammen, die man nicht erwartet: Freiheit findet die Erzählerin nicht in der Flucht, sondern darin, ein korruptes Erbe anzunehmen. Gerade weil der Roman auf eindeutige moralische Zuschreibungen verzichtet und niemandem, weder dem geliebten Vater noch der bewunderten Jugendliebe, die eigene Verstrickung erspart, entfaltet er eine Genauigkeit im Umgang mit Schuld und Zuneigung, die über den kamerunischen Einzelfall hinausweist.
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